Mr. Cascella verbeugte sich, Richard folgte seinem Beispiel.
»Wir sprachen gerade über die Schwierigkeiten, Eisen in ausreichender Menge zu beschaffen, Bruder Narev.«
»Wo sind all die neuen Meißel, die ich geordert habe, Schmied?«
»Ich muss erst noch…«
»Ich habe dort unten Steine liegen, aber keine Meißel, um sie zu behauen. Ich habe Steinmetze, die dringend neue Werkzeuge benötigen. Ihr verzögert die Erbauung des Palastes.«
Der Schmied deutete auf Richard. »Das ist Richard Cypher, Bruder Narev. Er war gerade dabei mir zu schildern, wie er mir das Eisen, das ich brauche, möglicherweise beschaffen kann und…«
Der Hohepriester hob eine Hand und bat sich Ruhe aus, dann sah er zu Richard.
»Du kannst dem Schmied besorgen, was er braucht?«, fuhr Bruder Narev Richard an.
»Es wäre zu schaffen.«
»Dann fang augenblicklich damit an.«
Richard verneigte den Kopf. »Zu Befehl, Bruder Narev.«
Die Schattengestalt drehte sich zur Werkstatt um. »Zeig es mir, Schmied.«
Der Schmied schien zu wissen, was der Hohepriester wollte, und folgte ihm, Richard ein Zeichen gebend, er solle mitkommen. Richard verstand; er konnte das Geld für den Ankauf des Eisens nicht bekommen, bevor sich der Schmied nicht um diesen wichtigen Mann gekümmert hatte, der soeben in der düsteren Werkstatt verschwunden war.
Als der Schmied mit den Fingern schnippte und im Vorübergehen auf eine Lampe deutete, schnappte Richard sie sich, entzündete einen langen Span an der Glut der Esse und zündete anschließend die Lampe an. Er hielt sie hinter den beiden Männern in die Höhe, die unmittelbar hinter der Tür des Raumes stehen geblieben waren, in dem der komplizierte Apparat aus Metallgestänge stand.
Mr. Cascella hielt die Schiefertafel ins Licht. Bruder Narev betrachtete erst die Zeichnung auf der Tafel, dann das Geflecht aus Eisendrähten auf dem Boden, und verglich beides miteinander.
Richard spürte ein eiskaltes Kribbeln an seinem Haaransatz, als ihm schlagartig klar wurde, was dieses Ding auf dem Boden war.
Bruder Narev zeigte auf die Zeichnung, auf eben jene Linie, von der Richard behauptet hatte, sie sei verkehrt.
»Die Linie hier stimmt nicht«, knurrte Bruder Narev.
Der Schmied fuchtelte mit seinem Finger über der Kreidezeichnung. »Aber ich muss doch die Masse hier drüben stabilisieren.«
»Ich habe dir gesagt, du sollst Streben anbringen, ich habe dich nicht gebeten, den Grundriss zu verpfuschen. Das obere Ende der Stützstrebe kannst du lassen, wo du sie eingezeichnet hast, das untere Ende sollte … hier befestigt werden.«
Bruder Narev zeigte auf die Stelle, die Richard ebenfalls vorgeschlagen hatte.
Seinen kurz geschorenen Schädel kratzend, warf Mr. Cascella einen verstohlenen Blick über die Schulter auf Richard, gerade lange genug, um ihm sein Missfallen zu bekunden.
»Das könnte funktionieren«, räumte der Schmied ein. »Es wird nicht ganz so einfach werden, aber es wird funktionieren.«
»Wie einfach es wird, ist für mich nicht von Interesse«, erwiderte Bruder Narev mit bedrohlichem Unterton. »Ich will nicht, dass in diesem Bereich etwas befestigt wird.«
»Nein, Sir.«
»Es darf keinerlei Nähte aufweisen, damit sich die Verbindungen und Fugen nicht abzeichnen, wenn es mit Gold überzogen wird. Aber erst einmal lasst meine Werkzeuge herstellen.«
»Jawohl, Bruder Narev.«
Der Hohepriester betrachtete Richard mit unangenehm forschendem Blick. »Irgendetwas an dir … Kenne ich dich?«
»Nein, Bruder Narev. Ich bin Euch noch nie begegnet, daran würde ich mich erinnern. Einem so bedeutenden Mann wie Euch zu begegnen, meine ich.«
Er funkelte Richard misstrauisch an. »Ja, das würdest du vermutlich. Sieh zu, dass du dem Schmied sein Eisen beschaffst.«
»Das sagte ich doch bereits.«
Der Ordensbruder brummte gereizt. »Das stimmt, richtig.«
Als der hochgewachsene, gespenstische Mann Richard unverwandt in die Augen starrte, griff Richard geistesabwesend nach seinem Schwert, um sich durch ein kurzes Anheben zu vergewissern, dass es ungehindert in der Scheide steckte. Das Schwert war nicht da.
