Als Verna und Warren, beide über das ganze Gesicht strahlend, sich voneinander lösten, geriet die Menge vor Begeisterung außer sich. Jubelschreie wurden laut, Kopfbedeckungen in die Luft geschleudert.
Nachdem sie sich zu den Soldaten herumgedreht hatten, fassten sich Verna und Warren, noch immer strahlend, bei den Händen und winkten ihnen mit ihrem freien Arm zu. Die Soldaten jubelten, applaudierten und pfiffen, als wäre es ihre eigene Schwester oder ihr bester Freund, der soeben geheiratet hatte.
Dann schwollen die Stimmen des Chors zu einem lang anhaltenden Ton an, der im gesamten Wald ringsum widerhallte. Das Berückende seines Klangs jagte Kahlan einen Schauer über den Rücken der Ton ließ überdies das gesamte Tal in Ehrfurcht verstummen.
Cara beugte sich ganz nahe zu Kahlan hin und erzählte erstaunt flüsternd, der Chor singe ein uraltes d’Haranisches Lied zur Trauungszeremonie, dessen Ursprung tausende von Jahren zurückreiche. Da die Männer sich zurückgezogen hatten, um völlig ungestört zu proben, hatte Kahlan es vor der Hochzeit noch nie gehört. Es war von einer solchen Kraft, dass das Auf und Ab der vereinten Stimmen sie völlig überwältigte. Verna und Warren standen, gleichermaßen ergriffen von dem schmerzlich schönen Lied zu ihrer Verbindung, am Rand der Plattform.
Flöten fielen ein, und schließlich Trommeln. Die Soldaten, größtenteils D’Haraner, lauschten der ihnen allen vertrauten Musik mit einem Lächeln im Gesicht. In diesem Augenblick kam es Kahlan in den Sinn, dass sie, die D’Hara solange als Feindesland betrachtet hatte, sich niemals wirklich hatte vorstellen können, dass D’Haraner eine Tradition besaßen, die bedeutend, anrührend oder gar liebenswert sein konnte.
Kahlan sah zu der neben ihr stehenden Cara hinüber, die entrückt lächelnd der Musik lauschte. Es gab ein ganzes Land mit Namen D’Hara, das Kahlan in weiten Teilen ein Rätsel war; sie hatte nur seine Soldaten kennen gelernt. Von ihren Frauen wusste sie – bis auf die Mord-Sith, die kaum als typisch gelten konnten – nichts, ebensowenig wie von ihren Kindern, Häusern oder Sitten. Sie hatte es sich zur Gewohnheit gemacht zu glauben, sie seien endlich alle vereint, doch jetzt wurde ihr bewusst, dass dies ein ihr unbekanntes Volk war, ein Volk mit ganz eigener Vergangenheit und Tradition.
»Es ist wunderschön«, raunte Kahlan Cara zu.
Cara nickte verzückt, mitgerissen von den Klängen einer Musik, die für sie eine alte Bekannte war, für Kahlan dagegen ein Wunder an Exotik.
Als der Chor sich dem Ende seiner Huldigung des frisch vermählten Paares näherte, langte Verna hinter sich und drückte Kahlans Hand. Es sollte eine Art Entschuldigung bedeuten – ein Eingeständnis, wie schwierig diese Zeremonie für Kahlan sein musste.
Kahlan weigerte sich, dieses freudige Ereignis von ihrem Schmerz überschatten zu lassen, und erwiderte Vernas kurzen Blick mit einem strahlenden Lächeln. Sie trat vor und legte, hinter Verna und Warren stehend, um jeden von ihnen einen Arm. Das Getöse der Menge verklang, damit Kahlan das Wort ergreifen konnte.
»Diese beiden Menschen sind füreinander bestimmt und waren es vielleicht schon immer. Jetzt sollen sie es sein für alle Zeiten. Mögen die Gütigen Seelen stets mit ihnen sein.«
Wie aus einem Mund sprach die gesamte Menge das Gebet nach.
»Ich möchte Verna und Warren von ganzem Herzen dafür danken«, sagte Kahlan, den Blick auf die zehntausende von Gesichtern gerichtet, die ihr entgegenblickten, »dass sie uns daran erinnert haben, worum es im Leben wirklich geht. Es gibt keinen überzeugenderen Beweis für die einfache und doch so tiefe Bedeutung unseres Anliegens als diese Hochzeit am heutigen Tag.«
Soweit ihre Augen reichten, sah sie ein Meer zustimmend nickender Köpfe.
»Und nun«, rief Kahlan in die Menge, »wer möchte sehen, wie die beiden den Tanz eröffnen?«
Unter dem Jubel und Gejohle der Männer teilte sich die Menge, um den zentralen Platz in der Mitte freizugeben.
