Während sie wartete, wurde es im Zimmer dunkler. Das Leben begann erst, wenn Richard nach Hause kam. Schließlich wurde das Tageslicht immer schwächer, und der Schein der Lampe trat an seine Stelle. Sie besaßen jetzt eine richtige Lampe, und nicht mehr nur einen durch einen hölzernen Knopf gezogenen, auf Leinsamenöl schwimmenden Docht.
Die Tür ging auf. Richard setzte einen Fuß ins Zimmer und sagte noch etwas zu Kamil, als der junge Mann sich bereits verabschiedete, um zu seiner Familie nach oben zu gehen. Es war schon spät. Schließlich kam Richard, noch immer lächelnd, ganz herein und schloss die Tür. Wie immer erlosch sein Lächeln.
Er zeigte ihr einen groben Leinensack. »Ich konnte zufällig ein paar Zwiebeln, Möhren und etwas Schweinefleisch auftreiben. Vielleicht hast du Lust, uns einen Eintopf zu kochen.«
Mit matter Hand deutete Nicci auf die Hirse, für die sie den ganzen Nachmittag angestanden hatte; sie war voller Motten und verschimmelt.
»Ich habe Hirse eingekauft. Ich dachte, ich mache uns daraus eine Suppe.«
Richard zuckte mit den Achseln. »Wenn dir das lieber ist. Deine Hirsesuppe hat uns über reichlich magere Zeiten hinweggeholfen.«
Nicci verspürte jenes kurze Aufflackern von Stolz, wie immer, wenn er zugab, dass sie etwas Nützliches getan hatte.
Sie schloss die Fenster, denn draußen war es inzwischen dunkel. Mit dem Rücken zum Fenster stehend, zog sie die Vorhänge zu, ohne ihn aus den Augen zu lassen.
Richard stand mitten im Zimmer und betrachtete sie, ein verwundertes Stirnrunzeln im Gesicht. Nicci ging zu ihm, sich der entblößten Haut ihres Busens bewusst, der sich im Ausschnitt ihres schwarzen Kleides hob und senkte. Eben noch hatte Gadi ihren Busen angestarrt, jetzt wollte sie, dass Richard sie ebenso ansah, doch Richard schaute ihr nur in die Augen.
Ihre Finger schlossen sich um seine muskulösen Arme.
»Liebe mich«, hauchte sie.
Seine Stirn legte sich in Falten. »Was?«
»Ich will, dass du mich liebst, Richard. Jetzt, auf der Stelle.«
Eine Ewigkeit lang betrachtete er abschätzend ihre Augen. Ihr Herz schlug ihr bis in die Ohren, mit jeder Faser ihres Seins sehnte sie sich danach, dass er sie nahm. Schwankend stand sie da und wartete, ihr ganzes Leben angesichts der köstlich quälenden Erwartung in der Schwebe.
Dann war seine Stimme zu vernehmen, und sie klang alles andere als schroff. Vielmehr klang sie zärtlich, dabei aber fest und entschlossen. »Nein.«
Es war, als ob ihr ein Kribbeln wie von tausend eiskalten Nadeln die Arme hinaufkroch. Seine Weigerung war ein Schock. Noch nie war sie von einem Mann zurückgewiesen worden!
Es tat ihr in der Seele weh – es war schlimmer als alles, was Jagang oder irgendein anderer Mann ihr jemals angetan hatte. Sie hatte fest geglaubt…
Das Blut schoss ihr ins Gesicht und ließ das Eis in einem Hitzeblitz zerschmelzen. Nicci riss die Tür auf. »Geh nach draußen auf den Flur und warte da«, befahl sie mit bebender Stimme.
Er stand mitten in ihrem Zimmer und sah ihr in die Augen, die Lampe auf dem Tisch warf harte Schatten über sein Gesicht. Seine Schultern wirkten so breit und verjüngten sich zu den Hüften hin, Hüften, die zu umschlingen sie sich sehnte. Am liebsten hätte sie aus vollem Hals geschrien. Stattdessen sprach sie mit sanfter Stimme, allerdings mit einer Autorität, die er nicht missverstehen konnte.
»Du wirst jetzt nach draußen in den Flur gehen und dort warten, sonst…«
Nicci schnippte mit den Fingern.
Der Blick in ihren Augen sagte ihm, dass sie nicht bluffte. Kahlans Leben hing an einem seidenen Faden, und wenn er nicht tat, was sie von ihm verlangte, würde sie nicht zögern, diesen Faden zu durchtrennen.
Ohne seine grauen Augen auch nur einen Moment von ihr abzuwenden, trat Richard hinaus auf den Flur. Sie bohrte ihm einen Finger in die Brust und drängte ihn zurück, bis er mit dem Rücken an der Wand neben der Tür stand.
