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Nicci riss ihm erst den Rucksack aus der einen, dann ihre Wäsche aus der anderen Hand. Während er ihr die ganze Zeit grinsend dabei zusah, stopfte sie ihre persönlichen Wäschestücke zurück in den Rucksack. Richard befürchtete, sie könnte ihre Verbindung zu Kahlan aufgeben, um von ihrer Kraft Gebrauch zu machen, doch sie funkelte den Burschen nur wütend an.

Im Zimmer stank es nach Schimmel. Die niedrige Decke gab Richard das Gefühl, bedrohlich eingezwängt zu sein. Früher schien die Decke wohl einmal weiß getüncht gewesen zu sein, jetzt jedoch war sie von Kerzenund Lampenruß schwarz, was dem Zimmer etwas Höhlenähnliches verlieh. Eine auf einer rostigen Wandhalterung stehende Kerze war die einzige Lichtquelle. In einer Ecke vor den schmutzigen, mit Fliegendreck übersäten Wänden stand schräg ein Kleiderschrank. Dem Kleiderschrank fehlte eine Tür. Zwei Holzschemel vor einem unter dem einen winzigen Fenster in der gegenüberliegenden Wand stehenden Tisch waren die einzige Sitzmöglichkeit, wenn man nicht mit dem verzogenen und durchhängenden Fußboden aus Fichtenplanken vorlieb nehmen wollte. Eine Vielzahl von Anstrichen in den unterschiedlichsten Farben hatte die kleinen Fensterglasquadrate undurchsichtig gemacht. Durch ein winziges Dreieck, wo das Glas herausgebrochen war, konnte Richard die graue Mauer des gegenüberliegenden Gebäudes erkennen.

»Wie bist du hier reingekommen?«, fuhr Nicci ihn barsch an.

»Mit dem Hauptschlüssel.« Er wedelte damit hin und her, wie mit einem Pass des Königs. »Mein Vater ist hier der Wirt, müsst ihr wissen. Ich habe eure Sachen bloß nach umstürzlerischen Schriften durchsucht.«

»Du kannst tatsächlich lesen?«, meinte sie spöttisch. »Das müsste ich hören und sehen, um es zu glauben.«

Das trotzige Grinsen geriet keinen Augenblick ins Wanken. »Wir würden es gar nicht gerne sehen, wenn wir Umstürzler unter unserem Dach wohnen hätten. Sie könnten alle anderen in Gefahr bringen. Mein Vater ist verpflichtet, alle verdächtigen Umtriebe sofort zu melden.«

Richard trat beiseite, um den jungen Mann auf seinem Weg zur Tür vorbeizulassen, doch als der Bursche die Kerze aufnahm, hielt er ihn am Arm fest.

»Die Kerze gehört uns«, sagte Richard.

»Ach ja? Und wie kommst du auf die Idee?« Richard schloss seinen Griff fester um den nackten, hageren, aber muskulösen Arm. Ihm in die Augen sehend, deutete er auf die Kerze.

»Auf der Unterseite sind unsere Initialen eingeritzt, dort.«

Instinktiv, ohne nachzudenken, drehte der junge Kerl die Kerze herum, um nachzusehen. Das heiße Wachs lief über seine Hand, woraufhin er die Kerze mit einem Aufschrei fallen ließ.

»Oje, das tut mir Leid«, meinte Richard. Er bückte sich und hob die Kerze auf. »Ich hoffe doch, du bist nicht verletzt. Du hast doch nichts von dem heißen Wachs in die Augen bekommen, oder? Heißes Wachs in den Augen ist äußerst schmerzhaft.«

»Ach ja?« Er wischte sich sein glattes, schwarzes Haar aus dem Gesicht. »Und woher willst du das wissen?«

»Da, wo ich herkomme, habe ich gesehen, wie einem armen Teufel so etwas passierte.«

Richard beugte seinen Oberkörper hinaus in den Flur und in den Schein eines anderen, auf einem Sims stehenden Wachslichts und tat, als ritze er mit dem Daumennagel ein R und ein C in die Unterseite der Kerze. »Siehst du, hier: meine Initialen.«

Der Junge sah nicht einmal hin. »Schon gut.«

Er wankte zur Tür hinaus. Richard begleitete ihn und entzündete ihre Kerze an der Flamme der im Flur brennenden. Bevor er sich entfernte, drehte sich der junge Kerl noch einmal um, einen überheblichen Ausdruck im Gesicht.

»Wie kann man nur so blöde sein, heißes Wachs in die Augen zu bekommen? War das auch so ein stumpfsinniger Ochse wie du?«

»Nein«, meinte Richard ganz beiläufig. »Ganz im Gegenteil. Er war ein dreister, ziemlich hochnäsiger Bursche, der den Fehler beging, die Ehefrau eines anderen anzufassen. Der Ehemann war es, der ihm das heiße Wachs in die Augen träufelte.«

»Ach ja? Und wieso hat der dämliche Trottel nicht einfach die Augen zugemacht?«

Zum ersten Mal bekam Richards Lächeln, als er den jungen Mann ansah, etwas Tödliches.

