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Verstehst du jetzt? Es respektiert den Menschen in seiner ganzen Fehlerhaftigkeit; wir sollen erkennen, dass jeder Einzelne von uns sich ganz der Besserung unserer Mitmenschen verschreiben muss, denn allein dadurch können wir Gutes tun und das Werk des Schöpfers ehren – uns selbst. Du siehst also, es geht überhaupt nicht um Tod, sondern um die wahre Natur des Lebens.«

Man hatte Nicci beigebracht, die Statue sei erhebend für die Menschen, weil in ihr all das zum Ausdruck komme, was die Menschen längst als wahr erkannt hätten.

Noch nie in ihrem ganzen Leben hatte sie sich unter einem Blick so klein gefühlt wie in diesem Augenblick, da Richard sie ansah.

Entsetzt über diesen Blick in seinen Augen musste Nicci schlucken – er war das genaue Gegenteil jenes schwer fassbaren Etwas, das sie bei ihm zu finden hoffte. Ohne ein einziges Wort der Erwiderung, hatte er in ihr in diesem Augenblick den Wunsch geweckt, am liebsten unter einen Stein zu kriechen und zu sterben.

Sie verstand nicht, wie er es anstellte, aber er gab ihr das Gefühl, des Lebens unwürdig zu sein. Auf verwirrende Art gab ihr dieser Blick das Gefühl, ebenso blind zu sein wie die Männer in der Statue. Er hatte kein einziges Wort gesagt, trotzdem dauerte es Tage, bis sie es über sich brachte, ihm wieder in die Augen zu sehen.

Manchmal wirkte Richard sanft und freundlich, wenn sie Heftigkeit erwartete, manchmal schien er tief bewegt, wo sie mit Gleichgültigkeit rechnete. Sie begann sich zu fragen, ob sie sich vielleicht getäuscht hatte, als sie dachte, er sei etwas Besonderes.

Einmal hatte sie sogar ihrem Zweifel nachgegeben, ob er tatsächlich etwas an sich hatte, das sich zu entdecken lohnte. Während sie ihn im Schlaf beobachtete – mutlos, weil sie zu hoffen gewagt hatte, dem Leben eine Bedeutung zu entlocken, die über das, was ihre Mutter sie gelehrt hatte, hinausging –, hatte sie den traurigen Entschluss gefasst, am nächsten Tag, nach dem Besuch des Ortes, an dem sie aufgewachsen war, dem ganzen sinnlosen Unterfangen ein Ende zu machen und zu Jagang zurückzukehren.

Doch nach dem Besuch der Manufaktur ihres Vaters hatte sie wieder diese Eigenart in seinen Augen gesehen und jenseits allen Zweifels gewusst, dass sie sich nicht getäuscht hatte.

Der Tanz hatte soeben erst begonnen.

Sie gingen durch den schlecht beleuchteten Flur eines Logierhauses, als sie Richard ein Zeichen gab, beiseite zu treten. Nicci wollte dieses Zimmer unbedingt; sie wollte sich an einem trockenen Ort niederlegen und schlafen. Beherzt klopfte sie an eine Tür, die aussah, als könnte sie auseinanderfallen, wenn man nicht Acht gab.

Suchend überflog sie ihre Liste, stopfte sie wieder in ihren Rucksack und wartete darauf, dass jemand öffnete. Angeblich sollte das Logierhaus, genau wie all die anderen, die sie bereits aufgesucht hatten, Zimmer an jene vermieten, die neu in der Stadt waren. Kaiser Jagang brauchte dringend Arbeitskräfte.

Richard behielt die Treppe jenseits der Tür im Auge, an die Nicci gerade ein weiteres Mal klopfte. Die Treppe führte von ihnen fort deshalb konnte sie nicht verstehen, warum er ständig alle möglichen Dinge beobachtete, verließ sich aber auf seine Ahnungen. Seinem Ausdruck nach war er über das im Schatten liegende Treppenhaus nicht gerade begeistert. Als Schwester der Finsternis konnten sie die einfachen Dinge kaum schrecken, die andere Menschen ängstigen. Sie klopfte abermals.

Eine Stimme von drinnen forderte sie auf, zu verschwinden.

»Wir brauchen dringend ein Zimmer«, verkündete Nicci vor verschlossener Tür, und das in einem Ton, der keinen Zweifel daran ließ, dass sie gedachte, es auch zu bekommen. Sie klopfte fester. »Ihr steht auf der Liste. Wir wollen dieses Zimmer haben.«

»Das ist ein Versehen«, ließ sich die gedämpfte Stimme von drinnen vernehmen. »Hier ist nichts frei.«

»Jetzt passt mal auf«, rief Nicci erregt, »es wird allmählich spät…«

Drei junge Burschen, die, von ihr unbemerkt, auf der Treppe gehockt hatten, kamen großspurig um den Geländerpfosten herumstolziert. Sie trugen alle drei kein Hemd und stellten ihre Muskeln zur Schau, wie dies junge Burschen zu tun pflegen. Alle drei hatten Messer.

