»Das ist meine Statue.«
»Was für eine Statue?«
»Die, die ich eines Tages meißeln möchte. Viele in meiner Familie sind Bildhauer. Solange ich zurückdenken kann, wollte ich auch immer in Stein meißeln. Ich wollte ein großer Bildhauer werden und bedeutende Kunstwerke erschaffen.
Stattdessen musste ich für den Schmiedemeister im Steinbruch arbeiten. Meine Familie musste essen, und ich war der älteste noch lebende Sohn. Mein Vater und der Schmied waren Freunde, also bat er ihn, mich einzustellen … er wollte nicht noch einen Sohn an den Stein verlieren. Es ist ein hartes und gefährliches Leben, Stein aus dem Berg zu schneiden.«
»Hast du schon mit anderen Materialien gearbeitet, mit Holz zum Beispiel, oder etwas Ähnlichem?«
Victor, den Blick noch immer auf den Stein gerichtet, schüttelte den Kopf. »Ich wollte immer nur in Stein meißeln. Diesen Quader habe ich von meinen Ersparnissen gekauft. Er gehört mir. Nur wenige Menschen können von sich behaupten, dass ihnen das Stück eines Berges gehört. Ein Stück, so rein und wunderschön wie dieses.«
Richard konnte seine Empfindungen nachvollziehen. »Und was wirst du aus dem Quader meißeln?«
Er kniff die Augen halb zusammen, so als versuchte er hinter die Oberfläche zu schauen. »Ich weiß es nicht. Es heißt, der Stein wird irgendwann zu einem sprechen und sagen, was er sein möchte.«
»Glaubst du daran?«
Victor lachte sein eigentümlich tiefes Lachen. »Nein – eigentlich nicht. Aber die Sache ist die, das hier ist ein wunderschöner Stein. Für Statuen gibt es nichts Besseres als Cavaturamarmor, und nur wenige Quader Cavaturamarmor weisen eine so schöne Maserung auf wie dieses spezielle Stück. Ich könnte es nicht ertragen, wenn man etwas Hässliches, wie diese Sachen, die man heutzutage macht, aus ihm herausmeißeln würde.
Früher einmal, vor langer Zeit, war es so, dass aus einem so schönen Stück nur wieder etwas besonders Schönes gearbeitet werden durfte. Aber das ist vorbei«, meinte er leise, erfüllt von kalter Bitterkeit. »Heutzutage muss der Mensch mit verdorbenem Wesen dargestellt werden – als Objekt seiner eigenen Schande.«
Richard hatte in Victors Auftrag Werkzeuge hinunter zur Baustelle geliefert, dorthin, wo die Steinmetzarbeiten vorgenommen wurden, dabei hatte er Gelegenheit gehabt, sich die dort in Arbeit befindlichen Werke genauer anzusehen. Die Außenseite der steinernen Mauern sollten mit bombastischen Darstellungen versehen werden, in einer Größenordnung, die einen schwindeln machen konnte. Die Mauern, die einst den Palast umgeben würden, erstreckten sich über Meilen. Die für den Ruhesitz angefertigten Bildhauerarbeiten glichen denen, die Richard allenthalben in der Alten Welt gesehen hatte, nur dass sie in ihrer nackten, alles in den Schatten stellenden Gigantomanie ihresgleichen suchten. Der gesamte Palast sollte zu einer heroischen Darstellung der Ansicht des Ordens über das Wesen des Lebens und die Erlösung im Leben nach dem Tod in der Unterwelt gestaltet werden.
Die in den Stein gehauenen Figuren wirkten steif und ungelenk und hatten Gliedmaßen, die unmöglich ihren Zweck erfüllen konnten. Die als Relief gemeißelten Figuren waren für immer im Stein gefangen, aus dem sie nur zögernd hervorzutreten schienen. Ihre Körperhaltung gab eine Sicht des Menschen wieder, die ihn als unzulänglich, oberflächlich und bedeutungslos charakterisierte.
Die einzelnen Bestandteile der verhassten menschlichen Anatomie, Muskeln, Knochen und Fleisch, verschmolzen zu Gliedmaßen, denen jede Lebendigkeit abging und deren verzerrte Proportionen den Figuren alles Menschliche nahm. Gesichter waren entweder teilnahmslos, wenn die Gestalt Tugendhaftigkeit darstellen sollte, oder erfüllt von Entsetzen, Seelenqual und Schmerz, sollte sie das Schicksal von Missetätern illustrieren. Anständige Männer und Frauen, gebeugt unter der Last ihrer harten Arbeit, waren stets so porträtiert, dass sie mit dem leeren, stumpfen Blick der Entsagung in die Welt hinausblickten.
