»Mutter Konfessor, meine Königin hat mich mit dem Schutz des Volkes von Galea beauftragt. Ich kenne meine Pflicht.«
»Pflicht?« Kahlan wischte sich mit der Hand durchs Gesicht.
»Du kannst dich unmöglich blindlings den Launen dieser Frau ausliefern, Harold. Es gibt nur einen Weg ins Leben und in die Freiheit, und der führt über die Vernunft. Cyrilla ist vielleicht Königin, aber unser einzig wahrer Herrscher kann nur die Vernunft sein. Wer sich in dieser Angelegenheit nicht von Vernunft leiten lässt, macht sich geistiger Anarchie schuldig.«
Er sah sie an, als wäre sie ein bedauernswertes kleines Kind, das die Welt der Erwachsenenpflichten nicht begreift.
»Sie ist meine Königin. Die Königin ist dem Volk zur Treue verpflichtet.«
Kahlan trommelte mit den Fingern auf den Tisch. »Cyrilla ist nichts weiter als ein Hirngespinst jener Geister, die sie noch immer heimsuchen. Sie wird deinem Volk schaden. Und du wirst ihr dabei helfen, dein Volk ins Verderben zu stürzen, weil du dir eine Wahrheit wünschst, die so nicht existiert. Du siehst sie als das, was sie einst war, nicht wie sie derzeit ist.«
Er zuckte mit den Achseln. »Ich kann verstehen, warum du jetzt so darüber denkst, Mutter Konfessor, aber das kann nichts daran ändern. Ich muss tun, was meine Königin mir befiehlt.«
Die Ellbogen auf dem Tisch, stützte Kahlan, zitternd vor Wut über den Irrsinn, den sie zu hören bekam, ihr Gesicht für eine Weile in die Hände; schließlich sah sie auf und erwiderte den festen, starren Blick ihres Halbbruders.
»Galea ist Teil des d’Haranischen Reiches, Harold. Galea besitzt allein mit Duldung des Reiches eine Königin. Cyrilla mag vielleicht Königin sein, trotzdem ist sie – und war es immer, auch wenn sie die Oberherrschaft des d’Haranischen Reiches nicht anerkennt – der Mutter Konfessor der Midlands Untertan. In meiner Funktion sowohl als Mutter Konfessor als auch, in Abwesenheit des Lord Rahl, als Führerin des d’Haranischen Reiches, beende ich diese Duldung hiermit in aller Form. Cyrilla ist von jetzt an ohne Machtbefugnis und abgesetzt. Sie ist Königin von gar nichts mehr, und schon gar nicht von Galea.
Ich befehle dir, nach Ebinissia zurückzukehren und Cyrilla zu ihrem eigenen Schutz unter Arrest zu stellen, Jebra freizulassen und mit der Seherin und – bis auf eine Bürgerwehr für die Stadt der Krone mit sämtlichen galeanischen Streitkräften wieder zu dieser Armee zu stoßen.«
»Mutter Konfessor, es tut mir Leid, aber meine Königin hat befohlen…«
Kahlan schlug mit der flachen Hand krachend auf den Tisch. »Genug!«
Er verstummte, als Kahlan sich erhob. Die Fingerspitzen auf den Tisch gestemmt, beugte sie sich zu ihm.
»Als Mutter Konfessor befehle ich dir, meine Befehle unverzüglich auszuführen. Das ist mein letztes Wort. Ich will nichts mehr hören.«
Die schwerwiegenden Konsequenzen der Ereignisse schienen den Raum ergriffen zu haben. Jedes einzelne Gesicht beobachtete verhalten, wie es weitergehen würde.
Harold antwortete mit einer Stimme, die Kahlan an ihren Vater erinnerte.
