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Sie war sich jedoch darüber im Klaren, dass ein Rückzug für Jagang nur einen vorübergehenden Rückschlag und nicht etwa eine Neubewertung seiner eigentlichen Ziele bedeutete. Der Orden verfügte über genug Soldaten, um den Verlust der seit Beginn der Kämpfe gefallenen einhunderttausend Mann mit einem Achselzucken abzutun. Doch erst einmal verhinderte das Wetter einen Gegenschlag Jagangs.

Kahlan hatte nicht vor, still zu sitzen und auf ihn zu warten. Als einen Monat später der Abgesandte Herjborgues eintraf, traf sie sich umgehend mit ihm in der kleinen Fallenstellerhütte, die sie oben zwischen den Bäumen auf der Westseite des Tales entdeckt hatten. Die Hütte stand – abseits jener freien Flächen, auf denen sich die Zelte drängten – im Schutz hoch aufragender, uralter Föhren; sie war zu Kahlans häufig benutztem Quartier geworden und diente ihr oft als Kommandozentrale.

Für General Meiffert bedeutete es eine große Erleichterung, wenn Kahlan statt eines Zeltes die Hütte bewohnte. Es gab ihm das Gefühl, dass die Armee etwas unternahm, um der Mutter Konfessor der Gemahlin des Lord Rahl – ein angemesseneres Quartier zur Verfügung zu stellen. Zwar wussten Kahlan und Cara die Nächte durchaus zu schätzen, die sie in der Hütte schliefen, trotzdem wollte Kahlan nicht, dass jemand glaubte, sie sei den Bedingungen, die alle Übrigen auszuhalten hatten, nicht gewachsen. Deswegen bestand sie manchmal darauf, stattdessen die Mädchen zusammen mit einigen Schwestern in der Hütte übernachten zu lassen, und manchmal, dass Verna dort mit Holly, Valery und Helen nächtigte; die Prälatin zu überreden war nicht übermäßig schwierig.

Kahlan begrüßte den Abgesandten Theriault aus Herjborgue und bat ihn in die gemütliche Hütte. Er wurde von einer mehrköpfigen Gardeeinheit begleitet, die draußen wartete. Herjborgue war ein kleines Land, dessen Beitrag zu den Aufwendungen des Krieges sich auf den Bereich ihres einzigen Erzeugnisses beschränkte: Wolle. Kahlan brauchte den Mann dringend.

Nachdem der Abgesandte Theriault niedergekniet war und die traditionelle Begrüßung durch die Mutter Konfessor empfangen hatte, erhob er sich schließlich und schob grinsend seine schwere Kapuze nach hinten auf die Schultern.

»Mutter Konfessor, wie gut zu sehen, dass Ihr wohlauf seid.«

Sie erwiderte sein Lächeln von ganzem Herzen. »Ganz meinerseits, Abgesandter Theriault. Hier, kommt ans Feuer und wärmt Euch auf.«

Am steinernen Kamin streifte er seine Handschuhe ab und hielt seine Hände vor die knisternden Flammen. Als er einen flüchtigen Blick auf das glänzende Heft des Schwertes der Wahrheit warf, das hinter ihrer Schulter hervorlugte, fiel ihm die Figur Seele auf dem Sims ins Auge. Staunend betrachtete er sie, wie alle, die die stolze Figur erblickten.

»Wir haben gehört, man hat Lord Rahl gefangen genommen«, sagte er schließlich. »Gibt es schon Nachricht?«

Kahlan schüttelte den Kopf. »Wir wissen, dass man ihm nichts angetan hat, aber das ist auch schon so ziemlich alles. Ich kenne meinen Gemahl, er weiß sich zu helfen. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass er einen Weg finden wird, hierher zurückzukehren und uns beizustehen.«

Der Mann nickte, und während er zuhörte, legte sich seine Stirn in Falten.

Cara stand neben dem Tisch und ließ, durch Kahlans Worte an ihren Lord Rahl erinnert, ihren Strafer beiläufig durch die Finger rollen. Der Blick in Caras blauen Augen und die Art, wie sie die Waffe schließlich wieder an dem feinen Goldkettchen um ihr Handgelenk baumeln ließ, verriet Kahlan, dass der Strafer, der über die Bande mit dem derzeitigen Lord Rahl verbunden war, noch immer seine Kraft besaß. Solange er funktionierte, konnten sie sicher sein, dass Richard noch lebte; andere Informationen besaßen sie nicht.

Der Mann schlug seinen schweren Reiseumhang auf. »Wie geht es mit dem Krieg voran? Alle warten begierig auf Neuigkeiten.«

»So weit wir dies einschätzen können, konnten wir mehr als einhunderttausend Soldaten ihrer Streitkräfte töten.«

Dem Mann verschlug es die Sprache. Eine derart gewaltige Zahl hatte auf jemanden aus einem so kleinen Land wie seiner Heimat Herjborgue eine Schwindel erregende Wirkung.

