Nicci hielt einen vorübergehenden Gardisten am Ärmel fest. Er blieb mitten im Schritt stehen. Sein wütend funkelnder Blick wanderte von ihrer Hand bis hoch zu ihren Augen. Sie ermahnte sich, dass sie nicht über ihre Kraft verfügte, und ließ den Ärmel wieder los.
»Dürfte ich bitte erfahren, wer hier das Sagen hat?«
Er musterte sie von Kopf bis Fuß, eine Frau, die seiner Einschätzung nach offenbar bald ohne Ehemann und daher Freiwild sein würde. Sein Gesicht verzog sich zu einem affektierten Grinsen. Er gestikulierte.
»Dort drüben, am Tisch. Volksprotektor Muksin.«
Der ältliche Mann hatte sich hinter seinen höchst wichtigen Papierstapeln verschanzt. Sein umfangreicher Körper unter dem bis auf die Brust reichenden Kinn schien in der sommerlichen Hitze dahinzuschmelzen. Das weite weiße Hemd wies dunkle Schweißringe auf und trug mit seinem Gestank zum üblen Mief in dem stickigen Raum bei.
Gardisten beugten sich vor, um ihm etwas ins Ohr zu flüstern, während sein stumpfer Blick ruhelos umherwanderte. Andere rechts und links von ihm am Tisch waren entweder in emsiger Geschäftigkeit mit ihren eigenen Stapeln von Papieren befasst, unterhielten sich miteinander oder beschäftigten sich mit dem Strom der anderen Beamten und Gardisten, die in dem Raum ein und aus gingen.
Protektor Muksin, dessen glänzende Schädeldecke ungefähr so unauffällig war wie eine alternde, unter ein paar Grashalmen schlummernde Schildkröte, behielt den Raum im Auge. Seine dunklen, nie zur Ruhe kommenden Augen wanderten über die Gardisten, die Beamten und das Geschiebe der Menschenmenge hinweg. Als sie Niccis Gesicht streiften, verrieten sie nicht mehr Interesse als bei irgendeinem der anderen Anwesenden. Sie alle waren Bürger der Imperialen Ordnung, identisch und austauschbar, und jeder Einzelne an und für sich bedeutungslos.
»Könnte ich ihn vielleicht sprechen?«, bat Nicci. »Es ist sehr wichtig.«
Das lüsterne Feixen des Gardisten schlug um in Spott. »Davon bin ich überzeugt.« Lässig deutete er mit dem Finger auf die dicht gedrängte Menschenmenge neben ihnen. »Stell dich hinten an und warte, bis du an der Reihe bist.«
Nicci und Kamil blieb nichts anderes übrig, als zu warten. Nicci waren diese niedrigen Chargen vertraut genug, um zu wissen, dass es wenig Sinn hatte, eine Szene zu machen. Sie lebten geradezu für die Augenblicke, wenn jemand eine Szene machte, also lehnte sie sich mit der Schulter an die verputzte, von den fettigen Flecken unzähliger anderer Schultern übersäte Wand. Kamil nahm seinen Platz hinter ihr ein.
Die Schlange kam nicht voran, weil die Beamten niemanden empfingen. Nicci wusste nicht, ob nur zu bestimmten Zeiten Bürger vorgelassen wurden. Sie hatten keine andere Wahl, als ihren Platz in der Schlange zu behaupten. Der Vormittag schleppte sich dahin, ohne dass sich in der Schlange vor ihr irgendwas bewegte. Hinter ihnen nahm das Geschiebe immer mehr zu.
»Kamil«, sagte sie mit leiser Stimme mehrere Stunden später, »du brauchst nicht mit mir zu warten. Geh wieder nach Hause.«
Seine Augen waren rot und geschwollen. »Ich will aber warten.« Er klang überraschend misstrauisch. »Ich mache mir Sorgen um Richard«, fügte er mit leicht vorwurfsvollem Unterton hinzu.
»Ich mache mir auch Sorgen um ihn. Was meinst du wohl, warum ich hier bin?«
»Ich bin Euch bloß holen gekommen, weil ich solche Angst um Richard hatte und nicht wusste, was ich sonst hätte tun sollen. Alle anderen waren fort, entweder bei der Arbeit oder um Brot zu kaufen.« Kamil wandte sich ab und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand. »Ich glaube nicht, dass Ihr Euch um ihn sorgt, aber ich wusste nicht, was ich sonst hätte tun sollen.«
Nicci strich sich eine verschwitzte Haarsträhne aus dem Gesicht. »Du kannst mich nicht leiden, stimmt’s?«
Er sah sie noch immer nicht an. »Nein.«
»Dürfte ich vielleicht erfahren, warum?«
Kamil blickte sich rasch verstohlen um, um zu sehen, ob jemand sie belauschte, doch jeder schien mit seinen eigenen Problemen beschäftigt.
