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»Nein, Mr. Cascella, ein Dieb bin ich nicht.«

»Wie willst du mir dann Eisen für einen um einen Vierteltaler geringeren Preis verkaufen als die Gießerei? Verhüttest du nebenbei nachts auf deinem Zimmer ein wenig Eisenerz, Richard Cypher?«

»Wollt Ihr mein Angebot nun hören oder nicht?«

Er verzog verdrießlich den Mund. »Also red schon.«

»Der Mann in der Gießerei war außer sich, weil man ihm nicht gestattete, Eure volle Lieferung zu befördern. Er besitzt mehr Eisen, als er losschlagen kann, weil man ihm nicht erlaubt, es selber auszuliefern, und die Fuhrunternehmen sitzen in der Klemme, weshalb sie sich gar nicht erst blicken lassen. Er meinte, er sei bereit, es mir für einen geringeren Preis zu überlassen.«

»Wieso das?«

»Weil er das Geld braucht. Er hat mir seine Kaltwindöfen gezeigt; mit den Lohnzahlungen ist er im Rückstand und benötigt unter anderem Holzkohle, Eisenerz und Quecksilber, hat aber nicht genug Geld, um alles einzukaufen. Das Einzige, was er im Überfluss besitzt, ist verhüttetes Metall. Sein Geschäft wird abgewürgt, weil er sein Erzeugnis nicht an den Mann bringen kann. Ich fragte ihn, für welchen Preis er bereit wäre, mir sein Eisen zu verkaufen, wenn er sich nicht um den Abtransport kümmern müsste und ich es selbst abholen würde. Daraufhin meinte er, wenn ich nach Einbruch der Dunkelheit käme, würde er mir fünfzig Barren für eineinviertel Goldtaler überlassen. Wenn Ihr bereit seid, es mir für anderthalb Goldtaler abzukaufen, besorge ich Euch bis morgen früh, wenn Ihr es, wie Ihr vorhin sagtet, braucht, weitere fünfzig Barren.«

Der Mann starrte Richard offenen Mundes an, so als wäre er ein vor seinen Augen zum Leben erwachter Eisenbarren, der zu sprechen angefangen hätte.

»Du weißt doch, dass ich bereit bin, eindreiviertel Goldtaler zu bezahlen, wieso bietest du es mir dann für eineinhalb an?«

»Weil«, erläuterte Richard, »ich den Preis des Fuhrunternehmens unterbieten möchte, damit Ihr stattdessen bei mir einkauft, und weil ich darauf angewiesen bin, dass Ihr mir zuvor eineinviertel Goldtaler leiht, damit ich die Barren überhaupt erst kaufen und zu Euch schaffen kann. Die Gießerei verkauft sie mir nur, wenn ich sofort bei Abholung bezahle.«

»Und was sollte dich daran hindern, dich mit meinen eineinviertel Goldtalern aus dem Staub zu machen?«

»Mein Wort.«

Der Mann lachte schallend. »Dein Wort? Ich kenne dich nicht mal.«

»Wie schon gesagt, mein Name ist Richard Cypher. Ishaq hat eine Heidenangst vor Euch, und er vertraut darauf, dass ich Euch das Eisen liefere, damit Ihr nicht bei ihm erscheint, um ihm den Kopf abzureißen.«

Mr. Cascella lächelte wieder. »Ich würde Ishaq niemals den Kopf abreißen, ich mag den Burschen. Er sitzt in der Klemme – aber erzähl ihm nicht, dass ich das gesagt habe. Ich will, dass er auch weiterhin ein wenig schwitzt.«

Richard zuckte mit den Achseln. »Wenn Ihr es wünscht, werde ich ihm nicht einmal erzählen, dass Ihr auch lächeln könnt. Ich weiß allerdings, dass Ihr in einer tieferen Klemme sitzt als Ishaq. Ihr müsst Waren an den Orden liefern, deshalb seid Ihr dessen Methoden auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.«

Wieder ging ein Lächeln über sein Gesicht. »Wann also wirst du mit deinem Wagen hier sein, Richard Cypher?«

»Ich besitze keinen Wagen. Aber wenn Ihr einverstanden seid, werden Eure fünfzig Barren bis zum Morgengrauen dort drüben« – Richard zeigte auf eine Stelle draußen vor der Doppeltür, wo Jori den Wagen abgestellt hatte – »fein säuberlich gestapelt liegen.«

Mr. Cascella runzelte die Stirn. »Wie willst du die Barren herschaffen, wenn du keinen Wagen besitzt? Etwa zu Fuß?«

»Genau.«

»Hast du den Verstand verloren?«

»Ich besitze keinen Wagen, aber ich will mir das Geld verdienen. So weit ist es auch wieder nicht. Ich schätze, dass ich fünf auf einmal tragen kann. Das ergibt gerade mal zehn Gänge; das ist bis zum Morgengrauen zu schaffen. Ich bin es gewöhnt, zu Fuß zu gehen.«

»Jetzt erzähl mir die ganze Geschichte – warum du das machen willst. Und zwar die Wahrheit.«

