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Sie zog ihr verschwitztes Nachthemd aus und wusch sich, so gut es ging, mit einem feuchten Waschlappen. Das war erfrischend. Sie konnte es nicht ausstehen, in Richards Gegenwart verschwitzt und schmutzig zu sein.

Dann sah sie, dass die Schale mit Eintopf, die sie für das Nachtmahl am Abend zuvor gekocht hatte, noch immer auf dem Tisch stand. Er hatte ihr gegenüber nichts davon erwähnt, dass er über Nacht arbeiten musste, manchmal jedoch hatte er keine Zeit, vorher noch zum Essen nach Hause zu kommen. Wenn er nachts arbeitete, kam er gewöhnlich kurz nach Sonnenaufgang heim, sie erwartete ihn also jeden Augenblick zu sehen.

Vermutlich würde er hungrig sein. Vielleicht sollte sie ihm Eier braten; Richard aß gern Eier. Sie merkte, dass sie schmunzelte. Unmittelbar nach dem Aufwachen war sie noch wütend gewesen, und jetzt, da sie darüber nachdachte, was Richard gerne mochte, lächelte sie. Sie fuhr sich mit dem Fingerkamm durchs Haar und konnte es schon jetzt kaum noch erwarten, ihn hereinspazieren zu sehen und zu fragen, ob sie ihm Eier braten solle. Natürlich würde er bejahen, und sie hätte das Vergnügen, etwas zu tun, von dem sie wusste, dass er es gerne mochte.

Sie verabscheute es, Dinge zu tun, von denen sie wusste, dass er sie nicht guthieß.

Mittlerweile lag die schreckliche Nacht mit Gadi mehrere Monate zurück. Es war ein Fehler gewesen, das war ihr im Nachhinein klar geworden. Anfangs hatte sie ihre Freude daran gehabt, nicht etwa, weil sie Sex mit diesem widerwärtigen Rohling wollte, sondern weil Richards Weigerung, sie zu lieben, so demütigend für sie gewesen war, dass sie sich an ihm hatte rächen wollen. Anfangs hatte sie sich ergötzt an dem, was Gadi ihr antat, und sich an den Schmerzen geweidet, die er ihr zufügte, weil Kahlan sie ebenfalls empfand. Nicci hatte es ausschließlich in dem Sinn genossen, dass es eine Strafe dafür war, was er ihr angetan hatte. Nichts schmerzte Richard mehr, als Kahlan wehzutun.

Gadi hasste Richard. Dadurch, dass er Nicci nahm, glaubte er sich an Richard zu rächen und selbst wieder der Größte zu werden. So sehr es ihn nach ihr verlangte, sein Bedürfnis, es Richard heimzuzahlen, war stärker. Richard hatte Gadis Reich erobert und zu seinem eigenen gemacht.

Nicci war nur zu froh, dem kleinen Drangsalierer wieder zu seiner alten Macht zu verhelfen. Sie wusste, jeder aufrichtige Schrei, den Richard hörte, würde ihn daran erinnern, dass Kahlan denselben Schmerz erlitt.

Als Gadi dann aber in wilder Hemmungslosigkeit über sie herfiel, versuchte sie sich einzureden, es sei Richard, versuchte sie, Richard zu bekommen, und sei es mittels eines Stellvertreters. Aber sie konnte sich nicht überwinden, daran zu glauben, nicht einmal um der Wonnen willen, die ihr eine solche Fantasie bereitete. Nicht eine einzige Sekunde konnte sie so tun, als sei es Richard.

Schlimmer noch, Nicci dämmerte, dass Richard mit seinen Worten nicht etwa Kahlan diese Schmerzen hatte ersparen wollen, sondern ihr, Nicci. So sehr er sie auch hassen musste, Richard hatte sich um sie besorgt gezeigt. So sehr er sie hassen musste, er hatte nicht mitansehen wollen, wie sie litt.

Keine andere Bemerkung Richards hätte ihr mehr zu Herzen gehen können. Eine größere Grausamkeit als diese Freundlichkeit hätte er ihr nicht antun können.

Ihre Strafe folgte mit den Schmerzen danach. Nicci schämte sich so sehr über ihre Tat, dass sie Richard gegenüber vortäuschte, sie habe bei diesem Zwischenfall nicht gelitten. Sie wollte ihm die quälende Gewissheit ersparen, dass Kahlan mit ihr litt. Am nächsten Morgen gestand sie Richard, dass sie einen Fehler gemacht hatte. Sie erwartete nicht, dass er ihr verzieh; er sollte nur wissen, dass sie sich über ihren Fehltritt im Klaren war und er ihr Leid tat.

Richard erwiderte nichts; er betrachtete sie nur aus seinen grauen Augen, während er ihr, kurz bevor er zur Arbeit ging, zuhörte.

Sie blutete drei Tage lang.

