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»Danke, Bradley«

Sie fasste ihn bei den Schultern und lächelte ihn mit tränenfeuchten Augen an. »Ihr habt Euren Verstand benutzt; deswegen könnte ich Euch niemals böse sein.«

»Ihr meintet einmal zu uns, wir seien wie ein Dachs, der einen Ochsen in einem Stück zu verschlingen sucht. Mir scheint, jetzt Ihr habt Euch darauf verlegt, es selber zu versuchen. Wenn es jemals einen Dachs gab, der im Stande wäre, einen Ochsen in einem Stück zu verschlingen, dann Ihr, Mutter Konfessor; aber vermutlich wollten wir nicht, dass Ihr es versucht, ohne dass wir Euch dabei helfen.«

In diesem Augenblick drehten sie sich um und sahen, wie General Meiffert einigen seiner Leute Anweisungen gab. Sie trugen Prinz Harolds schlaffen Leichnam, ihn an Schultern und Füßen haltend, aus der Hütte; seine Hände schleiften im Schnee.

»Ich hatte schon damit gerechnet, dass dies kein gutes Ende nehmen würde«, meinte der junge Captain. »Seit Cyrilla verwundet wurde, scheint Prinz Harold einfach nicht mehr er selbst gewesen zu sein. Ich war dem Mann stets sehr zugetan; es war schmerzlich für mich, ihm abtrünnig zu werden. Aber was er tat und sagte, hatte einfach weder Hand noch Fuß.«

Kahlan legte ihm eine tröstende Hand auf die Schulter, während sie beobachteten, wie die Leiche abtransportiert wurde. »Es tut mir Leid, Bradley. Genau wie Ihr, so hatte auch ich stets eine hohe Meinung von ihm. Wahrscheinlich hat es ihn um den Verstand gebracht, mitansehen zu müssen, wie seine Schwester und Königin solange in den Klauen dieser Krankheit gefangen war. Versucht ihn in guter Erinnerung zu behalten.«

»Das werde ich, Mutter Konfessor.«

Kahlan wechselte das Thema. »Ich werde einen Eurer Männer brauchen, um Cyrilla eine Nachricht zu überbringen. Ich hatte sie Harold mitgeben wollen, aber jetzt werden wohl wir einen Boten brauchen.«

»Ich werde mich darum kümmern, Mutter Konfessor.«

Erst jetzt wurde ihr bewusst, wie kalt es hier draußen war und dass sie keinen Umhang trug. Als der Captain sich entfernte, um seine Männer einquartieren zu lassen und einen Soldaten als Boten zu bestimmen, kehrte Kahlan in die Hütte zurück.

Cara war gerade damit beschäftigt, Holz nachzulegen; Verna und Adie waren gegangen. Warren war dabei, eine zusammengerollte Karte aus dem in der Ecke stehenden Korb mit Landkarten und Diagrammen auszuwählen.

Er wollte schon gehen, als Kahlan ihn am Arm festhielt. Sie schaute dem Zauberer in seine blauen Augen und erinnerte sich daran, dass sie sehr viel älter waren, als es den Anschein hatte. Richard war nicht müde geworden, Warren als einen der klügsten Menschen zu bezeichnen, denen er je begegnet war. Im Übrigen lag Warrens eigentliche Begabung angeblich auf dem Gebiet der Prophezeiungen.

»Werden wir alle in diesem wahnsinnigen Krieg umkommen, Warren?«

Ein ebenso verlegenes wie schelmisches Grinsen milderte seine Züge. »Ich dachte, Ihr glaubt nicht an Prophezeiungen, Kahlan.«

Sie ließ seinen Arm los. »Das tue ich wohl auch nicht. Nichts für ungut. «

Cara, die noch etwas Feuerholz suchen wollte, folgte Warren nach draußen. Sich vor dem Kamin aufwärmend, betrachtete Kahlan die auf dem Sims stehende Figur der Seele . Zedd legte ihr tröstend eine Hand auf die Schulter.

»Was du gerade zu Harold über den Gebrauch des Verstandes, über die Vernunft gesagt hast, war sehr klug, Kahlan. Du hattest Recht.«

Sie strich mit den Fingern über das schmeichelnd weiche Walnussholzgewand von Seele . »Das waren auch Richards Worte, als er mir erklärte, er sei sich endlich darüber klar geworden, was er tun müsse. Damals meinte er, der einzige Souverän, dem er sich jemals unterwerfen würde, sei die Vernunft.«

»Das hat Richard gesagt? Genau das waren seine Worte?«

Kahlan nickte, den Blick noch immer auf Seele gerichtet. »Er erklärte mir, das erste Gesetz der Vernunft besagt: was existiert, existiert; was ist, ist, und auf dieses nicht weiter reduzierbare, unumstößliche Prinzip gründe sich alles Wissen. Er meinte, das sei die Grundlage, von der aus sich einem das Leben erschließt.

