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Nachdem er sie wieder zusammengesetzt hatte, rannten sowohl Kamil als auch Nabbi die reparierte Treppe auf und ab, offenkundig überrascht, dass sie nicht mehr unter ihren Füßen nachgab, und froh, dass sie wenigstens zum Teil für ihre Reparatur verantwortlich waren.

»Ihr beide habt gute Arbeit geleistet«, lobte Richard sie, denn es stimmte. Sie enthielten sich aller geistreichen Bemerkungen und lächelten sogar.

Richards Abendessen bestand aus wässrigem Hirsebrei, der im Schein eines brennenden, auf Leinsamenöl schwimmenden Dochts verzehrt wurde. Der ölige Geruch der primitiven Lampe wollte nicht recht zum Abendessen passen, das mehr aus Wasser denn aus Hirse bestand. Nicci sagte, sie habe bereits gegessen und wolle nichts mehr. Sie ermunterte ihn, alles aufzuessen.

Er verschonte Nicci mit Einzelheiten über seine zweite Tätigkeit. Sie bestand lediglich darauf, dass er überhaupt arbeitete; die Arbeit selbst war für sie nebensächlich. Sie kümmerte sich um ihre Hausarbeit und erwartete von ihm, dass er für ihren Lebensunterhalt sorgte.

Sie schien sich offenbar damit zufrieden zu geben, dass er lernte, wie normale Menschen sich krank schuften mussten, um sich gerade eben durchschlagen zu können. Die Aussicht auf mehr Geld, das es ihnen ermöglichen würde, zusätzliche Lebensmittel einzukaufen, schien in ihren Augen eine gewisse Begierde auszulösen, die ihr ansonsten aber nicht über die Lippen kam. Ihm fiel auf, dass der schwarze Stoff über ihrem vormals so fülligen Busen jetzt schlaff und halb leer schlackerte. Ihre Ellbogen und Hände waren knochig geworden.

Während er einen weiteren Löffel Hirse verspeiste, erwähnte Nicci ganz nebenbei, dass der Wirt, Kamils Vater, vorbeigeschaut habe.

Richard blickte von seiner Suppe auf. »Was hat er gesagt?«

»Er meinte, da du jetzt Arbeit hättest, habe der Bezirksgebäudeausschuss einen höheren Mietzins für uns festgelegt, um damit die Mietzahlungen der nicht Arbeitsfähigen in den Häusern dieses Bezirks zu unterstützen. Siehst du jetzt, Richard, wie das Leben nach den Methoden des Ordens das Gefühl gegenseitiger Anteilnahme unter den Menschen fördert, auf dass wir alle gemeinsam auf das Wohl aller hinarbeiten?«

Nahezu alles, was ihnen nicht vom Arbeiterkollektiv genommen wurde, wurde ihnen vom Bezirksgebäudeausschuss oder irgendeinem anderen Ausschuss abgenommen, und stets mit dem gleichen Zieclass="underline" um die Menschen innerhalb des Ordens zu edleren Geschöpfen zu machen. Für Lebensmittel blieb Richard und Nicci so gut wie nichts übrig. Mit der Zeit saßen Richards Kleidungsstücke immer lockerer, wenn auch nicht ganz so locker wie die Niccis.

Die Tatsache, dass ihr Mietzins längst überfällig war, schien sie nicht weiter zu beschäftigen. Wenigstens waren Grundnahrungsmittel verhältnismäßig billig – vorausgesetzt, sie waren überhaupt erhältlich. Es hieß, man habe es allein dem Wohlwollen des Schöpfers und der Weisheit des Ordens zu verdanken, dass man sich überhaupt etwas zu essen kaufen konnte. In Ishaqs Betrieb hatte Richard Gerüchte aufgeschnappt, denen zufolge es durchaus möglich war, die vielfältigsten Lebensmittel in beliebiger Menge zu erstehen, allerdings um einen Preis. Einen Preis, den Richard nicht bezahlen konnte.

Auf seiner Fahrt mit Jori zur Gießerei und dem Schmied hatte Richard etwas abseits stehende Häuser gesehen, die dem Anschein nach recht eindrucksvoll waren. Gut gekleidete Menschen ergingen sich in diesen Straßen, gelegentlich sah er sie sogar in Kutschen sitzen. Es waren Menschen, die weder ihre Hände noch ihre Moral mit Dingen des Geschäftslebens beschmutzten. Es waren Menschen mit Prinzipien. Es waren die Beamten des Ordens, die dafür Sorge trugen, dass, wer immer die Möglichkeit dazu hatte, Opfer für die Ziele des Ordens brachte.

