Die Zusage des Abgesandten Theriault war so verlässlich wie Gold und ebenso wertvoll. Sie erhob sich und sah ihm ins Gesicht.
»Außerdem möchte ich, dass sie aus gebleichter Wolle hergestellt werden.«
Er zog fragend eine Braue hoch. »Aus gebleichter Wolle?«
»Ihr werdet sicherlich verstehen, dass wir sehr geschickt vorgehen müssen. Die Imperiale Ordnung stammt tief unten aus dem Süden. Richard war einmal dort, er erzählte mir, dass dort ein völlig anderes Klima herrscht als hier in der Neuen Welt; ihre Winter sind mit unseren nicht zu vergleichen. Wenn ich mich nicht irre, ist die Imperiale Ordnung weder mit dem Winter vertraut, noch ist sie es gewöhnt, unter diesen Witterungsbedingungen zu überleben, geschweige denn zu kämpfen. Die winterlichen Verhältnisse mögen schwierig sein, aber durch diesen Umstand werden sie uns zum Vorteil gereichen.«
Kahlan hielt ihm die geballte Faust vors Gesicht. »Ich will ihnen gnadenlos zusetzen. Ich will mir das winterliche Wetter zunutze machen, um sie leiden zu lassen. Ich will sie aus der Reserve locken und sie zwingen, unter Bedingungen zu kämpfen, mit denen sie längst nicht so vertraut sind wie wir. Die Kapuzenumhänge sollen dabei unseren Männern als Tarnung dienen, um bei Überfällen ganz nah an den Feind heranzuschleichen und anschließend vor seinen Augen zu verschwinden.«
»Haben sie keine mit der Gabe Gesegneten in ihren Reihen?«
»Doch, aber keine Hexenmeisterin wird ihnen sagen können, wohin jeder einzelne Bogenschütze mit seinen Pfeilen zielen soll.«
Er strich sich nachdenklich übers Kinn. »Ja, ich verstehe, was Ihr meint.« Er schlug gegen den Sims, wie um seine Zusage zu besiegeln. »Ich werde unsere Handwerker sofort anfangen lassen. Darüber hinaus werden Eure Männer warme Handschuhe benötigen.«
Kahlan lächelte anerkennend. »Sie werden Euch dafür dankbar sein. Weist Eure Handwerker an, mit der Auslieferung der Umhänge sofort zu beginnen, sobald die ersten fertig sind. Wartet nicht, bis die Produktion abgeschlossen ist. Wir werden unsere Überfälle mit jeder noch so geringen Zahl beginnen; später dann, sobald Ihr mehr liefert, können wir die Einsatztrupps vergrößern.«
Der Abgesandte Theriault zog seine Kapuze über den Kopf und schloss seinen schweren Wollumhang. »Der Winter hat eben erst begonnen. Je mehr Zeit Ihr habt, sie langsam zu dezimieren, solange Ihr ihnen gegenüber aufgrund des Wetters im Vorteil seid, desto besser. Am besten mache ich mich unverzüglich auf den Weg.«
Kahlan fasste sich mit dem Mann bei den Armen – eine Geste, zu der sich eine Mutter Konfessor normalerweise nicht hinreißen ließ die aber bei jedem anderen als aufrichtige Anerkennung für angebotene Hilfe durchaus verständlich gewesen wäre.
Als sie und Cara draußen vor der Tür standen und zusahen, wie der Abgesandte und seine Gardisten durch den Schnee von dannen stapften, hoffte Kahlan, dass schon bald die ersten Umhänge eintreffen und sie sich als so nützlich erweisen würden wie erwartet.
»Glaubt Ihr wirklich, wir können den Krieg im Winter erfolgreich vorantreiben?«, fragte Cara.
Kahlan wandte sich zur Tür herum. »Wir haben gar keine andere Wahl.«
Kahlan wollte gerade wieder hineingehen, als sie eine Prozession zwischen den Bäumen den Hang heraufkommen sah. Als sie ein wenig näher waren, erkannte sie, dass es General Meiffert war, der sie zu Fuß anführte. Des Weiteren konnte sie Adie, Verna, Warren und Zedd erkennen, die neben vier Reitern hergingen. Funkelnd spiegelte sich die Mittagssonne auf dem Schwert des führenden Reiters.
Kahlan stockte der Atem, als sie sah, um wen es sich handelte.
Ohne noch einmal in die Hütte zu gehen, um ihren Umhang oder Fellüberwurf zu holen, rannte sie durch den Schnee hinunter, um ihn zu begrüßen: Cara folgte ihr dicht auf den Fersen.
