Wäre nicht der allgegenwärtige Schmerz über Kahlans Abwesenheit gewesen, seine Sorgen wegen des Krieges hoch oben im Norden, sein Abscheu darüber, dass man ihn gefangen hielt, über die Sklavenarbeit auf der Baustelle, die Misshandlung der Menschen und deren spurloses Verschwinden, über die Folter, mit denen man ihnen Geständnisse abpresste, und über das quälend unterdrückerische Leben in Altur’Rang ganz allgemein hätte er möglicherweise den Frühling als ganz angenehm empfunden.
Hinzu kam, dass seine Sorge, Kahlan könnte in Kürze ihr Heim in den Bergen verlassen, mit jedem Tag wuchs. Er hatte Angst, sie könnte von einem Krieg eingeholt werden, der schon bald lichterloh entbrennen würde.
Nachdem er von der milden Zwiebel gekostet hatte, machte Richard sich wieder über den köstlichen Lardo her. Er stöhnte abermals vor Entzücken.
»Ich habe noch nie etwas Vergleichbares probiert, Victor. Was ist Lardo?«
Victor reichte ihm eine weitere dünne Scheibe, die Richard mit Freuden entgegennahm. Die herzhafte Köstlichkeit war genau das Richtige nach einer langen Arbeitsnacht.
Victor deutete mit seinem Messer auf die Blechbüchse neben sich, in der der makellos weiße Klumpen lag. »Lardo ist der Bauchspeck des Ebers.«
»Und diese Blechdose stammt aus deiner Heimat?«
»Nein, nein – ich stelle ihn selber her. Ich stamme aus einem Landstrich, der weit südlich von hier liegt – in der Nähe des Meeres. Dort wird Lardo hergestellt. Als ich hierher kam, habe ich ihn eben hier gemacht.
Ich lege den Bauchspeck in Bottiche ein, die ich aus Marmor, weiß wie Lardo, gemeißelt habe.« Victor gestikulierte beim Sprechen mit den Händen, wobei er die Luft ebenso kraftvoll bearbeitete wie das Eisen. »Das Fett wird mit grobem Salz, Rosmarin und anderen Gewürzen in den Bottichen eingelegt. Ab und zu wälze ich es in Meerwasser. Es muss ein Jahr in dem Steingefäß ruhen, bis es gepökelt ist und zu Lardo wird.«
»Ein ganzes Jahr?«
Victor nickte nachdrücklich. »Dieses hier, das wir gerade essen, habe ich letzten Frühling gemacht; Lardo wird ausschließlich von Männern hergestellt. Mein Vater war Arbeiter im Steinbruch, und Lardo verleiht den Männern, die im Steinbruch arbeiten, das nötige Durchhaltevermögen, um stundenlang Quader aus dem Marmor zu sägen oder die Spitzhacke zu schwingen. Auch als Schmied erhält man durch Lardo die nötige Kraft, den ganzen Tag mit dem Hammer zu arbeiten.«
»Dann gibt es dort, wo du gelebt hast, also Steinbrüche?«
Er deutete mit seiner massigen Hand auf den Quader, der hinter ihnen emporragte. »Das dort, das ist Cavaturamarmor – aus meiner Heimat.« Er zeigte hinunter auf mehrere Flächen, auf denen Baumaterialien gelagert wurden. »Das dort, und da drüben, das ist auch Cavaturamarmor.«
»Dann stammst du also aus Cavatura?«
Victor grinste wie ein Wolf und nickte. »Aus eben jener Gegend, aus der all dieser wunderbare Marmor stammt. Unsere Stadt wurde nach den Marmorsteinbrüchen benannt. In meiner Familie sind alle entweder Bildhauer oder Arbeiter in den Steinbrüchen. Und ich? Nun, ich bin schließlich Schmied geworden und habe das Werkzeug für sie hergestellt.«
»Auch ein Schmied hat etwas von einem Bildhauer.«
Er lachte brummig, nicht ganz überzeugt. »Und du? Woher kommst du?«
»Ich? Von weit her. Marmor gibt es dort nicht, nur Granit.« Richard wechselte das Thema, um sich keine Lügen ausdenken zu müssen, außerdem wurde es allmählich hell. »Also, Victor, wann brauchst mehr von dem Spezialstahl?«
»Morgen. Wirst du das schaffen?«
Der Stahl, den Victor benötigte, kam von weiter her, aus einer Gießerei von außerhalb, in der Nähe der Köhler, die die Holzkohle herstellten. Um hochwertigen Stahl zu gewinnen, mussten bei der Verhüttung des Eisens große Mengen Holzkohle eingesetzt werden. Das Erz wurde auf Lastkähnen von nicht weit her angeliefert. Für den Hin- und Rückweg würde Richard fast die ganze Nacht benötigen.
