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Erschrocken stellte Kahlan fest, dass der Feind viel näher war als erwartet. Überall auf diesem weiten Soldatenmeer funkelten zum Legen von Bränden mitgeführte Fackeln, so als spiegelte sich der Schein des Mondes auf einem endlosen, das gesamte Tal überflutenden Meer. Am Horizont verschmolz das Mondlichtschimmern auf den zahllosen Waffen zu einer einzigen horizontalen Fläche, auf der sie beinahe erwartete, Schiffe segeln zu sehen.

Die in Wellen verlaufende erste Frontlinie, die von Schilden und Speeren nur so strotzte, drohte ihr den Weg abzuschneiden. Kahlan drückte ihrem Pferd die rechte Ferse in die Flanke, um es ein wenig mehr nach rechts zu lenken und der ersten Angriffswelle der Soldaten auszuweichen. Nachdem sie seinen Lauf korrigiert hatte, trommelte sie ihre Fersen in die Flanke des Tieres und trieb es weiter.

Dann plötzlich, als die ersten Pfeile vorübersirrten und Speere sich unmittelbar vor ihr mit dumpfem Geräusch ins Erdreich bohrten, wurde ihr schlagartig bewusst, dass der Feind im Licht des Zaubererfeuers auch sie erkennen konnte.

Die Kugel des Zaubererfeuers, die sie den Feinden offenbart hatte, verschwand heulend und zischend in der Dunkelheit und ließ sie, zehntausende von Soldaten, über deren Köpfe sie hinwegsegelte, auf einen Schlag beleuchtend, im Schatten zurück. Weit in der Ferne, im Rücken der angreifenden Horden, ging das Feuer schließlich krachend zu Boden und löste inmitten der Kavallerie eine Feuersbrunst aus. Oft hielt man die Reiter zurück, damit sie, sobald ihre Infanterie auf die d’Haranischen Linien traf, zum Sturmangriff bereit waren. Ferne Todesschreie von Mensch und Tier erhoben sich in die Nacht.

Ein Pfeil prallte von ihrem Beinpanzer ab, andere sirrten vorüber. Einer bohrte sich unmittelbar unter ihrem Bauch ins Sattelleder, als sie sich über den Widerrist des galoppierenden Pferdes beugte.

»Wieso sind sie nicht geblendet?«, rief Kahlan über ihre Schulter.

Sie sah, wie sich hinter ihnen eine Wolke bildete, die sich kaum vom Staub des galoppierenden Pferdes unterschied; Verena presste den Eimer an ihre Oberschenkel und kippte mal mehr, mal weniger in Richtung der feindlichen Linien, um die herausströmende Menge so zu dosieren, dass sich ein gleichmäßiger Schweif ergab. Obwohl Cara längst vorüber war, zeigte sich bei den Soldaten keine unheilvolle Wirkung.

»Es dauert eine Weile, bis er wirkt«, rief Verna in Kahlans Ohr. »Sie müssen erst ein wenig blinzeln.«

Unmittelbar hinter ihnen raste ein Feuerball vorbei. Feurige Tropfen klatschten in den Schnee, zerspritzten beim Aufprall und zischten wie Regen auf dem heißen Steinkranz um ein Lagerfeuer. Der Panik nahe, raste das Pferd schnaubend weiter. Kahlan beugte sich über seinen Widerrist und strich ihm beruhigend über den Hals, um es daran zu erinnern, dass es nicht allein war.

Kahlan ließ ihren Blick über die anrückenden Frontlinien des Feindes schweifen, während sie vor ihnen herraste, und stellte fest, dass die Männer kaum blinzelten. Ihre Augen waren im Eifer der bevorstehenden Schlacht weit aufgerissen.

Das Zaubererfeuer, das das Pferd so in Angst und Schrecken versetzt hatte, schlug explodierend eine Schneise in die feindlichen Reihen. Flüssiges Feuer ergoss sich über die Masse der Soldaten und löste ein schrilles Getöse entsetzlicher Schreie aus, brennende Soldaten stürzten scheppernd gegen ihre Kameraden und bespritzten auch sie mit Feuer, wodurch die Panik noch weiter um sich griff. Wieder andere Männer traten, kopflos durch die Nacht rennend, auf die am Boden Liegenden, nur um gleich darauf selbst den Stand zu verlieren und hinzuschlagen.

