Gleich darauf musste sie sich, einer Klinge ausweichend, zwischen die Beine eines anderen Pferdes werfen, als dessen Reiter nach ihr schlug. Auf der anderen Seite aufspringend, hackte sie dem Reiter das Bein zweimal durch bis auf den Knochen, bevor sie sich gerade noch rechtzeitig drehen konnte, um ihr Schwert bis zum Heft in die Brust eines weiteren Pferdes zu stoßen, das sich bei dem Versuch, sie zwischen sich und dem anderen Tier zu zermalmen, von der Seite herangedrängt hatte. Als das Tier sich daraufhin wild wiehernd aufbäumte, riss Kahlan ihr Schwert wieder heraus und wälzte sich, unmittelbar bevor das mächtige Tier stampfend wieder landete, zur Seite. Das Bein des Reiters war eingeklemmt, und er saß in einer ungünstigen Position, um sich zu verteidigen. Kahlan machte aus der Gelegenheit das Beste.
Im Augenblick war ihre unmittelbare Umgebung überschaubar, was es ihr erlaubte, zum Zelt hinüberzurobben, wo der General auf den Knien liegend am ineinander verhedderten Durcheinander aus Zeltleinwand und Seilen zerrte. Immer mehr Kavallerie der Imperialen Ordnung galoppierte donnernd vorüber und drohte Verna, Adie und Cara zu zertrampeln, die immer noch im Durcheinander des Zeltes gefangen waren.
Seite an Seite mit General Meiffert arbeitete Kahlan daran, die Zeltleinwand zu entwirren und in Stücke zu schneiden. Schließlich rissen sie eine Öffnung in den schweren Stoff und befreiten Adie und Verna. Die beiden Frauen lagen, zusammen umwickelt, einander fest in den Armen. Adie blutete am Kopf, stieß Kahlans Hände jedoch zurück, als diese besorgt nach ihr greifen wollte. Verna kam aus dem Kokon zum Vorschein und rappelte sich, noch immer benommen von der wilden Rutschpartie, taumelnd hoch.
Kahlan half Adie auf, der Kratzer auf ihrer Stirn sah nicht übermäßig ernst aus. General Meiffert zerrte wie von Sinnen an der Leinwand, obwohl sie sie nicht mehr hören konnten, lag irgendwo dort drinnen noch immer Cara.
Kahlan packte Vernas Arm. »Ich dachte, der Alarm sei falsch gewesen!«
»War er auch!«, beharrte Verna. »Sie haben uns ganz offensichtlich getäuscht.«
Ringsum waren Soldaten in eine offene Feldschlacht mit der Kavallerie der Imperialen Ordnung verwickelt; Männer stürzten sich mit wütendem Gebrüll in den Kampf, andere schrien auf, als sie verwundet oder getötet wurden; wieder andere befahlen Kommandos brüllend die Organisation einer Gegenwehr, während die berittenen Soldaten sich zum Angriff formierten.
Einige der Kavalleristen setzten Karren, Zelte und Vorräte in Brand. Andere stürmten, Männer und Zelte niederreitend, vorüber. Reiterpaare taten sich zusammen, um einzelne Soldaten herauszugreifen und niederzustrecken und sich unmittelbar darauf auf ihr nächstes Opfer zu stürzen.
Sie setzten dieselbe Taktik ein, die die D’Haraner angewendet hatten; sie taten, was Kahlan ihnen vorgemacht hatte.
Als sich ein in schmutzige Felle und Waffen gehüllter Soldat, seinen Übermut hinausschreiend und eine mit glänzenden blutverschmierten Dornen besetzte Keule über dem Kopf schwingend, auf sie stürzte, schlug Kahlan ihm mit einem blitzschnellen Hieb die Hand ab. Wankend blieb er stehen und starrte sie völlig verdutzt an. Noch im selben Atemzug bohrte sie ihm ihr Schwert in den Unterleib und verriss es vor dem Herausziehen mit einer heftigen Drehung. Als er krachend in ein Lagerfeuer stürzte, wandte sie ihre Aufmerksamkeit etwas anderem zu. Seine Schreie verschmolzen mit denen anderer.
Kahlan ließ sich abermals auf die Knie hinunter, um General Meiffert dabei zu helfen, Cara zu befreien, die er mittlerweile inmitten des Gewirrs aus Stricken und ineinander verschlungener Zeltleinwand gefunden hatte. Ab und zu musste sich einer von ihnen umdrehen, um einen versprengten Angreifer abzuwehren. Kahlan sah Caras rote Stiefel unter der Zeltleinwand hervorlugen, sie lagen aber völlig still.
Ein Stück Zeltleine hatte sich um Caras Beine verheddert. Dank einer gemeinsamen Anstrengung gelang es Kahlan und dem General, sich durch das dichte Geflecht aus Schnüren zu hacken und Cara schließlich daraus zu befreien. Sie hielt sich stöhnend den Kopf. Sie war noch bei Bewusstsein, aber schwer angeschlagen und hatte die Orientierung verloren. Kahlan entdeckte eine Schwellung auf der rechten Seite unter ihrem Haaransatz, die aber nicht blutete. Cara versuchte sich aufzusetzen, doch Kahlan drückte sie wieder auf den Rücken.
