Er kratzte sich verlegen an der Schläfe. »Das ist richtig, Mutter Konfessor.«
»Cara, Benjamin hier benötigt eine Tanzpartnerin. Wie wäre es mit Euch? Bitte. Mir zuliebe.«
Cara räusperte sich. »Also schön, von mir aus. Euch zuliebe, Mutter Konfessor.«
»Und brecht ihm nicht die Rippen. Wir brauchen ihn noch.«
Cara warf einen finsteren Blick über ihre Schulter, als ein strahlender Benjamin sie von dannen führte.
Kahlan verschränkte die Arme und sah schmunzelnd zu, wie der Mann Cara in die Arme schloss. Es war ein nahezu perfekter Tag. Nahezu.
Kahlan war noch damit beschäftigt, zuzusehen, wie Benjamin Cara elegant über die Tanzfläche wirbelte und andere Soldaten plötzlich schüchtern gewordene Schwestern aus den die Tanzfläche säumenden Zuschauerreihen zogen, als Captain Ryan sich zögernd näherte. Vor ihr angekommen, straffte er seinen Körper. »Mutter – Konfessor … äh, na ja, wir haben eine Menge zusammen durchgemacht, und wenn es Euch nicht zu dreist erscheint, dürfte ich Euch vielleicht zum … Ihr wisst schon, zum Tanz auffordern?«
Kahlan blinzelte den hochgewachsenen, jungen, breitschultrigen Galeaner überrascht an.
»Aber gern, Bradley, ich würde gerne mit Euch tanzen, sehr gerne sogar. Doch nur, wenn Ihr mir versprecht, mich nicht so anzufassen, als wäre ich aus Glas. Ich möchte mich dort draußen nicht blamieren.«
Er nickte grinsend. »Einverstanden.«
Sie legte eine Hand in seine und die andere auf seine Schulter. Er schob seine Hand unter ihren geöffneten Wolfspelzüberwurf, legte sie auf ihre Hüfte und tanzte mit ihr schwungvoll mitten unter die sich Amüsierenden. Kahlan ließ es, mal lächelnd und mal lachend, über sich ergehen. Erst als sie an Seele dachte und sich kraft ihres Willens auf deren Stärke besann, konnte sie das Fest als das nehmen, was es war, ohne ständig daran denken zu müssen, was ihr fehlte, während ein anderer sie, wenn auch schüchtern, in seinen Armen hielt.
»Ihr seid ein wunderbarer Tänzer, Bradley« Seine Augen leuchteten vor Stolz. Sie spürte, wie er lockerer wurde und die Musik immer geschmeidiger in seine Bewegungen einfließen ließ. Nicht weit entfernt erblickte Kahlan Cara und Benjamin, die es nach Kräften vermieden, sich beim Tanzen in die Augen zu sehen. Als er sie, den Arm fest um ihre Hüfte gelegt, um sich herumwirbelte, segelte Caras langer, blonder Zopf hinter ihr durch die Luft, und Kahlan sah Cara tatsächlich in Benjamins blaue Augen schauen und lächeln.
Kahlan war erleichtert, als das Lied endete und Zedd beim nächsten Tanz Captain Ryans Platz einnahm. Sie zog ihn eng an sich, als sie mit ihm zu einer langsameren Melodie tanzte.
»Ich bin stolz auf dich, Mutter Konfessor. Du hast diesen Männern ein wunderbares Geschenk gemacht.«
»Und das wäre?«
»Mut.« Er legte seinen Kopf schräg. »Du hast ihnen einen Grund gegeben, an das zu glauben, was sie hier tun.«
Kahlan zog eine Braue hoch. »Du Gauner, du. Andere magst du vielleicht täuschen können, aber nicht mich. Du warst es doch, der mir Mut gemacht hat.«
Zedd lächelte bloß. »Weißt du, seit der allerersten Mutter Konfessor hat kein Marin es mehr verstanden, eine solche Frau zu lieben, ohne von ihrer Kraft zerstört zu werden. Ich bin froh, dass es mein Enkelsohn war, der dieses überaus schwierige Unterfangen gemeistert hat, und dass er es aus Liebe zu dir getan hat. Ich liebe dich wie meine Enkeltochter, Kahlan, und freue mich schon auf den Tag, wenn du endlich wieder mit ihm zusammen sein kannst.«
Kahlan zog Zedd ganz nahe an sich heran und legte den Kopf auf seine Schulter, solange die beiden ihren Erinnerungen nachhängend weitertanzten.
Während das Tanzvergnügen seinen Lauf nahm, traten nach und nach Fackeln und wärmende Feuer an die Stelle der goldenen Strahlen der untergehenden Sonne. Obwohl die Schwestern nach jedem Tanz den Partner wechselten, verlor sich die Schlange gut gelaunter, auf ein Tänzchen – und keineswegs nur mit den jüngeren, attraktiveren Schwestern – wartender Soldaten noch immer jenseits des Blickfeldes. Kochgehilfen stellten einfache Speisen auf Tafeln bereit, kosteten mal hier, mal dort und scherzten, während sie ihrer Arbeit nachgingen, mit den Soldaten. In den Tanzpausen probierten Warren und Verna von der Vielfalt der Speisen auf den verschiedenen Tischen.
