Augen beobachteten sie aus diesem dunklen Schlund.
»So trete sssie doch ein«, zischelte die Stimme.
Sich in das Unabänderliche fügend, verließ Ann seufzend den Pfad und trat ein in einen Ort, den sie niemals aus ihrer Erinnerung hatte streichen können, sosehr sie es auch versucht hatte.
Kahlans Haar peitschte nach vorn und klatschte ihr ins Gesicht. Es mit einer Hand vor ihrer gepanzerten Schulter raffend, bahnte sie sich einen Weg durch das hektische Feldlager. An der Ostseite des Tales stießen die Unwetter heftig mit den Bergen zusammen, schleuderten Blitz und Donner und bescherten ihnen immer wieder aufs Neue einsetzende Regengüsse. Vereinzelte Böen beugten die Bäume, deren Blätter schimmerten, so als zitterten sie aus Angst vor diesen wütenden Naturgewalten.
Gewöhnlich ging es im Lager vergleichsweise ruhig zu, damit man dem Feind nicht ungewollt irgendwelche Informationen lieferte. Verglichen damit herrschte jetzt, da das Lager abgebrochen wurde, ein geradezu Nerven aufreibender Lärm. Der Krach allein genügte, ihren Puls zu beschleunigen. Wenn das nur alles wäre.
Während Kahlan durch das Chaos eilte, das dem ungeübten Auge wie eine Massenpanik erscheinen musste, stieß Cara in ihrer roten Lederkleidung Soldaten beiseite, um der Mutter Konfessor einen deutlich erkennbaren Pfad zu bahnen. Kahlan war klug genug, die Mord-Sith nicht davon abhalten zu wollen. Die meisten Soldaten gingen ihr auch ohne Caras Zutun aus dem Weg, wenn sie die Mutter Konfessor in ihrer Lederrüstung mit dem d’Haranischen Schwert an ihrer Seite und dem Heft des Schwertes der Wahrheit, das hinter ihrer Schulter hervorlugte, erblickten.
Ganz in der Nähe bäumten sich Pferde auf, die vor einen Wagen gespannt werden sollten. Unter wüstem Gerufe und Gefluche versuchten Soldaten, das Gespann unter Kontrolle zu bekommen, doch die Tiere protestierten mit heftigem Gebrüll. Andere Soldaten rannten, über Lagerfeuer und Gerät hinwegsetzend, quer durchs Lager, um Nachrichten zu überbringen. Männer sprangen aus dem Weg, als Wagen, Schlamm und Wasser spritzend, vorüberrasten. Eine lange, fünf Mann starke Kolonne aus Lanzenträgern marschierte bereits aus dem Lager und verschwand in der Unheil verkündenden Düsterkeit. Die Bogenschützen, die ihnen Schützenhilfe leisten sollten, waren hektisch bemüht, mit ihnen Schritt zu halten.
Der Pfad hinauf zur Hütte war mit Steinen ausgelegt, sodass niemand, der sich dorthin begab, durch Schlamm waten musste, der Spießrutenlauf durch die Mückenplage jedoch blieb niemandem erspart. Sie waren gerade bei der Tür angelangt, als sie ein peitschender Regenguss überraschte. Zedd war dort, zusammen mit Adie, General Meiffert und verschiedenen seiner Offiziere, sowie Verna und Warren. Alle hatten sich zwanglos um den in die Mitte des Raumes geschobenen Tisch versammelt; ein halbes Dutzend Karten lag kunterbunt übereinander auf dem Tisch.
Die Stimmung im Raum war angespannt.
»Wie lange ist das her?«, erkundigte sich Kahlan, auf jede Begrüßung verzichtend.
