Die Schmiedewerkstatt lag ein wenig abseits der eigentlichen Baustelle, an einer Straße, die sich ihren Weg an einem Hang entlang und mitten durch eine kleine Ansiedlung aus frisch errichteten, die gesamte Baustelle überblickenden Werkstätten bahnte. Verglichen mit ähnlichen Betrieben, die Richard bereits früher gesehen hatte, war sie ziemlich groß. Natürlich hatte Richard noch nie bei der Errichtung eines Gebäudes dieser Größenordnung zugeschaut. Er hatte prachtvolle, bereits fertig gestellte Bauwerke gesehen, das schon, doch der Anblick eines solchen Gebäudes in seinem Entstehungsstadium war zugleich überraschend und verwunderlich; allein die schieren Ausmaße konnten einem die Orientierung rauben.
Jori setzte sein Gespann gekonnt zurück und stellte den Wagen mit der Rückseite genau vor die offen stehende Doppeltür, hinter der sich ein schwarzes Loch auftat.
»Da wären wir«, lautete Joris Kommentar. Für den schlaksigen Fahrer kam das geradezu einer längeren Ansprache gleich. Er holte einen Laib Brot und einen mit Bier gefüllten Wasserschlauch hervor und kletterte vom Wagen, um sich ein Stück den Hang hinunter ein Plätzchen zu suchen, wo er sich hinsetzen und die Bauarbeiten verfolgen konnte, während Richard das Eisen ablud.
In der Schmiedewerkstatt war es dunkel und drückend heiß, selbst in dem vorderen, zugestellten Lagerraum. Wie in allen Schmieden, waren die Wände im eigentlichen Arbeitsraum schwarz von Ruß. Die Anzahl der Fenster hatte man auf ein Minimum beschränkt; meist waren sie über Kopf angebracht und mit Läden versehen, um den Raum abzudunkeln, damit man den Zustand des glühenden Metalls besser beurteilen konnte.
Obwohl erst vor kurzem für die Arbeit am Palast gebaut, wirkte die Schmiedewerkstatt bereits jetzt, als wäre sie einhundert Jahre alt. Auf fast jedem freien Platz waren Werkzeuge in Schwindel erregender Anordnung und Vielfalt angebracht; es gab reihenweise Werkzeuge, ganze Berge davon. Von den Dachsparren hingen Zangen und Feuerauffangschüsseln, Schmelztiegel, Winkelmaße und Stechzirkel, sowie an große Insekten erinnernde Apparate herab, die aussahen, als könne man damit Gegenstände aneinander klemmen. Niedrige, anscheinend in großer Eile zusammengeschusterte Werkbänke waren rundherum mit langgriffigen Gussformen jeglicher Art behängt. An einigen Bänken waren kleinere Mühlsteine befestigt. Einige Tische hatte man rundherum mit Schlitzen versehen, in denen hunderte von Feilen und Raspeln steckten. Einige dieser niedrigen Tische verschwanden fast unter einem Durcheinander von Hämmern in einer solchen Vielfalt, wie Richard sie noch nie gesehen hatte; ihre Griffe ragten alle nach oben, sodass die Tischplatten riesigen Nadelkissen ähnelten.
Der Fußboden war mit Gerümpel übersät: Kisten, aus denen alle möglichen Einzelteile hervorquollen, Stangen und Nieten, Keile, Roheisenstücke, Reste, Stemmeisen, Holzhaken, verbeulte Töpfe, hölzerne Spannvorrichtungen, Blechscheren, Kettenstücke, Rollen sowie ein Sortiment von Spezialaufsätzen für die Ambosse. Alles war mit einer Schicht aus Ruß, Staub oder Metallspänen überzogen.
Breite, niedrige Wannen standen rings um die Ambosse, an denen Männer auf glühendes, mit Zangen gehaltenes Eisen hämmerten, um es abzuflachen oder breit zu schlagen, einzukerben, vierkantig zu formen oder mit kurzen, heftigen Schlägen zu bearbeiten. Das glühende Metall protestierte zischend und qualmend, sobald es in die Flüssigkeit getaucht wurde. Andere Männer benutzten das Ambosshorn, um mit Zangen gehaltenes, kleinen Stücken eines Sonnenaufgangs ähnelndes Metall zu biegen. Sie hielten diese faszinierenden Werkstücke in die Höhe, verglichen sie mit einer Vorlage, behämmerten das Metall noch ein wenig länger und prüften es erneut.
