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Richard ersann unfassbar steife, gestelzte und missgestaltete Figuren, die unter der Schwere ihrer Schuld und Schande erdrückt zu werden schienen. Wenn dies seine Möglichkeit war, Kahlan am Leben zu erhalten, dann würde er jeden, der diese Werke erblickte, dazu bringen, dass er sich die Augen ausweinte. In gewisser Weise weinten sie stellvertretend für ihn, litten sie für ihn beim Anblick dieser Machwerke und wurden durch das, was sie sahen, an seiner Stelle vernichtet.

So wurde es ihm möglich, diese Tortur zu ertragen.

Wenn die Schatten mit der Abenddämmerung länger wurden und der Tag zur Neige ging, begannen die Bildhauer, ihre Werkzeuge in kleinen Holzkisten zu verstauen, bevor sie sich für den Abend auf den Heimweg machten. Sie alle würden bereits kurz nach Tagesanbruch wiederkommen. Der Baumeister gab ihnen die Anweisungen, welche Flächen und Formen mit Reliefs verziert werden sollten, damit sie die Steine auf die richtige Größe schlagen konnten. Bruder Narevs Jünger schauten vorbei, um ihnen die Einzelheiten der Geschichten mitzuteilen, die in Stein gehauen erzählt werden sollten.

Der Stein, den Richard derzeit bearbeitete, war für den prächtigen Haupteingang des Ruhesitzes bestimmt. In weitem Schwung zu einem Halbkreis angeordnete Marmorstufen führten hinauf auf den riesigen, runden Zentralplatz. Ein halbkreisförmiger Säulengang umgab als Widerspiegelung der Treppe den rückwärtigen Teil des Platzes. Richards Aufgabe bestand darin, jenes weite Halbrund aus Bilderszenen zu erschaffen, das oberhalb dieses Säulenganges angebracht werden sollte.

Es sollte ein Eingangsbereich entstehen, der den Ton für den gesamten Palast vorgab. In der Platzmitte sollte sich, so hatte Bruder Neal Richard mitgeteilt, Bruder Narevs Vision gemäß ebenjene Statue erheben, die den Palasteingang beherrschte; es sollte dies ein Kunstwerk sein, das jeden Betrachter mit dem überwältigenden Gefühl seiner eigenen Schuld und Schande angesichts der boshaften Natur des Menschen geradezu erschlug. Die Statue stellte in ihrer vollendeten Grausamkeit einen Appell zur Selbstaufopferung dar und sollte in Gestalt einer Sonnenuhr errichtet werden; sie sollte Menschen zeigen, die sich unter dem Licht des Schöpfers duckten.

Neal hatte sie ihm mit einer derartigen Begeisterung geschildert, dass Richard bereits von der Vorstellung schlecht geworden war.

Richard verließ die Baustelle als Letzter. Wie so oft begab er sich entlang der gewundenen Straße den Hügel hinauf zu den Werkstätten. Victor befand sich in seiner Werkstatt, wo er die Kohle für die Nacht aufschüttete. Da der Herbst nahte, waren die Tage nicht mehr unerträglich heiß, und auch die Schmiede war nicht mehr jener unerquickliche Ort wie noch im Hochsommer. So weit südlich in der Alten Welt gab es keine harten Winter; stattdessen wurde die Schmiede im Winter zum geeigneten Ort, um sich die Kälte, die sich gelegentlich an kühlen Regentagen einstellte, auszutreiben.

»Richard! Wie schön, dich zu sehen!« Der Schmied wusste, warum Richard gekommen war. »Geh schon nach hinten durch. Ich setze mich gleich ein wenig zu dir, sobald ich hier fertig bin.«

Richard bedachte seinen Freund mit einem Lächeln und sagte: »Das wäre mir sehr recht.«

Richard öffnete die Doppeltür im rückwärtigen Teil und ließ die letzten Sonnenstrahlen in den Raum, in dem der Marmorquader stand. Er kam oft hierher, um sich den Monolithen anzusehen. Manchmal, wenn er den ganzen Tag nichts als Hässlichkeit in Stein gehauen hatte, musste er einfach herkommen, den Stein anschauen und sich dabei ausmalen, welche Schönheit sich in seinem Innern verbarg. Manchmal schien es, als erhalte ihn allein dieser Ausgleich aufrecht.

Richard streckte seine vom Behauen des Steins staubigen Finger vor, um den weißen Cavaturamarmor zu berühren. Er unterschied sich geringfügig von dem Gestein, das er unten auf der Baustelle bearbeitete. Mittlerweile besaß er genug Erfahrung, um die feinen Unterschiede zu erkennen. Das Gefüge in Victors Stein war feiner, härter; er würde Einzelheiten besser aufnehmen und wiedergeben.

