Sämtliche Städte, die Richard seit ihrer Ankunft in der Alten Welt und auf ihrer Reise von Tanimura aus nach Süden gesehen hatten, ähnelten dieser; sie alle litten unter bedrückender Armut und unmenschlichen Lebensbedingungen. Allenthalben schien die Zeit still zu stehen, alles schien gefangen in einem Sumpf aus Fäulnis, so als wären die Städte einst Orte voller Hoffnung und Ehrgeiz, voll blühenden Lebens gewesen, in denen die Menschen die Erfüllung ihrer Träume angestrebt hatten; doch diese Träume hatten sich wohl irgendwann zersetzt und übrig geblieben war nur ein graues Leichentuch aus Stillstand und Verfall. Niemanden schien das groß zu kümmern. Jeder schien, gefangen in einem Dämmerzustand, auszuharren und darauf zu warten, dass sich sein Schicksal zum Besseren wendete, ohne auch nur eine Vorstellung davon zu haben, wie dieses bessere Leben aussehen oder wie es zu Stande kommen sollte. Alle zehrten nur von einem inhaltslosen Glauben und vertrauten allein darauf, dass das Leben nach dem Tod vollkommen sein würde.
Die Städte, die Richard gesehen hatte, glichen auf erschreckende Weise seiner Vision dessen, was die Zukunft unter dem Joch der Imperialen Ordnung für die Neue Welt bereithielt.
Dies jedoch war die größte einzelne Stadt, die Richard je zu Gesicht bekommen hatte. Hätte er sie nicht mit eigenen Augen gesehen, er hätte ihre Größe niemals für möglich gehalten. Heruntergekommene Gebäude inmitten eines chaotischen Straßengewirrs, in dem es von Menschen nur so wimmelte, erstreckten sich meilenweit über eine Reihe flacher Hügel und quer durch ein endloses Schwemmgebiet am Zusammenfluss zweier Ströme. Gedrungene, baufällige Hütten, aufs Geratewohl aus mit Lehm beworfenem Flechtwerk, Holzabfällen oder wiederverwerteten Ziegeln aus Schlamm und Stroh errichtet, umschlossen den Stadtkern bis weit hinaus in das umliegende Land wie die stinkende Schlacke an einem fauligen Stamm in einem stehenden Tümpel.
Dies war die Stadt Altur’Rang – die Namensschwester jenes Landes, das jetzt das Herzstück der Alten Welt und des Ordens der Imperialen Ordnung bildete – die Heimstatt Kaiser Jagangs.
Anfangs, als sie auf ihrem Weg nach Süden und nach Altur’Rang in die Alte Welt eingetreten waren, hatten Richard und Nicci in der am weitesten nördlich gelegenen Großstadt – der Alten Welt, in Tanimura, Halt gemacht, wo einst der Palast der Propheten gestanden hatte. Tanimura, einer der letzten Orte der Alten Welt, die unter die Herrschaft der Imperialen Ordnung gefallen waren, bot einen prachtvollen Anblick mit seinen breiten Prachtstraßen, die von Bäumen und reich verzierten, mehrere Stockwerke in die Höhe ragenden und mit Säulenfassaden sowie hohen, das Licht hereinlassenden Fenstern versehenen Gebäuden gesäumt wurden. Wie sich herausstellte, war Tanimura trotz seiner Größe nicht mehr als ein Vorposten der Alten Welt und so abgelegen, dass die Fäulnis erst jetzt dort eintraf.
Für die Dauer von ein wenig mehr als einem Monat hatte Richard in Tanimura als einer von einem Dutzend Zulieferer für einen Steinmetz Arbeit gefunden, und hatte für ein gedrungenes, unansehnliches Gebäude Steine herbeigeschleppt und Mörtel angerührt. Die Steinmetze besaßen schlichte Hütten, in denen die Arbeiter mit ihren Familien hausten, daher hatte Nicci ein Dach über dem Kopf. Nach einer Weile gelangte der Meister zu der Erkenntnis, dass Richard mit seinen Steinmetzen mithalten könne. Als einer seiner Steinbehauer krank wurde, bat man Richard, beim Behauen der Granitblöcke für die Steinmetze einzuspringen.
Hammer und Meißel in der Hand zu halten, Steine zu behauen – und sie nach seinem Willen zu gestalten – kam für ihn einer Offenbarung gleich. In mancherlei Hinsicht glich es dem Schnitzen von Holz … doch auf gewisse Weise war es weit mehr als das.