»Mir ist bewusst, dass es dir vielleicht sinnlos erscheint, Mutter Konfessor, aber ich muss meine Pflicht gegenüber meinem Volk über meine Pflicht dir gegenüber stellen. Cyrilla ist meine Schwester. König Wyborn verlangte von mir stets, der Armee ein guter Befehlshaber zu sein. Als Offizier bin ich verpflichtet, meiner Königin zu gehorchen. Meine Männer hier unten haben von ihrer Königin Befehl erhalten, unverzüglich zurückzukehren und Galea zu beschützen. Meine Ehre verpflichtet mich zum Schutz meines Volkes, wie von meiner Königin befohlen.«
»Du aufgeblasener Narr! Wie kannst du es wagen, mir von Ehre zu sprechen? Deinen Wahnvorstellungen von Ehre opferst du das Leben unschuldiger Menschen. Ehre bedeutet Ehrlichkeit gegenüber der Wirklichkeit, nicht blinder Gehorsam gegenüber den eigenen Wunschvorstellungen. Du hast kein Ehrgefühl, Harold.«
Kahlan ließ sich auf ihren Stuhl sinken. Sie schaute seitlich an ihm vorbei und starrte in die Flammen des Feuers. »Ich habe dir meine Befehle mitgeteilt. Du weigerst dich, sie zu befolgen?«
»Das muss ich, Mutter Konfessor. Lass mich nur so viel sagen, es geschieht nicht aus bösem Willen.«
»Harold«, erklärte sie mit ausdrucksloser Stimme, »du begehst Verrat.«
»Ich bin mir darüber im Klaren, dass du es möglicherweise so siehst, Mutter Konfessor.«
»O ja, das tue ich. Das tue ich in der Tat. Verrat an deinem Volk, Verrat an den Midlands, Verrat an unserem d’Haranischen Zusammenschluss gegen die Imperiale Ordnung sowie Verrat an der Mutter Konfessor. Wie sollte ich deiner Meinung nach darauf reagieren?«
»Wenn du deiner Sache in diesem Punkt so sicher bist, würde ich erwarten, dass du mich hinrichten lässt, Mutter Konfessor.«
Sie schaute zu ihm hoch. »Wenn du Verstand genug besitzt, das zu erkennen, was hast du dann davon, unterwürfig an den Befehlen einer Wahnsinnigen festzuhalten? Die einzige Folge wäre dein Tod, und in diesem Fall würdest du die Befehle deiner Königin erst recht nicht ausführen können. Bleibst du bei diesem Kurs, führt das günstigstenfalls dazu, dass dein Volk auf deine Hilfe verzichten muss, was du angeblich ja unbedingt vermeiden willst. Warum tust du nicht einfach das Richtige und unterstützt uns bei der Hilfe für dein Volk? Deine Weigerung beweist doch nur, dass dir in Wahrheit jeder gesunde Menschenverstand abgeht, von Ehrgefühl ganz zu schweigen.«
Seine Augen, erfüllt von glühendem Zorn, wandten sich zu ihr; die Knöchel seiner Finger traten weiß hervor.
»Ich werde jetzt angehört werden, Mutter Konfessor. Wenn ich zu meiner Ehre stehe, selbst wenn es mich das Leben kostet, dann ehre ich damit meine Familie, meine Schwester, meine Königin und mein Heimatland. Ein Heimatland, das von meinem Vater, König Wyborn, und meiner Mutter, Königin Bernadine, unter großen Mühen geschaffen wurde. Als ich noch klein war, wurde mein Vater, mein Herrscher und König, meiner Mutter, meiner Familie und meiner Heimat Galea entrissen, er wurde von den Konfessoren geraubt, überwältigt durch Konfessorenkraft wegen ihres eigensüchtigen Wunsches nach einem Gemahl für deine Mutter, weil diese sich in ihrem Egoismus nach einem starken Mann sehnte, der ihr ein Kind zeugen sollte – dich. Und jetzt wagst du es, Mutter Konfessor – die Ausgeburt jenes Menschenraubs, der uns unseren geliebten Vater nahm, als ich noch ein kleiner Junge war – mich meiner Schwester fortzunehmen? Und auch sie unserem Land zu nehmen? Du wagst es, mich von meiner Pflicht zu entbinden, meiner Königin, meinem Land und vor allem meinem Volk zu dienen? Der letzte Dienst, den mein Vater von mir verlangte, bevor deine Mutter ihn uns nahm, um ihn aus keinem anderen Grund als dem, dass er rechtschaffen war und sie ihn haben wollte, war, dass ich stets meine Pflicht gegenüber meinem Land und meiner Schwester erfüllen sollte. Diesen letzten Wunsch meines Vaters werde ich erfüllen, selbst wenn du das für Wahnsinn hältst.«
Kahlan starrte ihn schockiert und dennoch vollkommen ruhig an.
»Es tut mir Leid, dass du so empfindest, Harold.«
Sein Gesicht wirkte um Jahre gealtert.»Ich weiß, du bist nicht verantwortlich für das, was vor deiner Entstehung geschah, und ich werde jenen Teil von dir, der mich an meinen Vater erinnert, stets lieben, trotzdem bin noch immer ich es, der mit alldem leben muss. Im Augenblick muss ich mir selbst und meinen Gefühlen treu bleiben.«
»Deinen Gefühlen«, wiederholte sie.
»Ganz recht, Mutter Konfessor. Das sind meine Gefühle, und denen muss ich Glauben schenken.«
Kahlan schluckte, obwohl sich ihre Kehle schmerzhaft zusammenschnürte. Ihre kraftlos vor ihr auf dem Tisch liegenden Finger kribbelten.
»Glaube und Gefühle. Harold, du bist genauso verrückt wie deine Schwester.«
Sie richtete sich stolz auf und faltete die Hände, wechselte einen letzten Blick mit ihrem Halbbruder, einem Mann, von dem sie kaum mehr kannte als den Namen, und sprach das Urteil über ihn.