Irgendetwas erregte Richards Aufmerksamkeit. Sie folgte seinem Blick und sah, dass sich nicht weit die Straße hinunter ein Wagen seltsam schaukelnd fortbewegte. Beinahe im selben Augenblick, als sie ihn erblickte, brach mit lautem Krachen das Rad.
Wegen der Beanspruchung, die auf dem im Kot wegrutschenden und schlingernden Wagen lastete, waren die Speichen unter dem Gewicht der Ladung weggebrochen. Die Seitenwand der Ladefläche klappte klatschend auf; Leute auf dem Gehweg wurden mit Kot bespritzt und verwünschten die beiden Männer auf dem Bock. Das aus vier Pferden bestehende Gespann konnte, als die ungleich verteilte Ladung zum Achsenbruch führte, nur mit Mühe anhalten, was zur Folge hatte, dass auch die Speichen des unversehrten Hinterrades brachen; der gesamte hintere Teil des Wagens versank im Morast.
Die beiden Männer kletterten herunter, um sich den Schaden anzusehen. Der grobknochige Fahrer trat fluchend gegen das schräg aus dem Morast ragende Rad. Der andere, kleiner und stämmig gebaut, inspizierte derweil ruhig den Rest des Wagens sowie dessen Ladung.
Neugierig die Stirn runzelnd, hielt Richard, Nicci vor sich herschiebend, die Straße entlang auf den Wagen zu. Sie ließ es, nicht sonderlich begeistert, den Schutz des Daches verlassen zu sollen, nur widerstrebend mit sich geschehen.
»Da hilft alles nichts«, meinte der Stämmige mit ruhiger Entschlossenheit. »Es ist ja nur ein kurzes Stück.«
Der andere stieß erneut einen Fluch aus. »Das ist nicht meine Arbeit, Ishaq, und das weißt du. Kommt nicht in Frage!«
Daraufhin warf Ishaq in einer hilflosen Geste seine Hände in die Luft, während sein dickköpfiger Partner zum vorderen Ende des Wagens ging und das Gespann zum Weitergehen drängte, bis es ihm endlich gelang, den Wagen an den Straßenrand zu ziehen und für die anderen Wagen Platz zu schaffen, die sich bereits die Straße hinunter zu stauen begannen. Nachdem er den Wagen zur Seite geschafft hatte, ging er sofort daran, die Pferde auszuspannen.
Der Mann am hinteren Wagenende drehte sich um und musterte die Schaulustigen.
»Ich brauche jemanden, der mir hilft«, rief Ishaq in den spärlichen Menschenauflauf.
»Wobei?«, wollte ein Mann ganz in der Nähe wissen.
»Ich muss diese Ladung Eisen ins Lagerhaus bringen.«
Er reckte seinen dicken Hals und zeigte. »Gleich da drüben – in dem Backsteingebäude mit der verblichenen roten Farbe an der Seite.«
»Was lässt du dafür springen?«, erkundigte sich der Passant.
Ishaq ließ die ersten Anzeichen von Verzweiflung erkennen, als er über die Schulter blickte und seinen Partner die Pferde fortführen sah. »Ich bin nicht befugt, etwas zu zahlen, jedenfalls nicht ohne Genehmigung, aber ich bin sicher, wenn du morgen früh vorbeischaust…«
Die Zuschauer lachten wissend, angewidert, und gingen ihrer Wege. Der Mann stand bis zu den Knöcheln im Morast, allein gelassen im strömenden Regen. Seufzend drehte er sich zu seinem Wagen um und schlug die Plane zurück, unter der Eisenbarren zum Vorschein kamen.
Richard trat auf die Straße. Nicci wollte sich vor dem Dunkelwerden noch ein paar weitere Zimmer ansehen und hielt ihn am Ärmel fest, doch er sah sie nur tadelnd an. Mit einem missfällig verärgerten Schnauben folgte sie ihm, als er sich schwerfällig einen Weg durch den Morast bahnte, schließlich doch hinüber zu dem Mann, der soeben unter großen Mühen einen langen Eisenbarren vom Wagen zog.
»Du heißt Ishaq, richtig?«, fragte Richard.
Der Mann wandte sich um und nickte Richard zu. »Das ist richtig.«
»Angenommen ich helfe dir, Ishaq«, erkundigte sich Richard, »bekomme ich dann morgen wirklich Geld dafür? Raus mit der Sprache.«
Ishaq, ein kräftiger Kerl, auf dem Kopf eine komische rote Mütze mit schmaler, ganz umlaufender Krempe, schüttelte schließlich resigniert den Kopf.