In den allermeisten Fällen war es schwierig, Männer und Frauen zu unterscheiden; ihre sterbliche Hülle, ein nie versiegender Quell der Schande, war unter formlosen, weiten Gewändern verborgen, wie sie die Priester des Ordens trugen. Als weiteres Spiegelbild der Ordenslehren wurden nur die Sünder hüllenlos gezeigt, damit ein jeder ihre verabscheuungswürdigen, von Geschwüren zerfressenen Körper sehen konnte.
Die bildhauerischen Arbeiten zeigten den Menschen als hilfloses Geschöpf, durch die Unzulänglichkeit seines Geistes dazu verdammt, jeden Schlag des Schicksals klaglos hinzunehmen.
Die meisten Bildhauer, vermutete Richard, hatten Angst, verhört oder gar gefoltert zu werden, und wiederholten daher nimmermüde die Auffassung, der Mensch müsse in Übereinstimmung mit seinem verruchten Wesen in Stein gehauen werden, da er sich nur so mit dem Tod seinen gerechten Lohn verdienen konnte. Die Bildnisse hatten den Zweck, den Massen vor Augen zu führen, dass dies das einzig schickliche Ziel war, auf das der Mensch hoffen durfte. Richard wusste, dass einige der Bildhauer geradezu inbrünstig von der Richtigkeit dieser Lehren überzeugt waren. Er nahm sich stets in Acht, was er in ihrer Gegenwart sagte.
»Wirklich, Richard, ich wünschte, du könntest die wirklich schönen Statuen sehen, statt dieses bedrückenden Mists, den man heute produziert.«
»Ich habe bereits Statuen von großer Schönheit gesehen«, versicherte Richard dem Mann mit leiser Stimme.
»Tatsächlich? Das freut mich. Das ist es, was die Menschen sehen sollten, und nicht diese, diese« – er deutete auf die stetig in die Höhe wachsenden Mauern des Ruhesitzes – »Gottlosigkeit im Gewand der Güte.«
»Und, wirst du auch eines Tages ein solches Werk der Schönheit bildhauern?«
»Ich weiß es nicht, Richard«, gestand er schließlich. »Der Orden reißt alles an sich. Dort heißt es, der Einzelne sei ohne Bedeutung, es sei denn, er kann zum Wohle aller beitragen. Sie nehmen das, was Kunst sein kann – das Herzblut der Seele – und verwandeln es in ein tödliches Gift.«
Victor lächelte versonnen. »Wie die Dinge derzeit stehen, kann ich mich nur an der Statue im Innern des Steins erfreuen.«
»Ich verstehe, Victor – wirklich. Wie du sie jetzt beschreibst, sehe ich sie ebenfalls vor mir.«
»Dann werden wir uns beide an meiner Statue erfreuen, so wie sie jetzt ist.« Victor löste seine Hand vom Stein und deutete auf den Sockel. »Übrigens, siehst du das, da unten? Dort hat der Stein einen Fehler; er zieht sich der Länge nach hindurch. Nur deswegen habe ich mir dieses Stück Marmor überhaupt leisten können – weil es diesen Makel aufweist. Die meisten, die versuchen würden, den Stein zu behauen, würden ihn gefährden. Wenn man es nicht genau richtig macht und den Fehler berücksichtigt, kann der ganze Quader zersplittern. Ich habe mir nie recht vorstellen können, wie ich diesen Stein behauen muss, um seine Schönheit voll zur Geltung zu bringen und seinen Makel gleichzeitig zu umgehen.«
»Vielleicht fällt dir eines Tages noch ein, wie du den Stein behauen musst, um etwas wirklich Erhabenes zu schaffen.«
»Erhabenheit. Ach, das wäre doch etwas – die höchste Form der Schönheit.« Er schüttelte den Kopf. »Aber ich werde es nicht tun. Jedenfalls nicht, bevor die Rebellion kommt.«
»Die Rebellion?«
Victors Blick glitt vorsichtig durch die offene Tür und über den Hang. »Die Rebellion, eines Tages wird sie kommen. Die Imperiale Ordnung kann sich unmöglich halten – das Böse kann sich nicht halten, jedenfalls nicht für immer. Als ich noch klein war, gab es in meiner Heimat so etwas wie Schönheit, und es existierte Freiheit.
Durch Täuschung und Betrug wurden die Menschen dort dazu getrieben, ihr Leben und ihre Freiheit Stück für Stück zugunsten der Idee von der Gerechtigkeit für alle aufzugeben. Sie wussten nicht, was sie an ihr hatten, und ließen sich ihre Freiheit immer mehr beschneiden, und das für nichts anderes als das hohle Versprechen auf eine bessere Welt, eine Welt ohne Mühen, ohne Leistungsdruck und ohne Lohnarbeit. Stets war es ein anderer, der diese Dinge tun würde, der für sie sorgen und ihnen ein leichtes Leben bescheren würde.