»Ihr seid Richards Frau, und trotzdem hintergeht Ihr ihn. Ihr habt Gadi mit auf Euer Zimmer genommen. Ihr seid eine Hure.«
Seine Worte ließen Nicci überrascht blinzeln. Kamil sah sich abermals um, bevor er weiterredete.
»Uns allen ist schleierhaft, warum ein Mann wie Richard sich mit Euch abgibt. Alle Frauen ohne Ehemann in unserem Haus und auch im Haus nebenan haben mir gesagt, sie wären gerne seine Ehefrau und würden ihr Lebtag nicht mit einem anderen ins Bett gehen. Sie alle meinten, sie verstehen nicht, wie Ihr das Richard antun könnt. Alle waren traurig wegen ihm, aber als wir ihm das sagen wollten, wollte er nichts davon hören.«
Nicci wandte sich ab. Die Schande, einem jungen Mann ins Gesicht zu sehen, der sie soeben übel beschimpft hatte, und das auch noch zu Recht, war für sie auf einmal unerträglich geworden.
»Du verstehst doch gar nicht, wie das damals war«, erwiderte sie leise.
Sie sah Kamil aus den Augenwinkeln mit den Achseln zucken. »Da habt Ihr allerdings Recht. Ich verstehe es nicht. Ich verstehe nicht, wie eine Frau einem Ehemann wie Richard etwas so Schlimmes antun kann, einem Mann, der schwer arbeitet und gut für Euch sorgt. Um so etwas zu tun, müsst Ihr eine schlechte Frau sein, die sich kein bisschen um ihren Ehemann schert.«
Sie spürte, wie sich Tränen unter den Schweiß auf ihrem Gesicht mischten. »Ich bin Richard mehr zugetan, als du jemals begreifen wirst.«
Er antwortete nicht. Sie wandte sich um und sah ihn an. Sachte federnd drückte er sich ein ums andere Mal von der Wand ab. Offenbar schämte er sich zu sehr für sie, oder aber er war zu wütend auf sie, um ihr in die Augen zu blicken.
»Kamil, erinnerst du dich noch, wie wir in das Zimmer in deinem Haus eingezogen sind?«
Er nickte, noch immer, ohne sie anzusehen.
»Weißt du noch, wie grausam du und Nabbi zu Richard gewesen seid, all die gemeinen Dinge, die ihr zu ihm gesagt, all die kränkenden Schimpfworte, die ihr ihm nachgerufen habt? Und wie ihr ihn mit euren Messern bedroht habt?«
»Ich habe einen Fehler gemacht«, erwiderte er, und es klang, als meinte er es ernst.
»Kamil, auch ich habe einen Fehler begangen.« Sie machte sich nicht die Mühe, ihre Tränen zu verbergen – die Hälfte aller Frauen im Raum weinte. »Ich kann es dir nicht erklären, aber Richard und ich hatten Streit. Ich war wütend auf ihn und wollte ihn verletzen. Das war verkehrt; es war töricht, so etwas zu tun. Ich habe einen schrecklichen Fehler gemacht.«
Schniefend tupfte sie ihre Nase mit einem kleinen Taschentuch ab. Kamil beobachtete sie aus den Augenwinkeln.
»Ich gebe zu, es war nicht dieselbe Art von Fehler wie damals von dir und Nabbi, als ihr euch bei eurer ersten Begegnung mit Richard so schlimm aufgeführt habt, aber ein Fehler war es trotzdem. Ich habe mich auch schlimm benommen.«
»Ihr wolltet gar nichts von Gadi?«
»Mir wird schlecht, wenn ich Gadi nur sehe. Ich habe ihn nur benutzt, weil ich wütend auf Richard war.«
»Und tut es Euch Leid?«
Niccis Kinn bebte. »Natürlich tut es mir Leid.«
»Ihr werdet nicht noch einmal wütend werden und es wieder tun? Mit einem anderen Mann?«
»Nein. Ich habe Richard gestanden, dass ich einen Fehler gemacht habe, dass es mir Leid tut und ich ihm so etwas nie wieder antun werde. Und das war mein voller Ernst.«
Kamil ließ sich das durch den Kopf gehen, während er beobachtete, wie eine Frau ein Kind am Arm rüttelte. Das Kind hörte nicht auf zu weinen, weil es auf den Arm genommen werden wollte. Sie flüsterte ihm etwas zu, woraufhin das Kind sich schmollend an ihr Bein schmiegte, aber wenigstens das Geheul einstellte.
»Wenn Richard Euch verzeihen kann, sollte ich auch nicht auf Euch wütend sein. Schließlich ist er Euer Mann. Das müsst Ihr beide unter Euch ausmachen, damit habe ich nichts zu tun.« Er berührte sie am Arm. »Ihr habt einen dummen Fehler gemacht, aber das ist jetzt vorbei. Weint nicht mehr deswegen, im Augenblick gibt es wichtigere Dinge.«