»Aber ja. Ich werde heute krank feiern und mich ein wenig ausschlafen.«
Während der letzten Monate war er recht häufig krank geworden; darin hatte er sich der Arbeitsweise der meisten anderen angepasst. Man arbeitete ein wenig, wurde krank und erklärte dem Arbeiterkollektiv, man sei unpässlich. Manche kamen angehumpelt und hatten sich eine Ausrede zurecht gelegt, was vollkommen unnötig war. Im Arbeiterkollektiv stellte man keine Fragen.
Einzig auf den Versammlungen, auf denen diejenigen mit mangelhafter Einstellung namentlich genannt wurden, fehlte er kaum jemals. Es geschah oft, dass Leute auf Versammlungen namentlich genannt wurden, allerdings war die Wahrscheinlichkeit, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, größer, wenn man gar nicht erst erschien. Oft wurden die Genannten in der Folge festgenommen und erhielten Gelegenheit, ein Geständnis abzulegen. Mehr als einmal war es vorgekommen, dass sich jemand umgebracht hatte, der auf einer Versammlung einer mangelhaften Einstellung bezichtigt worden war.
»Gestern Abend kam Neal, einer von Bruder Narevs Jüngern, vorbei, und hat neue Anordnungen ausgegeben.« Victors Stimme hatte einen gereizten, angespannten Unterton angenommen. »Mit dem, was du gerade gebracht hast, komme ich für heute hin, aber morgen brauche ich diesen Stahl unbedingt.«
»Du wirst ihn bekommen.«
»Ganz bestimmt?«
»Habe ich dich je im Stich gelassen, Victor?«
Victors angespanntes Gesicht zerschmolz zu einem leicht hilflosen Lächeln. Er reichte Richard noch eine Scheibe Lardo. »Nein, das hast du nicht, Richard. Nicht ein einziges Mal. Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben, jemals wieder einem Mann zu begegnen, der sein Wort hält.«
»Tja, am besten mache ich mich auf den Weg und kümmere mich um meine Pferde. Sie haben eine anstrengende Nacht hinter sich, und heute Abend müssen sie ausgeruht sein. Wie viel Stahl brauchst du?«
»Zweihundert Barren. Die eine Hälfte Vierkant, die andere rund.«
Richard gab ein gequältes Stöhnen zum Besten. »Entweder werde ich durch dich zum Muskelprotz, oder es bringt mich um, Victor.«
Victor lächelte anerkennend. »Soll ich dir das Gold geben?«
»Nein, du kannst mich bei Lieferung bezahlen.«
Richard brauchte das Geld nicht mehr im Voraus. Mittlerweile war er im Besitz eines schweren Wagens sowie eines kräftigen Pferdegespanns. Er bezahlte Ishaq dafür, dass dieser sie zusammen mit den Gespannen des Fuhrunternehmens in den Stallungen des Betriebs versorgte. Ishaq wiederum half Richard bei den zahlreichen Sondervereinbarungen, die er hatte treffen müssen. Ishaq wusste, welche Beamte in den schönen Häusern wohnten. Allein von ihrer Bezahlung als Beamte des Ordens konnten sie sich diese Häuser auf keinen Fall leisten.
»Nimm dich vor Neal in Acht«, meinte Richard.
»Warum?«
»Aus irgend einem Grund scheint er zu glauben, man müsse mir unbedingt eine Lektion erteilen. Er glaubt tatsächlich, der Orden der Imperialen Ordnung sei der Retter der Menschheit. Er stellt das Wohl der Bruderschaft des Ordens über das der Menschheit.«
Victor erhob sich seufzend und band sich seine Lederschürze um. »Ich denke über ihn genauso.«
Als sie das Gebäude betraten, fiel die Sonne gerade auf den dort stehenden Marmorquader. Richard verweilte einen Augenblick und legte, wie immer, wenn er daran vorüberkam, seine Hand auf den kalten Stein. Fast schien es ihm, als wäre er lebendig. Lebendig und voller Möglichkeiten.
»Ich habe dich schon einmal gefragt, was das ist. Macht es dir was aus, es mir jetzt zu verraten?«
Der Schmied blieb neben Richard stehen und schaute an dem makellosen Stein hinauf. Er streckte die Hand vor, berührte ihn leicht und ließ die Fingerspitzen prüfend, beinahe zärtlich, über die Oberfläche gleiten.