»Sieh mal einer an«, meinte einer der jungen Kerle mit einem dreisten Grinsen im Gesicht, während er sie lüstern mit den Augen musterte. »Was haben wir denn hier? Zwei kleine nasse Ratten?«

»Ich mag das schicke, kleine Zöpfchen von der blonden Ratte«, frohlockte ein zweiter.

Richard packte sie am Arm und schob sie wortlos zur Eingangstür hinaus, zurück in den Regen. Nicci sperrte sich, den ganzen Weg über mit leiser Stimme protestierend. Sie konnte einfach nicht glauben, dass Lord Rahl höchstpersönlich, der Sucher der Wahrheit und der Bringer des Todes, sich von drei Männern – eigentlich noch jungen Burschen – einschüchtern ließ.

Als sie die wackelige Freitreppe vor der Eingangstür hinuntergingen, schob Richard seinen Kopf ganz dicht an sie heran, zog eine Braue hoch und meinte: »Du bist nicht im Besitz deiner Kraft, schon vergessen? Mit dieser Sorte Ärger wollen wir nichts zu tun haben. Ich möchte wegen eines Zimmers kein Messer in den Bauch bekommen, ein solcher Streit wäre sinnlos. Zu wissen, wann man besser nicht kämpft, ist ebenso wichtig wie zu wissen, wie.«

Nicci hatte das Zimmer unbedingt haben wollen, musste sich aber schließlich eingestehen, dass Richard wahrscheinlich Recht hatte. Die drei spöttisch grinsenden jungen Kerle blickten ihnen an der Tür herumlungernd hinterher und überschütteten Richard mit Beschimpfungen. Es war nicht das erste Mal, dass sie solchen jungen Kerlen begegnet war. Diese jüngste Ausgabe unterschied sich in nichts von all den anderen – arrogant, aggressiv und oft gefährlich. Wenigstens gaben sie gute Soldaten für Jagangs Armee ab.

Richard schob sie die Straße entlang. Er nahm eine Abkürzung durch einige schmale Durchgänge und bog mehrere Male aufs Geratewohl ab, um sicherzugehen, dass ihnen niemand folgte.

Die Stadt Altur’Rang schien endlos, unter dem bedeckten Himmel und in diesem Regen war die Sicht allerdings begrenzt. Die völlig vom Zufall bestimmte Anordnung der Straßen und kleinen Gassen ergab ein verwirrendes Labyrinth. Das letzte Mal war sie vor vielen Jahren hier gewesen; allen Anstrengungen des Ordens zum Trotz erlebte die Stadt noch immer schlechte Zeiten. Sie wagte sich kaum vorzustellen, wie es ihr ergangen wäre, wäre die Imperiale Ordnung nicht mit ihrer Hilfe zur Stelle gewesen.

Als sie auf eine breitere Straße hinaustraten, fanden sie unter einem schmalen, überstehenden Dach gemeinsam mit einem kleinen Häuflein anderer, die vor dem Regen Schutz suchten, Unterschlupf. Nicci schlang sich gegen die Kälte die Arme um den Körper. Richard schaute, genau wie die anderen, die sich unter das Vordach drängten, den Wagen zu, die sich ab und an mühsam einen Weg durch den Kot der Straße bahnten. Sie begriff nicht, wie Richard es schaffte, in diesem Wetter warm zu bleiben, wusste aber seine Körperwärme zu schätzen, als sie in der kleinen Menschentraube gegen ihn geschoben wurde. Richard blickte auf sie hinab, konnte sich aber nicht überwinden, einen Arm um sie zu legen, um sie zu wärmen. Sie bat ihn auch nicht darum.

Nicci seufzte; in der Alten Welt war es nie lange kalt. Ein, zwei Tage noch, dann würde es wieder warm und drückend sein.

Zwischen den eingefallenen Trümmern der Manufaktur ihres Vaters hatte es kurz vor ihrem Aufbruch fast so ausgesehen, als wollte Richard den Arm um sie legen und sie trösten. Sosehr er sie hasste, sosehr er von ihr fliehen wollte – sie hatte sein Mitgefühl erregt. Nicci hatte inmitten der Trümmer gestanden und sich, in den köstlichsten Seelenqualen schwelgend, von einer Woge der Erinnerungen durchfluten lassen…