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»Das wäre großartig, Priska.«

Als Richard schließlich bei Victors Werkstatt anlangte, plagten ihn Kopfschmerzen. Ihm war schlecht von dem, was er bereits gehört hatte und was er fürchtete, sich noch anhören zu müssen.

Victor erwartete ihn bereits. Es war ein wenig früh für ihn; gewöhnlich traf er knapp vor dem Hellwerden ein. Der Schmied stieß das Tor zu seinem vorderen Lagerraum auf und stellte eine Laterne in ein Regal, damit Richard etwas sah, während er den Wagen bis dicht davor zurücksetzte.

Victor hatte ein wölfisches Grinsen im Gesicht, als Richard vom Wagen hinunterkletterte.

»Komm, Richard, lade deinen Wagen ab, dann essen wir eine Scheibe Lardo und reden miteinander.«

Richard, der sich eigentlich nicht unterhalten wollte, machte sich methodisch an die Arbeit. Er hatte eine ziemlich klare Vorstellung, worüber Victor mit ihm sprechen wollte.

Wie es seine Art war, ließ Victor Richard allein abladen. Er war der Käufer des Stahls und genoss den Service, diesen dorthin geliefert zu bekommen, wo er ihn haben wollte. Es war ein Service, den ihm ein Fuhrunternehmen trotz des höheren Preises in den seltensten Fällen bieten konnte.

Richard hatte nichts dagegen, allein gelassen zu werden. So weit unten im Süden war der Sommer eine erbärmliche Jahreszeit. Die Luftfeuchtigkeit war erdrückend, und die Nächte waren kaum besser als die Tage.

Während er vor sich hin arbeitete, musste er an die strahlend sonnigen Tage denken, die er mit Kahlan am Ufer des Baches in der Nähe ihrer Hütte in den Bergen verbracht hatte. Es schien eine Ewigkeit her zu sein. Die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit ihr am Leben zu erhalten war nicht einfach, seine Sorge um sie dagegen, jetzt, da es Sommer war, ließ niemals nach. Manchmal war es so schmerzlich, an sie zu denken, sie zu vermissen und sich um sie zu sorgen, dass er sie aus seinen Gedanken verbannen musste. Dann wieder war der Gedanke an sie alles, was ihn noch aufrecht hielt.

Als er fertig war, hellte der Himmel bereits auf. Er traf Victor im Raum am anderen Ende, dessen Türen offen standen, damit das Licht der Morgendämmerung auf Victors Marmormonolithen scheinen konnte. Der Schmied betrachtete die in seinem Stein verborgene Schönheit, jene Statue in seinem Innern, die nur er zu sehen vermochte.

Es dauerte eine ganze Weile, bis er den nicht weit entfernt stehenden Richard bemerkte.

»Komm, Richard, iss etwas Lardo mit mir.«

Sie hockten auf der Schwelle, von wo aus man einen Ausblick auf die Baustelle des Ruhesitzes hatte, und schauten zu, wie die meilenlangen steinernen Mauern sich im Dunst der morgendlichen Dämmerung rosig verfärbten. Selbst aus der Entfernung konnte Richard die abstoßenden, die Schlechtigkeit der Menschheit darstellenden Figuren erkennen, die sich auf dem Oberrand einer der Mauern aufreihten.

Victor reichte Richard eine makellos weiße Scheibe Lardo. »Die Rebellion, von der ich dir erzählt habe, hat begonnen, Richard. Aber das weißt du wahrscheinlich schon.«

»Nein, das hat sie nicht«, erwiderte Richard.

Victor starrte ihn verblüfft an. »Aber ja doch.«

»Eine Menge Ärger hat begonnen, aber das ist nicht die Rebellion, von der du und ich gesprochen haben.«

»Aber sie wird es werden, du wirst sehen. Viele Menschen werden heute auf die Straße gehen.« Victor gestikulierte überschwänglich. »Wir wollen, dass du uns anführst, Richard.«

Richard hatte diese Bitte erwartet. »Kommt nicht in Frage.«

»Ich weiß, ich weiß, du glaubst, die Männer kennen dich nicht und werden dir nicht folgen, aber da täuschst du dich, Richard. Sehr viele kennen dich, viel mehr, als du denkst. Ich habe vielen Leuten von dir erzählt. Priska und andere haben über dich gesprochen. Du kannst das, Richard.«

Richard starrte zu den Mauern hinüber, zu den Reliefschnitzereien geduckter, gebeugter Menschen.