»Harold!«, rief sie. »Was für eine Freude, dich zu sehen!«
Dann erkannte Kahlan hinter ihrem soeben aus Galea eingetroffenen Halbbruder einige der anderen Männer, und wieder stockte ihr vor Überraschung der Atem. Captain Ryan, Befehlshaber jener galeanischen Rekruten, an deren Seite sie gekämpft hatte, war darunter, sowie sein Lieutenant, Flin Hobson. Im Hintergrund glaubte sie Sergeant Frost zu erkennen. Ihr tat das Gesicht weh, so sehr strahlte sie, als sie ihnen durch den tiefen Schnee entgegenlief.
Am liebsten hätte Kahlan ihren Halbbruder vom Pferd gezogen und umarmt; in der Uniform eines galeanischen Stabsoffiziers, die weit weniger auffällig war als seine Paradeuniform, bot er auf seinem edlen Schlachtross einen prachtvollen Anblick. Erst jetzt wurde ihr in vollem Ausmaß bewusst, wie besorgt sie über sein verspätetes Eintreffen gewesen war.
Ganz der Prinz, der er war, neigte Harold sein Haupt in ihre Richtung, als er sich im Sattel verbeugte, und ließ dabei ein nur dünnes, fast verstohlenes Lächeln sehen.
»Mutter Konfessor, ich bin erfreut, Euch wohlauf zu sehen.«
Captain Ryan strahlte über das ganze Gesicht, auch wenn Prinz Harold offenbar nicht danach zumute war. Bradley und Flin waren Kahlan noch in bester Erinnerung, ebenso wie ihre Tapferkeit, ihr Mut und Charakter. Die Kämpfe damals waren grauenvoll gewesen, an die Gesellschaft dieser hervorragenden Soldaten aber, alles prächtige, junge Burschen, erinnerte sie sich noch gern. Schon einmal hatten sie Unmögliches vollbracht, und jetzt waren sie gekommen, um dieses Kunststück zu wiederholen.
Neben seinem Pferd stehend, langte Kahlan nach Harolds Hand. »Komm herein, drinnen brennt ein schönes, warmes Feuer.« Sie machte dem Captain, dem Lieutenant und dem Sergeant ein Zeichen. »Ihr auch. Kommt herein und wärmt Euch auf.«
Prinz Harold trat vom Steigbügel auf den Boden. »Mutter Konfessor, ich…«
Kahlan vermochte nicht zu widerstehen; sie schlang ihrem Halbbruder die Arme um den Hals. Er war ein Bär von einem Mann, genau wie ihr gemeinsamer Vater, König Wyborn. »Ich bin so erleichtert, dich zu sehen. Wie geht es Cyrilla?«
Cyrilla, Harolds Schwester und Kahlans Halbschwester, war ein Dutzend Jahre älter als Kahlan. Nach ihrer Gefangennahme durch die Imperiale Ordnung hatte man sie zusammen mit einer Bande von Mördern und Vergewaltigern ins Verlies geworfen. Harold hatte sie befreit, die Misshandlungen jedoch, die sie über sich hatte ergehen lassen müssen, hatten sie in einem Zustand geistiger Umnachtung zurückgelassen, in der sie die Menschen in ihrer Umgebung nicht mehr wahrnahm. Nur äußerst selten erlangte sie das Bewusstsein zurück; und wenn sie aus ihrem Zustand erwachte, schrie und weinte sie meist unkontrollierbar. In einem ihrer klaren Augenblicke hatte sie Kahlan das Versprechen abgenommen, Königin von Galea zu werden und für die Sicherheit ihres Volkes zu sorgen.
Harold, der es vorzog, Befehlshaber der galeanischen Armee zu bleiben, hatte die Krone abgelehnt; widerstrebend hatte Kahlan seinem Wunsch stattgegeben.
Harolds Augen wechselten kurz hinüber zu den anderen. »Mutter Konfessor, wir haben etwas zu besprechen.«
41
Während Captain Ryan und seine beiden Begleiter sich auf Anweisung Prinz Harolds um ihre Truppen und die Pferde kümmern gingen, drängten sich die Übrigen in die winzige Fallenstellerhütte. Zedd und Warren setzten sich auf eine Bank, die aus einer über zwei Stammstümpfen gelegten Planke bestand; Verna und Adie hatten auf einer weiteren Bank an der gegenüberliegenden Wand Platz genommen. Cara schaute zum winzigen Fenster hinaus. General Meiffert hatte sich neben Cara postiert und beobachtete, wie der Prinz mit dem Finger immer wieder über die Tischkante strich; Kahlan hatte ihre gefalteten Hände vor sich auf den Tisch gelegt.
»Also«, begann sie, das Schlimmste befürchtend, »wie geht es denn nun Cyrilla?«
Harold strich die Vorderseite seiner Uniformjacke glatt. »Die Königin … ist wieder gesund.«
»Die Königin …?« Kahlan erhob sich langsam von ihrem Stuhl. »Cyrilla hat sich erholt? Das sind wundervolle Neuigkeiten, Harold. Und sie hat endlich wieder ihre Krone in Besitz genommen? Umso besser!«