»Die Mutter Konfessor hat Recht«, beharrte Zedd mit leisem Nachdruck. »Der letzte große Krieg, in dem ich in meiner Jugendzeit kämpfte, schien eine Zeit lang gleichermaßen aussichtslos. Und doch haben wir gesiegt und die Eindringlinge wieder dorthin zurückgejagt, woher sie gekommen waren.«
Keiner der d’Haranischen Offiziere sprach ein Wort, denn damals waren diese Eindringlinge D’Haraner gewesen.
»Aber jetzt liegen die Dinge anders. Der Krieg damals war uns von einem böswilligen Herrscher aufgezwungen worden.« Zedd sah General Meiffert, Captain Zimmer und den anderen d’Haranischen Offizieren in die Augen. »In jedem Krieg gibt es auf beiden Seiten sowohl gute als auch schlechte Menschen.
Als der frisch ernannte Lord Rahl hat Richard diesen guten Menschen Gelegenheit gegeben sich zu bewähren.
Wir müssen uns in dieser Auseinandersetzung unbedingt durchsetzen. So schwer es zurzeit auch sein mag, das zu glauben, auch in der Alten Welt gibt es rechtschaffene Menschen, die weder unter die Stiefel der Imperialen Ordnung geraten noch einen Krieg um die Ziele des Ordens vom Zaun brechen wollen. Nichtsdestoweniger müssen wir ihnen Einhalt gebieten.«
»Und wie«, wandte Kahlan ein und zeigte dabei auf die vor Warren liegende Karte, »wird Jagang deiner Meinung nach diesen Krieg vom Zaun brechen wollen?«
Warren tippte abermals auf die Karte, auf die Gegend südlich von Aydindril. »Da ich Jagang und seine Methoden kenne, mit denen er seine Widersacher unterwirft, glaube ich, dass er im Großen und Ganzen an seinem Plan festhalten wird. Er hat ein Ziel, und das wird er auch weiterhin mit aller Verbissenheit verfolgen. Bislang haben wir ihm nichts entgegengesetzt, das er nicht sein ganzes Leben lang auch schon von anderen Gegnern kennt. In Anbetracht dieser Erfahrung wird er diesen Krieg, da bin ich ganz sicher, für wenig außergewöhnlich halten. Ich will unsere Leistung nicht schmälern – jeder Krieg hat seine Überraschungen, und wir haben ihm ein paar überaus unangenehme beschert. Aber ich möchte behaupten, dass er im Großen und Ganzen so verläuft wie von ihm erwartet.
Ausgehend von ihrem üblichen Marschtempo sowie der Tatsache, dass Ihr der Imperialen Ordnung zusetzt, wird sie den ganzen Sommer benötigen, um bis zu jener Stelle vorzurücken, die ich Euch gezeigt habe. Normalerweise marschiert Jagang stets langsam, wenn auch mit unaufhaltsamer Macht. Er wird einfach genügend Soldaten einmarschieren lassen, um jeden Widerstand zerschlagen zu können, denn er spürt, je länger er sich Zeit lässt, bis zu seinen Feinden vorzudringen, desto mehr Zeit haben sie, aus Angst vor ihm zu zittern. Wenn er dann schließlich kommt, hat die quälend lange Wartezeit seine Feinde bereits zermürbt.
Wenn Ihr Eure Truppen dort, wo ich es Euch gezeigt habe, aufmarschieren lasst, werdet Ihr Aydindril den nächsten Winter über schützen können, da Jagang gewillt sein wird, einen günstigen Zeitpunkt abzuwarten. Er hat lernen müssen, wie beschwerlich die Winter in der Neuen Welt sind, und wird nicht ohne Not auf einen Winterfeldzug drängen. Im Sommer aber, wenn sie sich wie jetzt wieder in Marsch setzen, wird Aydindril fallen – ob Ihr Euch nun der Wucht der Hauptstreitmacht entgegenstellt oder nicht. Wenn sie gegen Aydindril marschieren, müssen wir die Burg der Zauberer unbedingt halten. Mehr können wir nicht tun.«
Im Raum herrschte Schweigen. Das Feuer war längst ausgegangen. Warren und Verna hatten bereits gepackt und waren aufbruchbereit, wie auch der größte Teil der übrigen Armee. Warren und Verna waren im Begriff, ihr Zuhause zu verlieren. Kahlan warf einen Blick zur Seite und verweilte kurz auf den Vorhängen, die sie vor langer Zeit für sie genäht hatte. Die Hochzeit war kaum noch mehr als eine blasse Erinnerung.