»Weil man ihm zuvor die Lider abgeschnitten hatte, damit er sie nicht schließen konnte. Siehst du, da, wo ich herkomme, kann einer, der eine Frau gegen ihren Willen anfasst, nicht auf Nachsicht rechnen.«

»Hört, hört.«

»Ja. Die Lider waren übrigens nicht das Einzige, was man dem jungen Mann abgeschnitten hat.«

Der junge Bursche wischte sich abermals das Haar aus dem Gesicht. »Willst du mir etwa drohen, du Ochse?«

»Nein. Nichts, was ich tun kann, könnte dir mehr schaden als das, was du dir schon lange selber antust.«

»Was soll denn das jetzt heißen?«

»Aus dir wird nie etwas werden, du wirst immer der wertlose Dreck bleiben, den andere sich von ihren Schuhen kratzen. Man hat nur ein einziges Leben, und du bist auf dem besten Wege, deines zu vergeuden. Das ist eine entsetzliche Schande. Ich bezweifele, ob du jemals erleben wirst, was es heißt, wirklich glücklich zu sein, jemals etwas von Bedeutung zu Stande zu bringen, jemals aufrichtig stolz auf dich zu sein. All das brockst du dir selber ein, etwas Schlimmeres könnte ich dir unmöglich antun.«

»Ich kann nicht ändern, was das Leben für mich bereit hält.«

»Doch, das kannst du. Jeder schafft sich sein eigenes Leben.«

»So? Wie kommst du denn auf die Idee?«

Richard deutete um sich. »Schau dir doch den Schweinestall an, in dem du haust. Dein Vater ist der Hauswirt. Wieso beweist du nicht ein bisschen Stolz und bringst das Haus in Ordnung?«

»Er ist der Hauswirt, nicht der Eigentümer. Der Mann, dem es gehörte, war ein geldgieriger Bastard, der mehr Miete haben wollte, als viele sich leisten konnten. Der Orden hat das Haus übernommen, und der Besitzer wurde wegen seiner Verbrechen an den Menschen zu Tode gefoltert. Meinem Vater hat man anschließend den Posten des Wirts übertragen. Wir verwalten diese Bruchbude nur, um armen Narren wie dir zu helfen, die kein Dach über dem Kopf haben; wir haben kein Geld, um das ganze Gebäude hier auf Vordermann zu bringen.«

»Geld?« Richard zeigte auf die Tür. »Braucht man etwa Geld, um den Müll fortzuräumen, den jemand im Flur liegen gelassen hat?«

»Ich habe ihn nicht dort hingeschmissen.«

»Und diese Wände – es kostet kein Geld, die Wände abzuwaschen. Sieh dir diese Zimmerdecke an; sie ist seit mindestens einem Jahrzehnt nicht mehr abgewaschen worden.«

»Ich bin keine Putzfrau, verdammt.«

»Und was ist mit der Treppe vor der Eingangstür? Irgendjemand wird sich noch den Hals auf ihr brechen, vielleicht du oder dein Vater. Warum tust du nicht zur Abwechslung einmal etwas Sinnvolles und reparierst sie?«

»Hab ich doch schon gesagt, wir haben kein Geld für Reparaturen.«

»Dazu braucht man kein Geld. Du brauchst sie bloß auseinanderzunehmen, die Verbindungen zu säubern, und ein paar neue Winkel einzusetzen. Die kann man aus irgendeinem Stück Holzabfall sägen, der hier überall rumliegt.«

Der junge Bursche wischte sich die Hände an seiner Hose ab. »Wenn du so schlau bist, wieso reparierst du dann nicht die Treppe?«

»Gute Idee. Das werde ich auch tun.«

»Ach?« Sein höhnisches Grinsen kehrte zurück. »Ich glaube dir kein Wort.«

»Morgen, wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, werde ich die Treppe reparieren. Wenn du kommst, zeige ich dir, wie man das macht.«

»Vielleicht komme ich bloß, um zu sehen, wie irgendein Trottel sich die Mühe macht, etwas zu reparieren, das nicht einmal ihm gehört, und das auch noch umsonst.«

»Ich mache das nicht umsonst. Ich mache es, weil auch ich die Treppe benutze, und weil ich mich an dem Ort, wo ich wohne, wohlfühlen möchte. Mir ist es nicht egal, ob meine Frau hinfällt und sich ein Bein bricht. Aber falls du kommst, um zu lernen, wie man eine Treppe repariert, wirst du dir aus Achtung vor den Frauen im Haus ein Hemd anziehen.«

»Und wenn ich dir zusehen komme und nicht wie ein alter Mummelgreis ein dämliches Hemd anhabe?«