Die Bewohner der angrenzenden Häuser zu beiden Seiten, die diese Emsigkeit anfangs verdrießlich und voller Argwohn verfolgt hatten, begannen erste knappe Fragen zu stellen, woraufhin Richard, Kamil und Nabbi hinübergingen und ihnen erklärten, was sie gemacht hatten, und wie auch sie ihr Wohnhaus auf Vordermann bringen konnten; sie halfen ihnen sogar bei den ersten Schritten.
Nicci hatte Richard lautstarke Vorhaltungen gemacht, er vergeude seine freie Zeit bei anderen Leuten, woraufhin er erwiderte, sie selbst habe ihm doch erklärt, es sei seine Pflicht, anderen zu helfen. Darauf wusste Nicci keine Antwort – zumindest keine, die so vernünftig geklungen hätte, dass sie sie aussprechen konnte, ohne sich wie eine Närrin vorzukommen.
Wenn Richard den Leuten zeigte, wie sie ihr Zuhause verschönern konnten, hielt er ihnen nicht etwa Vorträge oder versuchte sie zu belehren, sondern irgendwie gelang es ihm – wie, blieb Nicci völlig rätselhaft –, sie mit seiner Begeisterung anzustecken. Statt ihnen zu erklären, was sie tun mussten, weckte er in ihnen den Wunsch, sich selbstständig zu überlegen, wie sich die Dinge verbessern ließen. Ein jeder fasste Zuneigung zu Richard, was sie zu stillem Groll veranlasste.
Nicci sammelte ihre Wäsche in einem geflochtenen Korb, den aus dünnen Holzstreifen herzustellen Richard den Frauen aus dem Haus beigebracht hatte. Nicci musste zugeben, dass diese Körbe wirklich nicht schwer herzustellen waren und sich die Wäsche in ihnen leichter transportieren ließ.
Sie stieg die stabilen Stufen hinauf – jene Stufen, von denen sie einst geglaubt hatte, sie würden sie noch ins Grab bringen. Der Flur drinnen war makellos sauber, der Fußboden war geschrubbt worden. Irgendwo hatte Richard die Zutaten für die Herstellung von Anstrichfarbe auftreiben können, und die Männer hatten grandiosen Spaß dabei gehabt, sie zusammenzumischen und die fleckigen Wände damit zu überstreichen. Einer der Bewohner kannte sich mit Dächern aus, also reparierte er das Hausdach, damit es nicht leckte und die Wände nicht gleich wieder stockig wurden.
Als Nicci den Flur entlangging, sah sie den hemdlosen Gadi ein paar Stufen weiter oben im Dunkeln auf der Treppe sitzen. Er schnitzte mit seinem großen Messer an einem Stück Holz herum, wohl um auf diese Weise seine Gefährlichkeit unter Beweis zu stellen. Gewöhnlich räumten die im Haus wohnenden Frauen seinen Abfall später unter empörtem Zungenschnalzen fort. Gadi, alles andere als erfreut, dass die Leute in letzter Zeit an ihm herumnörgelten, warf ihr von oben einen lüsternen Blick zu. Jetzt, da sie wieder zugenommen hatte, hatte sie seinen lüsternen Blicken etwas zu bieten.
Richards zweite Arbeitsstelle am Abend versetzte ihn in die Lage, sich mehr Lebensmittel leisten zu können. Er brachte Dinge mit nach Hause, auf die sie monatelang hatte verzichten müssen – Hühner, Öl, Gewürze, Speck, Käse und Eier, Dinge, die sie in den Geschäften in der Stadt niemals zu Gesicht bekam. Nicci hatte immer geglaubt, in allen Geschäften der Stadt würden die gleichen Lebensmittel verkauft, Richards Fahrten beim Ausliefern seiner Fuhren, erzählte er, führten ihn jedoch an Orte, wo eine breitere Vielfalt von Lebensmitteln feilgeboten wurde.
Kamil und Nabbi, die auf der Vordertreppe hockten, sahen sie durch die offene Tür. Sie standen auf und verbeugten sich höflich, als sie ihnen im Flur entgegenkam.
»Guten Abend, Mrs. Cypher«, begrüßte Kamil sie.
»Können wir Euch das vielleicht abnehmen?«, fragte Nabbi.
Sie fand dies alles umso ärgerlicher, als sie ganz genau wusste, dass es ihnen Ernst damit war; sie mochten sie, weil sie Richards Frau war.
»Danke nein, ich bin ja schon zu Hause.«
Sie hielten ihr die Tür auf und schlossen sie wieder hinter ihr, nachdem sie ins Zimmer gegangen war.
