Die Männer kämpften schon so lange, dass Angst für sie ein Fremdwort war. Die gedrückte Stimmung wurde zu einem fast mit den Händen greifbaren Leichentuch, unter dem jede Spur von Leben zu ersticken drohte. Wie benommen gingen sie ihrer Arbeit nach, nahmen ihr Schicksal hin, das jetzt besiegelt schien, und fügten sich ins Unvermeidliche. Die Neue Welt bot ihnen keinen Schutz, keinen sicheren Ort, nichts, wo sie sich vor der uneingeschränkten Bedrohung der Imperialen Ordnung noch hätten verstecken können.
Kahlan zeigte den Soldaten ein entschlossenes Gesicht, sie hatte keine andere Wahl. Captain Ryan und seine Männer hatten eine ähnlich verzweifelte Lage schon einmal durchgestanden und waren über die Neuigkeiten weniger beunruhigt. Sterben konnten sie nicht mehr, denn sie waren schon lange tot. Die jungen Galeaner hatten, gemeinsam mit Kahlan, einen Todesschwur geleistet, und konnten erst wieder zum Leben erweckt werden, wenn die Imperiale Ordnung endgültig vernichtet war.
Nichts von alldem war für Captain Zimmer und seine Männer von übermäßiger Bedeutung. Sie wussten, was zu tun war, und ließen sich durch nichts davon abbringen. Mittlerweile war jeder von ihnen im Besitz mehrerer Ohrenketten; bei jeweils einhundert fingen sie eine neue an. Es war für sie eine Frage der Ehre, nur das jeweils rechte Ohr zu behalten, sodass keine zwei Ohren vom selben Opfer stammten.
Der Abgesandte Theriault aus Herjborgue hielt Wort. Die benötigten Wollumhänge, Mützen und Handschuhe trafen in wöchentlichen Abständen ein und halfen den Männern, sich zu tarnen, die sich regelmäßig auf einen Einsatz begaben, um die Imperiale Ordnung zu attackieren, solange das Wetter für sie günstig war. Da viele im Lager des Ordens von der Krankheit geschwächt und zahlreiche Feinde sehbehindert waren, erwiesen sich diese Einsätze als außerordentlich erfolgreich. Darüber hinaus wurden in Tarnumhänge gehüllte Truppen ausgesandt, um sich auf die Lauer zu legen und jedweden Nachschubzug abzufangen, in der Hoffnung, die Verstärkungen auf diese Weise niederzukämpfen, bevor sie zur Hauptstreitmacht des Feindes stoßen konnten.
Nichtsdestoweniger waren diese Attacken für die Imperiale Ordnung kaum mehr als eine lästige Störung.
Nach einer Zusammenkunft mit einem soeben zurückgekehrten Trupp traf Kahlan Zedd allein in der Hütte an, als er gerade die letzten in die Karten eingetragenen Informationen durchging.
»Wir hatten Glück«, meinte sie, als er den Kopf hob und ihr beim Ablegen ihres Pelzüberwurfs zusah. »Die Männer, die gerade zurückgekommen sind, haben nur geringe Verluste erlitten, außerdem ist es ihnen gelungen, einen größeren Trupp zu stellen, der gerade auf Patrouille war. Sie konnten ihnen den Weg abschneiden und sie allesamt erledigen, darunter auch eine von Jagangs Schwestern.«
»Warum dann das lange Gesicht?«
Kahlan konnte bloß in einer hilflosen Geste der Sinnlosigkeit die Hände heben.
»Du solltest dich nicht so entmutigen lassen«, riet Zedd ihr. »Verzweiflung ist oft die Dienerin des Krieges. Ich kann dir gar nicht sagen, wie lange das jetzt her ist, als ich noch ein kleiner Junge war, und jeder, der in diesem Krieg damals ums nackte Überleben kämpfte, überzeugt war, es sei nur eine Frage der Zeit, bis man uns vernichtend schlagen würde. Wir hielten durch und siegten.«
»Das weiß ich doch, Zedd, ich weiß.« Kahlan rieb sich die Kälte aus den Händen. Fast war es ihr zuwider, es auszusprechen, schließlich tat sie es aber doch. »Richard ist nicht gekommen, um die Führung der Armee zu übernehmen, weil er meinte, dass wir nach dem gegenwärtigen Stand der Dinge unmöglich gewinnen könnten. Ob wir gegen die Imperiale Ordnung kämpfen oder nicht, ihr Schatten wird sich über die Welt legen, und wenn wir kämpfen, hätte das nur noch mehr Tote zur Folge – unsere Seite würde vernichtend geschlagen werden, die Imperiale Ordnung würde trotzdem die Welt beherrschen, und jede Chance, in Zukunft zu obsiegen, wäre verspielt.«
Zedd betrachtete sie aus einem Auge. »Was tust du dann hier?«
»Richard war überzeugt, dass wir nicht gewinnen können, nur kann ich mich nicht recht überwinden, das zu glauben. Lieber würde ich im Kampf um die Freiheit, die Freiheit meines Volkes, sterben, als das Dasein eines Sklaven zu fristen. Andererseits bin ich mir darüber im Klaren, dass ich mich damit Richards Wünschen, seinem Rat und seinen Befehlen widersetze. Ich habe ihm mein Wort gegeben … mir ist, als ob ich mich durch den Treibsand des Verrats kämpfe und jeden mitreiße.«
Sie suchte in seinem Gesicht nach einem Zeichen, dass Richard sich getäuscht haben könnte. »Du hast gesagt, er sei ganz von allein auf das Sechste Gebot des Zauberers gekommen – demzufolge wir unseren Verstand gebrauchen müssen, um die Wahrheit zu erkennen. Ich hatte mir Hoffnungen gemacht und dachte, er müsse sich über die Aussichtslosigkeit dieses Krieges täuschen, aber jetzt…«
Zedd lächelte bei sich, so als fände er Gefallen an etwas, das für sie ein einziges Grauen bedeutete.