Wieder dröhnte eine Feuerkugel vorbei, ging krachend nieder und verspritzte ihre Flammen wie ein geborstener Damm sein Wasser. Die Explosion war so gewaltig, dass die Druckwelle Soldaten fortschleuderte und sie in einer brennenden Flut mitriss.

Ein gewaltiger Feuerball brach zwischen den feindlichen Linien unweit vor Kahlan hervor und hielt auf die d’Haranische Front zu. Sofort näherte sich von rechts dröhnend eine kleine blaue Feuerkugel und prallte mitten in der Luft gegen den trägen, gelben Flammenball. Der Zusammenprall ließ um sie herum einen Feuerschauer niedergehen, als sie die Stelle passierte. Erschrocken verriss Kahlan die Zügel nach links, als ein dicker Klumpen des herabstürzenden Feuers unmittelbar vor ihnen zu Boden krachte und seine Flammen ringsum verteilte.

Sie verfehlten das Feuer um Haaresbreite, mussten aber feststellen, dass sie sich dem Feind in beängstigendem Tempo näherten. Kahlan konnte ihnen bereits die ersten obszönen Flüche von den Lippen ablesen. Sie gab dem völlig verängstigten Tier die Sporen und drängte es nach rechts, woraufhin es ein wenig zur Seite abdrehte, wenn auch nicht genug, um zu verhindern, dass sie schräg in die feindlichen Linien hineingaloppierten.

Glühende Feuerpartikel gingen sowohl über den Soldaten als auch im offenen Gelände nieder. Von Panik ergriffen raste das Pferd dahin, es war viel zu verängstigt, um auf Kahlans Kommandos zu reagieren. Der Gestank brennenden Leders schürte die Angst des Tieres noch zusätzlich. Sie schaute nach unten und erblickte einen brennenden Feuerpartikel auf ihrer ledernen Beinmanschette. Die kleine, aber giftig lodernde Flamme flackerte wild im Wind. Kahlan traute sich nicht, den glühenden Feuertropfen fortzuwischen, aus Angst, er könnte an ihrer Hand kleben bleiben. Die Vorstellung, wie er sich schließlich brennend durch das Leder fraß, machte ihr Angst. Sollte es dazu kommen, würde sie die Schmerzen ertragen müssen; sie hatte keine andere Wahl.

Verna hatte von alldem nichts mitbekommen; den Körper zur Seite gedreht, ließ sie noch immer den Glasstaub aus dem Eimer herausrieseln. Kahlan konnte sehen, wie die Wolke hinter ihnen fortgetragen wurde. Die lange Staubspur krümmte sich, vom Wind getragen, bis hin zu den feindlichen Soldaten, vorbei an den ersten feindlichen Linien, und verlor sich inmitten der Soldatenmassen in der Dunkelheit. Weiter hinten in den Reihen der Ordenstruppen beschienen Fackeln die Staubwolke, als diese sich mit dem vom gefrorenen Boden aufgewirbelten Staub vermengte.

Ein Pfeil streifte das Pferd an der Schulter und wurde nach oben abgelenkt. Eine vorwärts drängende Masse von Männern sah sie kommen und kam unbeherrscht und wie von Sinnen angerannt, um ihr den Weg zu versperren. Kahlan zerrte an den Zügeln und versuchte, den Kopf des kräftigen Pferdes nach rechts zu verreißen. Das Tier, gepackt von wildem Entsetzen, galoppierte geradeaus weiter. Mit dem Gefühl wachsender Hilflosigkeit versuchte sie es zum Abschwenken zu bewegen. Es half nichts – sie hielten genau auf eine Wand aus Männern zu.

»Wir kommen zu nah!«, brüllte Verna ihr ins Ohr.

Kahlan war zu beschäftigt, um zu antworten. Ihr Arm zitterte vor Anstrengung, als sie an den Zügeln zerrte und versuchte, den Kopf des Pferdes nach rechts hinüber zu lenken, doch das Pferd hatte sich in die Trense verbissen und war sehr viel kräftiger als sie. Schweiß rann ihr in den Nacken. Sie streckte ihr rechtes Bein nach hinten und bohrte dem Tier ihren Absatz in die Flanke, um es zu lenken. Die Männer vor ihnen schwenkten ihre Langspieße und Schwerter, um auf sie loszugehen. Kämpfen war eine Sache, etwas völlig anderes war es, ohne jede Möglichkeit der Einflussnahme mitansehen zu müssen, wie das Schicksal seinen Lauf nahm.