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Das Wetter sei ungewöhnlich kalt für so weit südlich in der Alten Welt, hatte Nicci ihm erklärt. Es hieß, die Kälteperiode und der Regen würden bald vorüber sein. Noch wenige Tage zuvor war es drückend heiß gewesen, daher hatte Richard keinen Grund, an ihrer Einschätzung zu zweifeln. Es verwirrte ihn, mitten im tiefsten Winter Wälder und Felder mit üppig grüner Vegetation zu sehen. Einige wenige Bäume hatten der Jahreszeit entsprechend ihre Blätter abgeworfen, die meisten aber präsentierten sich in ihrer vollen Pracht.

So weit südlich in der Alten Welt, wie sie derzeit waren, wurde es nie so kalt, dass es fror. Die Leute blickten ihn nur völlig verständnislos an, wenn er von Schnee erzählte. Erklärte Richard daraufhin, Schnee bestehe aus Flocken gefrorenen Wassers, das vom Himmel fiel und sich wie eine weiche Decke über die Erde legte, reagierten manche Leute verärgert, weil sie glaubten, er wolle sie auf den Arm nehmen.

Zuhause, das wusste er, wütete im Augenblick der Winter. Das Wissen, dass Kahlan höchstwahrscheinlich warm und gemütlich in der von ihm erbauten Hütte saß, bescherte ihm ein Gefühl innerer Ruhe; in diesem Licht betrachtet, war nichts in seinem neuen Leben so wichtig, dass es ihn bedrücken konnte. Kahlan hatte genug zu essen, genug Feuerholz, um nicht zu frieren, und Cara als Gesellschaft; vorübergehend war sie in Sicherheit. Der Winter würde allmählich zu Ende gehen, und im Frühling würde sie die Hütte verlassen können. Seine Gedanken und Erinnerungen an sie waren sein einziger Trost.

Die engen Gassen wurden von einem chaotischen Gemisch von Obdachlosen bevölkert, die jedes Stückchen festen Materials, dessen sie habhaft werden konnten, dazu verwendeten, ein behelfsmäßiges Dach über ihren Köpfen zu errichten. Völlig durchnässte Decken dienten als Wände. Vermutlich konnten auch er und Nicci auf diese Weise weiterexistieren, er hatte jedoch Angst, Nicci könnte in der Kälte und Nässe krank werden – und befürchtete, dass dann auch Kahlan erkranken würde.

Nicci sah auf das Blatt Papier, das sie bei sich trug. »Die Häuser in dem Verzeichnis, das man uns mitgegeben hat, stehen angeblich Neuankömmlingen zur Verfügung, nicht nur irgendwelchen in eine Liste eingetragenen Personen. Es werden doch Arbeiter gebraucht, dann sollten sie auch ein wenig genauer dafür Sorge tragen, dass diese Häuser tatsächlich frei sind. Verstehst du jetzt, Richard? Verstehst du, wie schwierig es für normale Menschen ist, sich im Leben durchzuschlagen?«

Richard, die Hände tief in den Taschen vergraben und die Schultern gegen Wind und Regen hochgezogen, fragte: »Und wie kommen wir jetzt auf eine solche Liste?«

»Wir werden eine Quartierstelle aufsuchen und einen Antrag auf ein Zimmer stellen müssen. Anschließend kann man uns dann auf eine Obdachliste setzen.«

Das klang einfach, wie sich jedoch herausstellte, waren die Dinge weitaus komplizierter, als sie sich anhörten.

»Wie soll uns ein Platz auf einer solchen Liste eine Unterkunft verschaffen, wenn es nicht genügend Zimmer gibt?«

»Es sterben doch ständig Menschen.«

»Hier gibt es Arbeit, deswegen sind wir schließlich hergekommen – genau wie alle anderen. Ich werde hart arbeiten, dann können wir es uns leisten, mehr zu bezahlen. Noch haben wir ein wenig Geld. Wir müssen bloß ein Haus finden, wo man ein Zimmer zum richtigen Preis vermietet – ohne diesen ganzen Unfug mit den Listen.«

»Bist du wirklich so unmenschlich, Richard? Wie sollen denn die weniger vom Glück Begünstigten jemals ein Zimmer finden? Der Orden legt die Preise fest, um den Wucherern das Handwerk zu legen. Er sorgt dafür, dass es keine Günstlingswirtschaft gibt. Das erzeugt Gerechtigkeit für alle. Wir müssen bloß auf eine Zimmerliste gelangen, dann wird sich alles weitere finden.«

Den Blick im Gehen auf die glänzenden Pflastersteine gesenkt, fragte sich Richard, wie lange sie wohl auf eine Unterkunft warten mussten, bis ihr Name auf der Liste ganz nach oben geklettert war. Ihm schien, als müssten eine Menge Menschen sterben, bevor sein und Niccis Name für ein Zimmer in Frage käme – während wieder andere darauf warteten, dass auch sie endlich krepierten.

