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Am Südrand der Stadt stießen sie auf die Überreste dessen, was einst ein großes Ziegelgebäude gewesen war.

Wortlos verließ Nicci die Straße und hielt zielbewusst auf das verlassene Gelände zu. Holzbalken und Dachkonstruktion waren den Flammen zum Opfer gefallen, eine undurchdringliche Schicht aus Unkraut und Gestrüpp hatte sich des hölzernen Fußbodens bemächtigt; im Grunde standen nur noch die Ziegelmauern, doch die waren größtenteils zu Trümmern zerfallen, und nur ein Stück der Ostwand war noch hoch genug, um einen einsamen Fensterrahmen vollends zu umschließen.

Der Wind zauste Niccis sonnenbeschienenes Haar, während sie an den völlig ausgehöhlten Überresten des Gebäudes entlangblickte. Die Arme erschöpft neben ihrem Körper, den Rücken nicht ganz so aufrecht wie gewohnt, stand sie verwundbar an einer Stelle, wo einst ein Dach ihr Schutz geboten hätte.

Fast eine ganze Stunde lang verlor sie sich unter den Geistern der Vergangenheit.

Richard stand ein wenig abseits, die Hüfte an die verkohlten Überreste einer Werkbank gelehnt, einer der wenigen Gegenstände, die im Inneren des Ziegelbaus noch erhalten geblieben waren.

»Kennst du dieses Gebäude?«, fragte er sie schließlich.

Auf seine Frage hin kniff sie die Augen halb zusammen; dann sah sie ihm lange unverwandt in die Augen, so als wäre auch er ein Geist. Schließlich ging sie zu ihm, um in Erinnerungen schwelgend mit den Fingern über die Reste der Werkbank zu streichen.

»Ich bin in dieser Ortschaft aufgewachsen«, antwortete sie gedankenverloren.

»Oh.« Richard deutete auf ihre Umgebung. »Und dieses Gebäude hier?«

»Hier wurden Rüstungen hergestellt«, sagte sie leise.

Er vermochte sich nicht vorzustellen, warum sie ausgerechnet einen Ort wie diesen aufsuchen wollte. »Rüstungen?«

»Die besten Rüstungen im ganzen Land. Doppelte Standardstärke. Könige und Edelleute kamen hierher, um ihre Rüstungen zu kaufen.«

Richard ließ den Blick verwundert über die Trümmer des Gebäudes schweifen und fragte sich, was außerdem noch hinter der Geschichte steckte.

»Kanntest du den Mann, der diese Rüstungen hergestellt hat?«

Ihre blauen Augen sahen offenkundig wieder Geister, als sie den Kopf schüttelte.

»Nein«, erwiderte sie leise. »Es tut mir sehr, sehr Leid, aber ich habe ihn niemals wirklich kennen gelernt.«

Eine Träne lief ihr über die Wange und tropfte von ihrem glatten Kinn. In diesem Augenblick wirkte sie ganz wie ein Kind, allein in der Welt und voller Angst.

Hätte er nicht gewusst, was er über sie wusste, Richard hätte dieses verlorene, zarte Kind in die Arme genommen und getröstet.

45

Nicci war müde, sie fror und wurde ungeduldig. Sie wollte unbedingt ein Zimmer.

Dass sie Richard in das Zentrum des Reiches, nach Altur’Rang, brachte, hatte zum Ziel, ihn unmittelbar mit der gerechten Sache der Imperialen Ordnung zu konfrontieren. Sie kannte Richard als zutiefst moralischen und rechtschaffenen Menschen und wollte herausfinden, wie er reagierte, wenn man ihm die unbestreitbare Tugendhaftigkeit der Absichten seines Feindes vor Augen führte.

Richard sollte lernen, wie schwer es für gewöhnliche Menschen war, zu überleben und in der Welt zu bestehen. Sie war neugierig, wie es ihm unter diesen Umständen ergehen würde – sie wollte ihn sozusagen ins Feuer werfen und sehen, wie er auf die übergroße Hitze reagierte. Eigentlich hatte sie erwartet, dass er mittlerweile erschüttert und verzweifelt sein würde, er blieb jedoch gleichgültig und gelassen.

Sie hatte geglaubt, er würde außer sich geraten, als er erfuhr, was nötig war, um eine Arbeit zu bekommen, stattdessen hatte er diesem Mr. Gudgeons zugehört, als der ihm die fast nicht zu bewältigende Aufgabe erläuterte, der sich jeder Arbeitsuchende gegenübersah. Nicci hatte erwartet, er würde diesem aufgeblasenen Beamten eins verpassen; stattdessen hatte Richard sich in aller Freundlichkeit bei ihm bedankt. Es war, als hätten die Dinge, für die er in seiner ganzen Naivität eingetreten war und die er so selbstlos verteidigt hatte, als sie ihn damals kannte, jegliche Bedeutung für ihn verloren.

