»Wenn wir tatsächlich so viele Truppen abziehen lassen«, fragte Lieutenant Leiden, »würden wir damit nicht genau das tun, was Kaiser Jagang will?«
»Das ist richtig«, antwortete sie ihm, »nur werden wir eben gerade das nicht tun. Ich möchte, dass diese Männer das Lager verlassen, damit es so aussieht, als täten wir genau das, was er erwartet.«
Sie beugte sich über die Karte, zeichnete mit einem Stück Holzkohle einige der umliegenden Gebirgszüge ein, die sie noch vor kurzem durchquert hatte, und zeigte ihnen, wie sich mehrere von ihnen auf einem nicht sehr hoch gelegenen Pass umgehen ließen.
Captain Abernathy ergriff das Wort. »Meine galeanischen Truppen stehen uns zur Verfügung – ihre Stärke entspricht in etwa der Zahl, die Ihr als Lockvogel benötigt.«
»Genau das war auch meine Überlegung«, sagte General Meiffert.
»Dann wäre das erledigt«, beendete Kahlan die Diskussion und deutete abermals auf die Karte. »Umgeht diese Berge hier, Captain, damit Eure Männer, sobald die Imperiale Ordnung unser Feldlager angreift, in deren weiche Flanke vorstoßen können, und zwar genau an dieser Stelle, wo sie es nicht erwarten.«
Captain Abernathy, ein fescher Mann mit einem ergrauenden buschigen, zu seinen Augenbrauen passenden Schnauzbart, verfolgte nickend, wie Kahlan die Marschroute auf der Karte veranschaulichte. »Seid unbesorgt, Mutter Konfessor, die Ordenstruppen werden glauben, dass wir fort sind, aber sobald sie Euch angreifen, werden wir bereit stehen, ihnen einen Stoß mitten zwischen die Rippen zu versetzen.«
Kahlan wandte ihre Aufmerksamkeit abermals dem General zu. »Darüber hinaus müssen wir heimlich eine weitere Streitmacht aus dem Lager schmuggeln, die gegenüber von Captain Abernathy auf der anderen Talseite warten wird, sodass wir den Ordenstruppen, sobald sie durch die Talmitte anrücken, von beiden Seiten gleichzeitig in die Flanke stoßen können. Sie werden kaum wollen, dass wir einen Teil ihrer Streitmacht abteilen und einschließen, und daher den Rückzug antreten. Das ist der Augenblick, wenn unsere Hauptstreitmacht ihnen den Stahl in ihren verwundbaren Rücken stoßen kann.«
Die drei Offiziere dachten schweigend über ihren Plan nach, während draußen das lärmende Chaos in unverminderter Stärke anhielt. Pferde galoppierten vorbei, man hörte das Knarzen und Rattern von Karren, unter den Füßen der vorübergehenden Soldaten knirschte der Schnee, und Männer riefen Befehle.
Lieutenant Leiden hob den Blick und sah Kahlan an. »Mutter Konfessor, diese andere Streitmacht könnten meine Keltonier stellen. Sie dienen alle bereits seit langem gemeinsam in der Armee und sind in ihren Einheiten unter meinem Kommando eingespielt. Wir könnten uns sofort auf den Weg machen, uns aus dem Lager stehlen und uns dort unten sammeln, um den Angriff abzuwarten. Ihr könntet uns eine Schwester mitgeben, die ein vorher abgesprochenes Signal bestätigt, woraufhin ich, sobald Captain Abernathy von der entgegengesetzten Seite attackiert, meine Männer in die Schlacht führen könnte.«
Kahlan war sich darüber im Klaren, dass der Mann in ihren Augen um Wiedergutmachung bemüht war; außerdem war er bestrebt, für Kelton ein gewisses Maß an Eigenständigkeit innerhalb des d’Haranischen Reiches durchzusetzen.
»Der Ort ist gefährlich, Lieutenant; falls etwas schief gehen sollte, werden wir Euch nicht zu Hilfe kommen können.«
Er nickte. »Aber meine Männer sind mit dem Gelände vertraut, außerdem sind wir es gewohnt, uns im Winter in gebirgigem Gelände zu bewegen. Die Imperiale Ordnung stammt aus einer wärmeren Gegend. Was Wetter und Gelände anbetrifft, sind wir ihnen gegenüber im Vorteil. Wir werden es schaffen, Mutter Konfessor.«
Kahlan straffte sich, atmete hörbar aus und musterte den Mann abschätzend. General Meiffert würde die Idee gefallen, das wusste sie, Captain Abernathy ebenfalls; Galea und Kelton standen traditionell in Konkurrenz zueinander, daher würden sie sich beide ebenso gerne allein und auf getrennten Wegen durchschlagen.