Das Denken, erklärte er, biete einem die Möglichkeit, Entscheidungen zu treffen; Wünsche und Launen seien weder Tatsachen noch ein Weg, diesen auf die Spur zu kommen. Vermutlich hat Harold soeben den Beweis geliefert, wie Recht er damit hatte. Richard sagte, Vernunft sei unsere einzige Möglichkeit, die Wirklichkeit zu erfassen – und damit unser wichtigstes Mittel im Überlebenskampf. Zwar steht es uns frei, uns die Mühe des Denkens zu ersparen – und die Vernunft abzulehnen –, doch entgehen wir damit keineswegs der Strafe jenes Abgrunds, den zu sehen wir uns weigern.«

Sie lauschte auf das Knacken des Feuers zu ihren Füßen, während sie den Blick über die Linien der Figur wandern ließ, die er für sie geschnitzt hatte. Als sie von Zedd nichts hörte, sah sie über ihre Schulter. Er starrte unverwandt in die Flammen, während eine Träne über seine Wange rollte.

»Was ist denn nur, Zedd?«

»Der Junge ist ganz von allein darauf gekommen.« Aus der Stimme des alten Zauberers sprach die unglückliche Mischung von Verlorenheit und stillem Stolz. »Er hat es begriffen und vollkommen richtig gedeutet, und obendrein hat er es ganz von allein erkannt, indem er es angewendet hat.«

»Was denn erkannt?«

»Das wichtigste Gesetz, das es gibt, das Sechste Gebot des Zauberers; der einzige Souverän, dem man sich unterwerfen darf, ist die Vernunft.«

Spiegelungen des Feuerscheins tanzten in seinen haselbraunen Augen. »Das Sechste Gebot ist der Dreh- und Angelpunkt, um den alle anderen Gebote kreisen. Es ist nicht nur das wichtigste aller Gebote, sondern auch das einfachste; nichtsdestoweniger ist es dasjenige, das am häufigsten missachtet und verletzt und bei weitem am häufigsten verschmäht wird. Man muss ihm, dem unablässigen Protestgeschrei der Gottlosen zum Trotz, unbedingt Geltung verschaffen.

In den Schatten seines strahlenden Lichts, wo Halbwahrheiten gläubige Anhänger, tief empfindende Gläubige und selbstlose Jünger in die Falle locken, lauern Elend, Ungerechtigkeit und völliges Verderben.

Glaube und Gefühle sind das gefährlich lockende Wesen des Bösen. Anders als Vernunft setzen Glauben und Gefühle der Selbsttäuschung und Launenhaftigkeit keine Grenzen. Sie sind ein bösartiges, ansteckendes Gift, das einem für jede jemals ersonnene Verdorbenheit die betäubende Illusion moralischer Rechtfertigung verschafft.

Glaube und Gefühl sind der Schatten des strahlend hellen Lichts der Vernunft. Vernunft ist das Wesen der Wahrheit, die ganze Herrlichkeit des Lebens lässt sich nur durch Vernunft erfassen, durch dieses Gebot. Setzt man sich darüber hinweg, indem man die Vernunft verschmäht, schließt man den Tod in seine Arme.«

Am nächsten Morgen hatte sich ungefähr die Hälfte der galeanischen Streitmacht abgesetzt und war, wie von Prinz Harold vor seinem Tod angeordnet, in ihre Heimat und zu ihrer Königin zurückgekehrt. Die Übrigen, wie Captain Ryan und seine jungen Soldaten, hielten dem d’Haranischen Reich die Treue.

Lieutenant Leiden sowie seine gesamte Streitmacht aus keltonischen Truppen waren mit Tagesanbruch ebenfalls abgezogen. Er hinterließ Kahlan ein Schreiben, in dem er erklärte, nach der Entscheidung Galeas, mit dem d’Haranischen Reich zu brechen, sei auch er gezwungen umzukehren, um zum Schutze Keltons beizutragen, da das eigensüchtige Vorgehen der Galeaner zweifellos die Wahrscheinlichkeit erhöhe, dass die Imperiale Ordnung das Tal des Flusses Kern hinaufmarschieren und Kelton bedrohen werde. Er schrieb, er hoffe, die Mutter Konfessor werde einsehen, wie ernst die Gefahr für Kelton sei, und Verständnis dafür haben, dass es nicht seine Absicht sei, sie oder das d’Haranische Reich im Stich zu lassen, sondern lediglich sein Volk zu beschützen.

Kahlan war über den Abzug der Männer unterrichtet; General Meiffert und Warren hatten sie davon in Kenntnis gesetzt. Sie hatte damit gerechnet und ihn mit eigenen Augen verfolgt. Sie trug General Meiffert auf, sie ziehen zu lassen, so dies ihr Wunsch sei, denn ein Krieg im eigenen Lager konnte kein gutes Ende nehmen. Die Moral der zurückgebliebenen Männer erhielt dadurch Auftrieb, dass sie das Gefühl hatten, auf der richtigen Seite zu stehen und das Richtige zu tun.