Unter Richards Fingern fühlte sich der Stein kühl wie das Mondlicht an, und ebenso rein und unbefleckt.

Als er den Blick hob, stand Victor ganz in der Nähe und betrachtete versonnen lächelnd sowohl ihn als auch den Stein.

»Wenn man so viel Hässlichkeit geschaffen hat, tut es vermutlich gut, die Schönheit meiner Statue zu bewundern.«

Als Antwort lachte Richard nur amüsiert.

Victor schritt gestikulierend quer durch den Raum.

»Komm, setz dich zu mir und iss eine Scheibe Lardo.«

Sie saßen, große Scheiben der Köstlichkeit verspeisend, im schwindenden Licht auf der Schwelle und genossen die kühle Brise, die den Hang heraufwehte.

»Weißt du, eigentlich brauchst du doch gar nicht herzukommen, um dir meine wunderschöne Statue anzusehen«, meinte Victor. »Du hast doch eine wunderschöne Frau, die du bewundern kannst.«

Richard erwiderte nichts.

»Ich kann mich nicht erinnern, dass du deine Frau jemals erwähnt hättest. Ich wusste überhaupt nichts von ihr, bis sie mich an jenem Tag aufsuchte. Aus irgendeinem Grund war ich immer überzeugt, du hättest eine gute Frau…«

Victor schaute stirnrunzelnd hinüber zu dem unfertigen Gemäuer des Ruhesitzes in der Ferne. »Warum hast du nie von ihr erzählt?«

Richard zuckte mit den Achseln.

»Ich hoffe, du hältst mich nicht für einen schrecklichen Menschen, Richard, aber sie passt einfach nicht zu dem Bild der Frau an deiner Seite, wie ich es mir vorgestellt habe.«

»Ich halte dich nicht für einen schrecklichen Menschen, Victor. Jeder sollte das Recht haben, sich seine eigenen Gedanken zu machen.«

»Hättest du was dagegen, wenn ich dir ein paar Fragen über sie stelle?«

Richard seufzte. »Ich bin müde, Victor. Ich würde mich wirklich lieber nicht über meine Frau unterhalten. Außerdem gibt es da nichts zu erzählen. Sie ist meine Frau. Es ist so, wie es ist.«

Brummend kaute Victor einen großen Bissen seiner roten Zwiebel. Als er ihn hinuntergeschluckt hatte, gestikulierte er mit der noch übrig gebliebenen Hälfte. »Es tut einem Mann nicht gut, wenn er tagsüber diese Dinge meißelt und abends nach Hause gehen muss zu einer – Was rede ich da! Was ist nur über mich gekommen? Verzeih mir, Richard. Nicci ist eine wunderschöne Frau.«

»Ja, vermutlich.«

»Und sie sorgt sich um dich.«

Richard erwiderte nichts.

»Ishaq und ich haben versucht, dich mit deinem Gold aus diesem Verlies freizukaufen. Es hat nicht gereicht. Der Mann war ein aufgeblasener Beamter. Nicci wusste genau, wie sie ihn ködern konnte; sie hat es verstanden, den Schlüssel zu deiner Gefängnistür mit Worten herumzudrehen. Wäre Nicci nicht gewesen, wärst du im Himmel begraben worden.«

»Deswegen hat sie ihnen also erzählt, ich könnte bildhauern – um mir das Leben zu retten.«

»So ist es. Sie war es, die dir die Stelle als Bildhauer verschafft hat.«

Victor wartete, ob noch etwas folgte, und seufzte schließlich resigniert, als nichts mehr kam.

»Wie sind die Meißel, die ich euch geliefert habe?«

»Gut. Es lässt sich ausgezeichnet mit ihnen arbeiten. Allerdings könnte ich einen gespleißten Meißel mit kleineren Zinken gebrauchen.«

Victor reichte Richard noch eine dünne Scheibe Lardo. »Den sollst du bekommen.«

»Was ist mit dem Stahl?«

Victor gestikulierte mit seiner Zwiebel. »Mach dir deswegen keine Sorgen; Ishaq macht sich ganz ordentlich in deiner Rolle. Nicht so gut wie du, aber er kommt ganz gut zurecht. Was ich brauche, beschafft er mir. Ishaq ist überall beliebt; die Leute sind froh, dass er sich dazu durchgerungen hat, für dich einzuspringen. Der Orden achtet dermaßen auf einen reibungslosen und schnellen Ablauf der Bauarbeiten, dass sie bei seiner Arbeit ein Auge zudrücken. Faval, der Köhler, hat nach dir gefragt. Er mag Ishaq, aber trotzdem vermisst er dich.«

Richard lächelte, als er an den nervösen Burschen denken musste. »Ich bin froh, dass Ishaq ihm seine Holzkohle abkauft.«