Als sie im Palast der Propheten seine Lehrerin gewesen war, hatte er jedes Mal, wenn sie genau zu wissen glaubte, wie er reagieren würde, etwas getan, das sie niemals vorhergesehen hatte. Jetzt verhielt es sich fast ebenso, wenn auch auf leicht veränderte Weise. Was zuvor sozusagen ziellose jugendliche Rebellion gewesen war, erwies sich als der gefährlich prüfende Blick eines Raubtieres. Nur die Kette um sein Herz hinderte ihn daran, seine Krallen in sie zu schlagen.

Bei Richards Gefangennahme war Nicci die im Fenster seiner Hütte stehende Schnitzerei einer stolzen Frau aufgefallen. So sicher wie auf den Tag die Nacht folgte, hatte Nicci gewusst, dass Richard sie angefertigt hatte; sie verriet seinen einzigartigen Blick, den sie sofort in aller Deutlichkeit erkannte. Die Figur war der greifbare Beweis für eine verborgene Seite seiner Gabe; sie stellte eine Art Gegengewicht zu seinen kriegerischen Fähigkeiten dar, und doch vermochte sie nichts Magisches in ihr zu entdecken.

Die Gewissheit, dass Richard sie geschnitzt hatte, hatte Nicci zu der Annahme verleitet, er sei an der Arbeit als Bildhauer interessiert, die man ihm unten in Tanimura angeboten hatte, doch er hatte abgelehnt. Danach war er tagelang launisch gewesen und hatte kaum ein Wort gesprochen.

Wann immer sie durch eine neue Stadt kamen, konnte sie beobachten, wie er die Statuen und Reliefarbeiten aufmerksam betrachtete. Da er selbst schnitzte, hatte sie erwartet, er würde diese Werke faszinierend finden, doch das war nicht der Fall; für sie war das vollkommen unverständlich. Zugegeben, nichts davon war so fein ausgeführt wie seine eigenen Arbeiten, aber trotzdem waren dies bildhauerische Werke, für die er sich ihrer Meinung nach zumindest hätte interessieren müssen. Seine bedrückte Stimmung, sobald er eines von ihnen erblickte, verwirrte sie jedes Mal aufs Neue.

Einmal hatte sie einen kleinen Umweg eingeschlagen, aus keinem anderen Grund als dem, ihm einen berühmten Stadtplatz mitsamt des heroischen Kunstwerks zu zeigen, das dort stolz ausgestellt war. Ihr Hintergedanke war, ihm eine kleine Freude zu bereiten, indem sie dieses viel gerühmte Werk zeigte. Er war alles andere als erfreut gewesen. Überrascht hatte sie ihn gefragt, warum er die Skulptur mit dem Titel Vision der Qual so ganz offensichtlich nicht mochte.

»Sie bedeutet den Tod«, hatte er, sich von dem allseits verehrten Kunstwerk abwendend, in kaltem Ekel geantwortet.

Es handelte sich um eine eindrucksvoll komponierte Szene, bestehend aus einer Gruppe von Personen, von denen sich einige nach dem Anblick der Vollkommenheit des Lichts des Schöpfers die Augen ausstachen. Andere Figuren im Sockel der Statue, die sich nicht geblendet hatten, wurden von Bestien aus der Unterwelt zerfleischt. Die Günstlinge des Hüters wichen vor den Geblendeten zurück, die über das, was sie gesehen hatten, bevor sie sich eigenhändig das Augenlicht nahmen, in Wehklagen verfielen.

»Aber nein«, erwiderte Nicci, die Mühe hatte, nicht loszulachen und ihn damit wegen seiner unaufgeklärten Sichtweise zu verletzen. Stattdessen suchte sie seine Sichtweise des berühmten Kunstwerks zu korrigieren, indem sie es ihm erklärte.

»Es handelt sich um eine Darstellung der nichtswürdigen Natur des Menschen. Es werden Männer gezeigt, die soeben Zeugen der Vollkommenheit Seines Lichts geworden sind, was ihnen die Aussichtslosigkeit der Verderbtheit des Menschen vor Augen geführt hat. Dass sie sich daraufhin diese selbst ausstechen wollen, ist ein Beweis für die Vollkommenheit des Schöpfers, denn sie können ihren eigenen Anblick nicht länger ertragen.

Die Männer in diesem Kunstwerk sind Helden, denn sie zeigen uns, dass wir nicht danach streben dürfen, uns in unserer Überheblichkeit über unser korruptes Wesen hinwegzusetzen, denn das käme einem sündhaften Vergleich mit unserem Schöpfer gleich. Es beweist uns, dass wir nichts weiter sind als gesichtslose, unbedeutende Teile einer größeren Gesamtheit der Menschen, die Er erschaffen hat, deshalb kann ein einzelnes Leben unmöglich irgendeine Bedeutung haben. Dieses Werk lehrt uns, dass nur die Gesellschaft als Ganzes lohnend sein kann. Die ganz unten, hier, die es nicht geschafft haben, es ihren Mitmenschen gleichzutun und sich zu blenden, erleiden ihr unbarmherziges, ewiges Schicksal durch die Hand des Hüters.