»Ich darf nur befördern, was mir der Prüfungssausschuss bewilligt. Dieses Schreiben gerade – das war die Anweisung des Ausschusses, ich solle eine Holzlieferung an die Minen zurückhalten, weil dieser Lieferauftrag an eine Firma gehen soll, die auf den Auftrag dringend angewiesen ist. Verstehst du jetzt? Ich kann nicht einfach irgendwelche anderen aus dem Geschäft drängen, indem ich mehr ausliefere als sie, weil sie dann in Schwierigkeiten geraten, und ich gegen einen anderen ausgetauscht werden würde, der sich seinen Mitbewerbern gegenüber nicht so unfair verhält. Tja, es ist nicht mehr so wie früher, als ich noch jung und töricht war.«
Richard verschränkte die Arme. »Soll das etwa heißen, du bekommst Scherereien, wenn du gute Arbeit machst – genau wie ich?«
»Gute Arbeit! Wer will schon bestimmen, was gute Arbeit heißt? Alle müssen gemeinsam für das Wohl aller arbeiten. Das bedeutet gute Arbeit – wenn man seinen Mitmenschen hilft.«
Richard beobachtete zwei Männer, die ein gutes Stück entfernt einen Wagen mit Holzkohle beluden. »Du glaubst diesen hochtrabenden, sentimentalen Unfug doch nicht etwa wirklich, oder, Ishaq?«
Ishaq seufzte ausgiebig und leidgeprüft. »Richard, bitte belade den Wagen, sobald du bei der Gießerei eintriffst, fahr anschließend raus zum Ruhesitz und lade die Fuhre bei der Werkstatt des Schmieds ab. Bitte. Und sieh zu, dass du mir nicht unpässlich wirst, keinen schlimmen Rücken bekommst, und deine Kinder nicht mitten in der Fuhre krank werden. Ich bin nicht scharf darauf, den Schmied noch einmal hier zu sehen; es könnte sein, dass ich sonst mit einem Eisenbarren um den Hals schwimmen gehen muss.«
Richard entfuhr ein brummiges Lachen. »Meinem Rücken geht es ausgezeichnet.«
»Sehr gut. Ich lasse einen Fahrer herkommen, der den Wagen fahren wird.« Ishaq drohte Richard mit erhobenem Finger. »Und komm nicht auf die Idee, den Fahrer zu bitten, dir beim Auf- oder Abladen zu helfen. Wir können gern drauf verzichten, dass diese Art von Missstand bei der nächsten Versammlung zur Sprache gebracht wird. Ich musste Jori geradezu anflehen, dass er keine Beschwerde vorbringt, nachdem ich gebeten hatte, mir an jenem Tag, als es so geregnet hat und wir einen Radbruch hatten, beim Abladen zu helfen – an dem Tag, an dem du mir geholfen hast, die Ladung ins Lagerhaus zu schleppen – erinnerst du dich noch?«
»Ich erinnere mich noch.«
»Also, mach Jori bitte keine Schwierigkeiten. Und Finger weg von den Zügeln, das ist seine Arbeit. Wirst du dich zusammenreißen? Und dich darum kümmern, dass das Eisen aufgeladen und wieder abgeladen wird, damit der Schmied nicht noch einmal hier auftaucht?«
»Sicher, Ishaq. Ich werde dir keinen Ärger machen. Du kannst dich auf mich verlassen.«
»So ist es recht.« Ishaq wandte sich zum Gehen, drehte sich aber noch einmal um. »Auf der Farm gab es nicht so viele Schwierigkeiten, was?«
»Nein, die gab es nicht. Mittlerweile wünsche ich mir, ich wäre wieder dort.«
Er war noch nicht weit gekommen, als Ishaq sich abermals umdrehte. »Und vergiss bloß nicht, dich von deiner untertänigsten Seite zu zeigen, sobald du einen von diesen Priestern erblickst, hast du verstanden?«
»Priester? Was für Priester? Woran erkenne ich die?«
»Braunes Gewand und Kappen mit einem Kniff – sei unbesorgt, du wirst sie ganz bestimmt erkennen, sie sind ja nicht zu übersehen. Wenn du einen vor dir hast, leg deine besten Manieren an den Tag.
Sollte ein Priester auf die Idee kommen, dich der mangelhaften Einstellung gegenüber dem Schöpfer oder Ähnlichem zu verdächtigen, kann er dich foltern lassen. Die Priester sind die Jünger von Bruder Narev.«
»Bruder Narev?«
»Der Hohepriester der Bruderschaft des Ordens.« Ishaq fuchtelte ungeduldig mit den Armen. »Ich muss Jori holen gehen, damit er mit dem Wagen herkommt. Tu bitte, was ich dir sage, Richard. Dieser Schmied verheizt mich in seiner Esse, wenn ich ihm das Eisen heute nicht liefere.«
Richard bedachte Ishaq mit einem Lächeln, um seine Nerven zu beruhigen.
»Du hast mein Wort, Ishaq. Der Schmied wird sein Eisen bekommen.«
Ishaq tat einen schweren Seufzer, dann eilte er davon, um den Fahrer zu suchen.
