»Ich will nicht, dass auch nur ein einziger von ihnen aus dem Lager lebend entkommt!«, feuerte sie ihre Männer an. »Kein Pardon!«
»Kein Pardon!«, brüllte jeder D’Haraner in Hörweite zurück.
Die feindlichen Truppen, so siegesgewiss und hochmütig sie in der Vorfreude darauf, d’Haranisches Blut vergießen zu können, ins Lager eingefallen waren, waren nun, da die D’Haraner sie zu Tode hackten, nicht mehr als ein bemitleidenswerter, ungeordneter Haufen, gefangen in den Klauen ihrer eigenen Verzweiflung.
Jetzt, da die Verteidigungsformation stand und der Feind eingeschlossen war, ließ Kahlan die Soldaten mit ihren Lanzen und Langspießen allein, lief zwischen Lagerfeuern und erstickenden Rauchschwaden zurück und machte sich auf die Suche nach Verna, Adie und Cara. Allenthalben lagen über den Boden verteilt Soldaten beider Armeen, denen sie ausweichen musste. Wer von den gefallenen Angreifern noch nicht vollends kampfunfähig war, versuchte nach ihren Knöcheln zu greifen; sie war gezwungen, mehrere von ihnen zu erstechen.
Der Feind wusste, wer sie war, oder war sich zumindest ziemlich sicher. Jagang hatte sie gesehen und seinen Männern zweifellos eine Beschreibung der Mutter Konfessor mitgegeben. Kahlan war sicher, dass ein außerordentlich hoher Preis auf ihren Kopf ausgesetzt war.
Überall im gesamten Feldlager konnte man versprengte Soldaten der Imperialen Ordnung sehen. Sie bezweifelte, dass der Angriff von Fußsoldaten durchgeführt worden war; dem Anschein nach waren es ausnahmslos Kavalleristen, die ihre Tiere verloren hatten; Pferde boten Speeren und Pfeilen oft ein leichter zu treffendes bewegliches Ziel als Soldaten. In der aufkommenden Dunkelheit waren feindliche Soldaten schwer auszumachen, da sie sich auf der Jagd nach lohnenden Zielen – wie Offizieren oder gar der Mutter Konfessor – oftmals unbemerkt durchs Lager schleichen konnten.
Die Ausbildung unter ihrem Vater war eine gute Grundlage für die geheimen taktischen Lehren gewesen, in denen Richard sie während ihrer Genesung von ihren Verletzungen in Kernland unterwiesen hatte. Damals waren Richards Methoden ihr überaus seltsam vorgekommen, jetzt erschienen sie ihr geradezu selbstverständlich. Ganz ähnlich einem leichteren Pferd, das ein schwerfälliges Schlachtross auszumanövrieren vermochte, war ihr geringeres Gewicht von Vorteil. Masse war für sie unnötig, weil sie sich dem Feind nicht, wie er dies erwartete, auf traditionelle Weise stellte. Einem Kolibri gleich blieb sie stets außerhalb seiner Reichweite, nur um durch seine schwerfälligen Bewegungen hindurchzustoßen und wirkungsvoll Tod und Verderben zu verbreiten.
Diese Art sich zu bewegen stand keinesfalls im Widerspruch zu dem Kampfstil, den ihr Vater gelehrt hatte, sondern rundete ihn auf eine Weise ab, die ihr sehr entgegen kam. Richard hatte sie nicht mit dem Schwert ausgebildet, sondern mit einer Weidenrute, einem schadenfrohen Grinsen und einem gefährlichen Funkeln in den Augen; jetzt diente Richards Schwert, das sie über ihren Rücken geschnallt trug, als allgegenwärtige Erinnerung an diese spielerischen Unterrichtsstunden, die nicht nur unerbittlich, sondern durchaus auch von tödlichem Ernst gewesen waren.
Schließlich fand sie Verna, über Cara gebeugt, den General aber konnte sie nirgendwo entdecken. Kahlan packte Verna am Ärmel.
»Wie geht es ihr?«
»Sie hat sich übergeben, aber offenbar hat ihr das gut getan, nachdem es vorbei war. Vermutlich wird sie noch eine Weile etwas wackelig auf den Beinen sein, ansonsten aber denke ich, geht es ihr den Umständen entsprechend.«
»Ihr Schädel ist geschwollen«, sagte Adie. »Gebrochen ist er nicht, aber sie sollte eine Weile still liegen – wenigstens, bis sie ihr Gleichgewicht wiedergefunden hat.«
Caras Hände tappten suchend umher, so als hätte sie Schwierigkeiten, den Boden unter ihrem Körper zu finden. Trotz ihrer unübersehbaren Benommenheit bedachte sie die Prälatin mit Flüchen und versuchte sich aufzurichten. Kahlan, die neben Cara hockte, drückte ihre Schultern auf den Boden zurück.
