Nicci hatte zwar ihr Ziel bestimmt, machte ihm aber ansonsten kaum Vorschriften und überließ ihm die meisten Entscheidungen, denen sie sich dann klaglos unterwarf. Woche um Woche marschierten sie, manchmal ein paar Kupferpfennige bezahlend, um sich von einem in ihre Richtung fahrenden Wagen mitnehmen zu lassen. Sie überquerten Flüsse inmitten von Städten, die groß genug für mehrere Steinbrücken waren, und passierten eine Ortschaft nach der anderen. Es gab endlose Felder mit Weizen, Hirse oder Sonnenblumen, sowie jede Menge anderer Getreidesorten, auch wenn ein großer Teil des Landes brach lag. Er sah sogar Schaf- und Rinderherden.
Farmer verkauften den Reisenden Ziegenkäse und Milch. Seit die Gabe in ihm erwacht war, konnte Richard Fleisch nur dann verzehren, wenn er nicht gerade kämpfte. Möglicherweise gehörte dies zu den Dingen, die er als Ausgleich für sein Verlangen, gelegentlich ein Leben zu vernichten, brauchte. Da er gerade nicht kämpfte, konnte er Fleisch essen, ohne dass ihm übel davon wurde. Bedauerlicherweise konnten sie sich Fleisch nur selten leisten. Käse, den er früher gern gemocht hatte, vertrug er fast überhaupt nicht mehr, seit die Gabe in ihm zum Leben erwacht war. Leider hieß es sehr oft, entweder Käse zu essen oder zu verhungern.
In erster Linie aber war es die Größe der Alten Welt und insbesondere ihre Einwohnerzahl, die ihn am meisten beunruhigten. Naiverweise hatte Richard angenommen, die Alte und die Neue Welt müssten sich im Großen und Ganzen ähnlich sein, doch das waren sie keineswegs. Die Neue Welt war nicht mehr als ein Floh auf dem Rücken der Alten.
Von Zeit zu Zeit begegneten ihnen auf ihrer Reise nach Süden gewaltige Marschkolonnen bewaffneter Soldaten, die sich auf dem Weg nach Norden befanden, in die Midlands. Mehrmals hatte es mehrere Tage gedauert, bis sämtliche Soldaten an ihnen vorübermarschiert waren. Jedesmal, wenn er Reihe auf Reihe von Soldaten erblickte, verspürte er eine Woge der Erleichterung, dass Kahlan in ihrem Zuhause in den Bergen festsaß. Die Vorstellung, sie könnte in einer Armee kämpfen, die so vielen Soldaten gegenüberstand, wie er in den Krieg ziehen sah, behagte ihm überhaupt nicht.
Im Frühling, wenn sie ihre Berghütte schließlich würde verlassen können und all diese Truppen der Imperialen Ordnung ernsthaft mit ihrer Belagerung der Neuen Welt beginnen konnten, würde jeglicher Widerstand, den das D’Haranische Reich aufzubieten im Stande wäre, gebrochen werden. Richard hoffte, dass General Reibisch sich nicht dazu entschied, die Imperiale Ordnung anzugreifen. Die Vorstellung, all die tapferen Männer könnten unter der Wucht des bevorstehenden Ansturmes zermalmt werden, war ihm unerträglich.
In einer dieser kleinen Städte war Nicci zum Fluss hinuntergestiegen, um ihre Kleider auszuwaschen, während Richard den Tag über in einem großen Stall arbeitete und Pferdeboxen ausmistete. Eine Reihe von Beamten war in die Stadt gekommen, und es gab mehr Pferde, als der Stallmeister bewältigen konnte. Richard war zur rechten Zeit am rechten Ort gewesen und hatte die Arbeit bekommen. Kurz nachdem die Beamten eingetroffen waren und sämtliche Zimmer im Gasthaus belegt hatten, marschierte eine riesige Einheit von Truppen der Imperialen Ordnung ein und schlug am Stadtrand ihr Feldlager auf.
Glücklicherweise befand Nicci sich am anderen Ende der Stadt und wusch ihre Wäsche. Weniger glücklich traf es sich, dass ein Trupp durch die Stadt ziehender und sich betrinkender Soldaten auf die unrühmliche Idee verfiel, Freiwillige zu rekrutieren. Richard hielt sich bedeckt, während er die Pferde mit Wasser versorgte, der Sergeant bemerkte ihn trotzdem. Nun zur falschen Zeit am falschen Ort, wurde Richard als ›Freiwilliger‹ in die Armee der Imperialen Ordnung aufgenommen. Die frischen Freiwilligen wurden im Zentrum des gewaltigen Feldlagers einquartiert.
