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Der zur Vorsicht gemahnende Unterton in Ishaqs Stimme war Richard ebensowenig entgangen wie die Bedeutung seiner versteckten Warnung.

»Du hast Recht, Ishaq. Danke, ich werde versuchen daran zu denken.«

Ishaq deutete mit seiner Laterne Richtung Tür. »Heute Abend ist Arbeiterkollektivversammlung. Am besten, du machst dich sofort auf den Weg.«

Richard stöhnte. »Ich weiß nicht. Es ist spät, und ich bin müde. Ich würde lieber –«

»Du solltest darauf achten, dass dein Name sich nicht rumspricht. Es ist nicht gut, wenn die Leute sich den Mund zerreißen, dass es dir an sozialer Einstellung fehlt.«

Richard feixte. »Ich dachte, die Versammlungen wären freiwillig.«

Ishaq entfuhr abermals ein bellendes Lachen. Richard ging seinen Rucksack aus einem Regal in der hinteren Ecke holen und lief dann zum Tor, damit Ishaq es verriegeln konnte.

Draußen, wo es inzwischen immer dunkler wurde, konnte Richard Niccis üppige Gestalt gerade eben noch auf der Mauer am Eingang des Lagerhauses sitzen sehen. Ihre Kurven erinnerten ihn oft an nichts so sehr wie an eine Schlange. Da sie noch immer kein Zimmer hatten, schaute sie oft am Lagerhaus vorbei, nachdem sie den größten Teil des Tages damit zugebracht hatte, für Brot und andere Dinge des täglichen Bedarfs anzustehen. Gewöhnlich gingen sie anschließend zusammen zu ihrem Unterschlupf in einer ruhigen, ungefähr eine Meile entfernten Gasse. Richard hatte ein paar dort herumlungernden Jungen ein bisschen Geld in die Hand gedrückt, damit sie ihr Nachtlager bewachten und darauf aufpassten, dass es sich kein anderer unter den Nagel riss. Die Burschen waren jung genug, um für den kleinen Geldbetrag dankbar zu sein, gleichzeitig alt genug, ihre Arbeit mit einer gewissen Sorgfalt zu verrichten.

»Hast du Brot bekommen?«, fragte Richard.

Nicci sprang von der Mauer herunter. »Heute gab es keins – es war schon ausverkauft. Ich werde uns eine Suppe kochen.«

Richard knurrte der Magen. Er hatte sich Hoffnungen auf Brot gemacht, um gleich an Ort und Stelle ein Stück davon essen zu können. Suppe würde dauern.

»Wo ist dein Rucksack? Und wenn du Kohl eingekauft hast, wo ist er dann?«

Lächelnd holte sie einen kleinen Gegenstand hervor, den sie im Gehen vor sich hielt, sodass er sich vor dem tiefvioletten Himmel der Abenddämmerung abzeichnete. Es war ein Schlüssel.

»Ein Zimmer? Wir haben ein Zimmer?«

»Ich war heute Nachmittag in der Quartiervermittlung. Unser Name war endlich an der Reihe. Man hat uns ein Zimmer zugewiesen, für Mr. und Mrs. Cypher. Heute Nacht werden wir ein Dach über dem Kopf haben. Das ist auch gut so, denn es sieht nach Regen aus. Ich habe meine Sachen schon in unser Zimmer gebracht.«

Richard rieb sich seine schmerzenden Schultern. Er spürte, wie ihn angesichts der Heuchelei, zu der sie ihn und auch Kahlan zwang, eine Woge des Abscheus überkam.

Manchmal gab es Augenblicke, in denen er in dem, was sie war und tat, einen Anflug tieferer Bedeutung zu entdecken glaubte, meist jedoch fühlte er sich von dem Irrsinn des Ganzen einfach nur erdrückt.

»Und wo liegt dieses Zimmer?« Er hoffte, es war nicht ganz auf der anderen Seite der Stadt.

»Es ist eins von denen, wo wir schon einmal waren – nicht allzu weit von hier. Das mit dem Flecken an der Wand gleich neben der Tür.«

»Nicci, sie hatten alle Flecken an den Wänden.«

»Ich meinte den, der aussieht wie ein Pferdehintern mit wedelndem Schwanz. Du wirst schon sehen.«

Richard war völlig ausgehungert. »Ich muss heute Abend wieder zu einer Versammlung des Arbeiterkollektivs.«

»Oh«, machte Nicci. »Die Versammlungen des Arbeiterkollektivs sind wichtig. Sie helfen einem, nicht aus den Augen zu verlieren, worauf es wirklich ankommt, und dass jeder eine Verpflichtung gegenüber seinen Mitmenschen hat.«

Die Versammlungen waren die reinste Qual. Nie passierte dabei irgendetwas von Bedeutung; manchmal zogen sie sich über Stunden hin. Es gab allerdings Leute, die geradezu für die nächste Versammlung lebten, damit sie sich vor den anderen produzieren und vom Ruhm des Ordens berichten konnten. Das war ihre Glanzstunde, ihr Augenblick, in dem sie etwas darstellten, in dem sie wichtig waren.

