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Jagang hatte den Morast des Frühlings ausgesessen. Seine Günstlinge hatten die Zeit genutzt und derweil die Kunde von ›Jagang, dem Gerechten‹ verbreitet. Kahlan geriet außer sich, als Wochen später Berichte von so genannten ›Gesandten des Friedens‹ sie erreichten, die in verschiedenen Städten überall in den Midlands aufgetaucht waren und Reden darüber gehalten hatten, sie wollten die Welt zum Wohle der gesamten Menschheit vereinen. Sie versprachen Frieden und Wohlstand, wenn man sie in den Städten willkommen hieß.

Jetzt, da der Sommer sie endlich eingeholt hatte, ließ Jagang seinen Feldzug erneut anlaufen. Offenbar beabsichtigte er jetzt, seine Truppen in jene Städte einmarschieren zu lassen, die seine Gesandten bereits aufgesucht hatten.

Die Tür flog auf, und es war nicht der Wind, sondern Rikka. Die Mord-Sith sah aus, als hätte sie seit Tagen nicht geschlafen. Rikka trat Kahlan gegenüber an den Tisch und warf zwei Strafer auf die dort liegende Karte.

Kahlan schloss für einen Moment die Augen, dann blickte sie hoch in Rikkas wütende blaue Augen. »Was ist passiert?«

»Ich weiß es nicht, Mutter Konfessor. Ich fand ihre Köpfe auf Lanzen aufgespießt. Die Strafer waren an den Lanzen festgebunden.«

Kahlan hielt ihren Zorn im Zaum. »Seid Ihr jetzt zufrieden, Rikka?«

»Galina und Solvig sind einen Tod gestorben, wie ihn Mord-Sith sich wünschen.«

»Galina und Solvig sind für nichts gestorben, Rikka. Nach den ersten vier wussten wir, dass es nicht funktionieren würde. Solange der Traumwandler in ihrem Verstand weilt, sind die mit der Gabe für Mord-Sith nicht so verwundbar, wie dies sonst der Fall wäre.«

»Es hätte auch etwas anderes sein können. Wenn wir ihre mit der Gabe Gesegneten dort aufgreifen, wo die Mord-Sith an sie herankommen, gelingt es uns vielleicht, sie auszuschalten. Das Risiko lohnt sich. Die mit der Gabe können mit einer einzigen Handbewegung tausende von Soldaten niederstrecken.«

»Ich habe Verständnis für Euren Wunsch, Rikka, aber der Wunsch allein macht es nicht möglich. Wir haben bereits sechs tote Mord-Sith zu beklagen, was uns zeigt, wie die Wirklichkeit aussieht. Wir werden nicht auch noch das Leben von weiteren fortwerfen, nur weil wir die Realität nicht wahrhaben wollen.«

»Ich bin trotzdem der Meinung…«

»Wir haben wichtige Entscheidungen zu treffen; für so etwas habe ich jetzt keine Zeit.« Kahlan stemmte ihre Fäuste auf den Tisch und beugte sich hinüber zu der Frau. »Ich bin die Mutter Konfessor und die Gemahlin des Lord Rahl. Entweder Ihr tut, was ich sage, oder Ihr verlasst die Truppe. Habt Ihr verstanden?«

Rikkas blaue Augen wechselten zu Cara. Schließlich sah Rikka Kahlan wieder an und seufzte schwer.

»Ich möchte bei unseren Streitkräften bleiben und weiter meine Pflicht erfüllen.«

»Ausgezeichnet. Und jetzt besorgt Euch etwas zu essen, solange Ihr noch Gelegenheit dazu habt. Ihr müsst bei Kräften bleiben.«

Für eine Mord-Sith kam Rikkas knappes Nicken einem förmlichen Salut so nahe, wie dies möglich schien. Als sie gegangen war, machte Kahlan der Moskitoplage mit ein paar gezielten Schlägen ein Ende und richtete ihr Augenmerk wieder auf die Karte.

»Also«, begann sie, die beiden Strafer von der Karte nehmend, »wer hat irgendwelche Vorschläge?«

»Ich würde sagen, wir müssen sie weiter am äußeren Rand attackieren«, meinte Zedd. »Einer direkten Auseinandersetzung mit ihnen können wir uns ganz offensichtlich nicht stellen. Wir haben keine andere Wahl, als sie auf dieselbe Weise zu bekämpfen wie bisher.«

»Derselben Ansicht bin ich auch«, meinte Verna.

