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Verna half Warren aus seinem schweren, schneeverkrusteten Umhang und legte ihn neben dem Feuer auf den Boden, wo bereits Captain Ryan seine braune Jacke zum Trocknen ausgebreitet hatte.

»Allem Anschein nach«, fuhr Warren fort, »sind sehr viele – möglicherweise weitere sechzig- bis siebzigtausend Mann – nicht vollständig erblindet, sondern haben nur ein Auge, beziehungsweise einen Teil ihrer Sehkraft verloren. Die Imperiale Ordnung konnte sie schlecht zurücklassen, da sie noch gut genug sehen, um bei den Übrigen zu bleiben, aber was wichtiger ist, man hofft, dass diese Männer möglicherweise wieder genesen und ihr Augenlicht vollständig zurückerlangen – und damit ihre Kampftauglichkeit.«

»Das ist nicht sehr wahrscheinlich«, warf Verna ein.

»Ich glaube das auch nicht«, sagte Warren, »aber das denken sie jedenfalls. Eine weitere beträchtliche Zahl, vielleicht fünfundzwanzig bis dreißigtausend Mann, sind erkrankt – ihre Augen und Nasen sind gerötet und stark entzündet.«

Verna nickte. »Eine typische Auswirkung des Glases.«

»Einige andere, vielleicht ungefähr die Hälfte dieser Zahl, klagt über Atembeschwerden.«

»Das ergibt dann«, meinte Kahlan, »zusammen mit den Getöteten und den so schwer Verletzten, die nicht mehr wirkungsvoll als Kämpfer eingesetzt werden können, nahezu einhundertfünfzigtausend Mann, die durch den Glasstaub aus dem Weg geräumt wurden. Eine ganz ordentliche Leistung, Verna.«

Verna schien ebenso zufrieden wie Kahlan. »Dann hat sich der Ritt, der mich beinahe vor Angst um den Verstand gebracht hat, ja gelohnt. Wärt Ihr nicht auf die Idee gekommen, es auf diese Weise zu versuchen, es hätte niemals funktioniert.«

»Und wobei wart Ihr erfolgreich, Captain?«, fragte Cara, während sie vortrat und sich hinter Kahlan stellte.

»Captain Zimmer und ich hatten genau den Erfolg, den wir uns erhofft hatten. Ich schätze, in der Zeit, die wir dort unten waren, haben wir annähernd zehntausend Mann ausgeschaltet.«

Zedd ließ ein leises Pfeifen vernehmen. »Das müssen aber ziemlich heftige Kämpfe gewesen sein.«

»Eigentlich nicht. Nicht, wie die Mutter Konfessor es uns beigebracht hat, und auch nicht, wie Captain Zimmer arbeitet. Meist schalten wir den Feind so wirkungsvoll wie möglich aus und versuchen gar nicht erst in die Verlegenheit zu kommen, kämpfen zu müssen. Wenn Ihr einem Mann im Schlaf die Kehle aufschlitzt, erreicht Ihr sehr viel mehr, und die Wahrscheinlichkeit, dabei verletzt zu werden, ist geringer.«

Kahlan lächelte. »Es freut mich, dass Ihr ein so gelehriger Schüler wart.«

Captain Ryan deutete mit dem Daumen auf Warren. »Der Zauberer und die Schwestern haben uns sehr geholfen, die erforderlichen Stellungen unbemerkt zu erreichen. Gibt es schon Neuigkeiten von den wollenen Umhängen? Die könnten wir wirklich gebrauchen. Eins kann ich Euch mit Bestimmtheit sagen, mit ihrer Hilfe hätten wir weit mehr ausrichten können.«

»Gerade vorgestern haben wir unsere erste Lieferung erhalten«, erklärte Kahlan ihm. »Mehr als genug für Eure und Captain Zimmers Männer; in ein paar Tagen werden wir noch mehr bekommen.«

Captain Ryan rieb sich die Hände, um sie zu wärmen. »Captain Zimmer wird sich freuen.«

Zedd deutete nach Süden. »Konntet Ihr in Erfahrung bringen, warum sie sich so weit aus dem bereits eroberten Gebiet zurückgezogen haben?«

Warren nickte. »Von den Männern, die wir verhört haben, erfuhren wir, dass in ihrem Feldlager ein Fieber ausgebrochen ist. Das hat nichts mit uns zu tun; es handelt sich einfach um das übliche Fieber, zu dem es unter den beengten Verhältnissen in einem Feldlager häufiger kommt. Sie haben sich zurückgezogen, um ein wenig auf Distanz zu gehen und etwas Raum zum Atmen zu bekommen. Und sie sind keineswegs besorgt, uns nicht vertreiben zu können, wann immer sie dies wollen.«

Das klang logisch. Angesichts ihrer gewaltigen Zahl war es nur natürlich, dass sie bis hin zur Arroganz überzeugt waren, jedweden Widerstand brechen zu können. Kahlan konnte nicht verstehen, warum Warren und Captain Ryan so entmutigt wirkten, spürte aber, dass trotz all der guten Nachrichten etwas nicht in Ordnung war.