Als es an jenem Abend endlich dunkel war und die meisten Männer schliefen, schied Richard ebenso freiwillig wieder aus. Es dauerte bis drei Stunden vor Sonnenaufgang, sich aus den Diensten der Armee der Imperialen Ordnung eigenhändig wieder zu entlassen. Nicci war zu den Stallungen gegangen und hatte in Erfahrung gebracht, was ihm widerfahren war. Richard fand sie in ihrem Lager, wo sie im Dunkeln auf und ab lief. Rasch suchten sie ihre Siebensachen zusammen und marschierten den Rest der Nacht nach Süden. Wegen des hellen Mondscheins wanderten sie querfeldein und nicht über Straßen, für den Fall, dass eine Patrouille nach ihnen suchen sollte. Von da an machte Richard sich beim Anblick von Soldaten möglichst unsichtbar.
Im Allgemeinen aber war das kein ernsthaftes Problem. Ganze Scharen von Jugendlichen, die es auf die in Aussicht gestellte Kriegsbeute abgesehen hatten, waren nur zu gerne bereit, in die Armee einzutreten. Oft mussten sie Wochen oder gar Monate warten, bis man sie aufnahm, um sie auszubilden, so gewaltig war die Zahl derer, die sich für die Armee meldeten. Richard hatte ganze Scharen von ihnen in den Städten gesehen, wo sie Spiele spielten, zockten, sich betranken oder rauften – junge Männer, die von der Ehre träumten, die gottlosen Feinde der mächtigen Imperialen Ordnung hinzumetzeln. Wenn sie in die Armee eintraten, um loszuziehen und die erschreckende Verruchtheit und Sündhaftigkeit zu bekämpfen, die angeblich die Neue Welt verpestete, war ihnen die Bewunderung der Bevölkerung gewiss. Richard war entsetzt, welch ungeheure Menschenmassen die Alte Welt bevölkerten, denn das bedeutete, dass die bereits in der Neuen Welt stehende Armee des Ordens zahlenmäßig kaum ins Gewicht fiel. Er hatte angenommen, der Imperialen Ordnung könnte ihre Begeisterung für einen bislang nur von ihrem Heimatland aus geführten Krieg abhanden kommen, oder die Menschen der Alten Welt könnten die Mühsal, die ein solcher Krieg erforderte, leid werden. Jetzt wurde ihm klar, dass dieser Gedanke nichts als ein hinfälliger Wunschtraum gewesen war.
Man musste weder Zauberer noch Prophet sein, um zu wissen, dass die Armeen, die die Neue Welt aufzustellen im Stande war, selbst bei hemmungslos optimistischer Betrachtung nicht die geringste Chance hatten, sich gegen die Abermillionen von Soldaten zu behaupten, die Richard nach Norden hatte strömen sehen – von denen, die er nicht gesehen hatte, und die vermutlich andere Marschrouten eingeschlagen hatten, ganz zu schweigen. Das Schicksal der Midlands war besiegelt.
Spätestens als die Bewohner Anderiths sich für den Orden und gegen die Freiheit entschieden hatten, war ihm im Grunde seines Herzens klar, dass die Neue Welt in die Hand der Imperialen Ordnung fallen würde. Die Erkenntnis, wie Recht er damit behalten hatte, bereitete ihm keinerlei Genugtuung. Angesichts der Größe dieser Armee erkannte er, dass der Kampf um den Frieden verloren und der Widerstand gegen die Imperiale Ordnung Selbstmord war.
Der Lauf der Dinge schien unumkehrbar, die Welt schien verloren an die Imperiale Ordnung. Seine und Kahlans Zukunft sah nicht weniger hoffnungslos aus.
Der mit Abstand merkwürdigste Ort, den er und Nicci auf ihrer Reise in den Südosten aufgesucht hatten, ein Ort, den sie später nie wieder erwähnte, hatte weniger als eine Woche südlich von Tanimura gelegen. Richard war noch immer niedergeschlagen von den Bildhauerarbeiten, die er gesehen hatte, als Nicci in einen alten, selten benutzten Fahrweg abseits der Hauptstraße einbog. Er führte zurück in die Berge, zu einer kleinen Stadt am Ufer eines ruhigen Flusses.
Die meisten Geschäfte lagen verlassen da, der Wind wehte den Staub nach Belieben durch die zersprungenen Fenster der Lagerhäuser. Viele Wohnhäuser waren verfallen, ihre Dächer eingestürzt, und Unkraut und Kletterpflanzen taten ihr Bestes, bucklige Wände zum Einsturz zu bringen. Nur die Wohnhäuser in den Außenbezirken waren noch bewohnt, meist von Leuten, die Viehzucht betrieben und das umliegende Land bewirtschafteten.
Am Nordrand der Stadt hatte sich ein einzelner kleiner Laden gehalten, der Handelsgüter an die in der Nähe lebenden Farmer verkaufte. Außerdem gab es ein kleines Geschäft für Lederwaren, einen Wahrsager und ein einsames Gasthaus. Einige Gebäude standen zwar noch, die meisten waren jedoch längst eingestürzt. Als Richard und Nicci zu Fuß das Stadtzentrum durchquerten, war ein launenhafter Wind ihr einziger Zeuge.