»Du wirst jetzt hier an dieser Stelle warten, bis ich dir sage, dass du dich entfernen darfst.« Sie biss die Zähne aufeinander. »Wenn nicht, stirbt Kahlan. Hast du verstanden?«
»Erniedrige dich nicht so, Nicci. Denk daran, was du…«
»Sonst stirbt Kahlan. Hast du das verstanden?«
Er atmete hörbar aus. »Ja.«
Entschlossen ging Nicci zum Treppenschacht. Gadi stand auf halber Treppe, die dunklen Augen wachsam. Hochmütig stieg er herunter zu ihr, bis er am Fuß der Treppe neben ihr stand. Er hatte zweifellos einen prachtvollen Körper, so wie er sich ganz ohne Hemd zur Schau stellte. Er stand so dicht bei ihr, dass sie seine Wärme spüren konnte.
Nicci sah ihm in die Augen. Er war genauso groß wie sie.
»Ich will, dass du mit mir ins Bett gehst.«
»Was?«
»Mein Mann ist nicht im Stande, meine Bedürfnisse angemessen zu befriedigen. Ich möchte, dass du das übernimmst.«
Ein Feixen ging über sein Gesicht, als sein Blick zu Richard hinüberglitt. Dann starrte er wieder auf ihren Busen, dessen Besitz so greifbar nahe war.
Gadi war jung, dreist und dumm genug, sich für unwiderstehlich zu halten, zu glauben, sein kindisch gockelhaftes Gehabe hätte all ihre Zurückhaltung soweit fortgewischt, dass nur noch ihre Lust auf das, was er zu bieten hatte, zählte.
Er zog sie mit einem Arm an sich. Mit seiner anderen Hand strich er ihr das Haar aus dem Gesicht und küsste mit schmalen Lippen ihren Nacken. Als seine Zähne über ihre Haut kratzten, ermutigte sie ihn mit leisem Stöhnen, grob zu sein. Zärtlichkeit war das Letzte, was sie wollte; das wäre keine Strafe gewesen. Zärtlichkeit vermochte Richards Seele nicht in quälendem Kummer zu zerreißen und würde ihn nicht genug verletzen.
Gadi knetete ihr Hinterteil und zog sie hart gegen seine Lenden, rieb sich lüstern an ihr. Ihm ins Ohr keuchend ermunterte sie ihn, sich seiner Herrschaft über ihren Körper sicher zu fühlen.
»Sag mir, warum.«
»Ich bin seine Sanftmütigkeit leid, seine Zärtlichkeit, seine fürsorgliche Art. Eine richtige Frau braucht etwas anderes. Ich will, dass er erfährt, zu was ein richtiger Mann im Stande ist – ich will, was er mir nicht geben kann.«
Fast hätte sie vor Schmerzen aufgeschrien, als er ihr die Brustwarzen verdrehte.
»Tatsächlich?«
»Ja. Ich will das, was ein richtiger Kerl wie du einer Frau geben kann.«
Mit seinen derben Händen knetete er ihre Brüste. Abermals spielte sie ihm ein lustvolles Stöhnen vor. Er grinste.
»Soll mir ein Vergnügen sein.«
Sein Feixen verursachte ihr Übelkeit. »Nein, mir«, hauchte sie in gespielter Unterwerfung.
Er blickte noch einmal hasserfüllt zu Richard hinüber, dann beugte er sich vor und schob ihr seine Hand unter das Vorderteil ihres Kleides, um festzustellen, ob es ihr tatsächlich ernst war, ob sie sich ihm tatsächlich hingeben würde. Seine Hand glitt, Hingabe fordernd, an der Innenseite ihres Oberschenkels hoch. Gehorsam machte sie die Beine für ihn breit.
Nicci klammerte sich an seine Schultern, während er sie befingerte. Seine Oberlippe verzog sich zu einem hochmütig arroganten Grinsen. Seine Finger kannten kein Erbarmen. Tränen traten ihr in die Augen, und zitternd biss sie sich auf die Innenseite ihrer Wange, um einen Schrei zu unterdrücken. Qual mit Sinneslust verwechselnd, geriet er über ihr Wimmern immer mehr in Wallung.
Jagang und sein Kumpan Kadar Kardeef, nur um ein paar wenige zu nennen, hatten sie gegen ihren Willen genommen, doch bei keinem hatte sie sich nur annähernd so misshandelt gefühlt wie in diesem Augenblick, da sie im Flur stand und diesen feixenden, lächerlichen Rohling mit ihr tun ließ, was immer ihm beliebte.
Sie schob ihre Hand zwischen ihre Körper und packte ihn.
»Hast du etwa Angst vor Richard, Gadi? Oder bist du Manns genug, mich zu nehmen, während er draußen vor dem Zimmer steht und zuhört, und dabei ganz genau weiß, dass du ihm überlegen bist?«
»Angst? Vor dem da?« Seine Stimme war ein heiseres Knurren. »Sag mir einfach, wann.«