»Ja. Vergiss nicht, Alter ist relativ. Für jemanden, der eintausend Jahre alt werden kann, wäre eine Lebenszeit von weniger als hundert Jahren viel zu kurz bemessen. Wer allerdings viele tausend Jahre alt werden kann, für den ist eine Lebensspanne von gerade mal einem Jahrtausend wenig mehr als ein flüchtiger Augenblick.
Ich vermute, Bruder Narev ist es gelungen, den Alterungsprozess so weit zu verlangsamen, dass er nahezu unsterblich ist. Jagang hatte geplant, den Palast der Propheten zu erobern. Möglicherweise hätte Bruder Narev nach der Eroberung des Palastes den Bann dann seinen Zwecken entsprechend verstärkt.«
»Aber diesen Plan habe ich durchkreuzt.«
Nicci nickte. »Wie wir alle, die einst im Palast der Propheten gelebt haben, altert Bruder Narev zurzeit wie jeder andere auch. Hat man den Einflussbereich des Banns einmal verlassen, hat man das Gefühl, Hals über Kopf auf sein Grab zuzustürzen. Bruder Narev ist zweifellos bestrebt, sich alle Jugendlichkeit, die noch in ihm steckt, zu bewahren. Auf ewig verhältnismäßig jung zu bleiben, das hat vieles für sich; ewiges Alter wäre weitaus weniger attraktiv. Dadurch, dass du den Palast der Propheten zerstört hast, wo er reichlich Zeit gehabt hätte, seinen Plan zu verwirklichen, ist er gezwungen worden, früher zu handeln statt später.«
Richard ließ sich auf seine Matte sinken und legte seinen Handrücken auf die Stirn. »Er lässt sich vom Schmied eine Bannform aus Eisen anfertigen. Der Schmied hat nicht die leiseste Ahnung, was er dort baut. Später soll die Bannform dann mit Gold überzogen werden.«
»Aus Gründen der Reinheit. Sehr wahrscheinlich ist das nur Teil des Herstellungsverfahrens. Es wäre sogar möglich, dass die goldüberzogene Bannform nichts weiter ist als ein Gussmodell, mit dessen Hilfe die eigentliche Bannform in purem Gold gegossen werden soll.«
Richard kniff nachdenklich die Augen zusammen. »Wenn es tatsächlich ein Gussmodell ist, dann beabsichtigt Narev wahrscheinlich, eine ganze Reihe dieser Bannformen zu gießen – die dann zusammenwirken sollen.«
Nicci sah auf und runzelte die Stirn. »Ja, das wäre eine Möglichkeit.«
»Könnte der Schmied durch die Herstellung eines solchen Apparates zu Schaden kommen?«
»Nein. Es handelt sich um einen den Menschen zuträglichen Zauber. Lässt man den beabsichtigten Verwendungszweck erst einmal außer Acht, dann ist ein solcher Bann grundsätzlich vorteilhaft; er verlangsamt das Altern und verlängert so das Leben.«
»Und Bruder Narevs Jünger?«
»Junge Zauberer aus dem Palast der Propheten.«
Richard setzte sich beunruhigt auf. »Ich war auch im Palast der Propheten, sie werden mich wiedererkennen.«
»Nein. Sie waren als junge Zauberer zur Ausbildung dort, haben den Palast jedoch verlassen, um Bruder Narev zu folgen, bevor du dort eintrafst. Wenn sie dich sehen, werden sie dich nicht erkennen.«
»Wenn sie Zauberer sind, werden sie dann nicht spüren, dass ich Magie besitze?«
Ein verächtliches Lächeln ging über ihre Züge. »So talentiert sind sie nicht. Verglichen mit dir sind sie nichts als übereifrige Wirrköpfe.«
Richard empfand den Vergleich als nicht gerade tröstlich. »Wird nicht Bruder Narev oder einer seiner Jünger dich erkennen?«
Ihr Gesicht wurde wieder ernst. »Oh, mich würden sie schon erkennen.«
»Das klingt, als sei die Gabe in Bruder Narev sehr stark ausgeprägt. Wird er nicht erkennen können, dass ich die Gabe besitze? Er hat mich seltsam angeschaut und gefragt, ob er mich kennt. Irgendwas hat er gespürt.«
»Wie bist du darauf gekommen, er könnte ein Zauberer sein?«
Richard zupfte an der Strohfüllung, die aus dem Polster auf seiner Pritsche hervorquoll, und dachte über die Frage nach.