Bruder Narev öffnete den Mund und wollte etwas sagen, doch seine Aufmerksamkeit wurde auf die beiden jungen Männer gelenkt, die soeben die Werkstatt betraten.
Sie trugen ebensolche Gewänder wie der Hohepriester, allerdings ohne Kappe; stattdessen hatten sie schlichte Kapuzen über ihren Kopf gezogen.
»Bruder Narev«, rief der eine.
»Was gibt’s, Neal?«
»Das Buch, nach dem Ihr geschickt habt, ist eingetroffen. Ihr hattet uns gebeten, Euch unverzüglich Bescheid zu geben.«
Bruder Narev nickte dem jungen Mann zu, dann bedachte er Mr. Cascella und Richard mit einem verdrießlichen Blick.
»Seht zu, dass es erledigt wird«, meinte er an beide gewandt.
Sowohl Richard als auch der Schmied verneigten das Haupt, als der Hohepriester zur Werkstatt hinausrauschte.
Es war, als wäre soeben eine Gewitterwolke hinter dem Horizont verschwunden.
»Komm mit«, sagte Mr. Cascella. »Ich gehe dein Gold holen.«
Richard folgte ihm in ein winziges Büro, wo der Schmiedemeister eine mit einer massiven Kette an einem im Boden eingelassenen Stift befestigte Geldkassette unter dem Brett hervorzog, das ihm als Schreibtisch diente. Er schloss die Geldkassette auf, griff hinein und drückte Richard dann einen Goldtaler in die Hand.
»Victor.«
Richard hob den Blick von der Goldmünze und runzelte die Stirn. »Was?«
»Victor. Du wolltest wissen, ob zu meinem Namen noch etwas hinzukommt.« Er legte noch einige Silbermünzen zu dem Goldtaler in Richards Hand, um den Betrag von einem Vierteltaler voll zu machen. »Victor.«
49
Nachdem er von Ishaq fortgegangen war, und bevor er sich auf den Weg machte, das Eisen für Victor abzuholen, lief Richard noch einmal rasch zu seinem Zimmer. Nicht etwa, um dort zu Abend zu essen, sondern um Nicci Bescheid zu sagen, dass er noch einmal zu seiner Arbeitsstelle zurück musste. Sie hatte ihm in der Vergangenheit deutlich zu verstehen gegeben, dass sie Mann und Frau waren, und sie es sehr missbilligen würde, wenn er sich aus dem Staub machte. Er musste in Altur’Rang bleiben und arbeiten, genau wie jeder andere ganz normale Mann.
Kamil und einer seiner Freunde erwarteten ihn bereits; beide trugen Hemden.
Richard blieb am Fuß der Treppe stehen. »Tut mir Leid, Kamil, aber ich muss zurück zu meiner Arbeit…«
»Dann bist du ein weitaus größerer Dummkopf, als ich dachte – auch noch nachts Arbeit zu übernehmen. Hör doch einfach auf damit, dich so abzustrampeln. Die ganze Schufterei führt zu nichts. Nimm dir einfach, was du kriegen kannst. Ich wusste, dass du eine Ausrede parat haben würdest, damit du dein Versprechen nicht erfüllen musst. Fast hattest du mich so weit, dass ich dachte, du wärst vielleicht anders als die…«
»Ich wollte gerade sagen, ich muss zurück zur Arbeit, deswegen müssen wir gleich anfangen.«
Kamil verzog den Mund, wie es seine Angewohnheit war, wenn er Menschen, die er für älter und dümmer hielt, sein Missfallen bekunden wollte.
»Das hier ist Nabbi. Er will dir ebenfalls bei deiner sinnlosen Plackerei zuschauen.«
Richard nickte und ließ sich nicht anmerken, dass ihn Kamils arrogantes Verhalten ärgerte. »Freut mich, dich kennen zu lernen, Nabbi.« Der dritte junge Mann schaute hasserfüllt aus den Schatten im hinteren Teil des Flurs bei der Treppe zu ihnen herüber; er war der größte der drei und hatte sich kein Hemd übergezogen.
Zum Auseinandernehmen der Treppenstufen benutzte Richard sein Messer sowie eine Metallstange, die Kamil für ihn aufgetrieben hatte. Es war nicht schwierig – sie fielen fast von allein auseinander. Während die beiden jungen Burschen zuschauten, reinigte Richard die Nuten in den Stützbalken. Da sie, weil sie schon so lange locker saßen, ausgeleiert waren, höhlte er sie an der Unterseite noch weiter aus; dabei zeigte er den beiden, wie er vorging, und erklärte ihnen, wie er die Trittflächen an den Enden abzuschrägen beabsichtigte, damit sie sich fest in die ausgefräste Nut einpassen ließen. Richard beobachtete Kamil und Nabbi, wie sie nach der Vorlage des einen, den er als Muster für sie angefertigt hatte, Keile schnitzten. Geradezu begeistert zeigten sie ihm, wie sie mit dem Messer umzugehen verstanden, und auch Richard war froh, denn auf diese Weise ging ihnen die Arbeit schneller von der Hand.