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Kahlan bedachte die beiden mit einem Lächeln, um der unterschwelligen Drohung etwas von ihrer Schärfe zu nehmen. »Ich danke Euch, Gentlemen. Am besten, Ihr nehmt die Aufgabe unverzüglich in Angriff. Mögen die Gütigen Seelen Euch den Rücken freihalten.«

Nachdem die Männer salutiert und sich eilends an die Arbeit gemacht hatten, stützte Adie ihre Hände auf die Knie und stemmte sich auf die Beine.

»Wenn Ihr mich nicht mehr braucht … ich muss mich darum kümmern, die Schwestern, Zedd und Warren über unsere Pläne ins Bild zu setzen.«

Kahlan nickte erschöpft. »Danke, Adie.«

Adie, deren Augen vollkommen weiß waren, sah wie gesagt mit Hilfe ihrer Gabe; und genau diesen Blick der Gabe spürte Kahlan jetzt in ihrem Rücken.

»Du hast von deiner Kraft Gebrauch gemacht«, sprach die alte Hexenmeisterin. »Ich kann es dir im Gesicht ansehen. Du brauchst dringend Ruhe.«

»Ja, ich weiß«, erwiderte Kahlan. »Aber es gibt Dinge, die dringend erledigt werden müssen.«

»Sie werden unerledigt bleiben, wenn du krank wirst oder stirbst – was durchaus geschehen könnte.« Adie ergriff mit ihren dürren Fingern Caras Arm. »Sorgt dafür, dass die Mutter Konfessor eine Weile ungestört ist, damit sie, wenn schon sonst nichts, wenigstens den Kopf auf den Tisch legen und ein wenig ruhen kann.«

Cara zog den Klappstuhl heran, stellte ihn neben den Tisch und deutete, Kahlan einen strengen Blick zuwerfend, darauf.

»Setzt Euch. Ich werde Wache stehen.«

Kahlan war in der Tat erschöpft; der Einsatz ihrer Konfessorkraft hatte sie geschwächt. Deshalb brauchte sie Zeit, um sich auszuruhen, zumal der anstrengende Ritt zurück ins Lager alles noch verschlimmert hatte. Sie ging um den Tisch herum und ließ sich schwer auf den Klappstuhl fallen. Dann öffnete sie ihren Pelzüberwurf und ließ ihn auf die Schultern gleiten. Sie machte sich gar nicht erst die Mühe, ihr Schwert abzulegen.

Als Adie sah, dass Kahlan ohne Murren gehorchte, machte sie sich lächelnd auf den Weg. Während Cara am Zelteingang Posten bezog, sank Kahlans Kopf bereits auf das Kissen ihrer Arme. Um nicht von den grauenhaften Ereignissen des Tages überwältigt zu werden, kehrte sie in Gedanken zu Richard zurück und stellte sich sein gewinnendes Lächeln, seine eindringlichen grauen Augen und die sanfte Berührung seiner Hände vor. Ihr fielen die Augen zu. Sie war so müde, dass sich Stuhl und Tisch zu drehen schienen. Augenblicke später spürte sie, Richard noch immer vor ihrem inneren Auge, wie sie in den Schlaf hinüberglitt.

36

»Mutter Konfessor?«

Die Augen halb geöffnet, sah Kahlan hoch zu der dunklen, über sie gebeugten Gestalt; blinzelnd befreite sie sich von dem Schleier vor ihren Augen und erkannte, dass es Verna war. Auf dem goldenen Ring mit dem Sonnenaufgangssymbol der Prälatin der Schwestern des Lichts schimmerte schwach der Schein der Lampe. Das abendliche Zwielicht ließ die Zeltleinwand in ihrem Rücken rostrot erglühen.

Kahlan rieb sich den Schlaf aus den Augen. Verna trug ein langes, graues Wollkleid und darüber einen dunkelbraunen Umhang. Am Hals wies das Kleid einen Besatz aus weißer Spitze auf, der ihrem Aufzug ein wenig von seiner Strenge nahm, aus ihren braunen Augen jedoch sprachen Unruhe und Besorgnis.

»Was gibt es, Verna?«

»Wenn Ihr einen Augenblick erübrigen könntet, ich würde gerne mit Euch reden.«

Verna hatte zweifellos mit Warren gesprochen. Jedesmal wenn Kahlan die beiden zusammen sah, tauschten sie vertrauliche Blicke aus, und ihre verstohlenen, zufälligen Berührungen erinnerten sie daran, was Richard und sie füreinander empfunden hatten. Zu wissen, dass sie verliebt war, dass sie, was das anbetraf, überhaupt zu Empfindungen fähig war, milderte den Eindruck, den ihr strenges Äußeres auf Kahlan machte. Kahlan war sich darüber im Klaren, dass sie, wenn es um zärtliche Gefühle ging, ganz bestimmt mit der gleichen Neugier, wenn nicht gar Verwunderung betrachtet wurde.