»Dieser Krieg wird lange dauern; er ist alles andere als hoffnungslos und erst recht noch nicht entschieden. Das ist das Quälende an der Führerschaft in einem solchen Kampf – die Zweifel, die Ängste, die Gefühle der Hoffnungslosigkeit. Aber all das sind Gefühle – die nicht notwendigerweise den Tatsachen entsprechen. Jedenfalls noch nicht, denn wir haben noch viele Möglichkeiten der Einflussnahme.
Richards Äußerungen fußen auf dem Stand der Dinge zu dem Zeitpunkt, als er sie machte. Wer will behaupten, das Volk sei mittlerweile nicht bereit, sich ihm zu beweisen? Bereit zu beweisen, dass es gewillt ist, sich der Imperialen Ordnung zu widersetzen? Vielleicht ist das, was Richard brauchte, um sich auf diesen Kampf einlassen zu können, längst eingetroffen.«
»Aber ich weiß doch, wie sehr er mir davon abriet, diesen Kampf aufzunehmen. Er meinte, was er sagte. Trotzdem … ich besitze nicht Richards Kraft, die Kraft, mich einfach abzuwenden und den Dingen ihren Lauf zu lassen.« Kahlan deutete auf das Tintenfass auf dem Tisch. »Ich habe Briefe geschrieben, in denen ich darum bitte, uns zusätzliche Truppen zu schicken.«
Wieder lächelte er, so als wollte er sagen, dies sei ein weiterer Beweis dafür, dass man es schaffen könne.
»Es wird ununterbrochener Anstrengungen bedürfen, die Zahl der Feinde zu dezimieren. Ich glaube, wir haben der Imperialen Ordnung noch immer keinen wirklich ernsthaften Schlag versetzt, aber das werden wir noch tun. Die Schwestern und ich werden uns etwas einfallen lassen. In Angelegenheiten dieser Art weiß man nie; gut möglich, dass wir ganz plötzlich etwas tun, das sie bis in die Grundfesten erschüttert.«
Lächelnd strich Kahlan ihm über die Schulter. »Danke, Zedd. Ich bin so froh, dich bei uns zu haben.« Ihr Blick wanderte hinüber zu der kleinen Statue, die stolz über der Feuerstelle stand. Sie trat vor den Kaminsims wie vor einen Altar mit einer heiligen Schnitzfigur. »Gütige Seelen, wie vermisse ich ihn.«
Ihre Worte enthielten eine unausgesprochene Frage sowie die Hoffnung, er werde sie mit einem Einfall überraschen, wie man Richard zurückbekommen konnte.
»Ich weiß, Liebes. Ich vermisse ihn auch. Aber er lebt – das ist das Wichtigste.«
Kahlan vermochte nur zu nicken.
Zedd klatschte in die Hände, als sei er geradezu entzückt über einen fröhlichen Einfall. »Was wir im Augenblick mehr als alles andere brauchen, ist etwas, das uns alle eine Weile von den schwierigen Aufgaben ablenkt, die uns in nächster Zukunft erwarten. Etwas, das den Männern einen Anlass bietet, sich gemeinsam über etwas zu freuen; das würde ihnen besser tun als alles andere.«
Kahlan sah stirnrunzelnd über ihre Schulter. »Was denn, zum Beispiel? Meinst du eine Art Spiel oder etwas Ähnliches?«
Seine Züge waren vor lauter Nachdenken ganz verzerrt. »Ich weiß nicht, irgendetwas Fröhliches. Etwas, das ihnen vor Augen führt, dass uns die Imperiale Ordnung nicht daran hindern kann, unser Leben zu leben und uns unseres Lebens – und all dessen, um was es im Leben eigentlich geht – zu erfreuen.« Er fuhr mit dem Daumen über den ausgeprägten Schwung seines Kinns. »Irgendwelche Vorschläge?«