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Als Ishaq schließlich mit einem anderen Wagen die Straße heraufkam, saßen Richard und Nicci bereits auf einer niedrigen Mauer an der Zufahrt zum Lagerhallentor. Während der Wagen an ihnen vorbei auf den Hof vor dem Gebäude rollte und schließlich vor der Doppeltür hielt, sah Nicci, dass an den Zügeln jener Fahrer saß, der Ishaq am Abend zuvor im Stich gelassen hatte.

Der schlaksige Fahrer zog, sie misstrauisch musternd, die Feststellbremse an.

»Was geht hier vor?«, fragte er Richard.

»Tut mir Leid, wenn ich Euch störe, aber ich wollte einfach hier sein, bevor Ihr aufmacht, damit ich mich erkundigen kann, ob es hier vielleicht Arbeit gibt.«

Mit einem kurzen Blick auf Nicci stellte Ishaq fest, dass sie trocken war. Das verriegelte Tor beäugend, sah er, dass Richard Wort gehalten und ihn davor bewahrt hatte, dass er Ärger bekam, weil er jemand in der Halle hatte schlafen lassen.

»Wir sind nicht berechtigt, jemanden einzustellen«, erklärte der Fahrer. »Du musst zum Büro gehen und deinen Namen in eine Liste eintragen lassen.«

Richard seufzte. »Verstehe. Vielen Dank, Leute, ich werde es versuchen. Schönen Tag Euch beiden.«

Nicci hatte gelernt, es Richards Stimme anzuhören, wenn er etwas im Schilde führte. Suchend schaute er erst rechts, dann links die Straße hinunter, so als wollte er sich orientieren. Jetzt führte er zweifellos etwas im Schilde. Er schien Ishaq Gelegenheit geben zu wollen, sich für die geleistete Hilfe etwas großzügiger zu revanchieren.

Am Abend zuvor hatte er Richard einen doppelt so großen Anteil der Wagenladung schleppen lassen. Richard hatte es ohne ein Wort des Protestes über sich ergehen lassen.

Ishaq räusperte sich. »Warte mal.« Er kletterte vom Wagen herunter, um das Tor aufzuschließen, blieb aber kurz vor Richard stehen. »Ich bin hier der Lademeister. Wir brauchen noch einen zusätzlichen Mann. Du siehst aus, als könntest du ganz ordentlich anpacken.« Er zeichnete mit der Stiefelspitze eine kleine Karte in den Morast. »Geh rüber ins Büro« – er deutete mit dem Daumen über die Schulter – »die Straße hier runter bis zur dritten Biegung, dann nach rechts bis zur sechsten Querstraße.« Er malte ein Kreuz in den Morast. »Das Büro ist hier. Lass deinen Namen in die Liste eintragen.«

Richard lächelte und verneigte sich. »Werd ich machen, Sir.«

Nicci wusste ganz genau, dass Richard Ishaqs Namen nicht vergessen hatte, aber wegen des Fahrers, dem Richard nicht über den Weg traute, weil der Mann seinen Kumpel am Abend zuvor im Stich gelassen hatte, tat er so, als kenne er ihn nicht. Was Richard nicht recht verstand, war, dass der Fahrer ausschließlich die ihm zugeteilte Arbeit ausgeführt hatte.

Offenbar war es nicht gestattet, Arbeiten zu übernehmen, die anderen gehörten; vielleicht war es auch Diebstahl. Die Ladung fiel in die Verantwortung des Ladearbeiters, nicht des Fahrers, »Erst einmal musst du dich beim Kollektiv der Ladearbeiter einschreiben lassen«, erklärte ihm Ishaq, »das geht hier alles seinen geregelten Gang. Die haben ihr Büro im selben Gebäude. Dann gehst du hin und setzt deinen Namen auf die Liste für die Arbeitsstelle. Ich gehöre dem bürgerlichen Arbeiterkollektiv an, das vom Prüfungsausschuss bei der Berücksichtigung neuer Antragsteller gehört wird. Setz dich einfach hin und warte draußen. Bei unserer Versammlung später werde ich mich dann für dich verbürgen.«

Der Fahrer beugte sich zur Seite und spie aus. »Wieso tust du das, Ishaq? Du kennst den Kerl doch gar nicht.«

Ishaq sah den Fahrer missmutig an. »Hast du bei der Innung irgendjemanden gesehen, der so kräftig war wie dieser Bursche hier? In der Lagerhalle brauchen wir noch einen zusätzlichen Ladearbeiter. Wir haben gerade einen verloren und benötigen dringend Ersatz. Willst du vielleicht, dass man mir irgendeinen klapprigen alten Kerl ans Bein bindet, damit ich am Ende alles allem machen muss?«

