Früher waren wir ein Land, wo es alles in Hülle und Fülle gab, jetzt dagegen verfaulen die wenigen Lebensmittel, die noch angebaut werden, während sie darauf warten, dass irgendein Komitee festlegt, wer sie bekommen soll, wer sie transportieren darf und was sie kosten müssen. Und in der Zwischenzeit verhungern die Menschen.
Man macht die Aufständischen, diejenigen, die sich dem Orden gegenüber illoyal verhalten, für all den Hunger und Streit verantwortlich, der uns langsam zu zerstören droht, daher werden immer mehr Menschen eingesperrt und hingerichtet. Wir sind ein Land des Todes. Der Orden wird nicht müde, lauthals seine Empfindungen für die Menschheit zu verkünden, aber mit ihren Methoden züchten sie nichts als den Tod heran. Auf meinem Weg hierher sah ich abertausende von Leichen, die man weder gezählt noch begraben hat. Der Neuen Welt schiebt man die Schuld für jedes Übel und für jedes Versagen zu, und junge Männer, die es kaum erwarten können, ihre Unterdrücker zu vernichten, ziehen in den Krieg.
Aber inzwischen haben viele Menschen die Wahrheit erkannt. Sie und ihre Kinder – ich und andere wie ich – dürsten danach, ihr eigenes Leben in Freiheit leben zu können, statt Sklaven des Ordens und ihrer Herrschaft des Todes zu sein. In meiner Heimat kam es zu Unruhen, genau wie hier. Eine Rebellion steht unmittelbar bevor.«
»Unruhe? Hier? Ich habe nichts dergleichen bemerkt.«
Victor lächelte geheimnisvoll. »Wer die Rebellion im Herzen trägt, zeigt seine wahren Gefühle nicht. Stets in Angst vor Aufruhr, erzwingt der Orden mittels Folter Geständnisse von denen, die sie ungerechterweise verhaftet haben. Jeden Tag werden mehr hingerichtet. Die, die wollen, dass sich die Dinge ändern, sind nicht so unklug, sich offen zu erkennen zu geben, bevor die Zeit gekommen ist. Eines Tages, Richard, wird es eine Rebellion geben.«
Richard schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, Victor, für eine Rebellion benötigt man unbedingte Entschlossenheit. Ich glaube nicht, dass diese Entschlossenheit existiert.«
»Du hast Menschen gesehen, die mit den gegenwärtigen Verhältnissen unzufrieden waren. Alle, mit denen du zu tun hast, von den Beamten, die du bestichst, einmal abgesehen, dürsten nach Veränderung.« Victor zog eine Braue hoch und schaute Richard an. »Keiner von ihnen hat sich je bei irgendeinem Ausschuss oder Komitee über das beschwert, was du hier treibst. Vielleicht willst du ja nichts damit zu schaffen haben, was meiner Meinung nach dein gutes Recht ist, trotzdem gibt es Menschen, die darauf hören, was man sich hinter vorgehaltener Hand über die Freiheit oben im Norden erzählt.«
Richard straffte sich. »Freiheit, oben im Norden?«
Victor nickte ernst. »Das Wort von einem Erretter macht die Runde: Richard Rahl. Er führt die Menschen in den Kampf um die Freiheit. Es heißt, dieser Richard Rahl wird uns die Rebellion bringen.«
Wäre dies alles nicht von einer so überwältigenden Tragik gewesen, Richard wäre in schallendes Gelächter ausgebrochen.
»Woher willst du wissen, dass dieser Rahl es wert ist, ihm zu folgen?«
Victor heftete seine Augen mit einem Blick auf Richard, den dieser noch von seiner ersten Begegnung mit dem Schmied kannte.
»Man kann einen Mann nach seinen Feinden beurteilen. Richard Rahl wird wie kein anderer vom Kaiser, von Bruder Narev und dessen Jüngern gehasst. Er ist es. Er trägt die Fackel der Revolution.«
Richard brachte nur ein trauriges Lächeln zu Stande. »Aber er ist nur ein Mensch, mein Freund. Du solltest keinem Menschen huldigen. Huldige seinen Zielen, aber nicht ihm selbst.«
Victors funkelnder, so emotionsgeladener Blick, sein brennendes Verlangen nach Freiheit, wich wieder seinem wölfischen Grinsen.
»Aber das ist genau das, was auch Richard Rahl sagen würde. Deswegen ist er auch der Richtige.«
Richard hielt es für das Beste, das Thema zu wechseln. Er sah, dass es inzwischen fast hellichter Tag war.