»Bleibt liegen. Ihr habt einen Schlag auf den Kopf bekommen. Ich möchte vorerst nicht, dass Ihr aufsteht.«
Kahlan blickte über ihre Schulter und sah ganz in der Nähe Verna, die sich Soldaten der Imperialen Ordnung herausgriff und mit jedem Zucken ihrer Hände einen feurigen Bann bewirkte, der sie von ihren Pferden sprengte oder sie mit einer Schneide aus verdichteter Luft – scharf wie eine Klinge, nur flinker und unfehlbarer – niederstreckte. Da sie selbst weder mit der Gabe gesegnet waren, noch unter dem Schutz eines mit der Gabe Gesegneten standen, bot ihnen ihr einfacher Harnisch keinen Schutz.
Kahlan lenkte Vernas Aufmerksamkeit auf sich und bat sie mit einem Wink um Hilfe. Sie packte den Umhang der Frau an den Schultern, zog Verna ganz nah heran und schrie ihr ins Ohr, um im Getöse der Schlacht gehört zu werden.
»Seht nach, wie es ihr geht, ja? Und helft ihr.«
Verna nickte, dann schmiegte sie sich dicht neben Cara, während Kahlan und der General sich einem erneuten Kavallerieangriff zuwandten. Als ein Reiter, seine Lanze senkend, im Galopp ganz nah heranpreschte, tauchte General Meiffert unter dem Stoß weg, packte den Sattelknauf und klammerte sich seitlich an das Pferd. Ächzend vor Anstrengung und Wut, durchbohrte er den Reiter mit seinem Schwert. Überrascht griff der Mann nach der in seinem weichen Unterleib steckenden Klinge. Der General riss sein Schwert heraus, packte den Mann bei den Haaren und zerrte ihn aus dem Sattel. Noch während der Sterbende seitlich herunterglitt, zog General Meiffert sich bereits an seiner Stelle in den Sattel hoch. Kahlan fing die Lanze des gefallenen Kavalleristen auf.
Der kräftig gebaute d’Haranische General riss das mächtige Schlachtross herum und ließ es inmitten der heranstürmenden feindlichen Kavallerie kreisen, um Verna und Cara Deckung zu geben. Kahlan schob ihr Schwert in die Scheide und setzte die Lanze mit durchschlagender Wirkung gegen die Schlachtrösser ein. Oft sahen Menschen in ihnen nichts weiter als dumme Tiere, aber wenigstens waren Pferde klug genug, um zu begreifen, dass es keineswegs erstrebenswert war, sich mit einer spitzen Lanze durchbohren zu lassen, und reagierten dementsprechend.
Durch das Scheuen und Aufbäumen der Pferde, die Kahlan mit ihrer Lanze zu durchbohren versuchte, kamen zahlreiche Reiter zu Fall. Einige verletzten sich beim Sturz auf das überall verstreut herumliegende Kriegsgerät oder den gefrorenen Boden, die meisten jedoch fielen den Angriffen der von allen Seiten herbeiströmenden D’Haraner zum Opfer.
Vom Sattel seines Schlachtrosses der Imperialen Ordnung aus erteilte General Meiffert seinen Männern den Befehl zur Bildung einer Verteidigungsformation. Nachdem er ihnen ihre Positionen zugewiesen hatte, galoppierte er, eine Reihe von Befehlen brüllend, davon. Er hatte seinen Männern nicht gesagt, wen sie beschützen mussten, um Kahlan nicht an den Feind zu verraten, trotzdem begriffen sie rasch, was er von ihnen verlangte. D’Haraner schnappten sich die gegnerischen Lanzen oder eilten mit ihren eigenen Langspießen herbei, und kurz darauf entstand eine waffenstarrende Front aus stahlspitzenbewehrten Langwaffen, ein tödliches Hindernis für die heranstürmende Kavallerie des Feindes.
Kahlan rief Soldaten rechts und links von sich Kommandos zu und befahl ihnen, in Stellung zu gehen, um einer ungefähr zweihundert Mann starken Kavallerieeinheit der Imperialen Ordnung, die sich aus dem Staub zu machen versuchte, den Weg abzuschneiden. Es mochte zwar sein, dass der Feind den Überfällen der D’Haraner auf das Feldlager der Imperialen Ordnung nachgeeifert hatte, aber Kahlan hatte nicht die Absicht, ihnen das durchgehen zu lassen. Ihr Scheitern war beschlossene Sache.
Die feindlichen Pferde scheuten, als sie auf die massive Front aus vorrückenden Soldaten trafen. Nachrückende Fußsoldaten im Rücken der Kavallerie der Imperialen Ordnung ließen einen Pfeilhagel niedergehen. D’Haraner zerrten eingeschlossene Reiter aus ihren Sätteln herunter in den blutigen Bodenkampf Mann gegen Mann.