»Ich sitze genau neben Euch, Cara, es geht mir gut. Bleibt ein paar Minuten still liegen und rührt Euch nicht.«
»Ich mache sie fertig!«
»Später«, beruhigte sie Kahlan. »Seid völlig unbesorgt, Ihr werdet Eure Chance noch bekommen.« Jetzt erst bemerkte sie, dass Adies Kopf vom Blut gesäubert worden war. »Wie geht es dir, Adie? Was macht dein Kopf?«
Die Hexenmeisterin machte eine wegwerfende Handbewegung. »Pah, mir geht es ausgezeichnet. Ich habe einen dickeren Schädel als Cara.«
Inzwischen hatten sich einige Soldaten um sie geschart und bildeten einen stählernen Schutzwall. Verna, Adie und Kahlan saßen über Cara gebeugt und hielten ein Auge auf das umliegende Gelände; in ihrer unmittelbaren Umgebung schienen die Kämpfe jedoch abgeflaut zu sein. Obwohl noch immer vereinzelte Scharmützel im Gang waren, waren die Frauen dank der großen Zahl von Soldaten, die zu ihrem Schutz die Reihen geschlossen hatten, erst einmal in Sicherheit.
Schließlich kehrte auch General Meiffert zurück; er durchbrach die Reihen der d’Haranischen Verteidiger, die sich für ihn teilten, und sprang von seinem feindlichen Schlachtross, das wegen der Schmach, von einem Feind geritten zu werden, augenblicklich die Flucht ergriff. Der junge d’Haranische General ging auf Caras anderer Seite in die Hocke und begann zu sprechen, obwohl er völlig außer Atem war.
»Ich war unten und habe mir den Frontverlauf angesehen. Dies ist ein Überfall, ganz ähnlich dem, den wir bei ihnen durchgeführt haben. Er sah heftiger aus, als er tatsächlich war. Nachdem sie die Mutter Konfessor ausgemacht hatten, beorderten sie sämtliche Soldaten in diesen Teil des Lagers, daher konzentriert sich der Schaden im Wesentlichen auf diesen Lagerabschnitt.«
»Wieso haben wir nichts davon gewusst?«, fragte Kahlan. »Was hat mit dem Alarmsignal nicht funktioniert?«
»Ich bin nicht sicher.« Er schüttelte den Kopf, immer noch nach Atem ringend. »Zedd ist der Meinung, sie hätten unsere Codes in Erfahrung gebracht, sodass sie, als wir Alarm bliesen, die darin verwobene Magie, die unseren mit der Gabe Gesegneten verrät, dass es sich um einen echten Angriff handelt, mit Hilfe Subtraktiver Magie leicht verändern konnten.«
Kahlan schnaubte wütend; allmählich begann alles einen Sinn zu ergeben. »Deswegen wurde so oft falscher Alarm geschlagen. Sie wollten uns daran gewöhnen, damit wir, in der irrigen Annahme, unser Alarm sei nichts als ein Falschalarm des Feindes, im Falle eines echten Angriffs unbekümmert sein würden.«
»Ihr habt vermutlich Recht.« Frustriert ballte und entspannte er seine Faust, dann fiel sein Blick auf Cara und er bemerkte, dass sie wütend zu ihm hochschaute. »Cara. Geht es Euch gut? Ich war sehr um Euch – ich meine, wir alle dachten, Ihr wärt schwer verletzt.«
»Nein«, erwiderte sie mit einem kühlen Seitenblick auf Verna und Kahlan, die ihre Schultern jeweils mit einer Hand zu Boden drückten. Beiläufig schlug sie ihre Fersen übereinander. »Ich dachte bloß, Ihr würdet schon damit fertig werden, und beschloss ein Nickerchen zu machen.«
General Meiffert bedachte sie mit einem flüchtigen Lächeln und wandte sich dann mit ernster Miene an Kahlan.
»Die Lage spitzt sich zu. Dieser Kavallerieangriff war ein Ablenkungsmanöver. Obwohl der Angriff uns glauben machen sollte, er sei nichts weiter als ein Überfall, wollten sie Euch ganz ohne Zweifel dadurch in die Hände bekommen.«
Kahlan spürte, wie die Angst sie frösteln machte. »Sie greifen an, nicht wahr?«
Er nickte. »Und zwar mit der gesamten Streitmacht. Sie sind immer noch ein gutes Stück entfernt, aber Ihr habt völlig Recht, sie sind auf dem Weg hierher. Das Ganze sollte nur Verwirrung stiften und uns ablenken.«
Kahlan starrte wie vom Donner gerührt ins Nichts. Nie zuvor hatte die Imperiale Ordnung bei Sonnenuntergang angegriffen. Die Aussicht eines Sturmangriffs von hunderttausenden und aberhunderttausenden von Truppen der Imperialen Ordnung in der Dunkelheit der Nacht konnte einem das Blut in den Adern gefrieren lassen.