Schwester Dulcinias grauer Haarschopf bewegte sich heftig auf und ab. »Ich werde mich darum kümmern, Prälatin.«
»Was immer Ihr noch bis zum Aufbruch der Mutter Konfessor und mir an zusätzlichem Glasstaub fertigstellen könnt, solltet ihr zur Sicherheit noch in den Wind streuen, anschließend verteilt ihr euch hinter unseren Linien und fasst mit an, falls der Imperialen Ordnung ein Durchbruch gelingen sollte. Sollten wir keinen Erfolg haben, müssen die Schwestern alles tun, um den Feind aufzuhalten, während sich so viele wie möglich über den Pass in Sicherheit bringen.«
Schwester Dulcinia versicherte abermals, die Befehle der Prälatin ausführen zu wollen.
Schweigend wartete alles einige Minuten, um Zedd den nötigen Vorsprung zu geben, sodass er mit seinen Anweisungen zu Warren gelangen konnte. Alles schien gesagt. Kahlan konzentrierte sich lieber auf das, was sie zu tun hatte, statt sich den Kopf zu zerbrechen, ob es gelingen würde. In einem entlegenen Winkel ihres Verstandes jedoch wusste sie, wie unausgereift solche im letzten Augenblick entwickelten Schlachtpläne bekanntermaßen waren.
Als sie ihrer Einschätzung nach solange gewartet hatten, wie sie dies riskieren durften, gab Kahlan Cara das Zeichen zum Aufbruch. Die beiden wechselten einen letzten Blick, und Cara wünschte ihr mit einem kurzen Lächeln viel Glück – dann jagte sie mit Schwester Philippa davon, die einen Arm um die Hüfte der Mord-Sith geschlungen hatte und mit ihrer anderen Hand den Eimer auf dem Oberschenkel festhielt.
Noch während das Getrappel der Hufe von Caras Pferd allmählich in der Nacht verklang, nahm Kahlan in der Ferne zum allerersten Mal bewusst die vereinten Schreie hunderttausender Soldaten der Imperialen Ordnung wahr. Als ihr Angriff näher rückte, verschmolzen die unzähligen Stimmen zu einem einzigen, unablässigen Gebrüll. Fast klang es wie das Stöhnen eines unheimlichen Windes, der durch die fangzahnähnlichen Felsen einer Bergschlucht weht. Ihr Pferd schnaubte und scharrte auf dem gefrorenen Boden. Das entsetzliche, monotone Summen ließ Kahlans Puls noch schneller schlagen. Am liebsten wäre sie auf und davon gerast, bevor die Männer zu nahe kamen, sie musste jedoch warten, bis der Wind den von Cara und Schwester Philippa freigesetzten Glasstaub fortgetragen hatte.
»Ich wünschte, wir könnten Magie zu unserem Schutz einsetzen«, meinte Verna gefasst, fast so, als wollte sie auf Kahlans Gedanken antworten.
Kahlan nickte, sie hatte kaum gehört, was die Frau sagte. Verna plapperte einfach drauflos, was ihr gerade in den Sinn kam, nur um nicht dasitzen und darauf lauschen zu müssen, wie der Feind immer näher rückte.
Die bittere Kälte längst vergessen, saß Kahlan vollkommen still, während ihr das Herz bis in die Ohren schlug, starrte hinaus in die leere Nacht und versuchte, sich bis in alle Einzelheiten auszumalen, was sie gleich tun musste, versuchte, alles vorab in Gedanken durchzuspielen, um nicht von unabwägbaren Risiken überrascht zu werden und erst dann entscheiden zu können, was zu tun war. Besser, man kam, sofern man die Möglichkeit hatte, den Ereignissen zuvor, als auf sie zu reagieren.
Bewegungslos auf ihrem Pferd sitzend, ließ sie den Zorn in sich hochkochen; Zorn machte einen zu einem besseren Krieger als Angst.
Diesen Zorn speiste Kahlan mit den Bildern von all den entsetzlichen Dingen, die sie die Imperiale Ordnung der Bevölkerung der Midlands hatte antun sehen. In Gedanken ließ sie all die Toten, die sie gesehen hatte, an sich vorüberziehen, so als träten sie vor die Mutter Konfessor hin, um mit stummer Zunge um Vergeltung zu flehen. Sie rief sich all die Frauen ins Gedächtnis, die ihre ermordeten Kinder, Ehemänner, Geschwister, Mütter und Väter beklagten. Sie erinnerte sich, wie bärenstarke Männer in hilfloser Seelenqual das sinnlose Abschlachten ihrer Freunde und Lieben mitansehen mussten. Vor ihrem inneren Auge sah sie, wie diese Männer, Frauen und Kinder durch die Hände eines Volkes bestraft wurden, dem sie nicht das Geringste angetan hatten.
Die Imperiale Ordnung war nichts weiter als eine Bande von gefühllosen Mördern, sie verdienten keine Gnade. Und man würde ihnen keine gewähren!
Sie dachte an Richard, der sich in der Hand dieses Feindes befand, und ließ sich ihr Versprechen auf der Zunge zergehen, wenn es sein musste, jeden Einzelnen von ihnen zu töten, bis sie Richard zurückbekam.
