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Nickend betrachtete er sie im dämmrigen Licht. »Du bringst es fertig und verhungerst anderen Menschen zuliebe – irgendwelchen beliebigen anderen Menschen.« Er deutete mit dem Daumen über seine Schulter. »Was ist mit diesem Rohling, Gadi? Würdest du verhungern, damit er essen kann? Dein Opfer hätte einen Sinn, Nicci, wenn es jemandem gälte, den du achtest, aber das ist nicht der Fall; du opferst dich irgendeinem dunklen Ideal des Ordens.«

Als sie nichts erwiderte, schob Richard den Rest seines Abendessens vor sie hin. »Ich will dein sinnloses Opfer nicht.«

Sie tat Richard Leid, wie sie, völlig unfähig zu verstehen, in ihre Schale starrte. Er musste daran denken, was aus Kahlan werden würde, falls Nicci erkrankte, weil sie nicht genug zu essen bekam.

»Iss, Nicci«, drängte er sie sanft.

Schließlich nahm sie ihren Löffel auf und tat, was er verlangte.

Als sie aufgegessen hatte, sah sie mit ihren blauen Augen hoch, jenen blauen Augen, aus denen eine Sehnsucht sprach, die er ihr nicht erfüllen konnte. Sie schob die leere Schale in die Mitte des Tisches.

»Danke für die Mahlzeit, Richard.«

»Wieso bedankst du dich bei mir? Ich bin nichts weiter als ein selbstloser Sklave, von dem man erwartet, dass er jedem wertlosen Menschen Opfer bringt, der ihm seine Not klagt.«

Er ging entschlossenen Schritts zur Tür; die Hand bereits am losen Türknauf, drehte er sich noch einmal um. »Ich muss gehen, sonst verliere ich meine Stelle.«

Ihre großen, blauen Augen waren voller Tränen, als sie nickte.

Auf dem ersten Gang von der Gießerei durch die dunklen Straßen bis zu Victors Werkstatt schleppte Richard fünf Barren. Einige Leute schauten aus Fenstern am Weg auf den Mann hinab, der eine Last vorüberschleppte, und versuchten verständnislos blinzelnd zu ergründen, was er dort tat. Er arbeitete für nichts anderes als seinen eigenen Nutzen.

Gebeugt unter dem Gewicht, redete Richard sich immer wieder ein, dass er, wenn er jedesmal fünf Barren schleppte, nur zehn Gänge zu machen brauchte, und je weniger Gänge er machen musste, desto besser. Beim zweiten Gang schleppte er abermals fünf, wie auch auf dem dritten. Als er das vierte Mal zur Gießerei zurückkehrte, entschied er, dass er einen zusätzlichen Gang einlegen musste, um sich selbst eine Verschnaufpause zu gönnen und auf einigen Gängen nur vier Barren schleppen zu müssen. Er verlor den Überblick, wie oft er bereits durch die menschenleere Nacht hin und her gegangen war. Beim vorletzten Gang hatte er Mühe, auch nur zwei Barren hochzuheben. Blieben noch drei. Er zwang sich, beim letzten Mal alle drei zu schleppen und die größere Anstrengung gegen den kürzeren Weg einzutauschen.

Es gelang ihm, die drei letzten Barren noch vor Tagesanbruch zu Victors Werkstatt zu schaffen; seine Schultern waren voller blauer Flecken und schmerzten. Er musste den weiten Weg zu seiner Arbeit in Ishaqs Betrieb zu Fuß zurücklegen, daher konnte er nicht warten, bis Victor eintraf, um ihm den noch ausstehenden Rest von einem Viertel Goldtaler auszuzahlen.

Die Arbeit des folgenden Tages war eine Erholung, verglichen mit der nächtlichen Schlepperei der Eisenbarren. Jori sagte kein Wort, es sei denn, man sprach ihn an, also legte Richard sich zu einer Fuhre Holzkohle auf die Ladefläche des Wagens und schloss ab und zu für ein paar Minuten die Augen, während der Wagen dahinrumpelte. Sein einziger Trost war, dass er sein Versprechen gehalten hatte.

Als Richard nach einem endlos langen Tag nach Hause kam, sah er Kamil und Nabbi am oberen Treppenende stehen. Beide hatten Hemden an.

»Wir haben schon darauf gewartet, dass du nach Hause kommst und deine Arbeit fertig machst«, begrüßte ihn Kamil.

Richard konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. »Welche Arbeit?«

»Die Treppe.«

»Das haben wir doch gestern Abend schon erledigt.«

»Du hast nur die Vordertreppe repariert. Die Hintertreppe ist doppelt so lang und in viel schlimmerem Zustand als die vordere. Oder willst du etwa, dass deine Frau oder die anderen Frauen im Haus stürzen und sich das Genick brechen, wenn sie durch die Hintertür zur Feuerstelle oder auf den Abort gehen?«

Ganz offensichtlich wollten sie ihm ein wenig auf den Zahn fühlen. Richard war sich bewusst, dass er sich eine günstige Gelegenheit entgehen lassen würde, wenn er sie fortschickte. Er war so müde, dass er nicht mehr klar denken konnte.

