Wie oft hatte sie ihm über ebendiese Lehren Vorträge gehalten – und wie verächtlich, wie gehässig und wie trügerisch klangen sie aus seinem Mund.
In diesem Augenblick empfand sie nichts als Hass auf sich selbst. Irgendwie gelang es ihm, alles, wofür der Orden stand, alles, wofür sie ihr Leben aufgeopfert hatte, Lügen zu strafen. Irgendwie gelang es ihm, Wohltätigkeit als … böse erscheinen zu lassen. Deswegen war er so gefährlich. Schon die Tatsache seiner Existenz bedrohte alles, wofür der Orden stand.
Sie war so dicht davor, so dicht davor, zu erfahren, was sie unbedingt wissen musste. Bereits die Tatsache, dass ihr die Tränen über die Wangen strömten, sagte ihr, dass es tatsächlich etwas gab, dass diese Qual all die Mühen wert war – sie geradezu unverzichtbar machte. Der unerklärliche Funke, den sie vom ersten Moment an in seinen Augen gesehen hatte, war echt.
Wenn sie nur jenes kleine bisschen mehr begreifen könnte, dann endlich könnte sie tun, was am besten war. Es wäre besser für ihn. Was für ein Leben erwartete ihn denn noch? Wie viel konnte er ertragen? Dazu verdammt zu sein, dem Schöpfer auf diese Weise zu dienen, erfüllte sie mit Hass.
»Sieh dich um, Nicci. Du wolltest mir die überlegene Lebensweise des Ordens vor Augen führen. Sieh dich um. Ist es nicht eine Pracht?«
Sie konnte es nicht ertragen, eines seiner wunderschönen Augen zugeschwollen zu sehen.
»Ich brauche das Geld, das du gespart hast, Richard, und zwar alles, wenn ich dich hier herausholen soll. Der Beamte meinte zu mir, es müsse alles sein, was du besitzt.«
Er brachte nicht mehr als ein heiseres Flüstern zu Stande. »Es befindet sich in unserem Zimmer.«
»In unserem Zimmer? Wo? Sag mir, wo genau.«
Er schüttelte den Kopf. »Du würdest nie dahinter kommen. Man muss den Trick kennen, um das Versteck zu öffnen. Geh zu Ishaq.«
»Ishaq? In dem Fuhrunternehmen? Warum?«
»Es war früher einmal sein Wohnzimmer. Im Fußboden gibt es ein Geheimfach. Erkläre ihm, wozu du das Geld brauchst. Er wird es für dich öffnen.«
Sie hielt ihm den nächsten Brocken Hühnerfleisch vor den Mund. »Also gut, ich werde zu Ishaq gehen.« Sie zögerte, als sie ihm beim Kauen zusah. »Tut mir Leid, dass du dein Erspartes hergeben musst. Ich weiß, wie hart du arbeitest. Es ist nicht richtig, dass man es dir wegnimmt.«
Er zuckte abermals mit den Schultern. »Es ist nur Geld. Mein Leben ist mir wichtiger.«
Nicci lächelte und wischte sich die Tränen von den Wangen. Eine bessere Antwort hätte sie sich nicht erhoffen können.
Die Tür ging auf. »Zieh deinen Rock runter. Die Zeit ist um.«
Er war bereits dabei, sie am Arm nach draußen zu zerren, als sie Richard noch schnell das letzte Stück Huhn in den Mund stopfte.
»Verstoß gegen das Bürgerrecht!«, rief sie ihm zu. »Vergiss das nicht.«
Sie streckte den Arm nach hinten zu ihm aus, während sie aus der Zelle gezerrt wurde. »Ich komme dich holen, Richard! Ich schwöre es!«
56
Nicci lief nervös auf und ab, während Ishaq sich an der Falltür in der Zimmerecke zu schaffen machte; er war schon seit einer ganzen Weile mit ihr beschäftigt. Um an das im Fußboden eingelassene Geheimfach heranzukommen, hatte er den Kleiderschrank beiseite geschoben. Gelegentlich Unverständliches vor sich hin murmelnd, verwünschte er sich selbst, weil er es so schwer zugänglich gemacht hatte.
»Endlich!« Ishaq rappelte sich mühsam auf.
Nicci hoffte, dass der bescheidene Geldbetrag, den Richard bestenfalls angespart haben konnte, reichen würde, um Protektor Muksin zufrieden zu stellen. In Gedanken ging sie eine Liste mit Personen durch, die ihr als Hilfe für Richard Geld angeboten hatten.
»Hier ist es.«
Hektisch drückte Ishaq ihr den Lederbeutel in die Hand. Das Gewicht ließ sie erschrecken, denn der Geldbeutel nahm ihre gesamte Handfläche ein; es war einfach nicht nachvollziehbar.
Sie überlegte, dass Richard seinen Ersparnissen einige Metallgegenstände beigefügt haben musste – nur so ließe sich das Gewicht erklären. Sie zog den Beutel an der Oberseite auseinander und schüttete den Inhalt in ihre Hand.
