Der General musterte ihre Augen. »Bleibt immer noch das Problem, wie wir den Pass überqueren sollen, bevor sie uns aufreiben.«
Kahlan wandte sich an Verna. »Ihr müsst den Feind aufhalten, damit wir ausreichend Zeit gewinnen, das Heer über den Pass zu schaffen.«
»Was wünscht Ihr, soll ich tun?«
»Setzt Euer Spezialglas ein.«
Der General verzog das Gesicht. »Euer was?«
»Eine Waffe der Magie«, erklärte Cara. »Um die feindlichen Truppen zu blenden.«
Verna schien wie vom Blitz getroffen. »Aber ich bin noch nicht soweit. Wir haben erst eine kleine Menge hergestellt. Ich bin noch nicht fertig.«
Kahlan wandte sich erneut an den General. »Wie viel Zeit bleibt uns nach Aussage der Kundschafter noch bis zum Eintreffen der Imperialen Ordnung?«
»Die Imperiale Ordnung kann frühestens in einer, spätestens aber in zwei Stunden hier sein. Wenn wir sie nicht aufhalten, werden wir es niemals mit unseren Männern und Vorräten aus diesem Tal heraus schaffen. Finden wir keine Möglichkeit, sie aufzuhalten, bleiben uns nur zwei Möglichkeiten: entweder wir fliehen in die Berge, oder wir halten die Stellung und kämpfen. Zu beiden Alternativen würde ich nur im äußersten Notfall greifen.«
»Wenn wir einfach nur in die Berge fliehen«, meinte Adie, »sind wir so gut wie tot. Gemeinsam sind wir lebendig und stellen für den Feind wenigstens eine gewisse Gefahr dar. Teilen wir uns aber auf, wird die Imperiale Ordnung die Gelegenheit beim Schopf ergreifen und Städte überfallen und erobern. Wenn unsere einzige Alternative darin besteht, uns entweder aufzuteilen oder die Stellung zu halten und zu kämpfen, können wir uns nur für Letzteres entscheiden. Besser, wir wagen einen Versuch, als einer nach dem anderen in den Bergen umzukommen.«
Kahlan rieb sich mit den Fingern über die Stirn und versuchte nachzudenken. Jagang hatte seine Taktik geändert und beschlossen, sie in eine nächtliche Schlacht zu verwickeln. Das hatte er noch nie zuvor getan, weil es ihn zu viele Opfer gekostet hätte; angesichts seiner gewaltigen Überzahl schien ihn das jedoch nicht mehr zu kümmern. Menschenleben waren für Jagang nur von untergeordneter Bedeutung.
»Wenn wir ihm hier und jetzt eine offene Feldschlacht liefern müssen«, erwiderte Kahlan resigniert, »haben wir den Krieg vermutlich bis zum Morgengrauen verloren.«
»Das ist auch meine Meinung«, sagte der General schließlich. »So wie ich es sehe, bleibt uns gar keine Wahl. Wir müssen schnell handeln und so viele Männer wie möglich über den Pass bringen. Alle, die wir vor Eintreffen der Imperialen Ordnung nicht hinüberschaffen, werden wir verlieren, aber zumindest werden wir einige wenige retten können.«
Die vier verfielen einen Augenblick in Schweigen, während sich jeder das Entsetzliche der Tatsache vergegenwärtigte, dass Menschen zurückbleiben und sterben würden. Das hektische Treiben ringsum nahm kein Ende: Männer liefen eilig umher, löschten Feuer, fingen von Panik ergriffene Pferde ein, versorgten Verwundete und kämpften mit den wenigen noch zurückgebliebenen Eindringlingen, die sie eingekreist hatten. Die Ordenstruppen waren bei weitem in der Unterzahl – doch das würde sich bald ändern.
Kahlans Gedanken rasten. Sie konnte nicht anders, sie war wütend auf sich, weil sie sich hatte übertölpeln lassen. Immer wieder gingen ihr Richards Worte durch den Kopf: Denk über die Lösung nach, nicht über das Problem. Die Lösung war das Einzige, was in diesem Augenblick zählte.
