Der Klang ihrer durch das knöcheltiefe Wasser patschenden Schritte hallte aus der Ferne wider. Dieser Ort erinnerte Nicci an ihre Albträume von der Unterwelt aus ihrer Kindheit, ein Schicksal, das, so hatte ihre Mutter ihr versichert, all jene erwartete, die in ihrer Pflicht ihren Mitmenschen gegenüber versagt hatten.
Die niedrigen Türen zu beiden Seiten wiesen eine winzige, etwa handgroße Öffnung auf – vermutlich damit die Gardisten hineinspähen konnten. Es gab kein Licht außer dem, das die Gardisten mitbrachten, daher hatten die Insassen auch nichts, auf das sie draußen hätten schauen können. In mehreren dieser Türen hatten sich Finger in den Rand der Öffnungen gekrallt. Im Vorübergehen konnte Nicci im Schein der Lampe weit aufgerissene Augen erkennen, die aus den schwarzen Löchern hervorlugten. Aus etlichen der Öffnungen drang ein angst- oder schmerzerfülltes Wimmern.
Der Gardist blieb stehen. »Hier ist es.«
Nicci wartete mit heftig klopfendem Herzen. Statt die Tür zu öffnen, drehte sich der Gardist zu ihr herum und begrabschte ihre Brüste. Aus Angst, sich zu bewegen, verharrte sie völlig regungslos. Er betatschte sie, als ob er Melonen auf dem Markt prüfte. Sie war viel zu verängstigt, um ein Wort hervorzubringen, da er sie sonst womöglich nicht zu Richard hineinlassen würde. Sie immer mehr bedrängend, schob er ihr seine fleischige Hand in den Ausschnitt ihres Kleides und begann ihre Brustwarzen zu befingern.
Nicci wusste natürlich, dass Männer wie er nötig waren, wenn der Orden alle in seinen Lehren unterweisen wollte. Man musste akzeptieren, dass die Menschheit von Natur aus böse war. Es mussten Opfer gebracht werden. Rohlinge waren nötig, um den Massen sittliches Verhalten einzuschärfen. Sie unterdrückte einen Aufschrei, als er sie in ihr zartes Fleisch kniff.
Der Gardist, zufrieden mit seinem Gegrabsche, lachte amüsiert in sich hinein und wandte sich zur Tür um. Nach anfänglichen Schwierigkeiten mit dem verrosteten Schloss gelang es ihm endlich, den Schlüssel herumzudrehen; er packte die Tür am Guckloch und zog einmal kräftig daran.
Knirschend öffnete sich die Tür gerade weit genug, dass man sich hindurchzwängen konnte. Unmittelbar hinter der Tür hängte er eine Laterne an die Wand.
»Ich komme zurück, sobald ich mich um ein paar andere Dinge gekümmert habe; dann ist dein Besuch vorbei.« Wieder lachte er frohlockend. »Verschwende also keine Zeit, wenn du den Rock für ihn hebst – falls sein Zustand das überhaupt zulässt.«
Er stieß sie in die Zelle. »Hier, Cypher. Ich hab sie schon ganz ordentlich für dich aufgegeilt.« Die Tür fiel mit einem metallischen Scheppern ins Schloss, das nach beiden Seiten durch den krummen Gang hallte. Nicci hörte, wie sich der Schlüssel drehte, anschließend die platschenden Schritte des sich entfernenden Gardisten.
Der quadratische Raum war so winzig, dass sie mit ausgestreckten Armen beide Seitenwände gleichzeitig hätte berühren können. Ihr Kopf stieß an die Decke. Die entsetzliche Enge drohte sie unter sich zu begraben. Sie wollte nichts als raus hier.
Sie hatte Angst, der Körper zu ihren Füßen könnte tot sein.
»Richard?«
Sie vernahm ein leises Ächzen. Er hatte die Arme auf dem Rücken; man hatte sie mit einer Art hölzernem Bindeblock gefesselt. Sie hatte Angst, er könnte ertrinken.
Tränen brannten ihr in den Augen. Sie ließ sich auf die Knie sinken. Das schleimige Wasser, das in ihre Stiefel geschwappt war, wurde jetzt von ihrem Kleid aufgesogen.
»Richard?«
Sie zerrte an seiner Schulter, um ihn herumzudrehen. Er stieß einen Schrei aus und schreckte vor ihrer Hand zurück.
Als sie ihn sah, schlug sie beide Hände vor dem Mund zusammen, um ihren Aufschrei zu unterdrücken. Sie spürte, wie ihr die Tränen übers Gesicht strömten, während sie keuchend wieder zu Atem zu kommen versuchte.