Kahlan legte Zedd einen Arm um die Schultern und gab ihm einen Kuss auf die Wange.
»Das war der beste Einfall, den du jemals hattest, Zauberer.«
Er schaute sie aus seinen haselbraunen Augen an, die bis auf den Grund der Seele zu blicken schienen.
»Geht es dir gut, Liebes? Ich weiß, wie schwer das für dich sein muss.«
Kahlan nickte, ihr Lächeln entschlossen beibehaltend.
»Mir geht es gut, bloß für dich muss es doppelt schwer sein.«
Unerwartet übermannte ihn ein Lächeln. »Da hast du es wieder, Mutter Konfessor. Immer zerbrichst du dir den Kopf für andere.«
Kahlan schaute zu, wie Verna und Warren lachend und leichtfüßig Arm in Arm über die freigeräumte, von applaudierenden Soldaten umringte Fläche tanzten.
»Wenn die beiden fertig sind«, sagte Kahlan, »und du Adie deinen ersten Tanz geschenkt hast, würdest du dann mit mir tanzen und sozusagen für ihn einspringen? Ich bin sicher, er würde das wollen.«
Kahlan brachte es nicht über sich, in diesem Moment seinen Namen auszusprechen, sonst wäre der Bann des freudigen Ereignisses gebrochen worden.
Zedd zog in gespieltem Entzücken eine Braue hoch. »Wie kommst du darauf, ich könnte tanzen?«
Kahlan lachte. »Weil es nichts gibt, was du nicht kannst.«
»Ich könnte eine Menge Dinge nennen, die dieser knochendürre alte Mann nicht kann«, meinte Adie lächelnd, als sie sich ihm von hinten heranschlurfend näherte.
Als der Tanz vorüber war und andere sich hinzugesellten, während das frischvermählte Paar zum zweiten Tanz ansetzte, traten Zedd und Adie hinaus in das Rund, um selbst ein Tänzchen zu riskieren und es den jungen Leuten vorzumachen. Kahlan stand, Cara unmittelbar neben sich, am Rand des Kreises, während General Meiffert sich lachend einen Weg zu ihnen bahnte, Männern die Hände schüttelnd, anderen auf die Schultern klopfend.
»Mutter Konfessor!« Das Gedrängel der Menge schob ihn unmittelbar bis vor sie hin. »Mutter Konfessor, ist das nicht ein wundervoller Tag? Habt Ihr jemals so etwas erlebt?«
Kahlan konnte nicht anders, sie musste angesichts seiner überschäumenden Begeisterung lächeln. »Nein, General Meiffert, ich glaube nicht.«
Er sah kurz zu Cara hinüber. Einen Augenblick lang blieb er verlegen stehen, dann drehte er sich herum, um den Tanzenden zuzuschauen. So gut die Männer sie mittlerweile kannten, sie war immer noch eine Konfessor – eine Frau, deren Nähe – und erst recht Berührung – den Menschen Angst einflößte. Es war alles andere als wahrscheinlich, dass jemand sie zum Tanz aufforderte.
Sie oder eine Mord-Sith.
»General?«, fragte Kahlan, ihm von hinten auf die Schulter tippend. »General, würdet Ihr mir einen persönlichen Gefallen tun?«
»Aber ja, selbstverständlich, Mutter Konfessor«, stammelte er. »Was immer Ihr verlangt. Was kann ich für Euch tun?«
Kahlan deutete auf die Tanzfläche und auf die Soldaten und Schwestern, die sie umstanden. »Würdet Ihr bitte tanzen? Ich weiß, wir sollten auf der Hut sein, für den Fall, dass irgendein Unheil geschieht, aber ich glaube, den Männern würde es den wahrhaft heiteren Charakter dieses Festes vor Augen führen, wenn ihr General dort draußen einen Tanz riskierte.«
»Einen Tanz?«
»Ja, bitte.«
»Aber, ich – das heißt, ich weiß nicht recht, mit wem…«
»Ach, so hört doch auf, Euch herauszureden.« Kahlan drehte sich um, als hätte sie plötzlich eine Idee. »Cara. Möchtet Ihr nicht mit ihm dort draußen hingehen und tanzen, damit seine Männer sehen, dass es in Ordnung ist, sich anzuschließen?«
Caras blaue Augen wechselten zwischen Kahlan und dem General. »Na ja, ich wüsste nicht wieso…«
»Würdet Ihr es mir zuliebe tun? Bitte, Cara?« Kahlan drehte sich wieder zum General um. »Ich glaube, ich habe jemanden erwähnen hören, Euer Vorname sei Benjamin?«