Das Aroma eines Eintopfgerichts in der nachmittäglichen Luft erinnerte sie daran, wie ausgehungert sie war. Die winterliche Dunkelheit setzte zeitig ein, und der bedeckte Himmel ließ einen glauben, es sei bereits Abend. Die endlosen wolkenverhangenen Tage begannen, auf das Gemüt zu drücken. Es gab nur wenig Hoffnung, die Sonne zu Gesicht zu bekommen, und schon bald würden selbst die heftigeren Schneefälle bis hier unten in den Süden vordringen.
Kahlan stieg ab und überließ einem jungen Soldaten ihr Pferd. Sie ritt längst kein mächtiges Schlachtross mehr, sondern war – wie der größte Teil der Kavallerie auch – auf ein kleineres, beweglicheres Tier umgestiegen. Zwar verliehen große Schlachtrösser beim Aufeinanderprallen großer Truppenverbände dem Angriff zusätzliche Wucht, doch da die d’Haranischen Streitkräfte zahlenmäßig so deutlich unterlegen waren, hatte sie entschieden, dass es das Beste sei, Masse gegen Geschwindigkeit und Wendigkeit einzutauschen.
Dank dieser taktischen Veränderungen, nicht nur bei der Kavallerie, sondern in der gesamten Armee, war es Kahlan und General Meiffert gelungen, die Imperiale Ordnung wochenlang auf Trab zu halten. Immer wieder verleiteten sie den Feind dazu, in einer gewaltigen Kraftanstrengung zu einem alles vernichtenden Schlag auszuholen, nur um diesem dann so knapp auszuweichen, dass sie sich gerade retten konnten und gleichzeitig erreichten, dass sich die aufreizend nah herangekommenen Ordenstruppen völlig verausgabten.
War die Imperiale Ordnung durch die Anstrengungen solch gewaltiger Attacken dann geschwächt und hielt, um ihre Kräfte zu sammeln, inne, ordnete General Meiffert kleinere Blitzangriffe an, um ihnen auf die Zehen zu treten und Unruhe zu stiften. Hatten sich die Ordenstruppen in Erwartung eines Angriffs eingegraben, beorderte Kahlan ihre Truppen zurück in weiter entfernte Stellungen, was die Bemühungen des Ordens, Verteidigungsanlagen zu errichten, sinnlos machte.
Versuchte die Imperiale Ordnung dasselbe ein zweites Mal, setzten die D’Haraner ihre Verfolgung Tag und Nacht fort, umschwärmten sie wie zornige Hornissen, blieben aber außer Reichweite eines entscheidenden Gegenschlags. War die Imperiale Ordnung es schließlich leid, ihre Zähne nicht in den Feind schlagen zu können und gab ihren Streitkräften eine neue Richtung vor, indem sie Bevölkerungszentren attackieren ließ, setzte Kahlan sie mit ihren Truppen aus dem Rückraum unter Druck und jagte ihnen Pfeile in den Rücken, während sie sich verzweifelt zu befreien versuchten. Gewöhnlich waren sie nach einer Weile gezwungen, von ihren Plünderungsplänen Abstand zu nehmen, kehrtzumachen und sich dem Angriff zu stellen.
Die Taktik der D’Haraner, ihnen ohne Unterlass auf den Fersen zu bleiben, trieb die Imperiale Ordnung zur Raserei. Diese Art des Kämpfens war für Jagangs Soldaten eine Beleidigung; sie glaubten, dass sich echte Männer auf dem Schlachtfeld von Angesicht zu Angesicht für einen offenen Schlagabtausch gegenübertraten. Selbstverständlich belastete es keineswegs ihr Ehrgefühl, dass sie den D’Haranern zahlenmäßig haushoch überlegen waren. Kahlan wusste, dass ein solches Aufeinandertreffen blutig enden würde und nur für die Imperiale Ordnung von Vorteil sein konnte. Wie man dort darüber dachte, interessierte sie nicht, sie interessierte nur deren Untergang.
Je wütender und desillusionierter die Truppen der Imperialen Ordnung wurden, desto unbekümmerter und leichtfertiger verhielten sie sich; sie begannen schwungvolle Offensiven gegen gut geordnete Verteidigungsstellungen oder zwangen – um Boden zu gewinnen, der auf diese Weise nicht zu gewinnen war – Soldaten zu unbesonnenen, von vornherein zum Scheitern verurteilten Attacken. Gelegentlich verblüffte es Kahlan, zu sehen, wie die Feinde in Scharen in die Reichweite ihrer eigenen Bogenschützen gerieten und fielen, nur um gleich darauf erleben zu müssen, wie unmittelbar hinter ihnen immer mehr Soldaten nachrückten, die das ohnehin bereits mit Sterbenden und Verwundeten übersäte Schlachtfeld mit einem nie versiegenden Strom aus Leichen versorgten. Es war der pure Wahnsinn.