Von Zeit zu Zeit schaute der Meister, die Fäuste in die Hüften gestemmt, Richard zu, wie er rechtwinklige Kanten in den harten Granit meißelte; gelegentlich korrigierte er Richards Arbeitsweise mit barscher Stimme. Nach einer Weile, nachdem der Meister erkannt hatte, dass Richard Gefallen an der Arbeit fand und einen Block auf Maß behauen konnte, machte er sich nicht mehr die Mühe, ihn zu beaufsichtigen. Nicht lange, und Richards Blöcke galten unter den Steinmetzen bei Grund- und Ecksteinen als erste Wahl.
Andere Steinbehauer trafen ein, um anspruchsvollere Arbeiten auszuführen – den Fassadenschmuck. Kurz nach ihrem Erscheinen war Richard noch ganz versessen darauf, ihre Arbeiten zu sehen. In die Fassade aus Steinquadern, die den Eingang einfassen sollte, schlugen sie eine riesige, das Licht des Schöpfers darstellende Flamme; darunter meißelten sie eine geduckt kauernde Menschenmenge.
Richard hatte an den verschiedenen Orten, die er besucht hatte – angefangen im Palast der Konfessoren in Aydindril bis hin zum Palast des Volkes in D’Hara – eine ganze Reihe von Steinmetzarbeiten gesehen, doch noch nie hatte er etwas diesen Figuren Vergleichbares erblickt, deren Entstehung er jetzt an dem Gebäude in Tanimura verfolgen konnte. Sie ließen jegliche Eleganz und Pracht vermissen, noch hatten sie etwas Anregendes, ganz im Gegenteiclass="underline" Es waren missgestaltete, grobschlächtige, kriecherische Gestalten, die sich unter dem Licht zu ducken schienen. Einer der Künstler erklärte Richard, dies sei die einzig korrekte Art, den Menschen darzustellen – als lasterhaft, abstoßend und sündig. Richard konzentrierte sich weiter darauf, rechteckige Steinquader zu behauen.
Mit Fertigstellung der Steinmetzarbeiten für das Hauptquartier der Imperialen Ordnung endete auch seine Arbeit. Die Zimmerleute benötigten keine Helfer mehr, doch die Künstler sagten, sie könnten noch jemanden gebrauchen, der ihnen half, die Seelenqual der Menschen in Stein zu meißeln, und boten Richard diese Stelle an. Er lehnte ab, indem er ihnen erklärte, er habe kein Talent für die Bildhauerei. Zudem war Nicci schon seit einer Weile ganz versessen darauf, weiterzuziehen. Tanimura war nur eine Gelegenheit gewesen, sich etwas Geld zu verdienen, um für die lange Reise, die vor ihnen lag, Vorräte einzukaufen. Richard war froh, den deprimierenden Anblick dieser Steinmetzarbeiten hinter sich lassen zu können.
Überall auf ihrem Weg nach Südosten und nach Altur’Rang sah Richard in den Städten, durch die sie kamen, zahlreiche Bildhauerarbeiten an Gebäuden und weit mehr noch frei stehend auf öffentlichen Plätzen oder vor Gebäudeeingängen. Es waren ausnahmslos Darstellungen grauenhafter Dinge: Menschen, die von einem hämischen Hüter der Unterwelt ausgepeitscht wurden; Menschen, die sich eigenhändig die Augen ausstachen; leidende Menschen mit verdrehten, missgestalteten und verkrüppelten Körpern; Menschen, die Hundemeuten gleich auf allen vieren laufend über Frauen und Kinder herfielen; Menschen, die bis zu wandelnden Skeletten abgemagert oder mit Schwären übersät waren; erbärmliche Gestalten, die sich in Gräber stürzten. In den meisten dieser Szenen wachte das Licht des allwissenden Schöpfers in Gestalt einer Flamme über die bedauernswerten Menschen.
Die Alte Welt war eine einzige Verherrlichung des Elends.
Auf ihrem Weg nach Süden hatten sie in einer Reihe von Städten Halt gemacht, wo es Richard gelang, niedere Arbeiten für einen so begrenzten Zeitraum aufzutun, dass man sich in keine Wartelisten einzutragen brauchte. Nicci und er durchlebten Phasen, in denen sie sich von größtenteils aus Wasser bestehender Kohlsuppe ernährten. Manchmal gab es Reis oder Linsen oder Buchweizenbrei, und ab und zu sogar gepökeltes Schweinefleisch. Hin und wieder gelang es Richard, Fische, Vögel oder auch mal einen einzelnen Hasen zu fangen. Sich selbst zu versorgen erwies sich in der Alten Welt jedoch als schwierig, da eine Menge andere Leute auf dieselbe Idee gekommen waren. Beide waren sie auf ihrem langen Marsch hagerer geworden, und allmählich dämmerte Richard, was es mit den Bildwerken der ausgezehrten Menschen auf sich hatte.