»Es ist soweit«, sagt Kahlan zähneknirschend. Ohne über die Schulter zu schauen, fragte sie: »Seid Ihr bereit?«
»Ich bin bereit. Lasst Euch von nichts aufhalten, sonst werden wir am Ende auch noch ein Opfer des Staubes. Unsere einzige Chance ist ein steter Luftzug über unseren Köpfen, der das Glas von uns fort trägt. Wir sind erst in Sicherheit, wenn wir auf der anderen Seite angelangt sind und ich alles verstreut habe. Bis dahin dürfte sich unter den Truppen der Imperialen Ordnung massenhafte Verwirrung, wenn nicht gar vollständige Panik ausgebreitet haben.«
Kahlan nickte. »Haltet Euch fest, es geht los.« Das Pferd, vermutlich wegen der immer näher kommenden Schreie bereits in höchster Erregung, schoss viel zu schnell davon, so dass Verna beinahe abgeworfen wurde. Kahlan langte rechtzeitig nach hinten, bekam Vernas Ärmel zu fassen und hielt sie fest. Während sie dahinjagten, hatte Verna alle Mühe, ihr Gleichgewicht wiederzuerlangen; der Eimer drohte zu kippen, Verna gelang es jedoch, ihn wieder gerade zu halten. Glücklicherweise ging nichts verloren.
Der kräftige Wallach raste ihrem Kommando gehorchend davon, doch das Gewicht der beiden Reiter machte ihn scheu und unberechenbar. Er war gut trainiert und hatte oft genug Schlachten mitgemacht; die immer lauter werdenden Schlachtrufe machten ihn vermutlich deshalb nervös, weil er genau wusste, was sie bedeuteten. Kahlan wusste nur, er war stark und schnell, und bei dem, was sie vorhatten, bedeutete Schnelligkeit Überleben.
Kahlans Herz schlug im Rhythmus des galoppierenden Pferdes, als sie durch das nachtschwarze Tal donnerten. Der Feind war mittlerweile sehr viel näher als bei Caras Ritt quer durch das Tal. Manchmal übertönten die Hufschläge des Pferdes das Schlachtgebrüll der unzähligen feindlichen Soldaten zu ihrer Linken.
Beängstigende Erinnerungssplitter von schlagenden Fäusten und Stiefeltritten kamen ihr ungebeten in den Sinn, als sie Männer blutrünstig brüllend im Dunkeln auf sie zukommen hörte. Noch nie war sie sich ihrer Verletzbarkeit so bewusst gewesen. Kahlan verwandelte die angstbesetzten Erinnerungen in Wut über die Greueltaten dieser Rohlinge, die in die Midlands eingefallen waren und ihr Volk abschlachteten. Jeder Einzelne von ihnen sollte leiden, jedem Einzelnen von ihnen wünschte sie den Tod.
Es war unmöglich, genau zu orten, wie weit der Feind bereits vorgerückt war, oder, mit dem Mondlicht im Rücken, ihre eigene Richtung zu bestimmen. Kahlan befürchtete, den Abstand zu knapp bemessen zu haben und sich unerwartet einer Mauer aus blutrünstigen Soldaten gegenüberzusehen. Sie wollte ganz nahe heran, um innen den blendenden Staub unmittelbar ins Gesicht zu streuen, zweifellos versprach das die größten Aussichten auf Erfolg, wenn sie ihren Angriff zurückschlagen wollten. Sie widerstand dem Drang, ihr Pferd nach rechts zu lenken, fort von den feindlichen Soldaten.
Plötzlich ließ ein grelles, gelbes Licht die Nacht erglühen. Die eben noch grauen Wolken erstrahlten leuchtend gelborange; weißer Schnee loderte in grellbunten Farben. Ein Furcht einflößendes Dröhnen vibrierte tief in ihrem Brustkorb.
Einhundert Fuß vor ihr und vielleicht zehn Fuß über dem Boden schoss ein flüssiges, gelbblaues Licht sich überschlagend quer über ihren Pfad, das, einen Schweif aus wallendem, schwarzem Qualm hinter sich herziehend, Feuer in sämigen Tropfen verlor. Der brodelnde Ball aus Zaubererfeuer ließ den Boden unter sich taghell erglühen. Obwohl nicht auf sie gerichtet, war das Geräusch allein schlimm genug, dass Kahlan am liebsten verängstigt zurückgeschreckt wäre.
Sie wusste genug über Zaubererfeuer und wie hartnäckig es auf der Haut haftete, um mehr als vorsichtig darauf zu reagieren. Hatte einen dieses lebendige Feuer erst einmal gestreift, ließ es sich nicht mehr entfernen. Oft fraß sich schon ein einziger Tropfen durch das Fleisch bis auf die Knochen. Kein Mensch war mutig oder dumm genug, sich nicht davor zu fürchten. Nur wenige, die je mit einer solchen durch Zauberei erzeugten Flamme in Berührung gekommen waren, hatten überlebt, um von dieser grauenhaften Erfahrung zu berichten; und wer es überlebte, den verfolgte seine Besessenheit nach Rache bis an sein Lebensende. Schließlich erblickte Kahlan im Schein dieser grellen, quer über das Tal schießenden Flamme die ihre Schlachtrufe herausbrüllende, ihre Schwerter, Morgensterne, Langspieße und Lanzen in die Luft reckende Horde. All diese Männer, die wild, Angst einflößend und voller Ingrimm aus der Nacht hervorstürzten, waren ergriffen von einer völlig enthemmten Lust auf diesen Kampf. Jetzt, im Schein des Mondes, erblickte Kahlan zum allerersten Mal, seit sie sich der Armee angeschlossen hatte, die feindlichen Truppen in ihrem vollen Ausmaß. Die Berichte hatten nicht gelogen, und doch waren sie der Wirklichkeit dieses Anblicks nicht gerecht geworden. Die Zahl der Soldaten überstieg jedes ihr bekannte Maß, und ihr Begriffsvermögen versagte. Augen und Mund aufgerissen, entfuhr ihr ein ehrfürchtiges Stöhnen.