»Gütige Seelen«, versuchte Kahlan sie ein wenig aufzumuntern. »Ihre gewaltige Zahl schmilzt wie Schnee rings um ein Lagerfeuer. Das klingt besser als…«

Warren hob eine Hand. »Ich bat Hayes hier, mitzukommen und Euch aus erster Hand Bericht zu erstatten. Ich denke, Ihr lasst ihn besser ausreden.«

Kahlan bedeutete dem Mann, vorzutreten. Forsch trat er an ihren Tisch und nahm zackig Haltung an.

»Lasst hören, was Ihr zu berichten habt, Corporal Hayes.«

Sein Gesicht war kreidebleich, und trotz der Kälte schwitzte er.

»Mutter Konfessor, mein Kundschaftertrupp stand unten im Südwesten, beobachtete die aus der Wildnis herführenden Straßen für den Fall, dass die Imperiale Ordnung versuchen sollte, uns in weitem Bogen zu umgehen. Um es kurz zu machen, wir haben eine Kolonne erspäht, die sich auf dem Weg nach Westen befand, um die Ordenstruppen zu verstärken und mit Vorräten zu versorgen.«

»Ihre Armee ist riesig«, erwiderte Kahlan. »Es ist ganz natürlich, dass sie Nachschub aus ihrer Heimat kommen lassen, um ihre Kriegsbeute zu ergänzen. Und eine Nachschubkolonne würde gewiss auch von einem Geleittrupp gesichert werden.«

»Ich blieb ihnen eine Woche lang auf den Fersen, um ihre korrekte Zahl zu ermitteln.«

»Wie viele waren es?«, fragte Kahlan.

»Weit über eine Viertelmillion Mann, Mutter Konfessor.«

Kahlans Haut prickelte, als ob eisige Nadeln darüber tanzten.

»Wie viele?«, fragte Verna.

»Wenigstens Zweihundertfünfzigtausend Mann unter Waffen, dazu Fahrer, sowie Zivilisten mit Vorräten.«

Alles, worauf sie hingearbeitet hatten, all die Opfer, all die Mühen, um die Imperiale Ordnung zu dezimieren, waren mit einem Schlag zunichte gemacht worden. Mehr als zunichte gemacht worden, denn die feindlichen Truppen waren nahezu noch einmal um dieselbe Zahl an Männern angewachsen.

»Gütige Seelen«, sagte Kahlan leise, »Wie viele Männer kann die Imperiale Ordnung denn noch gegen uns ins Feld führen?«

Als sie Warrens Blick begegnete, wusste sie, dass selbst diese Zahl für ihn alles andere als eine Überraschung war.

Warren deutete auf den Kundschafter. »Hayes hat nur die erste Gruppe zu Gesicht bekommen. Die Männer, die wir gefangen nehmen konnten, haben uns von den Verstärkungen berichtet. Erst waren wir nicht sicher, ob sie uns die Wahrheit erzählen – wir dachten, sie wollten uns vielleicht Angst einjagen –, aber dann stießen wir auf Corporal Hayes, der sich gerade auf dem Rückweg befand, und führten noch ein paar Verhöre und Erkundungsgänge durch – weshalb sich unsere Rückkehr auch verspätet hat.«

»Eine weitere Viertelmillion…« Kahlan ließ den Satz unbeendet. Alles erschien ihr so hoffnungslos.

Warren räusperte sich. »Das ist nur die erste Kolonne frischer Truppen; weitere sind bereits unterwegs.«

Kahlan ging zum Kamin, wärmte sich die Hände und starrte in die Flammen. Sie stand genau unter der kleinen Figur, die Richard zu ihrer Aufmunterung geschnitzt hatte. Wie gerne hätte sich Kahlan in diesem Augenblick an das Gefühl trotzigen Widerstands erinnert, für das Seele stand. Ihr war, als bliebe ihr als einziger Ausweg nur der Tod.

Die Nachricht von den Verstärkungen für die Imperiale Ordnung und vom Abzug der Galeaner und Keltonier breitete sich in Windeseile im gesamten Lager aus. Kahlan, Zedd, Warren, Verna, Adie, General Meiffert sowie all die anderen Offiziere verschwiegen den Männern nichts. Diese Männer riskierten Tag für Tag ihr Leben und hatten ein Recht darauf, die Wahrheit zu erfahren. Wenn Kahlan durch das Lager ging und ein Soldat mutig genug war, sie darauf anzusprechen, erklärte sie ihm alles, was sie wusste. Obwohl sie zugleich versuchte, ihnen Selbstvertrauen einzuflößen, log sie sie niemals an.