»Oh, Richard.«
Nicci stand auf und riss einen Streifen von ihrem Unterhemd ab, das sie unter ihrem Kleid trug. Abermals neben ihm niederkniend, wischte sie ihm das Blut mit dem Stofffetzen behutsam aus dem Gesicht.
»Kannst du mich hören, Richard? Ich bin es, Nicci.«
Er nickte. »Nicci.«
Ein Auge war völlig zugeschwollen. Sein Haar war verfilzt von dem Morast und dem Schlamm aus der fauligen Lache, in der er lag, seine Kleider völlig zerrissen. Im grellen Schein der kleinen Lampe sah sie, dass seine Haut mit roten, geschwollenen Striemen übersät war.
Er merkte, dass sie auf seine Wunden starrte. »Ich fürchte, das Hemd wirst du nicht mehr flicken können.«
Angesichts seines bitteren Humors zeigte sie ihm ein mattes Lächeln. Sie wusste nicht, warum sie so reagierte; sie hatte schon Schlimmeres gesehen.
Richard zog den Kopf zurück, als sie versuchte, ihm zu helfen.
»Tue ich dir weh?«
»Ja.«
»Entschuldige. Ich habe Wasser mitgebracht.«
Er nickte ungeduldig. Nicci goss ihm Wasser aus dem Schlauch in den Mund. Er trank gierig.
Während er verschnaufte, sagte sie: »Kamil hat das Geld für die Gebühr beigebracht, damit ich kommen und dich besuchen kann.«
Richard lächelte bloß.
»Kamil möchte, dass du hier rauskommst.«
»Ich möchte selber hier raus.« Er klang nicht wie er selbst; seine Stimme war heiser und kaum noch zu verstehen.
»Richard, der Protektor…«
»Wer?«
»Der Beamte, der für dieses Gefängnis hier verantwortlich ist. Er meinte zu mir, es gäbe einen Weg, dich freizubekommen. Er sagte, du müsstest dich eines Verstoßes gegen das Bürgerrecht für schuldig bekennen und eine Geldstrafe bezahlen.«
Richard hörte nickend zu. »Darauf war ich auch schon gekommen. Er fragte mich, ob ich Geld hätte. Ich antwortete, ja, hätte ich.«
»Wirklich? Du hast etwas gespart?«
Er nickte. »Ich besitze etwas Geld.«
Verzweifelt packte Nicci seinen Kragen mit einer Hand. »Ich kann die Strafe, um dich hier rauszuholen, frühestens in zwei Tagen bezahlen. Schaffst du das? Hältst du bis dahin durch?«
Er grinste im matten Schein der Lampe. »Ich habe nicht die Absicht, woanders hinzugehen.«
In diesem Augenblick fiel es Nicci ein, und sie nahm das Brot aus dem Beutel. »Ich habe dir etwas zu essen mitgebracht. Brot und etwas Brathuhn.«
»Huhn. Brot hält kaum vor. Ich bekomme hier nichts zu essen.«
Sie riss das Huhn mit den Fingern auseinander und hielt ihm ein Stück vor den Mund. Sie ertrug es nicht, Richard so hilflos zu sehen; es machte sie wütend. Ganz schlecht wurde ihr davon.
»Iss, Richard«, drängte sie ihn, als sein Kinn auf die Brust sackte. Er schüttelte den Kopf, so als wollte er den Schlaf vertreiben. »Hier, nimm noch etwas.«
Sie sah ihm beim Kauen zu. »Kannst du in diesem Wasser überhaupt schlafen?«
»Sie lassen einen hier nicht schlafen. Sie…«
Sie stopfte ihm ein großes Stück Hühnerfleisch in den Mund. Die Methoden des Ordens waren ihr bis ins Detail vertraut, deshalb wollte sie gar nicht wissen, welche man für ihn ausgewählt hatte.
»Ich hole dich hier raus. Gib nicht auf. Ich hole dich raus.«
Er zuckte mit den Achseln, so als wollte er sagen, es spiele ohnehin keine Rolle.
»Warum? Vermisst du deinen Gefangenen? Bist du eifersüchtig, weil andere mich an deiner Stelle misshandeln? Hast du Angst, sie könnten mich brechen, bevor es dir gelingt?«
»Richard, das ist nicht…«
»Ich bin nur ein einzelner Mann. Das Einzige, was zählt, ist das allgemeine Wohl. Dass ich unschuldig bin, ist nebensächlich, weil das Leben eines einzelnen Mannes wertlos ist. Wenn ich auf diese Weise leiden und sterben muss, um dazu beizutragen, andere auf den rechten Weg des Schöpfers und deines Ordens zu führen, wie kannst du es dann wagen, ihnen die Tugendhaftigkeit ihrer Ziele abzusprechen? Was zählen deine Wünsche? Wie kannst du dein Leben oder meines über das Wohl von anderen stellen?«