»Selbstaufopferung ist die moralische Pflicht aller«, verkündete Nicci als Kampfansage an seine fest zusammengebissenen Zähne.

Richard brachte es nicht über sich, den Mund zu halten. »Selbstaufopferung ist der widerliche und sinnlose Selbstmord von Sklaven.«

Nicci starrte ihn offenen Mundes an. Es war, als hätte er soeben behauptet, die Milch einer Mutter sei Gift für ihr Neugeborenes.

»Ich glaube, das ist wirklich das Grausamste, was ich je aus deinem Mund gehört habe, Richard.«

»Ist es etwa grausam, wenn ich sage, dass ich nicht bereit bin, mich frohen Herzens für diesen brutalen Burschen, Gadi, aufzuopfern? Oder für irgendwelche anderen Rohlinge, die ich nicht mal kenne? Ist es etwa grausam, das, was mir gehört, nicht bereitwillig jedem habgierigen Schurken in den Rachen zu werfen, den es selbst um den Preis des Blutes seiner Opfer danach gelüstet, Kriegsbeute und anderes, nicht durch seiner Hände Arbeit verdientes Gut zu besitzen?

Selbstaufopferung ist nur dann sinnvoll und vertretbar, wenn es um Werte geht, die einem lieb und teuer sind; um das Leben eines geliebten Menschen, um die eigene Freiheit und die all derer, die man respektiert – so wie ich mich für Kahlans Leben opfere. Selbstaufgabe dagegen bedeutet, dass man sich zu einem Sklaven macht, der sein allerhöchstes Gut – sein Leben – jedem feixenden Dieb ausliefert, der gerade Anspruch darauf erhebt.

Selbstmord durch Selbstaufopferung ist nichts weiter als die Forderung von Herren an ihre Sklaven. Da man mir ein Messer an die Kehle hält, ist es keineswegs zu meinem Vorteil, wenn man mir alles nimmt, was ich mir mit Händen und Verstand erarbeitet habe. Es ist nur zum Vorteil dessen, der das Messer hält, und derer, die allein kraft ihrer zahlenmäßigen – und nicht etwa vernunftmäßigen – Überlegenheit bestimmen, was für alle das Beste ist, und die einen noch antreiben, um jeden Tropfen Blut, den ihre Herren übersehen, auflecken zu können.

Das Leben ist kostbar; deswegen ist es vernünftig, für die Freiheit Opfer zu bringen. Man setzt sich für das Leben selbst ein, und dafür, dass man es leben kann, denn ein Leben ohne Freiheit bedeutet den sicheren, schleichenden Tod durch Selbstaufopferung zum ›Wohl‹ der Menschheit – und das sind stets die anderen. Die Menschheit ist nichts weiter als eine Gemeinschaft von Einzelwesen. Warum sollte jedes andere Leben wichtiger, kostbarer und wertvoller sein als das eigene? Gedankenlose, erzwungene Selbstaufopferung ist unsinnig.«

Sie starrte nicht etwa auf ihn, sondern auf die Flamme, die auf der Leinsamenöllache schwamm. »Das glaubst du doch nicht wirklich, Richard. Du bist nur müde und verärgert, weil du jetzt auch noch nachts arbeiten musst, um über die Runden zu kommen. Du solltest dir klarmachen, dass all die anderen, denen du hilfst, dazu da sind, die Gesellschaft zu unterstützen, und dazu gehörst auch du, falls du einmal derjenige bist, der in tiefe Not gerät.«

Richard machte sich gar nicht erst die Mühe, ihr zu widersprechen, sondern sagte nur: »Du tust mir Leid, Nicci. Du kennst nicht mal den Wert deines eigenen Lebens. Es kann dir unmöglich etwas bedeuten, Opfer zu bringen.«

»Das ist nicht wahr, Richard«, erwiderte sie leise. »Ich bringe dir zuliebe Opfer … was wir an Hirse übrig hatten, habe für dich aufbewahrt, damit du bei Kräften bleibst.«

»Damit ich kräftig genug bin, um mein Leben erhobenen Hauptes wegzuwerfen? Warum hast du dein Abendessen geopfert, Nicci?«

»Weil es das Richtige war – es diente dem Wohl anderer.«