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Wegen dieser drei Burschen begann er sich allerdings Sorgen zu machen, denn er erinnerte sich noch recht gut, wie Caras Strafer Kahlan dieselben Schmerzen hatte erleiden lassen wie Nicci. Wenn die drei Nicci verletzten, würde Kahlan ebenfalls darunter leiden. Bei der Vorstellung brach ihm der kalte Schweiß aus vor Sorge.

Während der Versammlung des Arbeiterkollektivs hockten Richard und Nicci auf Bänken im rückwärtigen Teil eines verrauchten Saales, während sich weiter vorne irgendwelche Leute über den Ruhm des Ordens ausließen, und wie dieser allen Menschen zu einem sittsamen Leben verhalf. Richards Gedanken wanderten zu dem kleinen Bach hinter der Hütte, die er gebaut hatte, zu den sonnendurchfluteten Nachmittagen, an denen er Kahlan dabei zugesehen hatte, wie sie ihre Füße im Wasser baumeln ließ. Er verging fast vor Sehnsucht, als er in Gedanken den Schwung ihrer Beine vor sich sah. Die Vorträge handelten von der Pflicht eines jeden Arbeiters gegenüber seinem Mitmenschen. Viele dieser Abhandlungen wurden in leierndem, monotonem Tonfall vorgetragen; sie waren bereits so oft wiederholt worden, dass den Worten jegliche Bedeutung abhanden gekommen war und allein noch die Tatsache zählte, dass man sie überhaupt herunterleierte. Richard musste an Kahlans Lachen denken, als er die Fische fing, die er für sie in die Gläser gesetzt hatte. Viele der Anwesenden, die Leiter der Kollektive sowie die Sprecher der Stadt, trugen voller Inbrunst und Leidenschaft ihr Lob über die Methoden des Ordens vor. Ein paar der Anwesenden erhoben sich und brachten die zur Sprache, die nicht anwesend waren, gaben ihre Namen an und beklagten sich darüber, welch bedauernswerte Einstellung sie gegenüber ihren Arbeiterkameraden hätten; Getuschel ging durch die Menge.

Nach den Reden erhoben sich einige der Arbeiterfrauen und erklärten, in letzter Zeit hätten sie zusätzlichen Bedarf, da sie gerade ein Kind bekommen hätten, ihre Männer ans Bett gefesselt oder aber die Angehörigen, die sie versorgten, krank seien. Nach jeder Wortmeldung wurde per Handzeichen abgestimmt. Wenn man sich korrekt verhalten und ihnen durch die Gruppe helfen lassen wollte, hob man seine Hand.

Wer seine Hand nicht hob, wurde namentlich notiert. Ishaq hatte Richard erklärt, wenn man anderer Meinung war, sei es durchaus gestattet, seine Hand nicht zu heben, mache man das aber zu oft, werde man auf eine Beobachtungsliste gesetzt. Richard wusste nicht, was eine Beobachtungsliste war, allerdings war das unschwer zu erraten; außerdem hatte Ishaq Richard erklärt, er solle zusehen, dass er nicht auf einer landete und darauf achten, dass er seine Hand meistens hob.

Richard hob sie jedes einzelne Mal. Im Grunde war es ihm egal, was passierte. Er hatte kein Interesse, sich an irgendetwas zu beteiligen, kein Interesse, die Dinge zum Besseren zu wenden, und er interessierte sich nicht dafür, wie gut oder schlecht es anderen erging. Die meisten schienen zu wollen, dass der Orden mit seinen Annehmlichkeiten ihr Leben regelte und ihnen die Mühe abnahm, selbst nachzudenken. Ganz so wie in Anderith. Nicci schien überrascht und gelegentlich sogar enttäuscht zu sein, seine Hand jedes Mal hochgehen zu sehen, brachte aber weder Einwände vor, noch stellte sie Fragen.

Er merkte es kaum noch, wenn er seine Hand hob. Innerlich musste er lächeln, als er sich an Kahlans Gesichtsausdruck und das Staunen in ihren grünen Augen erinnerte, als sie zum ersten Mal Seele erblickt hatte. Richard hätte ihr einen ganzen Berg geschnitzt, nur um noch einmal zu erleben, wie ihr beim Anblick von etwas, das sie bewunderte, dem sie zugetan war und das sie schätzte, vor Freude die Tränen kamen.

Mittlerweile hatte ein anderer Mann das Wort ergriffen und beklagte sich über ungerechte Arbeitsbedingungen, dass er gezwungen gewesen sei, zu kündigen, weil er sich nicht den Misshandlungen durch das Fuhrunternehmen habe aussetzen wollen. Es war der Mann, der die Arbeit hingeschmissen und Richard mit der Fuhre allein gelassen hatte. Richard hob zusammen mit allen anderen die Hand, um dem Mann als Entschädigung sechs Monate vollen Lohnausgleich zu bewilligen.