Die D’Haraner hatten Verluste von mehreren Tausend Toten und Verwundeten erlitten. Andererseits, schätzten Kahlan und General Meiffert, hatten sie weit mehr als fünfzigtausend Feinde getötet oder verwundet, was in etwa dem Zertreten einer einzelnen Ameise einer aus ihrem Bau hervorströmenden Kolonie entsprach. Sie hatte keine andere Idee, wie sie vorgehen sollten, als genau so weiterzumachen. Es blieb ihnen nichts anderes übrig.
Kahlan, Cara dicht neben sich, kämpfte sich durch einen Strom aus Soldaten, um zu den mit blauen Stoffstreifen markierten Kommandozelten vorzudringen. Wenn man den Farbenschlüssel des Tages nicht kannte, war es nahezu unmöglich, die Kommandozelte zu finden. Aus Angst, ein Eindringling oder ein mit der Gabe gesegneter Feind könnte eine Gruppe versammelter hoher Offiziere aufspüren und umbringen, kamen diese ausschließlich in unauffälligen Zelten zusammen. Viele Zelte waren mit bunten Stoffstreifen markiert – die Soldaten benutzten dieses System, um ihre Einheiten bei einem kurzfristigen Abzug, was recht oft geschah, wiederzufinden –, daher hatte Kahlan den Einfall gehabt, dasselbe System für die Kennzeichnung der Kommandozelte zu übernehmen. Der Farbenschlüssel wechselte häufig, damit keine Farbe sich als die Farbe der Offiziere einprägte.
Im Inneren des drangvoll engen Zeltes blickte General Meiffert von einem Tisch mit einer schräg ausgerollten Karte auf, über die er sich soeben gebeugt hatte. Lieutenant Leiden aus Kelton war zugegen, des Weiteren Captain Abernathy, der Befehlshaber jener galeanischen Streitkräfte, die Kahlan Wochen zuvor mitgebracht hatte.
Adie saß als Vertreterin der mit der Gabe Gesegneten schweigend in einer Ecke und verfolgte das Geschehen aus ihren vollkommen weißen Augen. Bereits als junge Frau geblendet, hatte Adie gelernt, mit Hilfe ihrer Gabe zu sehen.
Sie war eine Hexenmeisterin von bemerkenswerten Fähigkeiten, überaus bewandert darin, diese Fähigkeiten zum Schaden des Feindes einzusetzen. Jetzt war sie hier, um die Begabungen der Schwestern mit den Erfordernissen der Armee abzustimmen.
Auf Kahlans Frage antwortete Adie: »Zedd befindet sich unten bei den südlichen Linien und sieht nach den Sonderkommandos.«
Kahlan dankte ihr mit einem Nicken. »Warren ist ebenfalls dort unten und hilft ihm.«
Kahlan bewegte ihre eiskalten Zehen in den Stiefeln hin und her, um wieder ein wenig Gefühl in sie zu bekommen. Sie blies sich warmen Atem in die hohlen Hände und wandte ihre Aufmerksamkeit dem wartenden General zu.
»Wir werden eine Streitmacht von beträchtlicher Größe aufstellen müssen – etwa zwanzigtausend Mann.«
General Meiffert machte seiner Enttäuschung mit einem Seufzer Luft. »Dann versuchen sie uns also mit einer ganzen Armee zu umgehen.«
»Nein«, erwiderte sie. »Das ist ein Täuschungsmanöver.«
Die drei Offiziere runzelten verwirrt die Stirn und warteten auf eine Erklärung.
»Ich bin, ganz zufällig, Jagang über den Weg gelaufen…«
»Ihr seid was?«, schrie General Meiffert in ungezügelter Panik.
Kahlan winkte ab, um seine Befürchtungen zu beschwichtigen. »Nicht so, wie Ihr denkt. Ich begegnete ihm im Körper eines seiner Sklaven.« Sie steckte die Hände unter die Achseln, um sie zu wärmen. »Das Wichtigste ist, dass ich mich auf Jagangs Machenschaften eingelassen und ihn im Glauben gelassen habe, wir würden auf seinen Plan hereinfallen.«
Kahlan erläuterte, wie Jagangs Kriegslist funktionieren sollte, und dass sein eigentlicher Plan darauf abzielte, eine Streitmacht beträchtlichen Ausmaßes fortzulocken, um auf diese Weise die zurückbleibenden Truppen zu schwächen. Die Männer lauschten aufmerksam, während sie seinen Plan, die einzelnen Positionen auf einer Karte zeigend, in allen Einzelheiten darlegte.