»In diesem Fall hätte ich nicht genug Achtung vor dir, um dir zu zeigen, wie man die Treppe repariert, und du würdest nichts lernen.«
»Und wenn ich gar nichts lernen will?«
»Dann hätte ich stattdessen etwas über dich gelernt.«
Er verdrehte seine dunklen Augen. »Wieso sollte es mich interessieren zu lernen, wie man irgendeine blöde Treppe repariert?«
»Du musst dich nicht unbedingt dafür interessieren, wie man eine Treppe repariert, aber wenn du dir selbst nicht völlig gleichgültig bist, solltest du daran interessiert sein, etwas zu lernen – auch wenn es ganz einfache Dinge sind. Man entwickelt nur dann ein Gefühl des Stolzes, wenn man etwas vollbringt, und sei es nur die Reparatur einer alten Treppe.«
»Ach ja? Ich bin auch so stolz auf mich.«
»Du schüchterst Menschen ein und verwechselst deren Reaktion mit Respekt. Andere Menschen können dir keine Selbstachtung geben, nicht einmal andere Menschen, denen du etwas bedeutest. Alles, was du im Augenblick kannst, ist rumstehen und ein dummes Gesicht machen.«
Er verschränkte die Arme. »Willst du etwa behaupten, ich bin…«
Richard stieß dem jungen Burschen einen Finger gegen die Brust und drängte ihn einen Schritt zurück. »Du hast nur ein Leben. Ist das alles, was du dir davon erhoffst – herumstehen und Leute beschimpfen und ihnen mit deiner Bande Angst einjagen? Mehr erhoffst du dir nicht von dem einzigen Leben, das du hast?
Jeder, der sich ein wenig mehr von seinem Leben erhofft, der seinem Leben einen Sinn geben möchte, hätte Interesse daran, etwas zu lernen. Morgen werde ich diese Treppe reparieren. Morgen werden wir sehen, aus welchem Holz du geschnitzt bist.«
Der junge Bursche verschränkte abermals die Arme und nahm eine trotzige Haltung an. »Ach ja? Vielleicht möchte ich meine Zeit ja lieber mit meinen Kumpels verbringen.«
Richard zuckte mit den Achseln. »Genau das ist der Grund, weshalb dein Los im Leben nichts mit Schicksal zu tun hat. Auf einen großen Teil meines Lebens habe ich keinen Einfluss, aber die Entscheidungen, die ich treffen kann, treffe ich sinnvollerweise in meinem besten Interesse. Ich habe mich entschieden, diese Treppe zu reparieren und den Ort, an dem ich lebe, ein wenig lebenswerter zu gestalten – statt nur herumzujammern und darauf zu warten, dass ein anderer etwas für mich tut. Ich bin stolz darauf, zu wissen, dass ich das selber in die Hand nehmen kann.
Die Reparatur einer Treppe macht aus dir noch keinen Mann, aber sie wird dir ein wenig mehr Selbstvertrauen geben. Wenn du magst, bring deine Freunde mit, dann bringe ich euch allen bei, wie man die Messer, die ihr da habt, zu etwas Sinnvollerem benutzt, als damit Leuten vor dem Gesicht herumzufuchteln.«
»Vielleicht kommen wir, um dich beim Arbeiten auszulachen, Ochse.«
»Schön. Aber falls du und deine Kumpels etwas Sinnvolles lernen wollt, dann solltet ihr damit beginnen, dass ihr mir euren Lernwillen beweist, und zwar indem ihr Respekt zeigt und mit Hemden erscheint. Wenn ihr es nicht von Anfang an richtig macht, werden eure Entscheidungsmöglichkeiten im weiteren Verlauf immer eingeschränkter werden. Im Übrigen lautet mein Name Richard.«
»Wie schon gesagt, vielleicht kriegen wir bei dir ja wenigstens was zu lachen.« Er verzog das Gesicht. »Richard.«
»Lach, so viel du willst. Ich kenne meinen Wert und brauche ihn niemandem zu beweisen, der seinen eigenen nicht kennt. Du weißt, was du zu tun hast, wenn du etwas lernen willst. Solltest du aber mir – oder, noch schlimmer, meiner Frau – noch ein einziges Mal mit dem Messer drohen, wird das der letzte der vielen Fehler in deinem Leben sein.«
Der Bursche beschloss, die Drohung durch gesteigertes Maulheldentum zu überspielen. »Was soll bloß aus mir werden? Irgend so ein Gimpel wie du vielleicht, der sich für diesen geldgierigen Ishaq und seine Transportfirma bucklig schuftet?«
»Wie heißt du?«
»Kamil.«