Der Fahrer lachte amüsiert. »Wohl kaum.«

Ishaq deutete auf Nicci. »Außerdem, sieh dir seine junge Frau an. Sie braucht dringend etwas Fleisch auf die Rippen, findest du nicht? Scheint mir ein ganz nettes junges Paar zu sein.«

Ishaq, bereits auf dem Weg zur Halle, um die Tür dort aufzuschließen, bedachte Richard beiläufig mit einer fahrigen Handbewegung. »Und sieh bloß zu, dass du auch kommst.«

»Ich werde da sein.«

Ishaq blieb stehen und drehte sich um. »Das hätte ich beinahe vergessen – wie heißt du?«

»Richard Cypher.«

Ishaq nickte ihm zu und wandte sich herum zur Tür. »Ich bin Ishaq. Dann bis heute Abend, Richard Cypher. Und lass mich bloß nicht im Stich – hast du verstanden? Wenn sich rausstellt, dass du ein fauler Hund bist, der andere im Stich lässt, ziehe ich dir das Fell über die Ohren und lasse dich mit einem Eisenbarren um den Hals in den Fluss schmeißen.«

»Ich werde dich nicht enttäuschen, Ishaq.« Richard grinste. »Ich bin zwar ein guter Schwimmer, aber so gut auch wieder nicht.«

Als sie durch die morastigen Straßen stapften, um noch etwas zu essen aufzutreiben, bevor sie das Büro aufsuchten, um sich in die Liste der Arbeitssuchenden einschreiben zu lassen, fragte Richard: »Was hast du?«

Nicci schüttelte angewidert den Kopf. »Normale Menschen haben nicht so viel Glück wie du, Richard. Normale Menschen müssen hart arbeiten und sich anstrengen, aber du findest einfach mit Glück eine Arbeit.«

»Wenn das Glück war«, entgegnete Richard, »wie kommt es dann, dass mir vom Schleppen der Fuhre Eisenbarren bis ins Lagerhaus der Rücken weh tut?«

46

Als Richard den letzten Wagen mit Eisenbarren abgeladen hatte, stützte er die Hände auf den Stapel und ließ keuchend den Kopf hängen. Die Muskeln in seinen Armen und Schultern pochten. Normalerweise wäre es einfacher gewesen, wenn man für das Abladen der Eisenbarren zwei Mann zur Verfügung gehabt hätte, einen auf dem Wagen und einen unten, aber der Mann, der ihm mit der Fuhre hatte helfen sollen, hatte einige Tage zuvor mit der Begründung gekündigt, er sei nicht korrekt behandelt worden. Im Grunde vermisste Richard ihn aber nicht allzu sehr, denn selbst wenn der Mann einmal den Hintern hochbekam, war er eher eine Last als eine Hilfe.

Das durch die hohen Fenster hereinfallende Licht wurde schwächer, und zurückblieb ein tief violetter Himmel im Westen. Der Schweiß lief ihm in den Nacken, feine Bahnen durch den schwarzen Eisenstaub ziehend. Am liebsten hätte er sich jetzt in einen kühlen Bergsee gestürzt; schon die Vorstellung hatte etwas Erfrischendes. Während er verschnaufte, ließ er seine Gedanken dorthin wandern.

Ishaq kam mit einer Laterne durch den Mittelgang. »Du arbeitest zu hart, Richard.«

»Ich dachte, deswegen hätte man mich eingestellt.«

Ishaq musterte Richard einen Augenblick, wobei sich der grelle Schein der Laterne in seiner Hand in einem Auge spiegelte. »Hör auf meinen Rat. Du arbeitest zu hart, und das wird dir nur Ärger einbringen.«

Mittlerweile arbeitete Richard, Wagen be- und entladend, seit drei Wochen im Lagerhaus. Er hatte eine ganze Reihe der anderen Arbeiter kennen gelernt und konnte sich ziemlich genau vorstellen, was Ishaq meinte.

»Die Vorstellung, mit einem Eisenbarren um den Hals schwimmen zu müssen, beschäftigt mich eben immer noch.«

Ishaqs finstere Miene hellte sich ein wenig auf und er lachte brummig. »An dem Tag hab ich bloß den Mund aufgerissen, wegen Jori.«

Jori war der Fahrer, der sich geweigert hatte, mit anzupacken, als der Wagen einen Radbruch hatte. Richard gähnte. »Weiß ich doch, Ishaq.«

»Wir sind hier nicht auf einer Farm, wie da, wo du herkommst. Das hier ist was anderes, hier lebt man nach den Gepflogenheiten des Ordens. Du darfst niemals die Bedürfnisse der anderen aus den Augen verlieren, wenn du nicht anecken willst. Das ist nun mal der Lauf der Welt.«