Nicci stockte der Atem. Dort lagen nahezu zwei Dutzend Goldmünzen. Silber war gar nicht dabei, nur Gold.
»Gütiger Schöpfer…«, entfuhr es ihr leise, mit aufgerissenen Augen. »Wo mag Richard dieses viele Geld herhaben?«
Es war mehr, als die meisten Reichen in ihrem Leben zu Gesicht bekamen. Sie hob den Blick und sah Ishaq in die Augen.
»Wo kann Richard dieses viele Geld herhaben?«
Er riss sich seine rote Mütze vom Kopf und deutete ungeduldig fuchtelnd auf das viele Gold in ihrer Hand. »Richard hat es verdient.«
Sie merkte, wie ihre Miene sich verfinsterte. »Es verdient? Womit? Kein Mensch kann diese Menge Geld verdienen – jedenfalls nicht auf ehrliche Weise.« Sie spürte, wie ihr Zorn hochkochte. »Richard hat dieses Gold gestohlen, nicht wahr?«
»Redet keinen Unsinn.« Ishaq gestikulierte gereizt. »Richard hat es sich verdient. Er hat Waren gekauft und wieder verkauft.«
Sie biss die Zähne aufeinander. »Wie ist er an dieses Geld gekommen?«
Der Mann warf die Arme in die Luft. »Das erkläre ich Euch doch gerade. Eigenhändig verdient hat er es – ganz allein. Er hat Dinge gekauft und an Leute verkauft, die einen Bedarf dafür hatten.«
»Dinge? Was für Dinge? Schmuggelware?«
»Ach was! Dinge wie Eisen und Stahl…«
»Unfug. Wie hätte er es denn transportieren sollen? Etwa auf seinem Rücken?«
»Anfangs ja. Aber dann hat er sich einen Wagen gekauft, um…«
»Einen Wagen!«
»Ganz recht. Und dazu Pferde. Er hat Holzkohle und Erz eingekauft und es an die Gießereien wieder verkauft. Meistens hat er den Gießereien Metall abgekauft, das er dann an den Schmied weiterverkaufte. Der Schmied hat einen außergewöhnlich großen Bedarf an Metall, und den hat er sich über Richard beschafft. Auf diese Weise hat er sich das Geld verdient.«
Nicci packte Ishaq am Kragen. »Bringt mich zu diesem Schmied.«
Nicci war außer sich. Die ganze Zeit über hatte sie Richard für einen ehrlichen, hart arbeitenden Menschen gehalten, und nun musste sie feststellen, dass man ihn zu Recht ins Gefängnis gesteckt hatte. Er war schuldig, von ehrlichen Arbeitern Geld erschwindelt zu haben. Er war ein Wucherer!
In diesem Augenblick tat ihr nicht im Geringsten Leid, was man ihm im Gefängnis antat. Er hatte das alles verdient, und noch weit mehr. Er war ein Verbrecher, der arme, hart arbeitende Menschen um ihr Gold betrogen hatte. Die Demütigung, das Wissen, dass er sie getäuscht hatte, brannte heiß in ihrem Körper.
Nicci hatte die Baustelle des Palastes bereits gesehen, allerdings nur aus der Ferne, als sie in der Stadt zu tun gehabt hatte, doch so nah wie jetzt war sie noch nie gewesen. Der Palast würde genau so werden, wie Jagang ihn ihr geschildert hatte. Er erfüllte sie mit ehrfurchtsvollem Staunen. Die anspornenden Worte Bruder Narevs aus ihrer Jugendzeit erklangen aus den Tiefen ihrer Erinnerung wie ein heiliger Chor, als sie die imposante Kulisse betrachtete.
Die Mauern reichten bereits bis über die Fensteröffnungen im ersten Stock. In einigen Abschnitten wurden gerade Deckenbalken zwischen den Innenwänden eingezogen, die das nächste Stockwerk stützen sollten.
Aber es war das Äußere, das ihr den Atem raubte. Die steinernen Mauern waren mit einem Fries aus Schnitzereien versehen, in einem Maßstab, wie sie ihn sich niemals vorzustellen vermocht hätte. Genau wie Bruder Narev es angeordnet hatte, besaßen die Schnitzereien eine anspornende und überzeugende Wirkung. Nicci sah, wie Menschen diese Kunstwerke betrachteten und in Tränen ausbrachen ob der in Stein nacherzählten Geschehnisse, ob jenes jammervollen Geschöpfes, das der Mensch darstellte, und der unerreichbaren Herrlichkeit, die der Vollkommenheit des Schöpfers innewohnte. Angesichts dieser bewegenden Einblicke konnte kein Zweifel daran bestehen, dass der Orden die einzige Chance der Menschheit auf Erlösung war. Genau wie Jagang es verheißen hatte, würde dieser Palast die Menschen zu überwältigenden Gefühlen rühren.