»Nein.«

Diesmal reagierte Victor fassungslos. »Aber warum denn nicht?«

»Weil dann eine Menge Menschen sterben werden.«

Victor lachte amüsiert in sich hinein. »Nein, nein, Richard. Du verstehst nicht. Diese Art von Rebellion wird das nicht. Dies wird eine Rebellion zum besseren Wohl der Menschheit. Das ist doch genau das, was der Orden immerzu predigt. Wir sind das Volk. Sie behaupten, zum Wohl des Volkes zu handeln, und jetzt, da wir ihnen die Forderungen des Volkes vorlegen, werden sie uns ganz einfach anhören und nachgeben müssen.«

Richard schüttelte traurig versunken den Kopf.

»Du willst, dass ich euch anführe?«

»Aber ja.«

»Dann möchte ich, dass du etwas für mich tust, Victor.«

»Aber ja doch, Richard. Raus mit der Sprache.«

»Halte dich aus allem raus, was mit diesem Aufstand zu tun hat. So lautet mein Befehl an dich als dein Anführer. Du bleibst heute hier und gehst ganz normal deiner Arbeit nach. Halte dich aus allem raus.«

Victor sah ihn an, als ob er glaubte, Richard wolle einen Scherz machen. Kurz darauf wurde ihm klar, dass Richard keinesfalls scherzte.

»Aber warum? Willst du nicht, das alles besser wird? Möchtest du dein ganzes Leben so verbringen? Möchtest du nicht, dass sich alles zum Besseren wendet?«

»Bist du bereit, die Männer des Ordens zu töten, die man gefangen genommen hat?«

»Sie zu töten? Wieso willst du ständig übers Töten reden, Richard? Hier geht es um das Leben. Darum, dass die Dinge besser werden.«

»Hör zu, Victor. Diese Männer, gegen die ihr euch erhebt, werden sich nicht an eure Spielregeln halten.«

»Aber sie wollen doch sicher auch, dass…«

»Bleib hier und mach deine Arbeit, sonst wirst du zusammen mit vielen anderen Männern ums Leben kommen. Der Orden wird diesen Aufstand in ein oder zwei Tagen niedergeschlagen haben, und anschließend werden sie jeden verfolgen, der auch nur in den Verdacht gerät, er könnte seine Hände dabei im Spiel gehabt haben. Eine Menge Menschen werden sterben.«

»Aber wenn du uns anführst, könntest du doch unsere Forderungen vortragen. Gerade deswegen wollen wir doch, dass du uns anführst – um eine solch heikle Situation zu vermeiden. Du weißt, wie man Menschen überzeugt, und du weißt, wie man Dinge tut – du brauchst dir doch nur anzusehen, wie du all den Menschen in Altur’Rang geholfen hast: Faval, Priska, mir und all den anderen. Wir sind auf dich angewiesen, Richard. Wir brauchen dich, damit die Menschen einen Grund haben, sich der Rebellion anzuschließen.«

»Wenn sie nicht von allein wissen, wofür sie eintreten und was sie wollen, dann kann ihnen auch niemand einen Grund geben. Sie werden nur dann Erfolg haben, wenn sie vor Freiheitswillen brennen und nicht nur bereit sind, für diesen Willen zu töten, sondern auch zu sterben.« Richard erhob sich und klopfte sich den Staub von der Hose. »Halte dich raus, Victor, oder du wirst mit ihnen sterben.«

Victor folgte ihm zu seinem Wagen. In der Ferne trafen die ersten Männer ein, um am Palast des Kaisers zu arbeiten.

Der Schmied nestelte am Holz der Seitenverkleidung, offenbar lag ihm noch etwas auf der Seele.

»Ich weiß, wie du dich fühlst, Richard, ich weiß es wirklich. Ich glaube auch, dass diese Männer keinen so unbändigen Freiheitswillen verspüren wie ich, aber sie stammen auch nicht wie ich aus Cavatura und wissen vielleicht gar nicht, was wahre Freiheit bedeutet, doch im Augenblick ist das alles, was wir tun können. Willst du es nicht wenigstens versuchen, Richard? Dein Namensvetter Richard Rahl aus dem D’Haranischen Reich hoch oben im Norden hätte Verständnis für unseren leidenschaftlichen Freiheitswillen, er würde es versuchen.«

Richard kletterte auf seinen Wagenbock. Er fragte sich, wo die Menschen solche Dinge aufschnappten, und staunte, dass diese Ideen so weite Kreise zogen. Nachdem er Zügel und Peitsche aufgenommen hatte, wechselte er einen langen Blick mit dem ernsten Schmied, einem Mann, der völlig berauscht war vom Hauch der Freiheit in der Luft.

»Würdest du versuchen, kalten Stahl zu einem Werkzeug zu schmieden, Victor?«

»Natürlich nicht. Der Stahl muss weiß glühend sein, bevor aus ihm etwas werden kann.«