Sich das Kinn reibend, blickte General Meiffert angestrengt auf die Karte, die ausgebreitet vor ihnen auf dem Tisch lag. »Wir werden uns über ihre Größe Gedanken machen müssen.«

»Nun, natürlich müssen wir uns über die Größe der Armee der Imperialen Ordnung Gedanken machen«, erwiderte Kahlan. »Sie ist groß genug, um sich aufteilen zu können und immer noch zu gewaltig zu sein, als dass man sich ihr entgegenstellen könnte. Davon spreche ich ja gerade – was tun wir, wenn er sie teilt? Ich an seiner Stelle würde es tun. Er weiß genau, dass er uns damit das Leben erschweren würde.«

Ein dringliches Klopfen an der Tür. Mit einem flüchtigen Faustschlag auf sein Herz salutierend, trat Captain Zimmer ein und schleppte, völlig außer Atem, beim Hereinkommen einen warmen, nach Pferd riechenden Luftschwall mit herein.

»Er teilt seine Truppen«, verkündete Captain Zimmer, so als hätten ihre Befürchtungen diese Entwicklung erst möglich gemacht.

Die meisten im Raum Anwesenden nahmen die Nachricht mit einem unglücklichen Seufzen auf.

»Kennen wir schon ihre Marschrichtung?«, erkundigte sich Kahlan.

Captain Zimmer nickte. »Allem Anschein nach lässt er etwa ein Drittel, vielleicht auch ein paar mehr, das Tal des Callisidrin hinauf nach Galea marschieren. Die Hauptstreitmacht hält nach Nordosten zu, wahrscheinlich, um das Tal des Kern zu erreichen und dann weiter nach Norden zu marschieren.«

Alle kannten sein mögliches späteres Ziel.

Zedd ballte eine Hand zur Faust. »Es macht keinen Spaß, Recht zu behalten, aber genau davon sprachen Kahlan und ich gerade. Genau das war unsere Vermutung.«

Captain Meiffert studierte, sich noch immer das Kinn reibend, die Karte. »Es ist ein offensichtlicher Schachzug, aber bei der Größe seiner Streitmacht ist das Offensichtliche keineswegs zwingend.«

Da offenbar niemand auf den Punkt zu sprechen kommen wollte, entschied Kahlan die Angelegenheit. »Galea steht völlig allein. Wir werden keine Truppen dorthin entsenden, um ihnen zu helfen.«

Schließlich deutete Captain Zimmer mit einer fuchtelnden Bewegung auf die Karte. »Wir müssen unsere Truppen vor ihre Hauptstreitmacht verlegen, wenn wir sie aufhalten wollen. Bleiben wir ihnen stattdessen auf den Fersen, können wir bestenfalls das Chaos aufräumen, das sie hinterlassen.«

»Da muss ich zustimmen.« Der General verlagerte das Gewicht auf seinen anderen Fuß. »Uns bleibt nichts weiter übrig, als zu versuchen, sie aufzuhalten. Wir werden immer wieder zurückweichen müssen, aber zumindest können wir ihren Vormarsch ein wenig verzögern. Tun wir das nicht, werden sie mit der Geschwindigkeit und Wucht einer Springflut bis ins Zentrum der Midlands vordringen.«

Zedd beobachtete den jungen Zauberer, der ein wenig abseits für sich am Fenster stand. »Wie denkst du darüber, Warren?«

Als er seinen Namen hörte, sah Warren auf, als hätte er überhaupt nicht zugehört; irgendetwas stimmte mit ihm nicht.

Er holte Luft und drückte den Rücken durch, während sich seine Miene aufhellte, sodass Kahlan schon glaubte, sie hätte sich getäuscht. Die Hände hinter dem Rücken verschränkt, trat er mit großen Schritten an den Tisch.

Er blickte über Vernas Schulter auf die Karte. »Vergesst Galea der Fall ist verloren. Wir können den Menschen dort nicht helfen. Sie werden die Strafe verbüßen müssen, die ihnen die Mutter Konfessor auferlegt hat – nicht etwa, weil sie die Worte ausgesprochen hat, sondern weil ihre Worte schlicht die Wahrheit waren. Alle Truppen, die wir zur Hilfe dorthin entsenden würden, wären verloren.«

Zedd bedachte seinen Zaubererkollegen mit einem versteckten Seitenblick. »Und weiter?«

Endlich trat Warren näher an den Tisch heran und zwängte sich zwischen Verna und den General. Mit Nachdruck legte er einen Finger hoch oben im Norden auf die Karte – von ihrem gegenwärtigen Feldlager aus fast drei Viertel der Strecke bis nach Aydindril.

»Dorthin müsst Ihr marschieren.«