Nicci steckte den Kopf zur Vordertür heraus. »Ich dachte, ich hätte deine Stimme gehört. Komm rein und iss zu Abend. Deine Suppe wartet schon.«

»Hast du Tee?«

Nicci warf einen verstohlenen Seitenblick auf die beiden in ihren Hemden. »Ich kann Tee aufsetzen. Komm rein, dann brühe ich ihn dir auf, während du deine Suppe isst.«

»Bitte bring sie mir hinters Haus«, antwortete Richard. »Ich habe versprochen, die Treppe zu reparieren.«

»Jetzt?«

»Es ist noch ein paar Stunden hell. Ich kann essen, während ich arbeite.«

Kamil und Nabbi stellten noch mehr Fragen als am Abend zuvor. Der dritte der jungen Burschen, Gadi, schaute ab und zu vorbei, als Richard und die beiden anderen arbeiteten. Gadi, noch immer ohne Hemd, ließ es sich nicht entgehen, Nicci von Kopf bis Fuß zu mustern, als sie Richard seine Suppe und seinen Tee brachte.

Als Richard endlich fertig war, ging er aufs Zimmer, zog sein Hemd aus und spritzte sich Wasser aus der Waschschüssel ins Gesicht. Ihm dröhnte der Kopf.

»Wasch dir die Haare«, sagte Nicci. »Du bist schmutzig. Ich will hier keine Läuse.«

Statt zu protestieren, er habe keine Läuse, tauchte Richard sein Gesicht kurz unter Wasser und säuberte seinen Kopf gründlich mit einem Stück derber Seife. Das war einfacher, als es ihr auszureden, um endlich schlafen gehen zu können. Nicci konnte Läuse nicht ausstehen.

Vermutlich, überlegte er, sollte er dankbar sein, dass sie in ihrem betrügerischen Arrangement wenigstens eine reinliche Ehefrau war. Sie sorgte dafür, dass Zimmer, Bettzeug und seine Kleider sauber waren, obwohl das Wasser erst mühsam vom die Straße hinunter gelegenen Brunnen herbeigeschleppt werden musste. Nie beklagte sie sich über irgendwelche Arbeiten, die nötig waren, um den Anschein eines Lebens von ganz normalen Leuten aufrecht zu erhalten. Offenbar war ihre unbestimmte Sehnsucht so groß, dass sie oft voll und ganz in ihrer Rolle aufging und, im Gegensatz zu ihm, gelegentlich sogar vergaß, dass sie eine Schwester der Finsternis war. Er tauchte seinen Kopf abermals unter, ließ Wasser über seinen Kopf laufen und spülte die Seife heraus.

Ein Wasserrinnsal lief von seinem Kinn zurück in die Schüssel, als er fragte: »Wer ist eigentlich Bruder Narev?«

Nicci, die mit einer Näharbeit beschäftigt auf ihrer Pritsche saß, hob den Kopf. Plötzlich wirkte ihre Näherei fehl am Platz, so als hätte ihre Parodie häuslichen Lebens für sie allen Glanz verloren.

»Warum fragst du?«

»Ich bin ihm gestern begegnet, draußen in der Werkstatt des Schmieds.«

»Auf der großen Baustelle?«

Richard nickte. »Ich musste Eisen dorthin liefern.«

Sie widmete sich wieder ihrer Nadelarbeit. Im Schein der Leinsamenöllampe, die neben ihr stand, sah Richard zu, wie sie noch ein paar Stiche am Flicken auf den Knien einer seiner Hosen nähte. Schließlich hielt sie inne und ließ ihre Arme, einen davon in sein Hosenbein gehüllt, auf ihren Schoß sinken.

»Bruder Narev ist der Hohepriester der Bruderschaft der Ordnung – einer sehr alten Sekte, die sich die Durchsetzung des Willens des Schöpfers in dieser Welt zum Ziel gesetzt hat. Er ist sozusagen Herz und Seele des Ordens – sein moralischer Führer. Seine Jünger und er führen die Mitglieder des Ordens in das ewige Licht des Schöpfers. Er ist ein Berater Kaiser Jagangs.«

Richard war verblüfft. Er hatte nicht erwartet, dass sie mit dem Thema so vertraut war. Seine Vorsicht wuchs im gleichen Maße, wie sich seine Nackenhaare sträubten.

»Was für ein Berater?«

Sie nähte einen weiteren Stich und zog den langen Faden durch. »Bruder Narev war Jagangs Erzieher – sein Lehrer, Berater und Tutor. Bruder Narev hat das Feuer in Jagangs Bauch entflammt.«