Ihre eigene Hochzeit dagegen schien nicht mehr zu sein als ein unwirklicher Traum. Jedesmal, wenn sie aufwachte, kam ihr Richard vor wie ein Gespenst. Außer diesem den Verstand betäubenden, unerbittlichen und endlosen Krieg schien nichts zu existieren. Manchmal, ein paar flüchtige Augenblicke lang, glaubte sie, dass er am Ende nur ein Traum war, in Wirklichkeit gar nicht existiert haben konnte und dass ihr glückliches Zuhause in jenem Sommer vor so langer Zeit nichts als Einbildung war. Diese Augenblicke des Zweifelns machten ihr mehr Angst als Jagangs Armee.
»Warren«, fragte Kahlan mit leiser Stimme, »was geschieht danach? Was wird deiner Meinung nach im nächsten Sommer passieren, wenn sie Aydindril erobert haben?«
Warren zuckte mit den Achseln. »Ich weiß es nicht. Vielleicht begnügt sich Jagang damit, Aydindril eine Weile zu verdauen, um die Midlands ganz in seine Gewalt zu bringen. Er glaubt, es sei seine Pflicht dem Schöpfer gegenüber, die gesamte Menschheit unter der Imperialen Ordnung zu vereinen. Früher oder später wird er nach D’Hara weiterziehen.«
Schließlich richtete Kahlan ihre Aufmerksamkeit auf Captain Zimmer.
»Macht Eure Männer bereit, Captain. Während wir unsere Vorräte und alles andere auf den Weg bringen, könnt Ihr Jagang ebenso gut noch einmal daran erinnern, dass unsere Klingen nach wie vor gewetzt sind.«
Grinsend schlug der Captain sich mit der Faust aufs Herz.
Kahlan ließ ihren Blick über alle im Raum Anwesenden wandern.
»Ich bin fest entschlossen, die Imperiale Ordnung für jeden Zoll Land, den sie erobert, bluten zu lassen. Wenn das alles ist, was ich tun kann, dann werde ich genau dies tun, bis zu meinem allerletzten Atemzug.«
53
Die vollkommen regungslose Luft war drückend heiß und stank nach abgestandener Kloake. Richard wischte sich den Schweiß von der Stirn; wenigstens konnte er sich, solange sein robuster Wagen durch die Straßen rollte, eines bescheidenen Luftzugs erfreuen.
Aus seinen sorgenvollen Gedanken über die Gewissheit gerissen, dass Kahlan und Cara längst die Sicherheit ihrer Hütte in den Bergen verlassen haben mussten, fiel Richard auf, dass für mitten in der Nacht ein ungewöhnliches Maß an Betriebsamkeit herrschte. Schattenhafte Gestalten huschten durch die düsteren Straßen, um hastig in abgedunkelten Gebäuden zu verschwinden. Für kurze Augenblicke fielen Lichtstreifen quer über die Straße, bis die Türen wieder zugezogen waren. Der Mond war aufgegangen, und in den dunkleren Gassen glaubte er Leute zu erkennen, die, ihn beobachtend, warteten, bis er vorüber war, bevor sie ihren Weg fortsetzten. Das Rattern seiner Wagenräder machte es ihm unmöglich, zu verstehen, was sie womöglich untereinander tuschelten.
Als er in die Straße einbog, die ihn hinaus zum Köhler bringen würde, musste er sein Gespann jäh anhalten, als einige Männer mit Langwaffen auf die Straße traten und ihm den Weg verstellten. Ein Gardist ergriff die Trensen seiner Pferde. Aus der Seitenstraße stürzten weitere Soldaten der Stadtwache hervor und richteten ihre Lanzen auf ihn.
»Was hast du hier draußen zu schaffen?«, fragte ihn eine Stimme seitlich neben seinem Wagen.
Seelenruhig zog Richard den Hebel an, um die Bremse festzuziehen.
»Ich bin im Besitz einer Sondererlaubnis, die es mir gestattet, nachts Güter zu befördern. Sie sind für den Palast des Kaisers bestimmt.«
Gewöhnlich genügten die Worte ›Palast des Kaisers‹, um ihn passieren zu lassen.
Der Gardist machte eine fordernde Handbewegung. »Wenn du eine Sondererlaubnis hast, dann lass mal sehen.«
In dieser Nacht wollten die Gardisten mehr, also nahm Richard des gefaltete Stück Papier aus einer ledernen Schutzhülle unter seinem Hemd und reichte es dem Gardisten hinunter. Man hörte das leise Kreischen von Metall, als der Gardist an seiner Blendlaterne eine winzige Klappe aufschob, sodass ein schmaler Lichtstrahl auf das Dokument fiel. Mehrere Köpfe beugten sich vor, um den Text zu entziffern und die offiziellen Siegel zu prüfen. Sie waren alle echt. Das sollten sie auch – sie hatten Richard schließlich ein kleines Vermögen gekostet.