»Na ja, ich wüsste wirklich nicht…«
Genau in diesem Augenblick platzte Warren herein und vermeldete: »Soeben ist ein Bericht aus dem Druntal eingetroffen. Heute ist unser Glückstag – keinerlei Truppenbewegungen, wie wir erwartet hatten.«
Er blieb wie angewurzelt stehen, die Hand noch immer an der Türklinke, während sein Blick zwischen Zedd und Kahlan hin und her wanderte.
»Was ist denn los? Was geht hier vor? Wieso schaut Ihr mich so an?«
Verna schloss zu Warren auf und schob ihn ins Innere der Hütte. »Geh schon, so geh doch endlich hinein. Was ist bloß los mit dir? Es ist eiskalt hier draußen.«
Verärgert schnaubend schloss Verna selbst die Tür. Als sie sich umdrehte und Zedd und Kahlan erblickte, wich sie einen Schritt zurück.
»Verna, Warren«, meinte Zedd mit Honig in der Stimme, »tretet doch bitte ein.«
Verna runzelte argwöhnisch die Stirn. »Was heckt ihr zwei gerade aus, das Euch so amüsiert?«
»Nun«, sagte Zedd gedehnt mit einem Augenzwinkern zu Kahlan, »die Mutter Konfessor und ich sprachen gerade über das große Ereignis.«
Vernas Stirnrunzeln verfinsterte sich noch, als sie sich vorbeugte. »Welches große Ereignis? Mir ist nichts von einem großen Ereignis bekannt.«
Selbst Warren, dem dies eher fremd war, runzelte jetzt die Stirn. »Genau. Welches große Ereignis?«
»Eure Hochzeit«, erklärte Zedd.
Die finsteren Mienen von Verna und Warren waren im Nu verflogen, und ein überraschtes, albernes, strahlendes Grinsen kam über sie. »Wirklich?«, fragte Warren. »Wirklich«, entfuhr es Verna. »Ja, wirklich«, bestätigte Kahlan.
43
Die Vorbereitungen für die Hochzeit von Verna und Warren nahmen mehr als zwei Wochen in Anspruch. Nicht, dass man es nicht hätte schneller bewerkstelligen können, vielmehr wollte Zedd, wie er Kahlan erklärt hatte, »die ganze Geschichte ein wenig in die Länge ziehen«. Er wollte jedem ausgiebig Zeit lassen, sich seine Gedanken zu machen und einen prunkvollen Rahmen zu überlegen; Zeit, die Dinge zu organisieren, Dekorationen herzustellen und besondere Speisen zuzubereiten, einen Zeitraum, in dem alle in der freudig angespannten Erwartung des großen Festes sich die Muße nehmen konnten, ausgiebig darüber zu tratschen.
Die Soldaten, anfangs bestenfalls erfreut, ließen sich schon bald vom Schwung des Ereignisses mitreißen, das sich zu einem gigantischen, unterhaltsamen Zeitvertreib entwickelte.
Warren war allseits beliebt, die Sorte Mann, der jedem ein wenig Leid tat, und der Beschützerinstinkte weckte – der etwas linkische, schüchterne Typ. Die meisten hatten nicht die geringste Ahnung von den meisten Dingen, über die er sich unablässig ausließ. Man hielt ihn einfach nicht für den Typ Mann, dem es je gelingen würde, eine Frau zu finden. Dass er es, in ihren Augen ganz offenkundig gegen jede Wahrscheinlichkeit, dennoch geschafft hatte, machte die Männer insgeheim stolz darauf, dass er zu ihnen gehörte – und geschafft hatte er es zweifellos: er hatte das Herz einer Frau gewonnen. Das gab den Soldaten die Hoffnung, eines Tages selbst zu heiraten, also eine Frau zu finden und eine Familie zu gründen; auch wenn sie befürchteten, oft selber linkisch und schüchtern zu sein.
Nicht einmal aus ihrer Freude für Verna machten die Männer ein Hehl. Sie respektierten sie zwar, hatten sich aber nie recht für sie erwärmen können. Ihre unverhohlenen Glückwünsche brachten sie ganz aus der Fassung.
Das gesamte Feldlager ließ sich von der vorfestlichen Stimmung mitreißen, sogar noch mehr, als Kahlan gehofft hatte. Nach anfänglichem kurzem Zögern, während es ihnen zu Bewusstsein kam, ließen sich die Männer, die nicht nur der Kampf gegen diese große Übermacht, der Verlust ihrer Freunde, der endlos lange Aufenthalt im Feld fernab ihres Heims und ihrer Lieben erschöpft hatte, sondern auch die rauen, schwierigen und trostlosen Witterungsbedingungen, voller Begeisterung auf diese Ablenkung ein.