»Meine Frau hat nicht genug zu essen. Weil ich arbeitstauglich bin, behält das Arbeiterkollektiv den größten Teil meines Lohns ein und gibt ihn an jene weiter, die nicht arbeiten. Meine Arbeitstauglichkeit macht mich zum Sklaven derer, die entweder nicht arbeiten können oder wollen. Diese Vorgehensweise ermutigt die Menschen, eine Rechtfertigung dafür zu suchen, dass andere für sie sorgen. Das Sklavendasein ist mir abgrundtief zuwider. Indem ich Euch einen günstigeren Preis biete, rechne ich mir aus, Euch dazu verleiten zu können, auf den Handel einzugehen. Davon profitieren wir beide. Eine Hand wäscht die andere.«

»Angenommen, ich lasse mich darauf ein, was hast du mit all dem Geld vor – willst du eine Weile davon leben? Es vertrinken?«

»Ich brauche das Geld, um einen Wagen und ein Pferdegespann zu kaufen.«

Seine Stirn zog sich noch mehr zusammen. »Wozu in aller Welt brauchst du einen Wagen?«

»Ich brauche einen Wagen, um Euch all das Eisen zu liefern, das Ihr mir abkaufen werdet, weil ich es Euch zu einem günstigeren Preis besorgen und Euch liefern kann, wann Ihr es braucht.«

»Willst du etwa im Himmel begraben werden?«

Richard schmunzelte. »Ganz und gar nicht. Ich bin nur zufällig der Meinung, dass der Kaiser es gerne sähe, wenn sein Palast möglichst schnell fertig würde. Nach allem, was ich gehört habe, arbeiten dort unten eine Menge Sklaven – alles Menschen, die gefangen genommen wurden. Aber Sklavenarbeit allein genügt nicht, um ihnen alle Arbeiten abzunehmen, sie brauchen Leute wie Euch und wie in den Gießereien.

Falls die Beamten des Ordens der Imperialen Ordnung tatsächlich daran interessiert sind, dass es mit der Arbeit vorangeht – und sie nicht gezwungen sein wollen, dem Kaiser erklären zu müssen, warum nicht – werden sie bereit sein, ein Auge zuzudrücken. Zwischen diesen beiden Bedürfnissen tut sich ein schmaler Spielraum voller Möglichkeiten auf. Vermutlich werde ich ein paar Beamte bestechen müssen, damit sie anderweitig beschäftigt sind, wenn ich komme, um meine Fuhren abzuholen, aber diese Kosten habe ich bereits einkalkuliert.

Ich werde auf eigene Rechnung arbeiten, nicht für ein Fuhrunternehmen, daher werden sie eher geneigt sein, darin eine Möglichkeit zu sehen, ihre Bedürfnisse erfüllt zu bekommen, ohne dass ihr riesiger Wust von Beschränkungen vorübergehend außer Kraft gesetzt werden müsste.

Ihr werdet Euer Eisen zu einem günstigeren Preis als jetzt bekommen, und ich bin in der Lage zu liefern. Zurzeit könnt Ihr Euren Bedarf nicht einmal für einen höheren Preis decken. Außerdem werdet Ihr mehr verdienen. Wir profitieren beide.«

Der Schmied starrte ihn einen Augenblick lang an, während er den Haken in Richards Plan zu finden versuchte.

»Entweder bist du der dümmste Schurke, der mir je untergekommen ist, oder der … ich weiß nicht einmal, was. Aber Bruder Narev sitzt mir im Nacken, und das ist nicht angenehm, ganz und gar nicht angenehm. Wahrscheinlich sollte ich dir das nicht erzählen, aber du weißt ja, wie sehr Ishaq wegen mir ins Schwitzen gerät. Ich würde zehnmal so viel schwitzen, wenn Bruder Narev hier auftaucht und nachfragt, wieso die Werkzeuge nicht fertig sind. Die Ordensbrüder haben kein Ohr für meine Schwierigkeiten, sie wollen bloß haben, was sie haben wollen.«

»Verstehe, Mr. Cascella.«

Er seufzte. »Also schön, Richard Cypher, eineinhalb Goldtaler für fünfzig Eisenbarren, geliefert bis Tagesanbruch morgen früh – aber jetzt gebe ich dir nur eineinviertel Goldtaler. Das andere Viertel bekommst du morgen früh, wenn mein Eisen hier ist.«

»Abgemacht. Übrigens, wer ist eigentlich dieser Bruder Narev?«

»Bruder Narev? Er ist der Hohepriester…«

»Habe ich jemand meinen Namen erwähnen hören?« Die Stimme war so tief, dass sie fast die Werkzeuge von der Wand der Schmiede gerüttelt hätte.

Richard und der Schmied fuhren herum und erblickten einen Mann, der, um die Ecke der Werkstatt biegend, näher kam. Sein schweres Gewand ließ seinen großen, knochigen Körperbau an mehreren Stellen erahnen. Die tiefen Falten seines Gesichts schienen die aufziehende Dunkelheit geradezu in sich hineinzusaugen. Dunkle Augen schimmerten unter der von einem Gewirr aus weißen und schwarzen Haaren verdeckten Stirn hervor. Die Locken seines drahtigen Haars kräuselten sich über den Ohren um den Rand einer dunklen, geknifften Kappe, die er tief in die Stirn gezogen trug. Er sah aus wie ein zum Leben erwachtes Gespenst.