Gadi hatte vor seinen Freunden damit geprahlt, dass er sie gehabt hatte. Um ihre Demütigung noch zu verschlimmern, hatte er sämtliche Einzelheiten ausgeplaudert. Zu Gadis Überraschung waren Kamil und Nabbi außer sich vor Wut über ihn gewesen. Sie waren fest entschlossen, ihm heißes Wachs in die Augen zu träufeln und ihm noch so manch anderes anzutun – was, wusste Nicci nicht genau, aber sie konnte es sich vorstellen. Die Drohung war so todernst gewesen, dass Gadi noch am selben Tag die Flucht ergriffen hatte und in die Armee der Imperialen Ordnung eingetreten war. Er war gerade noch rechtzeitig Soldat geworden, um mit einem frischen Trupp nach Norden in den Krieg zu ziehen. An jenem Tag hatte Gadi sich über Kamil und Nabbi mit der Bemerkung lustig gemacht, er ziehe jetzt in den Krieg, um ein Held zu werden.

Nicci hörte Schritte den Flur entlangkommen. Lächelnd nahm sie drei Eier aus dem Küchenschrank. Statt, wie erwartet, Richard die Tür öffnen zu sehen, hörte sie jemanden anklopfen.

Nicci trat in die Zimmermitte. »Wer ist da?«

»Ich bin es, Nicci, Kamil.«

Der eindringliche Tonfall seiner Stimme bewirkte, dass sich ihre feinen Härchen auf den Armen sträubten.

»Ich bin angezogen. Komm herein.«

Völlig außer Atem platzte der junge Mann zur Tür herein.

Sein Gesicht war genauso kreidebleich wie seine Knöchel auf dem Türgriff; seine Wangen waren tränenverschmiert.

»Richard ist verhaftet worden. Gestern Abend. Sie haben ihn eingesperrt.«

Nicci gewahrte nur am Rande, wie die Eier zu Boden fielen.

55

Mit Kamil an ihrer Seite stieg Nicci das Dutzend Stufen zur Kaserne der Stadtwache hinauf. Es war eine mächtige Festung, deren hohe Mauern sich den gesamten Block entlang erstreckten. Nicci hatte Kamil nicht bitten müssen, sie zu begleiten; sie bezweifelte, dass etwas Geringeres als der Tod ihn davon hätte abhalten können. Sie vermochte wirklich nicht genau zu enträtseln, wie es Richard gelang, Menschen zu derartigen Reaktionen zu veranlassen.

Bei ihrem Aufbruch hatte sich Nicci in einem Zustand schockierter Aufgebrachtheit befunden, trotzdem war ihr nicht entgangen, dass die Menschen im ganzen Haus angespannt und auf der Hut zu sein schienen. Starre Gesichter in den Fenstern hatten ihnen nachgeschaut, als sie und Kamil aus dem Haus und die Straße hinuntergestürzt waren. Alle hatten hart und finster ausgesehen.

Was war es nur, das die Menschen dazu brachte, so viel Zuneigung für diesen einen Mann zu empfinden?

Was war es, das sie so besorgt machte?

Im Inneren der völlig verdreckten Kaserne herrschte drangvolle Enge. Hohlwangige, unrasierte alte Männer standen verstört herum, den starren Blick ins Leere gerichtet. Pausbäckige Frauen mit einem Tuch um den Kopf weinten still vor sich hin, während schreiende Kinder sich an ihre Röcke klammerten. Andere Frauen standen einfach mit ausdrucksloser Miene da, so als warteten sie darauf, Brot oder Hirse einzukaufen. Ein kleines, nur mit einem Hemdchen bekleidetes und von der Hüfte an abwärts nacktes Kind stand einsam und verlassen da, hielt sich die winzigen Fäustchen vor den Mund und brüllte.

Der Raum strahlte die Atmosphäre einer Totenwache aus.

Gardisten der Stadtwache, meist groß gewachsene junge Männer mit gleichgültigem Gesichtsausdruck, zwängten sich auf ihrem Weg in düstere, von ihren Kameraden bewachte Flure durch das Gedränge. Eine niedrige, schlampig errichtete Trennwand hielt die Masse der Menschen zurück und beschränkte das tumultartige Chaos auf die eine Hälfte des Raumes. Jenseits der niedrigen Trennwand standen weitere Gardisten der Stadtwache, ganz zwanglos miteinander plaudernd. Andere trugen Berichte zu Männern an einem primitiven Tisch, scherzten oder empfingen im Vorübergehen Befehle.

Nicci schob sich mitten durch die Menge und bahnte sich gewaltsam einen Weg bis vor die niedrige Trennwand, wo eng aneinander gedrängt kauernde Frauen darauf hofften, aufgerufen zu werden, darauf hofften, etwas zu erfahren, oder sich gar auf die Fürsprache des Schöpfers selbst Hoffnungen machten. Was sie sich stattdessen an die derben Planken der Trennwand gepresst einfingen, waren Splitter.