Man räumte einen großen zentralen Platz frei – Zelte wurden umgesetzt und die Fläche bis auf den nackten Erdboden vom Schnee befreit. An der Stirnseite der freigeräumten Fläche wurde eine über im Boden fest verankerte Vorratskarren gelegte Plattform errichtet, auf der die eigentliche Vermählung stattfinden sollte. Die Plattform war nötig, damit die Männer die Zeremonie besser verfolgen konnten. Seitlich richtete man eine Tanzfläche ein, und wer von den Männern ein Musikinstrument besaß und keinen Dienst hatte, verbrachte Tag und Nacht mit Üben. Ein Chor wurde gebildet, der sich in eine abgelegene Schlucht zurückzog, um zu proben. Wohin Kahlan auch kam, vernahm sie Pfeifen und Trommeln, die durchdringenden Klänge einer Schalmei oder die melodischen Akkorde von Saiteninstrumenten. Das ging so weit, dass Soldaten einen falsch gespielten Ton mehr fürchteten als die Truppen der Imperialen Ordnung.
Da mehr als einhundert Schwestern zur Verfügung standen, kam der Vorschlag auf, man könnte nach der Trauungszeremonie doch einen Tanz abhalten. Die Schwestern waren von der Idee ganz angetan, bis sie anfingen nachzurechnen und ihnen klar wurde, wie viele Männer auf eine Frau kamen und wie oft sie würden tanzen müssen. Dennoch versetzte die Aussicht, bei einer Tanzveranstaltung mit Aufmerksamkeit überhäuft zu werden, sie in eine überaus wohlige Erregung, und sie erklärten sich einverstanden. Frauen im Alter von mehreren hundert Jahren erröteten wieder wie junge Mädchen, als sie von knapp oder gut zwanzigjährigen Männern um das Versprechen gebeten wurden, mit ihnen beim Hochzeitstanz eine Runde zu drehen.
Als die Hochzeit näher rückte, legten die Männer eine Art Straßennetz an, das auf gewundenem Kurs durch das Lager führte, damit die Hochzeitsgesellschaft nach der Trauung durch das gesamte Feldlager defilieren konnte. Jeder wollte Gelegenheit erhalten, das frischvermählte Paar zu begrüßen und ihm Glück zu wünschen.
Kahlan hatte die Idee, dass Warren und Verna nach ihrer Trauung die Hütte bekommen sollten. Es sollte ihr Hochzeitsgeschenk an sie sein, daher behielt sie es so gut es ging für sich. Kahlan wies Cara an, zur allgemeinen Täuschung ein wenig abseits ein Zelt für das frischvermählte Paar errichten zu lassen. Cara räumte Vernas Sachen in das Zelt, das sie mit Kräutern und gefrorenen Zweigen voller wilder Beeren ein wenig ausschmückte. Das Täuschungsmanöver gelang; Verna glaubte, das Zelt sei für Warren und sie bestimmt, und weigerte sich, ihn hineinzulassen, bevor sie getraut waren.
Der Tag der Hochzeit dämmerte unter einem strahlend blauen Himmel herauf und war nicht so kalt, dass man befürchtete musste, sich Frostbeulen zu holen. Der frisch gefallene Schnee des Vortags war rasch vom zentralen Platz fortgeräumt, sodass die Festlichkeiten stattfinden konnten, ohne dass die Schwestern beim Tanzen Schnee in ihre Stiefel bekamen. Einige der Schwestern kamen aus ihren Zelten hervor, um die Tanzfläche in Augenschein zu nehmen, und schlenderten umher, um den Männern Gelegenheit zu geben, sich anzusehen, mit wem sie – mit ein bisschen Glück – vielleicht das Tanzbein würden schwingen können. Dies alles geschah mit viel Humor und bei bester Stimmung.
Während Verna den frühen Nachmittag in ihrem Zelt damit verbrachte, sich artig unter großem Getue das Haar frisieren und ihr Hochzeitskleid von einer ganzen Schar von Schwestern richten zu lassen, konnte Kahlan endlich mit der gebotenen Heimlichkeit die Hütte schmücken. Drinnen befestigte sie federleichte, duftende Balsamzweige an einer Schnur, die sie in Girlanden am oberen Rand sämtlicher Wände befestigte. Sie flocht rote Beeren – da sonst nichts zu bekommen war – in die Zweige, um ihnen ein wenig Farbe zu verleihen.
Eine der Schwestern hatte Kahlan ein Stück einfarbigen, gewebten Stoffes geschenkt, aus dem Kahlan einen Vorhang für das Fenster genäht hatte. Sie hatte daran gearbeitet, wenn sie sich abends auf ihre Hütte zurückzog, und es mit Mustern bestickt, um dem schlichten Stoff einen Hauch von Spitze zu verleihen. Unter ihrem Bett bewahrte sie ihn auf, damit Warren und Verna, wenn sie in die Hütte kamen, um Schlachtfeldstrategien durchzugehen, nichts davon bemerkten. Endlich konnte Kahlan die Duftkerzen, die ihr verschiedene Schwestern zum Geschenk gemacht hatten, im ganzen Raum verteilen und schließlich auch den Vorhang auf einem geraden, von seiner Rinde befreiten Ast aufhängen.