Nachdem die Abstimmung erfolgt war und sämtliche Verpflichtungen unter einigem Getuschel und dem Geräusch kratzender Federn auf Papier zusammengerechnet wurden, bekamen die gesunden Arbeitskräfte ihren gerechten Anteil zugesprochen, mit dem sie die Bedürftigen unterstützen durften. Wer arbeitsfähig war, so hatte man Richard mitgeteilt, war verpflichtet, nach besten Kräften Gewinn zu erwirtschaften, um denen helfen zu können, die dazu nicht in der Lage waren.

Sobald die Namen der Männer aufgerufen wurden, erhoben diese sich, um zu erfahren, welchen Anteil man ihnen von ihrem nächsten Wochenlohn abziehen würde. Da er neu war, wurde Richards Namen zuletzt aufgerufen. Er stand auf und sah gedankenverloren quer durch den schlecht beleuchteten Saal zu den Leuten in den mottenzerfressenen Jacken hinüber, die hinter einem langen, aus zwei alten Türen errichteten Tisch saßen. An einem Ende saß Ishaq, der den anderen bei jeder Abstimmung beipflichtete. Mehrere Frauen steckten noch immer die Köpfe zusammen. Als sie fertig waren, flüsterten sie dem Vorsitzenden etwas zu, woraufhin dieser nickte.

»Richard Cypher, da du sozusagen neu bei uns bist, hast du, was deine Pflichten gegenüber dem Arbeiterkollektiv anbelangt, noch einiges nachzuholen. Dein nächster Wochenlohn wird demzufolge vollständig als Hilfszahlung einbehalten.«

Einen Augenblick lang stand Richard wie benommen da. »Und wovon soll ich essen – oder meine Miete bezahlen?«

Menschen im Saal wandten sich herum und warfen ihm missbilligende Blicke zu. Der Vorsitzende ließ seine flache Hand auf den Tisch niederkrachen und bat sich Ruhe aus.

»Du solltest deinem Schöpfer dafür danken, dass du mit guter Gesundheit gesegnet bist und arbeiten kannst, junger Mann. Jetzt, in diesem Augenblick, gibt es Menschen, die nicht so viel Glück im Leben haben wie du, die bedürftiger sind als du. Leiden und Not gehen vor persönlicher Bereicherung.«

Richard seufzte. Was spielte es im Grunde für eine Rolle? Schließlich hatte er Glück im Leben.

»Jawohl, Sir. Ich verstehe, was Ihr meint. Ich werde den Bedürftigen mit Freuden meinen Anteil zur Verfügung stellen.«

Wenn nur Nicci nicht ihr ganzes Geld weggegeben hätte.

»Nun«, sagte er zu Nicci, als sie in die Nacht hinausschlenderten. »Ich schätze, wir können den Wirt bitten, uns den Mietzins zurückzugeben und bleiben, wo wir zuvor gewohnt haben, bis ich etwas mehr arbeiten und ein wenig Geld zurücklegen kann.«

»Mietzins wird niemals zurückerstattet«, sagte sie. »Der Wirt wird Verständnis für unsere Notlage haben und unsere Schulden auflaufen lassen, bis wir mit der Rückzahlung beginnen können. Du wirst bei der nächsten Versammlung einfach bei der Prüfungskommission vorstellig werden und deine Notlage erklären müssen. Wenn du sie in angemessener Form darlegst, wird man dir Mittel aus dem Barmherzigkeitsfonds bewilligen, damit du deine Miete zahlen kannst.«

Richard war erschöpft. Er kam sich vor wie in einem albernen, idiotischen Traum.

»Barmherzigkeit? Das ist mein Lohn – für die Arbeit, die ich geleistet habe?«

»Das ist eine eigensüchtige Betrachtungsweise, Richard. Die Arbeit wurde dir von Gnaden des Arbeiterkollektivs, der Gesellschaft und des Ordens überlassen.«

Er war zu müde, um zu widersprechen. Außerdem erwartete er ohnehin keine Gerechtigkeit bei irgendetwas, das im Namen des Ordens geschah. Er wollte einfach in ihr neues Zimmer gehen und ein wenig schlafen.

Als sie die Tür aufmachten, war einer der drei jungen Burschen gerade damit beschäftigt, Niccis Rucksack zu durchwühlen. Ein paar ihrer Wäschestücke in seiner Hand haltend, schaute er einfältig grinsend über seine Schulter zu ihnen hinüber.

»Sieh mal einer an«, meinte er, sich aufrichtend. Er trug noch immer kein Hemd. »Es scheint, die beiden nassen Ratten haben ein Loch gefunden, in dem sie hausen können.« Sein lüsterner Blick glitt zu Nicci, und es war nicht ihr Gesicht, das ihn interessierte.