General Meiffert runzelte die Stirn. »So weit nach Norden? Warum?«
»Weil Ihr«, erklärte Warren, »Jagangs Armee nicht aufhalten könnt – nicht seine Hauptstreitmacht. Bestenfalls könnt Ihr darauf hoffen, sie auf ihrem Marsch nach Norden im Tal des Kern zu bremsen. An der Stelle müsst Ihr ihnen Widerstand leisten, wenn Ihr sie bis zum nächsten Winter aufhalten wollt. Haben sie Euch erst einmal überrannt, stehen sie vor den Toren Aydindrils.«
»Uns überrannt?«, fragte General Meiffert missgelaunt.
Warren hob den Kopf und sah ihn an. »Glaubt Ihr etwa, Ihr wärt in der Lage, ihnen Einhalt zu gebieten? Ich wäre nicht überrascht, wenn sie bis dahin dreieinhalb bis vier Millionen Mann zählen würden.«
Der General schnaufte übellaunig. »Wieso glaubt Ihr dann, dass wir uns an dieser Stelle einfinden sollen – mitten auf ihrer Marschroute?«
»Aufhalten könnt Ihr sie nicht, aber wenn Ihr ihnen auf ihrem Marsch nach Norden schwer genug zusetzt, könnt Ihr vielleicht verhindern, dass sie Aydindril noch in diesem Jahr erreichen. Mit einer gehörigen Portion verbissenen Widerstandes könnt Ihr ihren Vormarsch bis zum Wintereinbruch zum Stillstand bringen und damit Aydindril einen weiteren Winter in Freiheit erkaufen.«
Warren hob den Kopf und sah Kahlan in die Augen. »Im Sommer darauf, von jetzt an gerechnet also in einem Jahr, wird Aydindril fallen. Bereitet Euch darauf in jeder Euch möglichen Weise vor, aber macht Euch keine Illusionen: Die Stadt wird an die Imperiale Ordnung fallen.«
Kahlan gefror das Blut in den Adern. Es war erschütternd, diese Worte aus seinem Mund zu hören. Am liebsten hätte sie ihn geohrfeigt.
Die Vorstellung, die Imperiale Ordnung könnte ihren Angriff bis ins Herz der Midlands tragen, war entsetzlich; dass die Imperiale Ordnung den Mittelpunkt der Neuen Welt erobern könnte, war absolut nicht hinnehmbar. Kahlan wurde schlecht, als sie sich vorstellte, wie Jagang und seine blutrünstige Mörderbande durch die Korridore des Palastes der Konfessoren schlenderten.
Warren beugte sich um den General herum und sah Zedd an. »Die Burg der Zauberer muss unbedingt gesichert werden – das weißt du besser als ich. Wenn die mit der Gabe in ihren Reihen die Burg und die dort aufbewahrten gefährlichen Gegenstände der Magie in ihre Gewalt bringen, bedeutet dies das Ende aller Hoffnungen. Ich glaube, der Zeitpunkt ist gekommen, dass wir diesem Gedanken oberste Dringlichkeit einräumen müssen. Die Burg zu halten ist von entscheidender Bedeutung.«
Zedd strich sich sein widerspenstiges weißes Haar aus dem Gesicht. »Falls nötig, könnte ich die Burg ganz allein halten.«
Warren wich Zedds haselbraunen Augen aus. »Das wirst du vielleicht auch müssen«, sagte er leise. »Sobald wir diesen Ort erreicht haben« – er tippte abermals auf die Karte –, »kannst du nichts mehr für die Armee tun, Zedd, und musst dich um die Sicherung der Burg der Zauberer und der dort aufbewahrten magischen Gegenstände kümmern.«
Kahlan spürte, wie ihr das Blut heiß ins Gesicht schoss. »Du redest darüber, als sei das alles längst besiegelt – als sei dies alles vom Schicksal entschieden und wir hätten keinerlei Einfluss mehr darauf. Mit einer derart defätistischen Einstellung können wir unmöglich siegen.«
Warren lächelte, plötzlich trat seine Schüchternheit wieder zutage. »Es tut mir Leid, Mutter Konfessor, es war nicht meine Absicht, diesen Eindruck bei Euch zu erwecken. Ich trage lediglich meine Analyse der bekannten Tatsachen vor. Es wird uns nicht möglich sein, ihnen Einhalt zu gebieten – es hat keinen Sinn, uns diesbezüglich irgendwelchen Selbsttäuschungen hinzugeben. Ihre Zahl wächst mit jedem Tag. Zumal wir in Betracht ziehen müssen, dass Länder wie Anderith und Galea die Imperiale Ordnung fürchten und sich ihr eher anschließen werden, als das brutale Schicksal derer zu erleiden, die ihr eine Kapitulation verweigern.