In ihren Augen waren sie Richards Soldaten. Er schien über eine ganze Privatarmee von Menschen zu verfügen, die sofort über das ganze Gesicht zu strahlen begannen, sobald sie ihn erblickten. Die meisten schienen geradezu erfreut zu tun, was immer Richard in ihren Augen erledigt haben wollte. Kamil und Nabbi hätten Windeln ausgewaschen, wenn er sie darum gebeten hätte, nur um nachts vielleicht auf seinem Wagen mitfahren zu können, wenn er seine Fuhren rings um Altur’Rang abholte und auslieferte. Mit der Begründung, er könne Ärger mit dem Arbeiterkollektiv bekommen, nahm er sie jedoch nur selten mit. Die jungen Burschen wollten nicht, dass Richard Ärger bekam und seine Stelle verlor, also harrten sie geduldig einer jener seltenen Augenblicke, wenn er ihnen mit schräg gelegtem Kopf bedeutete, sie dürften ihn begleiten.
Ihr Zimmer hatte ebenfalls eine Verwandlung durchgemacht. Die Decke war gereinigt und frisch getüncht worden, die mit Fliegendreck übersäten Wände waren abgeschrubbt worden und hatten einen lachsfarbenen Anstrich bekommen – eine Farbe, die sie in der festen Annahme ausgesucht hatte, Richard würde die dafür erforderlichen Zutaten niemals beschaffen können. Wie zum Hohn erstrahlten die Wände jetzt lachsfarben.
Eines Tages erschien ein Mann mit einem Arm voller Werkzeuge. Kamil behauptete, Richard habe ihn vorbeigeschickt, um ihr Zimmer in Ordnung zu bringen. Der Mann sprach eine Sprache, die Nicci nicht verstand. Ausgiebig mit den Armen fuchtelnd, plapperte er drauflos und lachte nett und freundlich, so als müsste sie doch wenigstens ein bisschen von dem verstehen, was er ihr erzählte. Er deutete auf die Wände ringsum und stellte Fragen. Sie hatte nicht die verschwommenste Vorstellung, in welcher Absicht er gekommen war.
Vermutlich war er gekommen, um den wackeligen Tisch zu reparieren. Sie klopfte zweimal mit der flachen Hand auf dessen Platte, dann demonstrierte sie ihm, wie er wackelte. Er grinste, nickte, plapperte munter weiter. Schließlich überließ sie ihn seiner Arbeit, während sie zum Geschäft in der Stadt ging, um sich für Brot anzustellen. Sie verbrachte den ganzen Vormittag dort; nachmittags stand sie für Hirse Schlange.
Als Nicci schließlich nach Hause zurückkehrte, war der Mann bereits gegangen. Das alte, kaputte und nicht nur überstrichene, sondern vollkommen zugemalte Fenster hatte eine neue Scheibe und war vergrößert worden. Außerdem hatten sie jetzt ein neues Fenster in der Wand gegenüber. Die beiden Fenster standen einen Spalt weit offen, und ein kühler Durchzug sorgte in dem sonst muffigen Zimmer für frische Luft.
Nicci stand mitten im Zimmer und blickte staunend durch das Fenster auf das Haus nebenan, dann schaute sie durch das Fenster in der Wand, in der zuvor kein Fenster gewesen war; sie konnte bis auf die Straße gucken. Gerade eben hatte ihr Mrs. Sha’Rim von nebenan im Vorübergehen zugelächelt und gewinkt.
Nicci setzte den Wäschekorb ab, öffnete das Seitenfenster ein wenig weiter, um noch mehr Luft ins Zimmer hereinzulassen, und zog die Vorhänge zurück. Wenn man Fenster hatte, durch die man sehen konnte, so hatte sie entschieden, waren Vorhänge durchaus angemessen. Irgendwo hatte Richard ihr Stoff besorgt. Als sie fertig war, lobte er ihr Werk in den höchsten Tönen. Nicci musste feststellen, dass sie wie alle anderen strahlte, wenn Richard ihr sagte, sie habe gute Arbeit geleistet.
Sie hatte Richard an den schlimmsten Ort in der Alten Welt gebracht, in das heruntergekommenste Haus, das sie hatte finden können, und am Ende hatte er irgendwie alles schöner gemacht – genau wie sie es immer wieder als seine Pflicht bezeichnet hatte.
Aber dass die Dinge sich so entwickelten, hatte sie niemals gewollt.
Sie wusste mittlerweile nicht mehr, was sie gewollt hatte. Sie wusste nur, dass sie für die Augenblicke lebte, in denen Richard bei ihr war. Obwohl sie sich darüber im Klaren war, dass er sie hasste und nichts lieber tun würde, als sie zu verlassen und zu seiner Kahlan zurückzukehren, konnte Nicci nichts dagegen tun, dass ihr Herz jedesmal bis zum Hals hinauf schlug, sobald er nach Hause kam. Über ihre Verbindung zu Kahlan glaubte sie gelegentlich die Sehnsucht dieser Frau nach ihm zu spüren. Sie konnte Kahlans Sehnsucht mit jedem Zoll ihres Körpers nachvollziehen.