»Na schön«, fuhr Richard fort. »Angenommen, ich helfe dir, die Ladung in dein Lagerhaus zu tragen, würdest du dann mir und meiner Frau erlauben, dort drinnen zu übernachten, damit wir für die Nacht aus dem Regen rauskommen?«
Der Mann kratzte sich im Nacken. »Ich darf dort niemand reinlassen. Was, wenn etwas passiert? Oder wenn plötzlich irgendwas fehlt? Dann wäre ich meine Arbeit los« – er schnippte mit den Fingern –, »und zwar so schnell.«
»Nur bis morgen. Ich möchte sie halt aus dem Regen rausbringen, bevor sie ernsthaft krank wird. Im Übrigen habe ich keine Verwendung für Eisenbarren. Und ich bestehle niemanden.«
Sich abermals im Nacken kratzend, blickte er über seine Schulter hinüber zum Wagen. Dann warf er einen kurzen Blick auf Nicci. Sie zitterte am ganzen Körper, und das war nicht gespielt. Er musterte Richard.
»Eine Übernachtung im Lagerhaus, das ist kein angemessener Preis dafür, dass du das ganze Zeug hier nach drüben schleppst. Das wird Stunden dauern.«
»Wenn du einverstanden bist, und ich auch«, versuchte Richard das Rauschen des Regens zu übertönen, »dann ist es ein angemessener Preis. Ich habe nicht mehr verlangt und bin bereit, es für diesen Preis zu machen.«
Der Mann starrte Richard an, als hätte er womöglich den Verstand verloren. Er zog seine rote Mütze vom Kopf und kratzte sich in seinen dunklen Haaren. Dann strich er sein nasses Haar nach hinten und setzte die Mütze wieder auf.
»Ihr müsstet gleich morgen früh verschwinden, sobald ich mit einem anderen Wagen komme. Sonst kriege ich am Ende Ärger…«
»Ich werde dafür sorgen, dass du wegen mir keinen Ärger bekommst. Sollte man mich schnappen, werde ich behaupten, ich sei eingebrochen.«
Der Mann überlegte einen Augenblick; das letzte Angebot, das Richard gemacht hatte, um die Sache unter Dach und Fach zu bringen, schien ihn ein wenig überrascht zu haben. Er blickte noch einmal über seine Schulter auf die Ladung, dann willigte er nickend ein.
Ishaq hob einen langen Eisenbarren an und stemmte seine Schulter darunter. Richard schnappte sich deren zwei, ließ den schweren Stahl auf die geballten Muskeln seiner Schulter sinken, und schob den Arm nach vorn, um sie zu stabilisieren.
»Komm mit«, sagte er an Nicci gewandt. »Gehen wir nach drinnen, wo du dich endlich trocknen und aufwärmen kannst.«
Sie wollte helfen und versuchte, einen Eisenbarren anzuheben, doch das ging über ihre Kräfte. Manchmal vermisste Nicci ihre Kraft; wenigstens spürte sie sie über ihre Verbindung zur Mutter Konfessor. Neben Richard hertrottend, folgte sie dem Mann in den trockenen Lagerraum, den Richard soeben für sie ergattert hatte.
Der nächste Tag dämmerte unter einem wolkenlosen Himmel, obwohl das Regenwasser noch immer von den Traufen tropfte. Am Abend zuvor hatte Nicci, während Richard Ishaq dabei half, die Ladung in das Lagerhaus zu schleppen, eine dünne Schnur aus Richards Rucksack zwischen den Regalen aufgespannt, um ihre nassen Sachen zum Trocknen aufzuhängen. Am Morgen waren die meisten ihrer Kleidungsstücke leidlich trocken.
Sie hatten auf hölzernen Pritschen genächtigt, denn die einzige Alternative wäre der nackte Fußboden gewesen. Alles roch nach Eisenstaub und war mit einer hauchfeinen, schwarzen Schicht überzogen. Von einer einzigen Laterne abgesehen, die Ishaq ihnen dagelassen hatte, und über der Nicci sich wenigstens die Hände wärmen konnte, gab es im Lagerhaus nichts, das ihnen Wärme hätte spenden können. Sie schliefen, so gut es ging, in ihren feuchten Kleidern. Am Morgen waren auch diese halbwegs trocken.
Nicci hatte den größten Teil der Nacht kein Auge zugetan, aber im Licht der ihre Hände wärmenden Laterne hatte sie Richard im Schlaf beobachtet und dabei über seine grauen Augen nachgedacht. Es war ein schwerer Schlag für sie gewesen, diese Augen in der Manufaktur ihres Vater auf sie gerichtet zu sehen, und es hatte eine Flut von Erinnerungen zurückgerufen.
Richard öffnete das Tor der Lagerhalle gerade weit genug, um sich hindurchzuzwängen, und trug ihre Siebensachen hinaus in den anbrechenden Morgen. Der Himmel über der Stadt schien von Rost befallen. Er ließ sie als Bewachung bei ihren Sachen zurück und ging noch einmal hinein, um das Tor von innen zu verriegeln. Sie hörte, wie er über die Regale der Lagerhalle zu einem Fenster hinaufkletterte; an der Außenseite musste er hinunterspringen.