Ich habe in der Alten Welt gelebt, als sie Stück für Stück an die Imperiale Ordnung fiel. Ich habe Jagangs Methoden genau studiert und weiß, wie geduldig dieser Mann sein kann. Er hat die gesamte Alte Welt zu einem Zeitpunkt erobert, als ein solches Kunststück völlig unvorstellbar schien. Viele Jahre lang ließ er Straßen errichten, nur um seine Pläne ausführen zu können. Wenn er sich einmal etwas vorgenommen hat, lässt er nie wieder davon ab. Manchmal lässt er sich durch eine Provokation oder Demütigung zu übereilten Handlungen verleiten, aber er kommt stets schnell wieder zur Besinnung. Und zwar deswegen, weil er ein Ziel hat, das ihm wichtiger ist als seine eigene Person.
Über einen entscheidenden Punkt müsst Ihr Euch, was Jagang betrifft, im Klaren sein; es ist das Wichtigste, das ich Euch über diesen Mann erzählen kann: Er ist von ganzem Herzen überzeugt, das Richtige zu tun. Er sonnt sich im Ruhm des Sieges und der Eroberung, ganz ohne Frage, aber seine inbrünstigste Freude ist es, derjenige zu sein, der den Menschen, die in seinen Augen Heiden sind, das zu bringen, was er für Gerechtigkeit hält. Seiner Ansicht nach können sich die Menschen nur dann ethisch weiterentwickeln, wenn man sie samt und sonders der moralischen Autorität der Imperialen Ordnung unterstellt.«
»Das ist doch Unsinn«, protestierte Kahlan.
»So denkt Ihr vielleicht, er dagegen ist ehrlich davon überzeugt, dem höheren Wohl der Menschheit zu dienen. Das ist sein frommer Glaube. Für ihn und seinesgleichen ist das eine heilige, naturgegebene Wahrheit.«
»Er glaubt allen Ernstes, dass Mord, Vergewaltigung und Sklaverei etwas mit Gerechtigkeit zu tun haben?«, fragte General Meiffert. »Dann muss er den Verstand verloren haben.«
»Er ist unter den Priestern der Bruderschaft des Ordens aufgewachsen.« Warren hob einen Finger, um sicher zu gehen, dass alle verstanden, was er sagen wollte. »Er ist der festen Überzeugung, dass all diese Dinge, und sogar noch mehr, völlig gerechtfertigt sind. Er ist überzeugt, dass nur die nächste Welt zählt, weil wir dort im ewigen Licht des Schöpfers stehen werden. Es ist der Glaube des Ordens, dass man sich diesen Lohn in der nächsten Welt verdient, indem man seinen Mitmenschen in dieser Welt Opfer bringt. Alle, die sich dieser Erkenntnis verweigern – also wir –, müssen entweder gezwungen werden, sich den Methoden des Ordens zu unterwerfen, oder eben sterben.«
»Dann betrachtet er es also als seine heilige Pflicht«, sagte General Meiffert, »uns zu vernichten. Er ist nicht in erster Linie auf Kriegsbeute aus, sondern will seine abwegige Vision von der Errettung der Menschheit verwirklichen.«
»So ist es.«
»Also schön«, seufzte Kahlan. »Was wird dieser heilige Mann der Gerechtigkeit deiner Meinung nach also tun?«
»Ich denke, im Wesentlichen hat er zwei Möglichkeiten. Wenn er die Neue Welt erobern und die gesamte Menschheit unter der Herrschaft des Ordens vereinen will, muss er unbedingt zwei entscheidende Orte einnehmen: Aydindril, weil es der Sitz der Macht in den Midlands ist, und den Palast des Volkes in D’Hara, weil das d’Haranische Volk von dort aus regiert wird. Fallen diese beiden Orte, bricht alles andere in sich zusammen. Beide Möglichkeiten standen ihm offen; jetzt hat Kaiser Jagang seine Entscheidung getroffen, was als erstes fallen soll.
Die Imperiale Ordnung hat es auf Aydindril abgesehen, um die Midlands zu spalten. Warum sonst sollte sie nach Norden marschieren? Wie ließe sich ein Feind besser besiegen, als ihn in zwei Hälften aufzuspalten? Hat sie Aydindril erst eingenommen, wird sie ihr Schwert gegen das isolierte D’Hara erheben. Wie ließe sich ein Feind besser demoralisieren, als ihm zuerst sein Herz herauszureißen?
Ich will damit nicht behaupten, dies ist schicksalhaft vorherbestimmt, ich erkläre Euch nur, wie die Imperiale Ordnung ihr schauerliches Werk versieht. Zu denselben Schlüssen war auch Richard bereits gekommen. Wenn man davon ausgeht, dass wir realistischerweise nicht darauf hoffen können, ihnen Einhalt zu gebieten, halte ich es nur für klug, der Wirklichkeit ins Auge zu sehen, so wie sie ist, meint Ihr nicht auch?«
Kahlan ließ den Blick auf die Karte sinken. »Ich denke, in der finstersten Stunde dürfen wir nicht den Glauben an uns selbst verlieren. Ich habe nicht die Absicht, das D’Haranische Reich der Imperialen Ordnung kampflos abzutreten. Wir müssen ihnen so wirkungsvoll wie möglich zusetzen, bis wir den Spieß herumdrehen können.«