»Nun, ich muss mich auf den Weg machen. Irgendwann wird dir ganz sicher einfallen, was du mit dem Stein machen willst, Victor. Wenn die Zeit gekommen ist, wirst du es wissen.«
Der Schmied versuchte eine finstere Miene aufzusetzen, aber es wurde eine viel zu schwache Imitation des überaus realen bösen Blicks, der gerade erloschen war. »Das war auch immer mein Gedanke.«
Richard kratzte sich am Kopf. »Hast du jemals etwas gemeißelt oder geschnitzt, Victor?«
»Nein, noch nie.«
»Bist du sicher, dass du überhaupt bildhauern kannst? Dass du Talent dafür hast?«
Victor tippte sich an die Schläfe, als wollte er einen Zweifler besänftigen. »Das Talent habe ich hier drinnen. Hier drinnen habe ich Schönheit. Das allein zählt für mich. Selbst wenn ich diesen Stein niemals mit einem Stück Stahl anrühren sollte, wird die Schönheit dessen, was aus ihm werden könnte, immer mir gehören, und das kann der Orden mir nicht nehmen.«
51
Sich den Schweiß aus der Stirn wischend, ging Nicci an der Wäscheleine entlang und prüfte, ob ihre Sachen trocken waren; der Sommer stand vor der Tür, und es war bereits sehr warm. Die anderen Frauen standen schwatzend in der warmen Sonne, ab und zu kicherten sie über irgendeine Verschrobenheit, die eine von ihnen auf das nette Drängen der anderen hin über ihren Ehemann ausgeplaudert hatte. Sämtliche Hausbewohner, so schien es, waren mit dem Werden des jungen Frühlings zu neuem Leben erwacht.
Nicci wusste, der Frühling hatte nichts damit zu tun.
Und dieses Wissen ließ im abgeschiedensten Winkel ihres Wesens ein Gefühl der Enttäuschung aufkommen. Sie begriff einfach nicht, wie Richard es anstellte. So sehr sie sich auch mühte, es gelang ihr nicht, jenen Knoten zu entwirren, mit dem er alles zu fesseln schien. Allmählich begann sie zu glauben, selbst wenn sie ihn in die tiefste Höhle verschleppte, die sie finden konnte, würde sich die Sonne einen Weg bis in den finstersten Winkel bahnen, um auf ihn herabzuscheinen. Normalerweise hätte sie dies für eine Art magischen Glücks gehalten, nur wusste sie jenseits allen Zweifels, dass er gar keine Magie angewendet hatte.
Der Hof hinter dem Haus, früher ein schmutziger, von Gestrüpp überwucherter, chaotischer Flecken voller Schrott und Bergen von Müll, hatte sich in einen Garten verwandelt, denn die im Haus wohnenden Männer hatten eines Tages den Hinterhof nach der Arbeit vom Abfall gesäubert. Selbst einige von denen, die keiner Arbeit nachgingen, waren aus ihren Zimmern hervorgekommen, um den einen oder anderen Gegenstand fortzukarren. Nachdem man den Hof freigeräumt hatte, hatten die Frauen aus dem Wohnhaus die Erde umgegraben und einen Garten angelegt. Sie würden Gemüse essen können. Gemüse! Es war sogar die Rede davon, ein paar Hühner anzuschaffen.
Aus der einen überbeanspruchten und übel riechenden Latrine hinten in einer Ecke waren jetzt zwei Aborte geworden, die gut in Schuss und sauber waren. Jetzt brauchte man kaum noch zu warten, wenn man den Abort benutzen wollte, und auch mit den flehentlichen Bitten und gereizten Stimmungen hatte es ein Ende. Kamil und Nabbi hatten Richard beim Bauen geholfen – teils aus Holzresten, die man aus den Abfallhaufen im Hinterhof gerettet hatte, bevor diese abtransportiert wurden, teils aus ein paar anderen Resten, die sie von anderen Müllhaufen zusammengetragen hatten.
Nicci hatte geglaubt, ihren Augen nicht zu trauen, als sie Kamil und Nabbi – mit Hemden bekleidet – die Gruben für die neuen Aborte ausheben sah. Alle bedankten sich überschwänglich bei ihnen, und die beiden Rabauken strahlten vor Stolz.
Die unter freiem Himmel liegende Kochstelle war repariert worden, sodass die Frauen dort eine größere Zahl von Töpfen einstellen und gleichzeitig kochen konnten, und man weniger Feuerholz herbeischleppen musste. Gemeinsam mit einigen anderen Männern aus dem Wohnhaus hatte Richard Gestelle für die Waschzuber gebaut, damit die Frauen sich nicht mehr so tief bücken oder sich die Knie wundscheuern mussten. Aus einem Stück Zeltleinwand, das man aus dem Müll gerettet hatte, errichteten die Männer ein einfaches Dach, damit die Frauen auch bei Regen kochen und waschen konnten, ohne nass zu werden.