Seufzend fragte sie sich, ob dies ein ›Gespräch‹ über Ann und Prophezeiungen werden würde. Dafür war Kahlan nicht bei Laune.

»Wie lange habe ich geschlafen, Cara?«

»Einige Stunden. Es wird bald dunkel.«

Verspannt und schmerzhaft, wie ihre Schultern und ihr Hals vom Schlafen mit dem Kopf auf dem Tisch waren, konnte sie die späte Stunde kaum überraschen. Sie streckte sich zur Seite hin und sah die zerbrechlich wirkende Hexenmeisterin auf einer kurzen Bank sitzen; sie hatte eine dunkle Decke über ihren Schoß gebreitet.

»Wie fühlst du dich?«, erkundigte sich Adie.

»Großartig.« Kahlan sah ihren Atem in der kalten Luft. »Was ist mit den Truppen, die wir ausgesandt haben?«

»Beide Einheiten sind seit mehr als einer Stunde unterwegs«, antwortete Adie. »Die erste Gruppe, die Galeaner, sind alle gleichzeitig in großen Kolonnen aufgebrochen. Die Keltonier haben sich in kleinen Gruppen heimlich aus dem Lager gestohlen, die von feindlichen Spionen nicht so schnell bemerkt werden dürften.«

Kahlan gähnte. »Gut.«

Sie wusste, dass sie bereits bei Tagesanbruch einen Angriff der Imperialen Ordnung fürchten mussten. Zumindest sollte das ihren Soldaten genug Zeit lassen, ihre Positionen zu erreichen und sich einsatzbereit zu machen. Das Warten auf den Angriff war ihr auf den Magen geschlagen, und auch die Männer waren ohne Zweifel nervös und würden wahrscheinlich kaum Schlaf finden.

Adie fuhr sich müßig mit einem dürren Finger über die roten und gelben Perlen am Ausschnitt ihres bescheidenen Gewandes. »Ich bin nach dem Aufbruch der Galeaner wieder hergekommen, um Cara zu helfen, alle Besucher abzuwimmeln, damit du nicht in deiner Ruhe gestört wirst.«

Kahlan bedankte sich mit einem Nicken. Entweder war Adie der Meinung, Kahlan habe genug geruht, oder aber sie hielt Vernas Besuch für wichtig.

»Um was geht es denn, Verna?«

»Wir haben … eine Entdeckung gemacht. Nicht so sehr eine Entdeckung gemacht, als vielmehr eine Idee gehabt.«

»Wer ist ›wir‹?«

Verna räusperte sich und bat den Schöpfer leise um Vergebung, bevor sie fortfuhr: »Um die Wahrheit zu sagen, es war meine Idee, Mutter Konfessor. Einige meiner Schwestern haben mir geholfen, aber ich war es, die den Einfall hatte. Die Verantwortung liegt also ganz bei mir.«

Kahlan fand die Formulierung eigenartig und hatte den Eindruck, dass Verna alles andere als erfreut war über ihren Einfall, worum immer es sich handeln mochte. Schweigend wartete Kahlan, dass sie fortfuhr.

»Nun, seht Ihr, wir haben gewisse Schwierigkeiten, Dinge an den mit der Gabe Gesegneten auf Seiten des Feindes vorbeizuschmuggeln. Sobald wir versuchen, gewisse Gegenstände…«

»Gegenstände?«

Verna schürzte die Lippen. »Waffen.«

Als Kahlans Brauen sich daraufhin fragend zusammenzogen, bückte Verna sich und hob etwas vom Boden auf. Sie zeigte Kahlan eine Ansammlung kleiner Kieselsteine in ihrer geöffneten Hand.

»Zedd hat uns beigebracht, wie man die unscheinbarsten Dinge in alles vernichtende Waffen verwandelt. Wir können sie mit Hilfe unserer Kraft schleudern, oder wir können kleine Gegenstände, wie diese Kieselsteine hier, anhauchen und sie kraft unserer Magie schneller fliegen lassen als einen Pfeil, sogar schneller als einen Armbrustpfeil. Auf diese Weise wurden die Kiesel so schnell, dass sie manchmal die Körper eines halben Dutzends Soldaten durchschlagen haben.«

»Ich kann mich an die Berichte erinnern«, sagte Kahlan. »Aber das funktioniert nicht mehr, seit die mit der Gabe Gesegneten die List durchschaut haben und sich gegen diese Dinge zu verteidigen wissen.«

Kahlan kannte diesen erschöpften Blick, den die Last der Verantwortung in Vernas braunen Augen erzeugte. »So ist es. Die Imperiale Ordnung hat gelernt, wie sie nach magischen Dingen oder auch nur von Magie angetriebenen Dingen Ausschau halten muss. Mittlerweile ist der größte Teil unserer nach einem ähnlichen Prinzip funktionierenden Zauberei wirkungslos geworden.«