48
Es war bereits spät an jenem drückend heißen Nachmittag, als sie auf der Baustelle des Ruhesitzes eintrafen, bei dessen Anblick Richard, der neben Jori auf dem Wagenbock saß, als sie die letzte Hügelkuppe überquerten, von einem Gefühl ehrfürchtiger Scheu ergriffen wurde. Sie war mehr als gewaltig. Aus tausenden von Männern bestehende Kolonnen, die tief unterhalb von ihnen wie Ameisenkolonien aussahen, waren – in Transportketten arbeitend – damit beschäftigt, mit Hilfe von Schaufeln und Körben die Konturen der Landschaft zu verändern.
Jori würdigte das Bauwerk keines Blickes, spuckte nur seitlich aus dem Wagen und brachte auf Richards Fragen bloß ein gelegentliches »Kann schon sein« über die Lippen.
Man war noch immer damit beschäftigt, das Fundament in tiefen Gräben zu verankern, was es Richard, der von der Straße aus hinunterblickte, ermöglichte, den Grundriss des zukünftigen Bauwerkes zu erkennen. Es fiel schwer, sich auszumalen, wie gewaltig das Gebäude letztendlich ausfallen würde. Angesichts der winzigen Punkte, die sich kaum merklich in seiner Nähe bewegten, war es nicht einfach, sich vorzustellen, dass es sich dabei um Menschen handelte.
Der schieren Größe nach konnte es das Gebäude mit allem aufnehmen, was Richard jemals zu Gesicht bekommen hatte. Das Gelände und die Gärten erstreckten sich über Meilen. Soeben war mit der Errichtung von Zierbrunnen und anderen hoch aufragenden Bauten entlang der Zufahrtsstraßen begonnen worden. Auf endlosen Flächen wurden aus Hecken bestehende Irrgärten angelegt, und ganze Hänge waren mit Bäumen übersät, die man nach einem groß angelegten Plan dort eingepflanzt hatte.
Die Vorderseite des Ruhesitzes blickte auf einen in einem Gelände liegenden See, aus dem künftig ein majestätischer Park entstehen sollte. Die schmale Seitenfront des Gebäudes würde sich eine Viertelmeile weit den Fluss entlang hinziehen. Steinernes Pfahlwerk, über dem soeben mit dem Bau einer Reihe von Verbindungsbögen begonnen wurde, reichte bis weit in den Fluss. Offenbar sollte ein Teil des Palastes, dort, wo sich die Anlegestellen für die Vergnügungsboote des Kaisers befanden, über dem Wasser errichtet werden.
Jenseits des Flusses setzte sich die Stadt fort; auch auf der Palastseite des Flusses erstreckte sich die Stadt in alle Richtungen, wenn auch in respektvoller Entfernung von dem Ruhesitz. Sich vorzustellen, wie viele Gebäude und Menschen wegen dieses Bauwerks umgesiedelt worden waren, überstieg Richards Phantasie. Was hier entstand, war keineswegs ein entrückter, abgeschiedener Kaiserpalast; das Bauwerk bildete den absoluten Mittelpunkt von Altur’Rang. Unter Verwendung von Millionen von Pflastersteinen wurden Straßen angelegt, die es den gewaltigen Massen der Bürger der Imperialen Ordnung ermöglichten, bis zu diesem gewaltigen Bauwerk zu gelangen und es zu besichtigen. Bereits jetzt bildeten sich hinter den aus Seilen errichteten Absperrungen Menschentrauben, die den Fortgang der Bauarbeiten verfolgten.
Aller Armut in der Alten Welt zum Trotz konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass dies ein Kronjuwel von unübertroffener Pracht werden sollte.
Steine verschiedenster Herkunft lagen zu hohen Stapeln aufgeschichtet bereit. In der Ferne konnte Richard sehen, wie Arbeiter sie zu den gewünschten Formen zurechtschnitten. Die drückende Nachmittagshitze war erfüllt vom fernen Klingen aberhunderter Hämmer und Meißel. Man sah Vorräte von Granit und Marmor in einem Sortiment unterschiedlichster Farben sowie gewaltige Mengen von Kalksteinquadern. Spezielle Wagen aus den Steinbrüchen warteten in langen, sich windenden Schlangen darauf, mehr davon anliefern zu können. Die länglichen Steinquader, Stützen genannt, wurden mit Hilfe von Schlaufen unter schwere Tragebalken gebunden, die bis weit über Vorder- und Hinterachse hinausreichten. Für die Steinarbeiter hatte man Hütten und geräumige, offene Schutzdächer aufgestellt, damit sie vom Wetter unabhängig arbeiten konnten. Bauholz lag, in Reihen zu gewaltigen Stapeln aufgeschichtet, unter eigens für diesen Zweck errichteten Bedachungen. Was dort nicht untergebracht werden konnte, war mit Zeltplanen abgedeckt worden. Kleine Berge der Grundbestandteile für die Herstellung von Mörtel türmten sich verstreut um das gesamte Fundament und sahen aus wie Ameisenhügel, eine Illusion, die durch die zahllosen dunklen Punkte der Arbeiter noch unterstrichen wurde.