Kahlan tanzte noch einmal mit Captain Ryan und riskierte auch mit Zedd einen weiteren Tanz, dann aber ging sie dazu über, sich sowohl mit Offizieren als auch mit Mannschaften zu unterhalten, um mit niemand tanzen zu müssen, falls jemand seinen Mut zusammennahm und sie verlegen darum bat. Ohne die Verpflichtung, tanzen zu müssen, fiel es ihr erheblich leichter, das Fest zu genießen.
Sie begrüßte gerade eine Gruppe junger Offiziere, die ihr erklärten, wie sehr ihnen das Fest gefiel, als jemand Kahlan auf die Schulter tippte. Sie drehte sich um und sah den grinsenden Warren vor sich.
»Es wäre mir eine große Ehre, wenn Ihr mit mir tanzen würdet, Mutter Konfessor.«
Kahlan bemerkte, dass Verna mit Zedd tanzte, und sie antwortete: »Mit dem gutaussehenden Bräutigam würde ich sehr gerne tanzen, Warren.«
Seine Bewegungen waren überaus geschmeidig und ganz und gar nicht unsicher, wie sie erwartet hatte. Er schien selig und im Frieden mit sich selbst zu sein, und weder das Geschiebe der Menschen noch die Soldaten, die ihm ständig auf die Schulter klopften oder die scherzhaften Bemerkungen von einigen der Schwestern schienen ihn nervös zu machen.
»Ich wollte Euch einfach dafür danken, dass Ihr mir den schönsten Tag meines Lebens beschert habt, Mutter Konfessor.«
Lächelnd blickte Kahlan hoch in sein junges Gesicht, seine alterslosen Augen. »Danke, dass du diesem Fest zugestimmt hast, Warren. Ich weiß, normalerweise entspricht das nicht ganz deiner…«
»Aber ja doch, das tut es. Es ist genau das Richtige. Früher nannten mich die Menschen Maulwurf.«
»Tatsächlich? Warum das?«
»Weil ich normalerweise niemals aus den Gewölbekellern hervorkam, in denen ich die Prophezeiungen studierte. Nicht nur, dass ich gerne in den Büchern las – ich hatte geradezu Angst davor, die Gewölbe zu verlassen.«
»Aber schließlich hast du es doch getan.«
Er drehte sie schwungvoll im Rhythmus der Musik. »Richard hat mich da herausgeholt.«
»Tatsächlich? Das wusste ich noch gar nicht.«
»In gewisser Weise habt Ihr zu dem, was er ins Rollen gebracht hat, ebenfalls beigetragen.« Warren lächelte gedankenverloren. »Ich wollte Euch einfach danken. Ich weiß, wie sehr er mir fehlt, und wie sehr er Verna fehlt. Ich weiß, dass die Männer ihren Lord Rahl sehr vermissen.«
Kahlan vermochte bloß zu nicken.
»Und ich weiß auch, wie sehr Ihr Euren Gemahl vermisst. Aus diesem Grund wollte ich mich bei Euch bedanken – dafür, dass Ihr uns, trotz Eures Kummers, Euer Wohlwollen geschenkt habt. Jeder hier empfindet mit Euch. Ihr sollt wissen, dass Ihr mit diesem Gefühl nicht allein steht, und dass Ihr unter Menschen seid, die für ihn ganz ähnlich empfinden.«
Lächelnd brachte Kahlan ein »Danke« hervor.
Während sie über die freigeräumte Fläche tanzten, über die fröhliche Melodie lachten und sich über die unbeholfenen Bewegungen einiger der Soldaten amüsierten, verebbte schlagartig die Musik.
In diesem Augenblick vernahm sie die Hornklänge.
Ein Gefühl der Bestürzung bemächtigte sich der versammelten Soldaten, als Männer zu ihren Waffen liefen, bis einer der Posten seinen Arm schwenkend herbeigerannt kam und allen zurief, sie sollten Platz machen, es handele sich um befreundete Truppen.
Verwirrt reckte Kahlan, wie alle anderen auch, ihren Hals und versuchte etwas zu erkennen. Es waren keine Streitkräfte ausgesandt worden; sie hatte allen gestattet, an den Hochzeitsfeierlichkeiten teilzunehmen.
Die Menge teilte sich, als Pferde durch das Gedränge trabten. Kahlan zog erstaunt die Brauen hoch, und ihr Mund klappte auf. In der vordersten Reihe ritt, auf einem kastanienbraunen Wallach sitzend, der vornehme General Baldwin, Befehlshaber der gesamten keltonischen Streitkräfte. Schneidig brachte er sein Pferd zum Stehen und musterte, mit dem Zeigefinger über seinen grau durchsetzten, dunklen Schnauzer streichend, die Menge, die sich inzwischen um ihn gebildet hatte. Sein ergrauendes Haar wucherte bis über beide Ohren, und auf dem Scheitel schimmerte sein Schädel durch. Er bot einen eindrucksvollen Anblick in seinem mit zwei Knöpfen über einer Schulter befestigten Cape aus feiner Wolle, unter dem man das kostbare grüne Seidenfutter erkennen konnte. Seinen dunkelbraunen Übermantel zierte ein heraldisches Emblem, durchtrennt von einer schwarzen Diagonalen, die einen gelbblauen Schild teilte. Die hohen Stiefel des Mannes waren bis unter die Knie heruntergekrempelt. Hinter dem breiten, mit einer verzierten Schnalle abgesetzten Gürtel steckten lange schwarze Handschuhe, deren ausgestellte Manschetten nach vorne umgeschlagen waren.