Kahlan schaute abermals hinüber zu Verna. »Uns bleibt noch eine Stunde, bis sie hier sind. Ihr müsst es versuchen, Verna. Was meint Ihr, habt Ihr eine Chance, Euer Spezialglas herzustellen und zur Entfaltung zu bringen, bevor der Feind uns erreicht hat?«
»Ich werde mein Möglichstes tun – darauf habt Ihr mein Wort. Ich wünschte, ich könnte Euch mehr versprechen.« Verna erhob sich schwerfällig. »Natürlich werde ich alle Schwestern benötigen, die die Verwundeten versorgen. Was ist mit denen, die an der Front arbeiten und der feindlichen Magie entgegenwirken? Könnte ich von denen auch ein paar bekommen?«
»Nehmt sie alle«, entschied Kahlan. »Wenn wir damit keinen Erfolg haben, ist alles andere ohnehin egal.«
»Dann nehme ich also alle, jede einzelne«, sagte Verna. »Es ist die einzige Chance, die wir haben.«
»Fangt augenblicklich an«, meinte Adie zu Verna. »Geht hinunter in die Nähe der Front, auf dieser Seite des Tals, wo Euch der Wind aus der Angriffsrichtung entgegenschlägt. Ich mache mich sofort daran, die Schwestern zusammenzurufen und sie hinunterzuschicken, damit sie Euch helfen.«
»Wir brauchen Glas«, wandte Verna sich an den General. »Gleich welcher Art. Wenigstens ein paar Fässer voll.«
»Ich werde veranlassen, dass sofort Männer mit dem ersten Fass dort unten erscheinen. Können wir Euch nicht wenigstens beim Zerkleinern helfen?«
»Nein. Ob es beim Hineinwerfen in die Fässer zerbricht, spielt keine Rolle, aber danach muss es von denen mit der Gabe weiterbehandelt werden. Schafft einfach alles Glas herbei, das Ihr zusammentragen könnt, mehr könnt Ihr nicht tun.«
Der General versprach ihr, sich darum zu kümmern. Ihren hinderlichen Saum raffend, eilte Verna davon, um sich, dicht gefolgt von Adie, an die Arbeit zu machen.
»Ich werde die Männer sofort abmarschieren lassen«, meinte der General, sich schwerfällig erhebend, zu Kahlan. »Die Kundschafter werden den Pfad markieren; anschließend können wir gleich mit dem Abtransport des schwereren Geräts beginnen.«
Sollte es tatsächlich klappen, würden sie sich Jagangs Zugriff mit knapper Not entziehen können.
Über eins war Kahlan sich im Klaren: wenn Verna keinen Erfolg hatte, konnte es sein, dass bis zum Morgengrauen ihr aller Leben – und der Krieg – verloren war. General Meiffert hielt einen Augenblick inne, sah sie kurz zögernd an und gab ihr damit eine letzte Chance, es sich noch anders zu überlegen.
»Fangt an«, sagte sie an den General gewandt. »Cara – auf uns wartet Arbeit.«
38
Kahlan ließ ihr Pferd jäh anhalten, als sie spürte, wie ihr das Blut heiß ins Gesicht schoss. »Was habt Ihr vor?«, fragte Cara, als Kahlan ihr Bein über den Hals des Pferdes schwenkte und zu Boden sprang.
Der Mond schien auf eine dünne Schicht aus eilig dahinziehenden Wolkenschleiern, was der Landschaft einen matten, friedlichen Glanz verlieh. Die dünne Schneeschicht schien das gedämpfte Mondlicht einzufangen, wodurch er heller leuchtete, als dies sonst der Fall gewesen wäre.
Kahlan deutete in die Richtung der kleinen Gestalt, die sie im schwachen Licht gerade eben erkennen konnte. Das hagere, wohl kaum mehr als zehn Jahre alte Mädchen stand an einem Fass, in das es einen Metallstößel rammte, um das Glas auf dessen Boden zu zerstoßen. Kaum dass Kahlan abgestiegen war, übergab sie die Zügel an Cara.
Kahlan stapfte hinüber zu den Schwestern, die auf dem verschneiten Boden arbeiteten. Vor ihr erstreckte sich eine wegen des dringend erforderlichen Rückenwindes scheinbar wahllos angeordnete Reihe von über einhundert Frauen, die sich ganz auf die Arbeit vor sich konzentrierten. Viele hatten ihre Umhänge wie ein Zelt über sich selbst und das, was sie dort taten, gespannt.
Sie war noch nicht weit an der Reihe entlanggegangen, als Kahlan sich vorbeugte und der Prälatin eine Hand unter den Arm schob, um ihr aufzuhelfen. Eingedenk der ernsten Arbeit, die allenthalben verrichtet wurde, versuchte Kahlan wenigstens die Stimme zu senken, wenn sie schon keine Sympathie hineinzulegen vermochte.
»Was hat Holly hier unten zu suchen, Verna?«
Verna blickte flüchtig über die Köpfe der ein Dutzend Schwestern hinweg, die, den leichten Wind im Rücken, vor einer langen Planke knieten und Glassplitter behutsam mit Stößeln in Mörsern zerkleinerten. Da nicht annähernd genug Mörser und Stößel vorhanden waren, verwendeten zur anderen Seite hin zahlreiche Frauen mit einer Vertiefung versehene Felsen und rundgeschliffene Steine, um die Glassplitter sorgfältig zu zermahlen. Allen Frauen stand die Konzentration ins Gesicht geschrieben. Der Unfall, bei dem eine Schwester geblendet worden war, hatte sich zugetragen, als der Wind plötzlich umgeschlagen war, und eine Bö ihr Werk aufgewirbelt und ihr ins Gesicht geweht hatte. Das Gleiche konnte jederzeit wieder passieren, obwohl sich der Wind mit Einbruch der Dunkelheit etwas abgeschwächt hatte und zu einer steten Brise geworden war.