»Dann sind sie zweifellos besiegt. Sind sie in die Alte Welt zurück geflohen?«

Statt seinen Blick zu erwidern, starrte Kahlan auf die laufend ihre Farbe verändernden Scheite in der flirrenden Gluthitze der Flammen. »Ich fürchte, der Verlust so vieler Männer wird die Imperiale Ordnung kaum schwächen. Wir verringern ihre Zahl, allerdings verfügen sie über eine Armee, die mehr als zehnmal so groß ist. Sie sind, gerade mal einen Wochenmarsch südlich von hier, nach wie vor eine Bedrohung.«

Kahlan hob den Kopf und bemerkte, dass er sie anstarrte. Der Blick in seinen Augen verriet ihr, dass er Mühe hatte, sich so viele Menschen vorzustellen. Sein vom Wind gerötetes Gesicht hatte beträchtlich an Farbe verloren.

»Gütige Seelen…«, sagte er leise. »Natürlich haben wir die Gerüchte gehört, aber zu erfahren, dass sie der Wahrheit entsprechen…« Er schüttelte den Kopf, einen Ausdruck der Verzweiflung im Gesicht. »Wie soll man einen Feind von dieser Größe jemals besiegen können?«

»Wenn ich mich recht erinnere, wart Ihr vor einigen Jahren in Aydindril, um den Rat aufzusuchen, und hattet im Anschluss an ein Festbankett ein wenig Ärger. Dieser Hüne aus Kelton – sein Name ist mir entfallen – prahlte und äußerte sich abfällig über Euer kleines Land. Erinnert Ihr Euch noch an diesen Abend? – Wie nannte er Euch gleich?«

Die Augen des Abgesandten Theriault funkelten, als er zu lächeln begann.

»Unbedeutend.«

»Unbedeutend, ganz recht. Ich vermute, er dünkte sich Euch überlegen, weil er das Doppelte Eurer Körperfülle aufzuweisen hatte. Ich erinnere mich noch, dass jemand den Tisch freiräumte, und Ihr beide Euch im Armdrücken gemessen habt.«

»Nun, damals war ich noch jünger, außerdem hatte ich zum Essen das eine oder andere Glas Wein getrunken.«

»Ihr habt gewonnen.«

Er lachte leise. »Nicht durch Körperkraft. Er war ziemlich hochnäsig, ich dagegen vielleicht klüger und schneller – das ist alles.«

»Ihr habt gewonnen; das war das Ergebnis. Diese einhunderttausend Mann der Imperialen Ordnung sind nicht weniger tot, nur weil sie uns zahlenmäßig überlegen waren.«

Sein Lächeln erlosch. »Jetzt verstehe ich. Die Imperiale Ordnung sollte wohl den Kampf jetzt verloren geben, solange sie noch Soldaten hat. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie jene fünftausend galeanischen Rekruten unter Eurer Führung die fünfzigtausend Mann starke Streitmacht angegriffen und vernichtet haben.« Er stützte sich mit einem Arm auf dem grob behauenen Kaminsims ab. »Wie auch immer, ich verstehe, worauf Ihr hinauswollt. Wenn man es mit einem kräftemäßig überlegenen Gegner zu tun hat, muss man seinen Verstand gebrauchen.«

»Ich brauche Eure Hilfe«, erklärte Kahlan dem Mann.

Der Feuerschein spiegelte sich in seinen braunen Augen, als er sich zu ihr herumwandte. »Was immer Ihr wünscht, Mutter Konfessor. Was immer Ihr wünscht, solange es in meiner Macht steht.«

Kahlan bückte sich und schob ein weiteres Scheit ins Feuer; wirbelnd stiegen die Funken durch den Schornstein in die Höhe.

»Wir brauchen wollene Umhänge für die Männer – mit Kapuze.«

Er musste nicht lange überlegen. »Sagt mir einfach, wie viele, und ich werde mich darum kümmern. Ich bin sicher, es wird sich einrichten lassen.«

»Ich benötige mindestens einhunderttausend Stück – für die gesamte derzeit hier versammelte Truppe. Wir erwarten jeden Augenblick Verstärkung, wenn Ihr also noch einmal die Hälfte dieser Menge drauflegen könntet, würde uns das bei der Zerschlagung der Imperialen Ordnung ein großes Stück weiterbringen.«

Während er in Gedanken einige Berechnungen anstellte, schob Kahlan das Scheit mit dem Feuereisen in den Hintergrund des Feuers. »Ich weiß, worum ich Euch bitte, das ist keine leichte Aufgabe.«

Er kratzte sich durch sein dichtes graues Haar den Schädel. »Ihr braucht gar nicht zu erfahren, wie schwierig es sein wird, das wird Euch ohnehin nicht zum Sieg verhelfen, lasst mich also einfach erklären, Ihr werdet sie bekommen.«