»Vielleicht ein paar Minuten«, antwortete General Meiffert. »Sie lassen sich mit dem Abbruch des Lagers Zeit. Sie ordnen sich nicht etwa für einen Angriff, sondern formieren sich für einen Abzug.«
Kahlan rieb sich mit den Fingerspitzen über die Stirn. »Liegen irgendwelche Informationen vor, was ihre Marschrichtung anbelangt?«
Der General veränderte seine Körperhaltung und verriet dadurch seine Verzweiflung. »Die Kundschafter behaupten, alles deute darauf hin, dass sie Richtung Süden marschieren werden, aber etwas Genaueres wissen wir zurzeit noch nicht.«
»Dann haben sie also nicht vor, uns hinterher zumarschieren?«
»Sie können ihre Marschrichtung natürlich jederzeit ändern oder eine Armee herschicken, im Augenblick aber deutet alles darauf hin, dass sie nicht die Absicht haben, uns bis hierher zu verfolgen.«
»Jagang hat es nicht nötig, uns nachzulaufen«, warf Warren ein. Kahlan fand, dass er ein wenig blass aussah, was kaum verwundern konnte; vermutlich wirkten sie alle ein wenig blass. »Jagang muss wissen, dass wir ihn angreifen werden. Er wird sich nicht die Mühe machen, uns bis hierher entgegenzukommen.«
Seiner Logik vermochte Kahlan nicht zu widersprechen. »Wenn er Richtung Norden marschiert, muss er wissen, dass wir hier nicht still sitzen bleiben und ihm zum Abschied nachwinken werden.«
Der Kaiser hatte seine Taktik geändert – wieder einmal. Noch nie war Kahlan einem Befehlshaber seines Schlages begegnet. Die meisten Militärs hatten ihre bevorzugten Methoden; hatten sie einmal auf eine bestimmte Weise eine Schlacht gewonnen, nahmen sie – in der festen Überzeugung, was einmal geklappt hatte, müsse wieder funktionieren – gewöhnlich ein Dutzend Niederlagen nach derselben Taktik in Kauf. Manchen waren auf Grund ihres Denkvermögens Grenzen gesetzt; diese waren leicht auszurechnen. Für gewöhnlich unternahmen sie einen stümperhaften Feldzug und gaben sich damit zufrieden, ihre Männer in den großen Fleischwolf zu schicken, in der Hoffnung, ihn durch schiere Masse zu verstopfen. Andere Heerführer waren gerissen und entwickelten ihre Taktik aus dem Stegreif; diese wiederum überschätzten sich oft selbst und endeten an der Spitze einer schlichten Lanze. Wieder andere hielten sich sklavisch an die Taktiken aus dem Kriegshandbuch; für sie war der Krieg eine Art Spiel, in der jede Seite der jeweils anderen verpflichtet war, sich an die Regeln zu halten.
Jagang war anders. Er hatte gelernt, den Feind auszurechnen. Er besaß keine bevorzugte Methode. Nachdem Kahlan ihm mit schnell vorgetragenen, begrenzten Überfällen mitten in sein Feldlager zugesetzt hatte, hatte er sich eben diese Taktik zu eigen gemacht und, statt sich auf seine überwältigende Übermacht zu verlassen, die d’Haranische Armee mit derselben Art von überfallartigen Attacken angegriffen – mit durchschlagendem Erfolg. Manche Männer ließen sich durch eine Schmach zu törichten Fehlern verleiten; Jagang dagegen machte denselben Fehler nie zweimal. Er hatte seinen Stolz im Griff, wechselte abermals die Taktik und tat Kahlan nicht den Gefallen, sich zu unsinnigen Gegenangriffen hinreißen zu lassen.
Trotzdem war es den D’Haranern gelungen, Breschen in seine Reihen zu schlagen und Truppen der Imperialen Ordnung in nicht vorhersehbarer Zahl auszuschalten. Ihre eigenen Verluste, obschon schmerzlich, waren, verglichen mit den erreichten Zielen, bemerkenswert gering.
Allerdings waren sehr viel mehr Feinde dem Winter zum Opfer gefallen als allen Einfallen Kahlans oder ihrer Männer. Da die Imperiale Ordnung weit unten aus dem Süden stammte, war sie mit dem Winter in der neuen Welt nicht vertraut und ungenügend auf ihn vorbereitet. Weit mehr als eine halbe Million Soldaten waren erfroren, mehrere hunderttausend waren Fieberanfällen und anderen durch das harte Leben an der Front hervorgerufenen Krankheiten erlegen.
Allein der Winter hatte Jagang nahezu eine Dreiviertel Million Mann gekostet. Es überstieg fast jedes Vorstellungsvermögen.
Kahlan befehligte in den südlichen Gebieten der Midlands derzeit ungefähr dreihunderttausend Mann. Unter normalen Umständen hätte eine solche Streitmacht jeden Feind vernichtend schlagen können.
Die Männer, die in Massen aus der Alten Welt heraufströmten, hatten die feindlichen Verluste jedoch um ein Vielfaches wettgemacht. Jagangs Armee bestand jetzt aus weit mehr als zweieinhalb Millionen Soldaten und wurde mit jedem Tag größer.
Jagang hatte sich damit begnügt, sich den Winter über nicht von der Stelle zu rühren. Kämpfen war unter solchen Bedingungen meist unmöglich. Klugerweise hatte er das Ende der ungünstigen Witterungsverhältnisse abgewartet, und als der Frühling kam, hielt er noch immer seine Stellung. Offenbar war er klug genug zu wissen, dass Krieg im Frühling ein tödliches Unterfangen war, denn in der morastigen Jahreszeit schwollen kleine Bäche zu unpassierbaren Fluten an. Man konnte seine Vorratskarren verlieren, wenn sie eine Kolonne bildeten, und der Verlust von Vorratskarren hatte einen langsamen Tod durch Verhungern zur Folge. Kavallerie war im Morast nahezu nutzlos, Stürze während eines Kavallerieangriffs kosteten wertvolle Reittiere, von den Männern ganz zu schweigen. Natürlich konnte die Infanterie einen Angriff durchführen, doch ohne die Unterstützung der nicht kämpfenden Einheiten drohte ein solcher Angriff in ein Blutbad ohne echten Nutzen auszuarten.