»Also schön, Kamil, ich arbeite als Gegenleistung für einen Lohn, um mich und meine Frau zu ernähren. Ich besitze etwas sehr Wertvolles – mich selbst; und offenbar schätzt jemand meinen Wert so hoch ein, dass er bereit ist, mich für meine Zeit und meine Fähigkeiten zu bezahlen. Im Augenblick gehört der Entschluss, mir mit dem Beladen von Wagen meinen Unterhalt zu verdienen, zu den wenigen Entscheidungen, die ich in meinem Leben fällen kann.« Richards Blick verengte sich. »Und überhaupt, was hat Ishaq eigentlich damit zu tun?«
»Ishaq? Ihm gehört das Fuhrunternehmen.«
»Ishaq ist dort nur Lademeister.«
»Früher wohnte Ishaq hier, damals, bevor der Orden das Gebäude übernahm. Mein Vater war mit ihm befreundet. Um genau zu sein, ihr schlaft in seinem Wohnzimmer. Damals war das noch sein Fuhrunternehmen. Allerdings hat er, vor die Wahl gestellt, den Pfad der Erleuchtung seiner Geldgier vorgezogen. Er hat sich vom bürgerlichen Arbeiterkollektiv darin unterweisen lassen, wie man ein besserer Bürger wird, und gelernt, wo sein Platz unter dem Schöpfer ist. Mittlerweile weiß er, dass er nicht besser ist als irgendeiner von uns – mich eingeschlossen.«
Richard schaute kurz hinüber zu Nicci, die mitten im Zimmer stehend das Gespräch verfolgte, er hatte sie vollkommen vergessen. Ihm war nicht länger nach vielem Reden zumute, deshalb sagte er kurzerhand: »Also dann bis morgen Abend, ob du nun kommst, um dich zu amüsieren oder um zu lernen. Es ist dein Leben, Kamil, die Entscheidung liegt ganz bei dir.«
47
Die Sonne war soeben im Begriff aufzugehen, und die ersten staubdurchsetzten Sonnenstrahlen fielen durch die hohen Fenster schräg ins Lagerhaus. Richard sah Ishaq durch den Mittelgang kommen, der ihm die Frachtliste mit den Eisenfuhren für die verschiedenen Wagen übergeben wollte, und sprang von dem Gestell herunter, auf dem er gewartet hatte.
Richard hatte den Lademeister eine Woche lang nicht gesehen. »Ishaq, ist alles in Ordnung mit dir? Wo bist du gewesen?«
Der stämmige Lademeister kam eilig den Gang herauf. »Dir auch einen guten Morgen.«
»Entschuldige – guten Morgen. Ich hab mir Sorgen gemacht. Wo warst du?«
Er verzog das Gesicht. »Versammlungen, nichts als Versammlungen. Warte in diesem Büro, warte in jenem Büro. Man bekommt keinen Handschlag getan und muss wegen jeder Kleinigkeit auf eine Versammlung. Ich hätte Leute aufsuchen und versuchen müssen, dringend benötigte Lieferungen abzuklären. Manchmal glaube ich, niemand hat wirklich ein Interesse daran, dass in dieser Stadt überhaupt Güter befördert werden. Für die meisten wäre es einfacher, wenn alle bezahlt würden, ohne dafür arbeiten zu müssen – dann brauchten sie ihren Namen nicht unter ein Stück Papier zu setzen und sich nicht den Kopf zu zerbrechen, ob sie deswegen vielleicht eines Tages zur Rechenschaft gezogen werden.«
»Ist es wahr, Ishaq, dass das Fuhrunternehmen früher dir gehört hat?«
Der Mann hielt inne, um zu verschnaufen. »Wer erzählt denn so etwas?«
»Nun red schon. War das früher dein Fuhrunternehmen oder nicht?«
Ishaq zuckte mit den Achseln. »Schätze, das ist es noch immer.«
»Was ist passiert?«
»Was passiert ist? Nichts ist passiert, außer vielleicht, dass ich schlau geworden bin und mir ausgerechnet habe, dass es mehr Arbeit macht, als ich gebrauchen kann.«
»Womit hat man dir gedroht?«
Ishaq musterte Richard eine Weile abschätzend. »Woher kommst du eigentlich? Du scheinst anders zu sein als all die Farmerburschen, die mir bis jetzt über den Weg gelaufen sind.«
Richard schmunzelte. »Du hast meine Frage nicht beantwortet, Ishaq.«
Der Mann gestikulierte gereizt. »Warum willst du etwas über die Vergangenheit wissen? Vorbei ist vorbei. Man muss die Dinge sehen wie sie sind und versuchen, das Beste aus seinem Leben zu machen. Man hat mich vor eine Wahl gestellt, und ich habe mich entschieden. Die Dinge sind so, wie sie sind. Mit Wunschdenken bekomme ich meine Kinder nicht satt.«
Plötzlich kam Richard sein neugieriger, missbilligender Gesichtsausdruck hart und unbarmherzig vor, deshalb ließ er davon ab. »Ich verstehe, Ishaq. Wirklich. Tut mir Leid.«