»Es gab nichts, was eindeutig darauf hingewiesen hätte, aber eine Reihe von Kleinigkeiten haben geradezu zwingend meinen Verdacht erregt: seine Körperhaltung, die Art, wie er die Menschen ansah, seine Art zu sprechen – eigentlich alles. Erst nachdem ich auf den Gedanken gekommen war, Narev könnte ein Zauberer sein, wurde mir bewusst, dass der Apparat, den der Schmied für ihn baute, wie eine Bannform aussieht.«
»Aus ganz ähnlichen Gründen wird er argwöhnen, dass du die Gabe besitzt. Kannst du feststellen, wer die Gabe hat?«
»Ja. Ich habe gelernt, diesen zeitlosen Blick in den Augen der Menschen zu erkennen. In gewisser Weise kann ich die Aura der Gabe sehen, vorausgesetzt, sie ist sehr stark ausgeprägt – bei dir zum Beispiel. Manchmal knistert die Luft in deiner Umgebung.«
Sie starrte ihn fasziniert an. »So etwas habe ich noch nie gehört. Das muss etwas damit zu tun haben, dass du beide Seiten der Magie besitzt.«
»Du doch auch, und du siehst es nicht?«
»Nein. Aber ich habe mir die subtraktive Seite auf andere Weise erworben.«
Sie hatte ihre Seele dem Hüter der Unterwelt verschrieben. »Aber bei Bruder Narev erkennst du nichts dergleichen, oder?« Als Richard daraufhin den Kopf schüttelte, fuhr sie mit ihrer Erklärung fort. »Wie ich schon sagte, liegt das daran, dass du über unterschiedliche Aspekte der Gabe verfügst. Außer deiner Anlage zu vernünftigem Denken besitzt du keinerlei zauberische Fähigkeiten, um die Gabe bei ihm zu entdecken; und er wiederum besitzt keine hexenmeisterischen Fähigkeiten, um die Gabe bei dir zu erkennen. Eure Gabe funktioniert beim jeweils anderen nicht. Allein deine Fähigkeit zu vernunftmäßigem Denken hat dir verraten, dass er die Gabe hat.«
Richard merkte, dass sie ihm, ohne es unmittelbar auszusprechen, zu verstehen gab, er solle sich in Narevs Nähe besser in Acht nehmen, wenn er nicht wollte, dass der von seiner Gabe erfuhr.
Manchmal glaubte er, ihr endlich auf die Schliche gekommen zu sein. Dann wieder, so wie jetzt, schien sich seine gesamte Wahrnehmung dessen, was sie plante, zu verschieben. Manchmal kam es ihm fast so vor, als schleuderte sie ihm ihre Überzeugungen geradewegs ins Gesicht, nicht etwa, weil sie an sie glaubte, sondern weil sie verzweifelt darauf hoffte, einen Grund zu finden, es nicht tun zu müssen, und weil sie hoffte, er werde sie in ihrer einsamen, finsteren Welt aufspüren und ihr den Weg nach draußen zeigen. Richard seufzte innerlich; er hatte ihr erklärt, warum er ihre Überzeugungen für falsch hielt, doch statt sie umzustimmen, hatte sie das bestenfalls verärgert, oder schlimmer, in ihren Überzeugungen noch bestärkt.
Müde wie er war, lag er auf seinem Bett, die Augen zu schmalen Schlitzen geschlossen, und sah Nicci im Schein des einen Dochtes zu, wie sie sich mit ihrer ganzen Energie ihrer Näharbeit widmete – eine der stärksten Frauen, die je auf Erden wandelte – offenkundig vollkommen zufrieden damit, einen Flicken auf das Knie seiner Hose zu nähen.
Sie stach sich aus Versehen mit der Nadel. Als sie, ihre Hand schüttelnd, vor Schmerz zusammenzuckte, überkam Richard die bedrückende Erinnerung an die Verbindung zwischen ihr und Kahlan; seine geliebte Frau würde diesen Stich ebenfalls spüren.
50
Richard nahm die schneeweiße Scheibe entgegen, als Victor sie ihm reichte.
»Was ist das?«
»Probier doch einfach«, drängte Victor ihn hartnäckig mit der Hand fuchtelnd. »Iss und dann sag mir, was du davon hältst. Es stammt aus meiner Heimat. Hier, rote Zwiebeln passen gut dazu.«
Die weiße Scheibe war zart und dennoch fest, und kräftig gewürzt mit Salz und Kräutern. Richard stieß ein verzücktes Stöhnen aus und verdrehte die Augen.
»Das Beste, was ich je gegessen habe, Victor, Was ist es?«
»Lardo.«
Sie saßen auf der Schwelle der Doppeltür jenes Raumes, in dem der Marmormonolith stand, und sahen zu, wie der Morgen langsam über der Baustelle dämmerte, wo die Mauern des Ruhesitzes allmählich zu wachsen begonnen hatten. Unten rührten sich nur wenige Menschen. In Kürze würden die Arbeiter in Scharen eintreffen und ihre Arbeit am Ruhesitz des Kaisers wieder aufnehmen. So ging das, ob Regen oder Sonne, ohne Unterlass jeden Tag. Jetzt, gegen Ende des Frühlings, herrschte nahezu jeden Tag schönes Wetter; alle paar Tage gab es nachmittags einen Schauer, aber der hatte nichts Trostloses oder Bedrückendes an sich und war gerade heftig genug, dass man sich hinterher sauber und erfrischt fühlte.