Richard hatte diese Länder zusammengeführt, damit sie das Gefühl bekamen, eine Einheit zu bilden, was für ihren Fortbestand überlebenswichtig war. Sie vermutete, dass sie für die gleichen Ziele kämpften, in dieser Hinsicht zogen sie also am selben Strang – sie würden ihre Angriffe aufeinander abstimmen müssen. Auch was Lieutenant Leiden sagte, klang durchaus vernünftig; seine Truppen waren Gebirgskrieger.
»Also gut, Lieutenant.«
»Vielen Dank, Mutter Konfessor.«
Kahlan hielt es für angebracht, ein Versprechen hinzuzufügen. »Bewährt Ihr Euch hierbei, Lieutenant, könnte Euch das eine Beförderung eintragen.«
Lieutenant Leiden salutierte mit einem Faustschlag auf sein Herz. »Meine Männer werden ihre Königin mit Stolz erfüllen.«
Kahlan nahm sein Versprechen mit dem für die Mutter Konfessor charakteristischen Nicken entgegen. An alle gewandt sagte sie: »Wir sollten jetzt besser an die Arbeit gehen.«
Brummend bekundete General Meiffert sein Einverständnis. »Es ist eine günstige Gelegenheit, ihre Stärke beträchtlich zu reduzieren. Wenn wir auch nur halbwegs erfolgreich sind, werden wir sie diesmal ordentlich zur Ader lassen.« Er wandte sich den beiden anderen Offizieren zu. »Lasst uns anfangen. Eure Männer müssen unverzüglich aufbrechen, damit sie genügend Zeit haben, um bis zum Morgen ihre Stellungen zu beziehen. Schwer zu sagen, wie lange sie mit ihrem Angriff auf sich warten lassen, aber sollte er bereits im Morgengrauen erfolgen, möchte ich, dass Ihr in den Stellungen bereit steht.«
»Die Imperiale Ordnung greift mit Vorliebe im Morgengrauen an«, erklärte Captain Abernathy. »In einer knappen Stunde können wir unterwegs sein. Für den Fall, dass sie frühzeitig angreifen, werden wir bis spätestens zum Morgengrauen in Position sein.«
»Wir ebenso«, bestätigte Lieutenant Leiden.
Die beiden Offiziere verbeugten sich und machten Anstalten, sich zu entfernen.
»Captain«, rief Kahlan. Die Männer drehten sich um.
»Mutter Konfessor.«
»Habt Ihr eine Idee, was Prinz Harold und Eure restliche Armee aufgehalten haben könnte? Er hätte längst hier sein sollen. Wir könnten Eure restlichen Männer wirklich gut gebrauchen.«
Captain Abernathy nestelte mit dem Daumen an einem beinernen Knopf auf der Vorderseite seiner dunklen Uniformjacke. »Tut mir Leid, Mutter Konfessor. Auch ich war der Meinung, dass sie längst hätten hier sein sollen. Ich vermag mir nicht vorzustellen, was den Prinzen aufgehalten haben könnte.«
»Er hätte längst hier sein sollen«, wiederholte sie kaum hörbar bei sich. Sie hob den Kopf und sah den Offizier an. »Das Wetter?«
»Das wäre eine Möglichkeit, Mutter Konfessor. Wenn es Unwetter gegeben hat, könnte ihn das behindert haben. Wahrscheinlich ist das der Grund; in diesem Fall, denke ich, wird er in Kürze hier eintreffen. Unsere Soldaten üben im Gebirge unter solchen Witterungsbedingungen.«
Kahlan seufzte. »Hoffen wir also, dass er bald eintreffen wird.«
Captain Abernathy erwiderte ihren Blick voller Zuversicht. »Ich weiß mit absoluter Gewissheit, dass der Prinz es kaum erwarten konnte, seine Männer zu sammeln, um hierher zu eilen und uns beizustehen. Galea erstreckt sich durch das gesamte Tal des Callisidrin.
Der Prinz vertraute mir persönlich an, es sei in unserem eigenen Interesse, die Imperiale Ordnung hier unten aufzuhalten, statt sie tiefer in die Midlands vorrücken zu lassen, wo unsere Ländereien und Familien der Schreckensherrschaft des Feindes anheim fallen würden.«
Kahlan konnte Lieutenant Leiden an den Augen ablesen, dass er dachte, falls Prinz Harold stattdessen beschließen sollte, zum selbstsüchtigen Schutz seiner Heimat Galea bereits im Tal des Callisidrin Widerstand zu leisten, könnte ein solches Hindernis den Vormarsch der Imperialen Ordnung in nordöstlicher Richtung um das dazwischen liegende Gebirge herum bis hinein in die Ebene des Kern ablenken – genau in Leidens Heimat Kelton. Falls der Lieutenant einen solchen Verrat witterte, so war er zumindest klug genug, dies nicht offen auszusprechen.
»Ich weiß, das Wetter war sehr schlecht, als ich aus den Bergen kam«, antwortete Kahlan. »Schließlich ist es Winter. Ich bin sicher, Prinz Harold wird in Kürze eintreffen, um seiner Königin und seinen Brudervölkern im D’Haranischen Reich beizustehen.«