Er wich erst zur einen, dann zur anderen Seite aus, um nicht mit dem Menschenstrom zusammenzustoßen, der, bemüht, nicht in den Straßenkot zu treten, auf dem Weg in die entgegengesetzte Richtung an ihnen vorüberwirbelte. Wieder einmal zog er in Erwägung, draußen vor der Stadt zu bleiben – viele taten das. Es gab jedoch massenhaft Banditen und Verzweifelte, die wiederum von jenen zehrten, die gezwungen waren, unter freiem Himmel zu kampieren, wo es keine Stadtwache gab. Wäre Nicci dieser Idee nicht abgeneigt gewesen, Richard hätte weiter außerhalb einen Platz gesucht und einen Unterschlupf gebaut, vielleicht zusammen mit ein paar anderen, um sich so gemeinsam allen Ärger vom Leib zu halten.

Die Idee stieß bei Nicci auf keinerlei Verständnis, denn sie wollte unbedingt in der Stadt leben, in die gewaltige Menschenmassen auf der Suche nach einem besseren Leben strömten. Es gab Listen, in die man sich eintragen, Schlangen, wo man sich anstellen musste, wenn man irgendwelche Amtspersonen sprechen wollte. Die Chancen dafür standen besser, behauptete sie, wenn man ein Zimmer in der Stadt hatte.

Es wurde allmählich spät. Die Schlange vor der Bäckerei reichte bis zur Tür heraus und ein Stück um den Häuserblock herum.

»Wieso stehen all diese Menschen Schlange?«, raunte Richard Nicci zu. Jeden Tag bot sich ihnen dasselbe Bild, wenn sie ein Brot kaufen wollten.

Sie zuckte mit den Achseln. »Vermutlich gibt es nicht genug Bäckereien.«

»Angesichts dieser Massen von Kunden sollte man meinen, dass mehr Leute eine Bäckerei eröffnen wollen.«

Nicci beugte sich ganz nah zu ihm, während ein tadelnd missbilligender Blick ihre Miene verfinsterte. »Die Welt ist nicht so einfach, wie du sie gerne hättest, Richard. Früher verhielt es sich so in der Alten Welt; man gestattete der verderbten Natur des Menschen zu gedeihen. Die Menschen legten die Preise für ihre Waren eigenhändig fest – wobei ihr einziges Interesse Habgier war, und nicht etwa das Wohl ihrer Mitmenschen. Nur die Wohlhabenden konnten es sich leisten, Brot zu kaufen. Jetzt sorgt die Imperiale Ordnung dafür, dass jeder die Dinge des täglichen Bedarfs zu einem gerechten Preis erhält. Der Orden kümmert sich um alle, nicht nur um die, die sich einen unlauteren Vorteil verschafft haben.«

Stets schien sie die Leidenschaft zu packen, wenn sie von der verderbten Natur des Menschen sprach. Richard wunderte sich, dass ausgerechnet eine Schwester der Finsternis sich um das Böse sorgte, machte sich aber nicht die Mühe nachzufragen.

Die Schlange kam nur langsam voran. Die Frau vor ihm, durch ihr Getuschel misstrauisch geworden, warf einen bitterbösen Blick über ihre Schulter.

Richard erwiderte ihren Blick mit einem freundlichen Lächeln.

»Guten Tag, Ma’am.« Ihr schwermütiger, düsterer Blick verlor angesichts seines strahlenden Grinsens ein wenig von seiner Härte. »Wir sind neu in der Stadt« – er deutete hinter sich – »meine Frau und ich. Ich bin auf Arbeitssuche, aber natürlich brauchen wir auch ein Zimmer. Wisst Ihr vielleicht, was ein junges Paar, das fremd ist in der Stadt, tun könnte, um an ein Zimmer zu kommen?«

Ihre Leinentasche mit beiden Händen festhaltend, vollführte sie eine halbe Drehung, ließ die Arme sinken und lehnte sich mit beiden Schultern an die Wand. Ihre Tasche enthielt nichts außer einer gelblichen Käseecke. Offenbar waren Richards Lächeln und sein freundlich verbindlicher Ton – so aufgesetzt beides war – so ungewöhnlich, dass sie sich außer Stande sah, ihr abweisendes Benehmen aufrechtzuerhalten.

»Ihr braucht unbedingt eine Arbeit, wenn Ihr Euch Hoffnung auf ein Zimmer machen wollt. Zurzeit, da all die vielen neuen Arbeitskräfte, die, bedingt durch den Überfluss, den der Orden in seiner Weisheit bereit hält, hierher kommen, gibt es in der Stadt nicht genug Zimmer. Wenn Ihr arbeitstauglich seid, müsst Ihr auch Arbeit haben, dann setzt man Euren Namen auf eine Liste.«