In all dem Lärm konnte Richard kaum einen klaren Gedanken fassen.
Inmitten der Dunkelheit betätigte ein Mann einen riesigen Blasebalg, indem er sich beim Leerhub mit seinem ganzen Gewicht auf ihn stützte. Der Luftstoß brachte das Feuer zum Tosen. Holzkohle quoll aus Körben hervor, die überall dort standen, wo Platz für sie war. In den Ecken standen Rohre und einzelne Metallreste. Metallreifen lehnten an Bänken und Bohlen; manche dieser Reifen waren für Fässer vorgesehen, die größeren für Wagenräder. Da und dort lagen Zangen und Hämmer auf dem Fußboden herum.
Die gesamte Werkstatt bot das reizvollste Durcheinander, das Richard je gesehen hatte.
Nicht weit entfernt, in der Nähe einer in eine weitere Werkstatt führenden Tür, stand ein Mann in einer Lederschürze. Er hielt eine mit einem Gewirr aus Linien bedeckte Schiefertafel vor sich, während er einen großen, aus Metallstangen bestehenden Apparat in dem dahinterliegenden Raum betrachtete. Richard wartete, da er den Mann nicht in seiner Konzentration stören wollte. Die deutlich hervortretenden Muskeln seiner rußigen Arme glänzten vor Schweiß. Der Mann tippte mit dem Kreidestück gegen seine Lippen, während er sich über irgendetwas den Kopf zerbrach, dann wischte er eine Linie auf der Schiefertafel aus und zeichnete sie, ihre Verbindungspunkte versetzend, wieder ein.
Richard betrachtete die Zeichnung stirnrunzelnd. Irgendwie erschien sie ihm vertraut, obwohl der Gegenstand darauf nicht klar zu erkennen war.
»Seid Ihr möglicherweise der Schmiedemeister?«, erkundigte sich Richard, als der Mann kurz innehielt und über seine Schulter schaute.
Sein einschüchternder, finsterer Blick schien sich für immer in seine Stirn gegraben zu haben. Sein Haar trug er bis dicht über den Schädel gestutzt, eine in der Nähe von so viel offenem Feuer und weißglühendem Metall durchaus sinnvolle Angewohnheit, die sein bedrohliches Auftreten noch unterstrich. Er war von durchschnittlicher Größe und kräftig gebaut, aber sein Gesichtsausdruck besagte, dass er jedem Ärger, der seinen Weg kreuzen mochte, gewachsen war. Den Bewegungen und Blicken der anderen Männer nach zu urteilen, fürchteten sie diesen Mann.
Von einem unerklärlichen Zwang ergriffen, deutete Richard auf die Linie, die der Mann soeben eingezeichnet hatte. »Das ist nicht richtig. Was Ihr da gerade eingezeichnet habt, ist nicht korrekt. Das obere Ende stimmt, aber das untere gehört eigentlich dorthin, und nicht dahin, wo Ihr es eingetragen habt.«
Er zuckte nicht einmal mit der Wimper. »Weißt du überhaupt, was das ist?«
»Na ja, nicht genau, aber ich…«
»Wie kannst du dich dann erdreisten, mir erklären zu wollen, wo diese Strebe hingehört?«
Der Mann machte ein Gesicht, als wollte er Richard in die Esse stopfen und einschmelzen.
»Das weiß ich auf Anhieb auch nicht so genau, aber irgendetwas sagt mir einfach…«
»Ich kann nur hoffen, dass du derjenige bist, der das Eisen bringt.«
»Bin ich«, erwiderte Richard, der froh war, das Thema wechseln zu können, und sich insgeheim wünschte, er hätte gar nicht erst den Mund aufgemacht. Er hatte doch nur helfen wollen. »Wo wollt Ihr, dass ich das…«
»Wo hast du eigentlich den ganzen Tag gesteckt? Man hat mir fest zugesagt, dass es gleich heute früh als erstes geliefert wird. Was hast du gemacht? Bis mittags geschlafen?«
»Äh, nein, Sir. Wir sind heute Morgen gleich als Erstes zur Gießerei gefahren. Ishaq hat mich sofort nach Tagesanbruch dorthin geschickt. Aber der Mann in der Gießerei hatte Schwierigkeiten, weil er…«
»Interessiert mich nicht. Du hast gesagt, du hast das Eisen dabei. Es ist ohnehin schon spät genug. Sieh zu, dass du es abgeladen kriegst.«