Wer sich auf den Versammlungen nicht blicken ließ, konnte leicht in den Verdacht umstürzlerischer Umtriebe geraten. Dass ein solcher Verdacht jeder Grundlage entbehrte, war bedeutungslos. In einem Land, in dem Gleichheit als oberstes Ideal galt, gab es manchen Leuten ein Gefühl größerer Wichtigkeit, eine Anschuldigung vorzubringen.

Ständig schien die Gefahr eines Umsturzes, einer dunklen Wolke gleich, über der Alten Welt zu schweben. Der Anblick von Stadtgardisten, die Personen wegen des Verdachts auf umstürzlerische Umtriebe in Gewahrsam nahmen, war ganz und gar nichts Ungewöhnliches. Folter brachte Geständnisse hervor, die wiederum die Glaubwürdigkeit des Anklägers unter Beweis stellten. Dieser Logik entsprechend hatten die Leute, die sich auf Versammlungen lang und breit über irgendetwas ausließen, zu Recht mit dem Finger auf eine Reihe von Unruhestiftern gezeigt – wie deren Geständnisse ja bewiesen.

Die allgegenwärtige, unterschwellige Spannung in Altur’Rang ließ viele in ständiger Sorge über die Geißel des Umsturzes – die angeblich aus der Neuen Welt drohte. Beamte des Ordens zögerten nicht, einen solchen Umsturz niederzuschlagen, wann immer man ihn entdeckte. Andere verzehrten sich so sehr vor Angst, jemand könnte mit dem Finger auf sie zeigen, dass die Denunzianten auf den Versammlungen der Arbeiterkollektive sich einer großen Schar eifriger Anhänger sicher sein konnten.

Auf manch öffentlichem Platz ließ man Leichen der Unruhestifter – als Mahnung, was geschehen konnte, falls man in falsche Gesellschaft geriet – an hohen Pfählen aufhängen, bis die Vögel ihre Gebeine blank gepickt hatten. Ein häufig gehörter Scherz, falls ein unvorsichtiger Mensch auch nur die geringste nicht obrigkeitskonforme Bemerkung fallen ließ, lautete: »Möchtest du etwa im Himmel begraben werden?«

Richard gähnte abermals, als sie in die Straße einbogen, die zum Versammlungssaal führte. »Ich kann mich an keinen Fleck erinnern, der wie ein Pferdehintern aussah.«

Steine knirschten unter ihren Stiefeln, als sie die dunkle Straßenseite entlangliefen. Weit vor sich sahen sie Ishaqs schwingende Laterne, als der Mann zur Versammlung eilte.

»Du hattest gerade auf etwas anderes geachtet. Es ist das Zimmer, wo diese drei wohnen.«

»Diese drei was?«

Mehrere andere Leute, die er zum Teil kannte und zum Teil nicht, hasteten auf ihrem Weg zur Versammlung durch die Straße.

Da fiel es Richard wieder ein. Er blieb stehen.

»Meinst du etwa dieses Logierhaus, wo die drei Angeber wohnen – die drei mit den Messern?«

Im trüben Licht konnte er kaum sehen, wie sie nickte. »Genau das meinte ich.«

»Großartig.« Richard wischte sich mit der Hand durchs Gesicht während sie weitergingen. »Hast du dich erkundigt, ob wir vielleicht ein anderes Zimmer bekommen können?«

»Wer neu in die Stadt kommt, kann von Glück reden, wenn er überhaupt ein Zimmer bekommt. Die Zimmer werden zugeteilt, sobald der betreffende Name an der Reihe ist. Lehnt man ab, rutscht man in der Liste wieder nach ganz unten.«

»Hast du dem Wirt schon etwas bezahlen müssen?«

Sie zuckte mit den Achseln. »Nur, was ich bei mir hatte.«

Richard biss die Zähne aufeinander, ging aber weiter. »Das war alles, was wir für den Rest der Woche hatten.«

»Ich kann die Suppe verlängern.«

Richard traute ihr nicht über den Weg. Wahrscheinlich hatte sie irgendwie dafür gesorgt, dass man ihnen ausgerechnet dieses Zimmer zugewiesen hatte. Vermutlich wollte sie herausfinden, was er jetzt, da er der Situation nicht aus dem Weg gehen konnte, gegen die drei jungen Burschen unternehmen würde. Ständig tat sie so etwas, stellte seltsame Fragen und machte unverschämte Bemerkungen, nur um zu sehen, wie er darauf reagierte, wie er sich verhielt. Er vermochte sich nicht vorzustellen, was sie eigentlich von ihm wollte.